An oder mit SARS-CoV-2 gestorben?

Von Jürgen Fritz, So. 12. Apr 2020, Update: Fr. 29. Mai 2020, Titelbild: ZDF-Screenshot, Klaus Püschel

Der Hamburger Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel sorgt seit einigen Tagen mit etwas fragwürdigen, zum Teil auch logisch nicht ganz konsistenten Bemerkungen für Schlagzeilen. Er halte „die Angst vor Corona für übertrieben“. Mit seinem Team obduziert Püschel die Toten in Hamburg und er stellt fest: Das Virus sei in all den von ihm untersuchten Fällen nur der letzte Tropfen gewesen. Er sei überzeugt, „dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen“ werde. Was ist von diesen Aussagen zu halten, wie auch dem vielfach vorgetragenen Hinweis, viele würden MIT dem neuartigen Coronavirus, aber nicht AN ihm sterben? Sind die gemeldeten Todesfallzahlen viel zu hoch oder sind sie eventuell sogar deutlich zu niedrig?

Professor Püschel hält alles für halb so wild

Dieses Virus (gemeint ist das neuartige Coronavirus SARS-Cov-2) beeinflusse „in einer völlig überzogenen Weise unser Leben“. Das stehe „in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus“ ausgehe, sagt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Professor Klaus Püschel (68). Und „der astronomische wirtschaftliche Schaden“, der jetzt entstehe, sei „der Gefahr, die von dem Virus ausgeht, nicht angemessen“. Er sei davon „überzeugt, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen“ werde.

Alle COVID-19-Toten in Hamburg hätten Vorerkrankungen gehabt, von denen sie zum Teil nur nichts wussten, sagt der Rechtsmediziner, wobei er und sein Team zum Zeitpunkt dieser Aussagen erst 50 bis 60 Leichname obduziert hatten, was doch eher eine geringe Zahl ist, um daraus verlässliche Daten über die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 ableiten zu können. Hier sollten schon zumindest einige hundert, besser einige tausend Verstorbene obduziert und genau untersucht werden und nicht nur 50 bis 60.

Eine untaugliche Beruhigungspille aus Hamburg?

Und selbst wenn das auch bei einer größeren Anzahl von untersuchten Leichen sich bewahrheiten würde, dass ausschließlich Menschen mit entsprechenden Vorerkrankungen an der von SARS-CoV-2 verursachten Lungenerkrankung COVID-19 sterben sollten, was keineswegs gewiss ist, aber selbst wenn, kann damit ja niemand wirklich beruhigt werden. Denn Vorerkrankungen, von denen er gar nichts weiß, kann ja jeder haben, Menschen, die über 50 sind ohnehin, aber auch jüngere Personen.

Wenn nun eine solche Person, die eine entsprechende Vorerkrankung hat, ohne davon zu wissen, sich das völlig neuartige Coronavirus einfängt, so kann ihr das dann Riesenprobleme bereiten, bis hin zu einer schweren, intensivmedizinisch zu behandelnden Lungenentzündung, die sie ohne das Virus eben nicht bekommen hätte. Und den Hinterbliebenen wird es eher wenig helfen, wenn man ihnen sagt: „Hätte ihr Angehöriger keinerlei relevante Vorerkrankungen gehabt, wäre er mit mindestens 99 prozentiger Wahrscheinlichkeit gar nicht an dem Virus verstorben.“ Viele Menschen, zumal etwas Ältere haben nun mal Vorerkrankungen, aber selbst Jüngere, teilweise auch, ohne davon zu wissen. Insofern ist die von Püschel verabreichte Beruhigungspille doch nur bedingt wirksam. Hier zeigt sich also schon der erste Bruch in der Püschel-Logik.

Offensichtlich will der Rechtsmediziner die Bevölkerung etwas beruhigen, doch das könnte er ja nur dann glaubhaft und konsistent, wenn jeder ganz genau wüsste, keinerlei relevante Vorerkrankungen zu haben. Wer weiß das denn aber schon? Selbst 20- oder 30-Jährige können Erkrankungen haben, von denen sie noch nicht wissen.

