Grönemeyer: Es liegt an uns zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat

Von Jürgen Fritz, Di. 17. Sep 2019, Titelbild: ZDFneo-Screenshot

Das Zitat ist inzwischen so bekannt, dass es schon fast abgenutzt wirkt. Gleichwohl gibt es Situationen, da passt es einfach so gut, dass man kaum daran vorbeikommt: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“ Dies soll der italienische Schriftsteller Ignazio Silone in einem Gespräch mit François Bondy gesagt haben. Einer dieser „Antifaschisten“ könnte Herbert Grönemyer sein, der in London lebende deutsche Musiker und Multimillionär.

Eine neue Zeit der simplen Dichotomien

Wir leben in Zeiten ganz klarer Dichotomien, ganz klarer Gegenüberstellungen von gut und böse beziehungsweise von schützenswert und zu bekämpfen. Dabei sind die Dinge immer ganz klar und eindeutig in die jeweils eine und niemals in die andere Rubrik einzuordnen. Gut sind die Wind- und die Solarenergie, böse sind die Kern- und inzwischen auch die Kohleenergie. Gut ist der „Klimaschützer“, böse der Klimawandel und der „Klimawandelleugner“. Gut ist der Mieter, böse der Vermieter. Gut ist die Dritte Welt, böse die erste Welt, ganz besonders Deutschland, die USA und Israel. Gut ist der Verschuldete, böse sein Gläubiger, weil der ja im Überfluss hat, so viel, dass er sogar Geld verleihen kann und damit wieder Geld verdient (wo er das wohl überhaupt her hat?!), während der andere so wenig hat, dass er sogar Geld leihen muss, der Arme. Gut ist die Verstaatlichung, böse die Privatisierung. Gut ist der einfache Mann, der Arbeiter, böse der Kapitalist. Gut ist die Frau, böse der Mann, am schlimmsten der weiße Mann, am allerschlimmsten der weiße, alte Mann. Gut ist der Immigrant aus Afrika oder der muslimischen Welt, böse der Nationalist, das aber nur, wenn es sich um einen europäischen oder nordamerikanischen solchen handelt. Gut ist links, böse ist rechts.

Und daher muss rechts natürlich mit allen Mitteln bekämpft werden. Mit allen Mitteln! Sie verstehen. Wer sich dabei also besonders hervortut, der ist – logisch – besonders gut. Weil er ja das Böse mehr bekämpft als die anderen. Einer, der sich dabei die letzten Tage wieder einmal besonders hervor tat, weil er ja eben besonders gut ist, ist Herbert Grönemeyer. Bei einem Konzert in Wien mimte er eine gute Minute lang nicht den Sänger, sondern den besonders Guten:

„Und ich kann mich nicht erinnern in meinen Leben in Zeiten – ich kannte das nur vom Hörensagen – in Zeiten zu leben, die so zerbrechlich, so brüchig und so dünnes Eis sind. Und ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln – und das ist glaube ich in Österreich nicht anders als in Deutschland -, dann liegt es an uns, dann liegt es an uns, ZU DIKTIEREN, WIE NE GESELLSCHAFT AUSZUSEHEN HAT.

Und wer versucht, so ne Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, DER IST FEHL AM PLATZE! DIESE GESELLSCHAFT IST OFFEN, HUMANISTISCH, GEBEN DEN MENSCHEN SCHUTZ UND … (unverständliches Wort). Und wir müssen diesen Menschen so schnell wie möglich und ganz ruhig den Spaß daran austreiben. 

KEIN MILLIMETER NACH RECHTS! KEINEN EINZIGEN MILLIMETER NACH RECHTS! UND DAS IST SO. UND DAS BLEIBT SO!!!“

Dies schrie der Musiker vor tausenden Zuhörern teilweise ins Mikrofon, so dass sich seine Stimme förmlich überschlug, hier zu sehen und zu hören:

Bei der Einordnung von Grönemeyer gibt es noch leichte Differenzen

Einer, noch so ein eindeutig und ganz besonders Guter, bedankte sich auf jeden Fall bei Grönemeyer, unser Außenminister Heiko Maas (SPD):

„Es liegt an uns, für eine freie Gesellschaft einzutreten und die Demokratie gemeinsam zu verteidigen. Danke an Herbert Groenemeyer und allen anderen, die das jeden Tag tun.“

Heiko Maas

Andere dagegen fühlten sich bei Grönemeyers Einlage an ganz anderes erinnert. Die scheinen das mit dem gut und böse noch nicht richtig internalisiert zu haben oder kommen einfach zu anderen Einordnungen. Unerhört!

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