Allgemeine Metaphysik (Ontologie): die Basis von allem

Von Jürgen Fritz, Sa. 10. Aug 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

„Die gesamte Philosophie ist einem Baume vergleichbar, dessen Wurzel die Metaphysik, dessen Stamm die Physik und dessen Zweige alle übrigen Wissenschaften sind.“ (René Descartes, 1596 – 1650, französischer Philosoph, Mathematiker und Naturforscher) „Die Physik vermag nicht auf eigenen Füßen zu stehen, sondern bedarf einer Metaphysik, sich darauf zu stützen; so vornehm sie auch gegen diese thun mag.“ (Arthur Schopenhauer, 1788 – 1860, deutscher Philosoph)

Was gibt es in der Welt?

Moderne Metaphysik fragt weniger: Warum gibt es überhaupt irgendetwas und nicht viel mehr nichts? Sie fragt weniger: Warum gibt es überhaupt die Welt? Denn diese vielleicht grundsätzlichste Frage überhaupt scheint sehr schwer beantwortbar. Sie fragt auch weniger: Woher kommt die Welt? Wie ist sie entstanden? Denn auch diese Frage scheint extrem schwer beantwortbar, wenn überhaupt. Der Big Bang (Urknall) ist ja keine wirkliche Antwort auf diese Frage, denn sofort stellt sich die Rückfrage: Und woher kam der Urknall? Was war vor diesem? Wie es zu ihm gekommen? Weshalb hat sich die Energie so sehr verdichtet, dass es zum Urknall kam?

Die moderne Metaphysik stellt also vor allem erst einmal eine andere Frage und diese Art des Fragens begann tatsächlich schon vor über zweieinhalb Jahrtausenden im antiken Griechenland, im europäischen Kulturkreis, wo erstmals der Übergang stattfand von der Kosmogonie (der mythischen Frage nach der Entstehung der Welt) zur Kosmologie: Was gibt es in der Welt? Woraus besteht sie? Diese Frage kann offensichtlich eher durch feine Beobachtung und präzises Denken beantwortet werden als die anderen Fragen. Fragen wir also: Was gibt es in der Welt?

Brainstormartig könnten wir sagen: Auf jeden Fall gibt es a) wohl uns, die wir solche Fragen überhaupt stellen. Außerdem b) um uns herum andere Menschen sowie Tiere, Tische, Stühle, Bäume, Berge, Sterne, Galaxien, also Dinge, die wir beobachten können und die real zu existieren scheinen. Aber wie verhält es sich c) mit Zahlen? Gibt es die auch? Existieren sie real? Wenn ja, nur die natürlichen Zahlen (0, 1, 2, 3 …) oder auch die ganzen Zahlen inklusive der negativen (0, 1, -1, 2, -2 …)? Und was ist mit den rationalen Zahlen (Bruchzahlen, z.B. 1/2, 3/5 …) und den reellen Zahlen, die auch irrationale Zahlen wie Pi oder die Wurzel aus 2 enthalten, oder gar den imaginären und komplexen Zahlen, zum Beispiel die Wurzel aus – 1? Gehören diese zur Welt dazu?

Und sind algebraische Strukturen und Naturgesetze real existent? Sind sie sie Teil der Welt? Was ist d) mit Werten wie Gerechtigkeit und Normensystemen, wie unserem Rechtssystem? Gehören auch diese Dinge zur Welt? Wenn nicht, könnte man sie ja nicht untersuchen, könnte man als erstes Argument einwerfen. Und wie ist es e) mit Raum und Zeit sowie f) Möglichkeiten und Notwendigkeiten (Modalitäten)? Gehören auch diese zur Welt?

Nun kann man es machen, wie der US-amerikanischen Philosophen Willard Van Orman Quine, der 1948 in seinem berühmten Text Was es gibt (On what there is) schrieb: „Was gibt es? – Alles.“ Doch wir wollen ja genauer wissen, was dieses „Alles“ ist.

Es gibt konkrete und abstrakte Einzeldinge

All diesen Fragen kann man sich offensichtlich gedanklich annähern, ohne dass man dabei ins reine Spekulieren oder Geschichten erfinden abgleiten muss. Moderne Metaphysik versucht dabei als Allgemeine Metaphysik als erstes, die Welt ontologisch ein wenig zu ordnen (Ontologie = die Lehre vom Seienden).