Sterben die meisten gar nicht AN, sondern nur MIT mit dem neuartigen Coronavirus?

Darüberhinaus wird immer wieder behauptet, viele würden gar nicht AN, sondern einfach nur MIT SARS-CoV-2 sterben. Professor Püschel plädiert hier für konsequentes Obduzieren. Dem würde ich ausdrücklich zustimmen, weil dadurch genauere empirische Befunde möglich werden, was immer gut ist. Je genauer man über ein Virus Bescheid weiß, desto besser kann man die Gefahr einschätzen, die von ihm ausgeht. Genauer Erforschung und Aufklärung ist insofern natürlich wie immer gut.

Die Schlüsselfrage dürfte hier sein: Sind es in Wahrheit viel weniger COVID-19-Tote als in den Statistiken beim Robert-Koch-Institut (RKI), bei Johns Hopkins University, bei Worldometer etc. aufgeführt, oder sind es womöglich sogar viel mehr Corona-Tote?

Über 90 Prozent der bisher obduzierten Toten starben tatsächlich nicht nur mit, sondern tatsächlich auch an SARS-CoV-2

Die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, die anders als das Robert-Koch-Institut zählt, schreibt nun am 29.05.2020:

„Nach den Angaben des Robert Koch-Instituts sind in Hamburg 246 Personen mit einer COVID-19-Infektion verstorben. Laut Angaben des Instituts für Rechtsmedizin konnte zum jetzigen Stand bei 222 Personen die COVID-19-Infektion als todesursächlich festgestellt werden.“

Und damit haben wir eine Größenordnung, wie viele von 100 beim RKI gelisteten Corona-Toten tatsächlich auch an bzw. todesursächlich durch COVID-19, also an SARS-CoV-2 gestorben sind: ca. 222 von 246. Das entspricht 90,2 Prozent, also 90 bis 91 von 100. Also etwa 9 von 10 der vom Robert Koch-Institut gelisteten Corona-Toten starben tatsächlich an COVID-19.

Sind die tatsächlichen COVID-19-Todesfälle vielleicht sogar nicht niedriger, sondern deutlich höher als vom RKI statistisch erfasst?

Insofern sind diese Obduktionen, die Klaus Püschel durchführt, wirklich sehr hilfreich. Dies sollte überall in Deutschland und auch anderen Ländern gemacht werden, um das Virus und was genau es anrichtet, besser zu verstehen. Die Maßgabe des RKI, die Toten sollten, um keine zusätzliche Ansteckungsgefahr zu gerieren, nicht obduziert werden, erscheint mir hier wenig sinnvoll. Doch das sollte, wenn die Gefahren durch Schutzkleidung, Schleusen etc. adäquat gebannt werden können, meines Erachtens untersucht werden.

Wir wissen nun also, dass die Todesfallzahlen vom Robert Koch-Institut, von der Johns Hopkins University, von Worldometer etc. auf keinen Fall viel zu hoch sind. Bei 100 dort aufgeführten COVID-19-Toten mögen 16, vielleicht auch 10, 20 oder 25 dabei sein, die gar nicht ursächlich an SARS-CoV-2 starben, aber nicht 50, 70 oder gar 90, wie der dem Höcke-Flügel nahestehende AfD-Politiker Hansjörg Müller meinte, der behauptete, 88 Prozent der Corona-Toten, die aus Italien gemeldet werden, wären gar keine Corona-Toten.

Doch es stellt sich nun eine ganz andere Frage: Sind die in den Statistiken aufgeführten Todesfallzahlen in Wahrheit gar nicht zu hoch, sondern sogar zu niedrig? Sterben also tatsächlich viel mehr Menschen an SARS-CoV-2 und der von diesem Virus verursachten Lungenerkrankung COVID-19?

