Gleichheit vor dem Gesetz

Von Jürgen Fritz, Mo. 05. Aug 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Menschen sind sprachbegabte Wesen. Kleine Kinder können die Sprache nur deshalb erlernen, weil ihr Gehirn, genauer: ihr Geist, der in ihrem aktiven Gehirn materiell verankert ist, die Potenz, die Disposition zum Spracherwerb bereits in sich trägt. Wer versuchen möchte, einer Eidechse auch nur die Bedeutung einfachster Wörter beizubringen, der wird schnell merken, dass dies kaum möglich ist, weil das Eidechsengehirn keine entsprechende Prädisposition besitzt.

Singuläre und generelle Begriffe, Nominatoren und Prädikatoren

Nun können wir, wie schon in Analytisch und synthetisch wahre Sätze erläutert, bei Wörtern zwei Dinge unterscheiden: a) ihren Bezugspunkt, ihre Referenz, ihren Umfang (Extension), also was mit dem Wort außerhalb der Sprache bezeichnet wird, und b) ihre Bedeutung, ihren semantischen Gehalt, ihren Sinn, ihren Inhalt (Intension), was also ein Wort bedeutet, das, was man versteht, wenn man als Sprachlernender ein neues Wort in seinen Wortschatz aufnimmt. An beidem wird das Eidechsengehirn bereits scheitern, sowohl an der Referenz als auch der Bedeutung des Wortes.

Damit können wir sofort zwei grundlegende Arten von Wörtern logisch unterscheiden: 1. Wörter, die sich nur auf einen einzigen Gegenstand (alles, wofür das Wort „etwas“ gebraucht werden kann) beziehen, und 2 Wörter, die sich auf Mengen von Gegenständen beziehen, die auf Grund von bestimmten Gemeinsamkeiten in jeweils einer Klasse zusammengefasst werden können. Wir bekommen also folgende elementare und essentielle Einteilung: 1. singuläre Begriffe, auch Nominatoren genannt, und 2. generelle Begriffe = Prädikatoren.

Die Termini Nominator und Prädikator erinnern natürlich an die aus der Grammatik bekannten Ausdrücke Nomen = Substantiv = Hauptwort (Wortart) und Prädikat = Satzaussage (Satzteil). Früher sprach man in dar klassischen Logik auch statt von Nominator und Prädikator vom Subjekt und vom logischen Prädikat, ist davon in der modernen Logik jedoch abgerückt, weil dies regelmäßig zu Verwechslungen führte, denn unsere Alltagsgrammatik ist zwar nicht ganz schlecht, sie bildet schon mal grundlegende logische Unterschiede in unserer Sprache ab, ist aber an einigen Stellen noch zu ungenau.

In der Grammatik sind zum Beispiel Substantive (Haus, Baum, Auto), Adjektive (blau, groß, leicht) und Verben (anstreichen, spielen, rennen) die wichtigsten Wortarten (neben sieben anderen). Ein genauere Betrachtung zeigt aber: Alle Adjektive, alle Verben und einige Substantive (wie Haus, Baum oder Auto) sind Prädikatoren, also generelle Begriffe, die nicht nur ein Einzelding bezeichnen, sondern eine Klasse von Gegenständen.

Ein- und mehrstellige Prädikatoren

Nominatoren (singuläre Begriffe) beziehen sich also auf genau einen Gegenstand, ein Ding, eine einzelne Entität. Beispiele für Nominatoren sind: a) Eigennamen, wie: Donald Trump, b) Kennzeichnungen, wie: das erste Haus rechts, wenn man von A kommend in das Dorf B hineinfährt, c) Demonstrativpronomina bzw. Indikatoren, wie: „der da“ oder „das Ding hier“, wobei meist mit dem Finger darauf gezeigt wird. So lernen Kinder meist die ersten Worte (und schon das schafft das Eidechsengehirn nicht, versuchen Sie es mal).

Prädikatoren (generelle Begriffe) können sich auf Eigenschaften (Attribute) von Gegenständen beziehen, dann handelt es sich um einstellige Prädikatoren, wie zum Beispiel: „ist blau“, „besteht aus Holz“ oder „hat einen überdurchschnittlichen IQ“. Sie können sich aber auch auf Beziehungen zwischen zwei oder mehr Gegenständen beziehen. Zweistellige Prädikatoren nennen wir auch Relationen, so zum Beispiel: „liebt“ (a liebt b) oder „ist größer als“ (a ist größer als b) oder „bewundert“ (a bewundert b). Die Sätze „Andreas bewundert“ oder „Beate ist größer als“ ergeben also keinen rechten Sinn, weil hier offensichtlich etwas fehlt. Ein zweistelliger Prädikator erfordert eben, dass zwei Nominatoren (oder auch Prädikatoren erster Stufe) angegeben werden und nicht nur einer.

