Verdeutlichung, was Reduktion der Reproduktionszahl bedeutet

Von Jürgen Fritz, Sa. 25. Apr 2020, Titelbild: hr-Screenshot

Die Landesregierungen haben beschlossen, dass der Shutdown schon jetzt gelockert werden soll und sind damit in der Coronakrise zumindest ein Stück weit auf die Laschet-Linie eingeschwenkt, der seit Tagen und Wochen Druck macht in diese Richtung. Das wird von vielen Fachleuten, wie Prof. Christian Drosten, Prof. Melanie Brinkmann, Prof. Karl Lauterbach, Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und anderen eher skeptisch gesehen. So könnte ein anderer Weg aussehen.

Ein Lockdown nach dem anderen oder ein etwas längerer

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 wird uns, davon müssen wir ausgehen, mindestens noch ein bis zwei Jahre beschäftigen. Immer wieder werden Menschen an COVID-19 erkranken und sterben oder auch an Herzversagen. Andere werden die Krankheit überleben, aber bleibende Schäden an der Lunge, womöglich auch an anderen Organen, eventuell auch dem Gehirn davontragen.

Eine Möglichkeit, mit der Pandemie umzugehen, besteht nun darin, dass wir immer, wenn zu viele auf einmal erkranken, die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen wieder verstärken, so lange, bis die Krankenhauskapazitäten wieder gut ausreichen und wir einen entsprechenden Puffer aufgebaut haben, dann wieder lockern bis die nächste COVID-19-Welle kommt, um dann die Beschränkungen wieder anzuziehen usw. Auf jede Lockerung folgt also wieder ein Lockdown, dann wieder eine Lockerung und auf diese der nächste Lockdown. Was das mit den Menschen psychisch und mit der Wirtschaft ökonomisch machen wird, kann man sich ausmalen, wenn sich dieses hin und her über  ein bis zwei Jahre erstreckt.

Der andere Weg wäre der, die Zahl der Infizierten so weit zu senken, dass bei allen Neuinfektionen eine Kontaktverfolgung möglich wird, um die Infizierten sofort aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie viele andere anstecken können. Das geht aber eben nur bei sehr niedrigen Fallzahlen. Wie aber soll das erreicht werden? Ganz einfach: Indem der erste Lockdown so lange durchgehalten wird, bis die Zahl der Infizierten, die noch ansteckend sind, auf ein so geringes Maß gebracht ist, dass es überschaubar wird. Betrachten wir das etwas genauer.

Bei entsprechender Reduktion von R könnte das Problem innerhalb von zwei, drei Wochen weitgehend beherrschbar sein

Ein Infizierter steckt im Schnitt andere nach 4 Tagen an (die ersten 3 Tage ist er noch nicht ansteckend und nach 5 Tagen merkt er erste Symptome und geht im Idealfall in Quarantäne, dazwischen zwischen Tag 3 und 5 erfolgen daher die meisten Weitergaben des Virus). Wie lange dauert es nun bei der veranschlagten Coronavirus-Generationszeit von 4 Tagen bis die Neuinfektionen halbiert sind:

R = 0,9 ==> 26 Tage
R = 0,8 ==> 12 Tage
R = 0,7 ==> 8 Tage
R = 0,6 ==> 5 Tage
R = 0,5 ==> 4 Tage
R = 0,25 ==> 2 Tage

Bei R = 0,9 dauert es also fast ein Monat, bis die Neuinfektionen und folglich mit Verzögerung die Zahl der Infizierten insgesamt sich halbieren. Bei R = 0,5 halbiert sich die Zahl alle 4 Tage und bei R = 0,25 halbiert sich die Zahl der Infizierten alle 2 Tage! Dann gehen die Zahlen also im Eiltempo nach unten. Wenn man es schafft, in den Bereich zu kommen, ist man ruckzuck ganz, ganz weit unten.

Wir haben aktuell ca. 40.000 aktiv Infizierte (Active Cases). Diese sind aber nicht alle ansteckend. Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass eine relevante Infektiosität bereits zwei Tage vor Symptombeginn vorhanden ist, welche im Schnitt nach 5 bis 6 Tagen einsetzt (Inkubationszeit), und die höchste Infektiosität am Tag vor dem Symptombeginn liegt, also nach ca. 4 bis 5 Tagen nach der Infektion. Das Ende der infektiösen Periode ist momentan nicht sicher anzugeben. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass bis zum vierten Tag nach Sypmtombeginn (Tag 9 bis 10 nach der Infektion) vermehrungsfähige Viren ausgeschieden werden, eine andere Studie kam auf eine Ansteckungsgefahr bis zum achten Tag nach Symptombeginn (Tag 13 bis 14 nach der Infektion).

Auf jeden Fall ist ein Infizierter nicht die ganze Zeit ansteckend. Von den aktuell ca. 40.000 aktiv Infizierten sind also nicht alle ansteckend. Gehen wir aber davon aus, dem wäre so, rechnen also extrem ungünstig. Und gehen wir ferner davon aus, dass die Dunkelziffer der Infizierten recht hoch ist, dass nicht nur fünf- oder siebenmal so viele infiziert sind wie detektiert, sondern zehnmal so viele. Dann kämen wir aktuell auf 400.000 aktiv Infizierte, die zugleich ansteckend sind. Das ist höchstwahrscheinlich zu hoch gegriffen, macht aber nicht, wie Sie gleich sehen werden.

Bei R = 0,25, sieht es so aus, jeweils alle zwei Tage geht es runter auf:

2 Tage: 50% = 200.000
4 Tage: 25% = 100.000
6 Tage: 12,5% = 50.000
8 Tage: 6,25% = 25.00
10 Tage: 3,125% = 12.500
12 Tage: 1,56 % = 6.250
14 Tage: 0,78 % = 3.125
16 Tage: 0,39 % = 1.562
18 Tage: 0,2 % =  781
20 Tage: 0,1 % = 390
….

Fazit

Sie sehen also bei einer Reproduktionszahl von 0,25 wären wir innerhalb von nur zwei Wochen bei deutlich unter ein Prozent der aktuellen Fallzahlen (0,78 %), nach weniger als drei Wochen bei unter 0,1 Prozent. Insofern spielt es auch keine sehr große Rolle, ob es aktuell 400.000 ansteckende Infizierte sind oder sogar nur 200.000. Letzteres wäre natürlich besser, aber bei 400.000 dauert es nur zwei Tage länger, um den gleichen Stand zu erreichen bzw. umgekehrt wenn es nur 200.000 ansteckende Infizierte sind im Moment, dann wären wir sogar noch zwei Tage schneller am Ziel, nur noch so wenige Infizierte in ganz Deutschland  zu haben, dass wir diese leicht detektieren und für einige Wochen separieren könnten, um alle anderen zu schützen.

Das wäre also ein möglicher Weg. Nicht ein, zwei Jahre mit dem Virus leben und dabei immer am Abgrund entlang balancieren, sondern das Virus soweit besiegen, dass Neuinfektionen nachverfolgt werden können, so dass nur noch die Infizierten in Quarantäne müssen, alle anderen aber (über 99,9 Prozent) sich frei bewegen können, natürlich mit entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln bis dann ein Impfstoff entwickelt ist.

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