So kann man als erstes feststellen: Offenbar gibt es 1. konkrete Einzeldinge, wie dieser Bildschirm, der gerade vor mit steht und indem ich sehe, was ich tippe, oder den Baum, den ich sehe, wenn ich vom Schreibtisch aus dem Fenster blicke, oder Donald Trump, der aktuelle Präsident der USA, oder Proxima Centauri, der unserer Sonne nächstgelegene bekannte Stern, usw. All diese Dinge (Gegenstände, Entitäten) sind direkt wahrnehmbar und nehmen zugleich zu jedem Zeitpunkt eine bestimmte Position im Raum ein (beide Bedingungen müssen erfüllt sein, um von einem konkreten Einzelding sprechen zu können). Sie alle sind einmalig. Meinen Bildschirm, den Baum vor meinem Fenster, Donald Trump und Proxima Centauri gibt es immer nur einmal. Und sie alle sind eindeutig in Raum und Zeit lokalisierbar.

Wie ist es nun aber mit der Zahl 7 oder dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik oder der Quantenmechanik oder dem Song „Yesterday“? Auch diese sind offensichtlich einmalig – die Zahl 7 und den genannten Song gibt es nur einmal. Aber sie sind nicht direkt wahrnehmbar (7, der Hauptsatz und die Quantenmechanik kann man nicht sehen) oder haben keinen zu lokalisierenden Punkt in der Raumzeit („Yesterday“ kann an tausend verschiedenen Orten gleichzeitig gespielt werden).

Den Song kann ich aber doch hören, könnte man einwenden, aber stimmt das wirklich? Hören wir tatsächlich den Song an sich oder hören wir nur jedes mal eine Aufführung oder Interpretation des Songs, die immer wieder etwas anders sein kann? All diese Dinge – die Zahl 7, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, die Quantenmechanik, der Song „Yesterday“ – sind also auch einmalig, aber sie sind nicht konkret, sondern abstrakt. Damit haben wir auch schon eine zweite Kategorie der Entitäten, der Dinge, die es in der Welt gibt: abstrakte Einzeldinge.

Es gibt aber auch konkrete und abstrakte allgemeine Dinge (Universalien)

Der Rand meines Bildschirmes ist schwarz, der Baum vor meinem Fenster ist grün, Yesterday kann man laut oder leiser spielen. Schwarz sein, grün sein, laut sein, leise sein, Mensch, Tier, Baum … sind offenbar keine Einzeldinge, denn es gibt vieles, was grün respektive laut oder leise ist, es gibt viele Menschen, Tiere, Bäume, Sterne, Galaxien. All das ist nicht einmalig, sondern wiederholbar. Hier haben wir es also mit allgemeinen Dingen zu tun, klassischerweise auch Universalien genannt. Dabei haben die bisher genannten Beispiele noch etwas gemeinsam: Sie alle werden durch konkrete Einzeldinge instanziiert. Es gibt diesen konkreten, einmaligen Baum, der grün ist. Dieser und das Grün an ihm sind wahrnehmbar und haben einen ganz bestimmten Punkt in der Raumzeit. Grün sein und Baum sind also wie Mensch, Tier, Haus, Stern oder Galaxie konkrete Universalien.

Ganz anders die folgenden Universalien (allgemeinen Dinge): Naturgesetz, Song, natürliche Zahlen, wertvoll sein. Naturgesetz kann anders als Baum oder Tisch nicht durch ein konkretes Einzelding instanziiert werden, denn alle Naturgesetze, die es gibt, sind abstrakte Dinge, die nicht direkt wahrnehmbar oder keine bestimmte Position in Raum und Zeit haben. Naturgesetz, Song, natürliche Zahlen, wertvoll sein sind daher abstrakte Universalien.

Somit haben wir die Dinge in der Welt in einer erste Ordnung von vier Arten von Entitäten gebracht: 1. konkrete Einzeldinge, z.B. Donald Trump oder mein Balkon (einmalig, direkt wahrnehmbar und bestimmte Position in der Raumzeit), 2. abstrakte Einzeldinge, z.B. die TV-Sendung „Die Superhändler“ (einmalig, aber nicht direkt wahrnehmbar oder keine bestimmte Position in Raum und Zeit), 3. konkrete Universalien (allgemeine Dinge), z.B. Mensch oder Balkon (wiederholbar, kann durch ein konkretes Einzelding instanziiert werden), 4. abstrakte Universalien, z.B. TV-Sendungen (wiederholbar, kann nicht durch ein konkretes Einzelding instanziiert werden).