In dem Satz „Andreas kauft für Beate das neue Buch von Thilo Sarrazin“ ist „kauft“, das oft als zweistelliger Prädikator fungiert, ein dreistelliger Prädikator (a kauft für b c). Ebenso ist „liegt zwischen“ ein dreistelliger Prädikator (b liegt zwischen a und c). „Kaufen“ kann also sowohl ein zwei-, als auch ein dreistelliger Prädikator sein, während „liegt zwischen“ stets ein dreistelliger Prädikator ist. „Hamburg liegt zwischen Bremen“ ergibt keinen Sinn. Wie ist das nun bei dem Prädikator „ist gleich“?

„Ist gleich“ ist kein zwei-, sondern ein dreistelliger Prädikator

„Ist gleich“ ist, das wird meist übersehen und damit gehen unglaublich viele Verwirrungen einher, so wie „liegt zwischen“ stets ein dreistelliger Prädikator. „Ist gleich“ kann nie als zweistelliger Prädikator fungieren, denn wären a und b in allem gleich, dann wären sie identisch und Identität ist etwas anders als Gleichheit. Gleichheit bedeutet Übereinstimmung einer Mehrzahl von Entitäten in einem bestimmten Merkmal, einer bestimmten Eigenschaft, bei Verschiedenheit in anderen Merkmalen, in anderen Eigenschaften. a und b sind dagegen identisch, wenn sie in allen ihren Eigenschaften ununterscheidbar sind.

Gleichheit von a und b impliziert also, dass a und b in einigen Eigenschaften ungleich sind. „a ist gleich b“ oder der Satz „Alle Menschen sind gleich“ ist also einer Denkungenauigkeit geschuldet und ergibt, da unvollständig gar keinen rechten Sinn. Es wäre, also ob man sagen würde: „Der Fahrradrahmen besteht aus“. Jeder Sprachkundige würde sofort nachfragen: „Ja aus was denn?“ Ebenso bei dem Satz „Alle Menschen sind gleich“. „In welcher Eigenschaft sollen sie gleich sein“, muss hier die Rückfrage lauten. Gleich groß sind die Menschen offensichtlich nicht; auch nicht gleich alt, nicht gleich schwer, nicht gleich intelligent, nicht gleich liebenswürdig, nicht gleich umsichtig, nicht gleich gebildet, nicht gleich aussehend, nicht gleich ehrgeizig, übrigens auch nicht gleich wertvoll (ein weiterer typischer Denkfehler).

Einen Sinn ergibt ein Satz mit dem Prädikator „ist gleich“ nur, wenn mit angegeben wird, worin a und b gleich sind. Der Satz muss also folgende Struktur haben: „a und b sind gleich in Bezug auf G“, zum Beispiel: „Andreas und Beate sind gleich groß“ oder „Christian und Doris sind gleich alt (in Jahren)“ oder „Diese zwei Fahrradrahmen bestehen aus dem gleichen Material“. 

Gleichheit vor dem Gesetz

Der Bezugspunkt der Gleichheit (G) ist in Art. 3, Absatz 1 Grundgesetz übrigens auch angegeben: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, wobei dies keine deskriptive Aussage ist, keine Benennung einer natürlichen Faktizität, keine Seins-, sondern eine Sollensaussage, eine normativer Satz, in dem eine Wertvorstellung zum Ausdruck kommt, dass nämlich Ungleichbehandlungen von Menschen nur aus sachlichen Gründen gerechtfertigt sind, nicht aber aus reiner Willkür oder unsachlichen Gesichtspunkten.

Diese Sollensaussage gründet natürlich wiederum in einem gemeinsamen Sein, in einer speziellen Gleichheit einer gemeinsamen Eigenschaft, einem gemeinsamen Merkmal. Als dieses den Menschen eigentümliche Merkmal oder Attribut könnte man beispielsweise die Menschenwürde eruieren, als die innere Eigenschaft, über sich selbst bestimmen zu können, sprich seine Wünsche und Bedürfnisse beurteilen, sie bejahen, aber auch verneinen und sich von ihnen distanzieren zu können, vernunftfähig und sprachbegabt zu sein (anthropologische Konstanten und Spezifika). Das gälte es genauer zu untersuchen.

Der Satz aber „Alle Menschen sind gleich“ ist in etwa so wie der Satz „Alle Fahrradrahmen bestehen aus“ oder wie „Hamburg liegt zwischen Bremen“. Es ist, logisch gesehen, ein Satz ohne klaren Sinn.

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Literaturempfehlungen

Einführung in die Logik          Grundkurs Philosophie. Bd.1

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