Die Todesfallzahlen müssen womöglich sogar mit dem Faktor 1,8 multipliziert werden

In Wahrheit dürfte genau das der Fall sein. Darauf weist auch der Präsident des Robert Koch-Instituts Prof. Lothar H. Wieler hin. Es sind wohl eher mehr COVID-19-Tote als statistisch erfasst und nicht weniger. Warum das? Weil viele Menschen an COVID-19 sterben, insbesondere in Altenheimen, in Pflegeheimen oder schlicht zuhause, die niemals auf SARS-CoV-2 getestet wurden, sondern einfach beerdigt werden und daher in keiner Statistik auftauchen. Dafür, dass es noch viel mehr unregistrierte Corona-Tote geben könnte, spricht auch eine Studie aus Italien. Die nationale Statistikbehörde Istat und das Istituto Cattaneo in Bologna verglichen aktuelle Sterbezahlen aus dem Frühjahr 2020 mit dem Mittelwert der Jahre 2015 bis 2019 im selben Zeitraum.

Ergebnis: Zwischen dem 21. Februar und 21. März 2020 starben offiziell insgesamt 4.825 Menschen an Covid-19. Wenn wir hier wieder davon ausgehen, dass etwa 16 Prozent zu viel erfasst wurden, dann müsste die Übersterblichkeit bei ca. 84 Prozent von 4.825 liegen = 4.053. Tatsächlich lag jedoch die Gesamtzahl der Todesfälle um 8.740 Tote (181 Prozent von 4.825) über dem Mittelwert der vergangenen Jahre!

Zu den offiziellen 4.825 Todesfällen scheinen also nochmals ca. 4.000 dazu zu kommen (3.915 = 81 Prozent der offiziellen Todesfallzahl). Möglicherweise sind das zu einem Großteil Menschen, die ebenfalls an den Coronavirus-Folgen starben, ohne überhaupt als Erkrankte dokumentiert worden zu sein. Das aber heißt, unter 100 offiziellen COVID-19-Toten sind tatsächlich wahrscheinlich ca. 10, die gar nicht ursächlich an COVID-19 starben, so dass sich die Zahl von 100 auf ca. 90 reduziert. Dafür kommen aber auf 100 gelistete Corona-Tote ca. 90, im Falle der italienischen Studie ca. 97 dazu, die überhaupt nie auf dieses Virus getestet wurden und daher in keiner Corona-Statistik auftauchen.

Fazit: Die Exzessmortalität wird uns weitere Aufschlüsse geben

In Wahrheit kommen also auf 100 Tote in der Statistik nicht 90, sondern eher über 180, weil fast andere 100 COVID-19-Tote fehlen, die nie entdeckt, weil nie getestet wurden. Die Todesfallzahlen in den Statistiken sind also nach allem, was wir derzeit wissen, auf keinen Fall viel zu hoch. Zwar werden wahrscheinlich einige wenige der angegebenen Todesfälle fälschlich dort aufgeführt, dafür fehlen aber fast zig andere, die zusätzlich zu den richtig Erfassten auch an COVID-19 verstarben, so dass wir die Todesfallzahlen eher mit dem Faktor 1,2 bis 1,8 multiplizieren müssen, um auf die tatsächlichen Todesfälle zu kommen.

Letztlich werden wir, da wir, wie bei jeder Pandemie, nie alle durch die Seuche zu Tode Gekommenen exakt erfassen können, am Jahresende oder auch zwischendurch schon die Übersterblichkeit (Exzessmortalität), also die erhöhte Zahl von Sterbefällen, verglichen mit der zur selben Jahreszeit normalerweise erwarteten Sterblichkeit, betrachten müssen. Dabei ist zu beachten, dass zu den unmittelbaren COVID-19-Toten noch sogenannte Kollateral-Todesfälle dazu kommen können, wenn andere Patienten wegen der vielen COVID-19-Lungenerkrankungen nicht ausreichend medizinisch versorgt werden können und deshalb sterben. Insofern werden wir am Jahresende sehen müssen, ob Professor Püschel mit seiner Einschätzung der Lage richtig lag oder aber die Situation völlig falsch einschätzte.

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