Über unsere Sprache bekommen wir die Struktur der Welt irgendwie zu fassen

Diese Ordnung der Welt spiegelt sich in der Linguistik, in unserem Denken und in unserer Sprache wieder. Die (konkreten oder abstrakten) Einzeldinge werden bezeichnet durch (konkrete oder abstrakte) Nominatorena) Eigennamen, wie: Donald Trump oder Sieben, b) Kennzeichnungen, wie: „der Baum, den ich von meinem Schreibtisch aus sehen kann, wenn ich aus dem Fenster blicke“, c) Demonstrativpronomina, wie: „dieser Bildschirm hier“ + mit dem Finger drauf zeigen. All diese Nominatoren bezeichnen einzelne Dinge. Ganz anders dagegen (konkrete und abstrakte) Prädikatoren: alle Verben, alle Adjektive, einige Substantive, wie: Mensch, Tier, Haus, Baum, Naturgesetz. Diese bezeichnen (konkrete oder abstrakte) Universalien.

Wir sehen also, dass unser Denken und unsere Sprache es uns erlauben, die Struktur der Welt zu erfassen und zwar je feiner wir denken und sprechen, desto besser und genauer. Natürlich ließe es sich auch umgekehrt interpretieren, dass die Welt selbst gar keine Struktur aufweisen würde und wir es wären, die diese Struktur nur in unserem inneren Bild der Welt, also unserem Weltbild, erschaffen würden. Dann allerdings würde sich die Frage stellen, wieso es uns so gut gelingt, die Welt zu erforschen und zu verstehen, besser als allen anderen bekannten Wesen; wieso wir fähig sind, all diese Technik zu entwickeln, wenn wir nicht die Struktur der Welt entdecken und entschlüsseln, sondern nur etwas erfinden, was dem, was in der Welt selbst ist, gar nicht entspricht.

Vieles deutet also darauf hin, dass wir die Struktur der Welt nicht erfinden, sondern entdecken, wobei die relativ gute Entsprechung unseres Denkens und unserer Sprache dem Umstand geschuldet sind, dass sie evolutionär aus der Welt erwachsen sind. Würden sich unser Denken und unsere Sprache einerseits und die Struktur der Welt selbst andererseits gar nicht entsprechen, hätten wir uns wohl kaum so entwickeln können, sondern wären schon lange ausgestorben.

Die Basis der Basis der Ordnung der Welt

Und dass unser Weltbild sehr viel differenzierter, komplexer und genauer als das eines Insektes oder eines Echse ist, dürfte unstrittig sein, was natürlich nicht heißen soll, dass wir die Struktur der Welt absolut umfassend und völlig richtig erfassen. Natürlich stoßen wir hier kognitiv an ein Limit. Wir werden wohl nie alles herausfinden und unsere Vorstellungskraft stößt schon bei der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik an ihre Grenzen. Gleichwohl konnten wir auch diese entwickeln und scheinen auch mit diesen Theorien die Struktur der Welt wiederum sehr gut und noch genauer als in der klassischen Physik erfasst zu haben.

Moderne Metaphysik ist somit eine absolute Grundlagendisziplin. Sie bringt im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Einzeldisziplinen das Ganze in eine Ordnung und ist damit absolute Basis und absolut umfassend zugleich, da sie die Welt als Ganzes untersucht und nicht nur einzelne Aspekte dieser. Die Basis der Basis der Ordnung der Welt haben wir nun also herausgearbeitet und expliziert: Es gibt in der Welt, das können wir als erstes feststellen, vier Arten von Dingen: 1. konkrete Einzeldinge, 2. abstrakte Einzeldinge, 3. konkrete allgemeine Dinge (Universalien) und 4. abstrakte allgemeine Dinge. Damit ist der erste Schritt zum Erkennen der Ordnung der Welt getan. Denn:

„Die gesamte Philosophie ist einem Baume vergleichbar, dessen Wurzel die Metaphysik, dessen Stamm die Physik und dessen Zweige alle übrigen Wissenschaften sind.“ (René Descartes, 1596 – 1650, französischer Philosoph, Mathematiker und Naturforscher)

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Literaturempfehlung: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 2, Metaphysik und Naturphilosophie, Reclam, 3. Aufl. 2014, EUR 6,00

Grundkurs Philosophie. Bd.2

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