Beschreiben und erklären – bewerten und begründen

Von Jürgen Fritz, Do. 30. Jul 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

Soll man die Welt nur beschreiben und erklären respektive versuchen zu verstehen oder soll man die Welt, die Dinge, die Ereignisse, die Mitmenschen und sich selbst auch bewerten? Können wir überhaupt anders als das, was wir beobachten, wahrnehmen, was uns widerfährt, zu bewerten? Machen uns unsere Bewertungen und die Art, wie wir das tun, vielleicht sogar gerade zu dem, der wir sind? Liegt das gleichsam in unserem Wesen, womöglich sogar im Wesen des Lebens selbst, dass wir die Fähigkeit besitzen, Dinge zu evaluieren? Auf den primitivsten Stufen zum Beispiel dergestalt: „Kälte ist schlecht, ergo diese meiden“ oder „schmeckt gut und tut gut, ergo essen“. Wie würde ein Leben aussehen ohne jede Bewertung, mithin ohne jegliche Werte? Betrachten wir es etwas genauer und versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

A. Seins-Aussagen: Feststellungen von Fakten

Beschreibungen (Deskriptionen) treffen Aussagen darüber, a) was der Fall ist (Seins-Aussagen = Feststellungen = assertorische Urteile) und b) warum es der Fall ist (Erklärungen). Das heißt, sie machen a) eine Bestandsaufnahme des Seienden und liefern b) Begründungen im Sinne von kausalen Erklärungen, in denen Ereignisse E logisch deduziert werden aus allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, insbesondere Naturgesetzen, zum Beispiel dem Gravitationsgesetz, und anderen Ereignissen A, B, C, und Zuständen Z, die zeitlich schon vor E der Fall waren und alle gemeinsam E bewirkten.

Oder im Falle von Handlungen sehen diese Erklärungen so aus, dass durch die Angabe der Gründe, warum die Person P die Handlung H vollzog, ein Verstehen der Intention von P erfolgt, welches Ziel sie P also mit H verfolgte. Ferner welche Überzeugungen P dabei hatte, zum Beispiel dass, P glaubte, die Handlung H wäre geeignet, das Ziel Z zu erreichen, dass dies nicht mit anderen Zielen Z2, Z3 kollidiert, die P ebenfalls hat und die ihr wichtiger sind, dass es keine anderen, bessere, leichtere oder effizientere Wege und Handlungen H2, H3 gibt, dieses Ziel Z zu erreichen, dass die Handlung keine Nebenfolgen N zeitigt welche P vermeiden will, usw. usf.

All solche Überzeugungen dieser Person P, vor allem aber ihr intendiertes Ziel Z helfen uns zu verstehen, warum P die Handlung H vollzog. Wenn wir all dies wissen, dann  können wir es uns auch erklären, warum P so handelte.

Deskriptionen beschreiben also einfach nur, was der Fall ist und warum, wobei das natürlich nicht immer einfach ist, die Warum-Frage zu klären. Was Deskriptionen aber nicht tut, ist folgendes: Sie nehmen keine Bewertungen des Sein der Welt vor. Sie sagen nur: „So ist es. So funktioniert es. So sind die Zusammenhänge.“ Sie sagen nicht: „Und das ist gut so.“ Oder: „Das ist nicht gut, das geht in die falsche Richtung, das müssen wir ändern.“

Rein deskriptive, werturteilsfreie Forschung kann natürlich sagen: „Wir haben herausgefunden, dass die Menschen in dieser Gesellschaft oder in dieser Gruppe die Dinge so und so bewerten.“ Dann beschreibt diese deskriptive Forschung aber nur, was der Fall ist, so zum Beispiel wenn ich mit Wahl-O-Matrix Ergebnisse der empirischen Sozialforschung von Meinungsforschungsinstituten einfach nur beschreibe, ohne die Wertungen anderer, hier der Befragten, meinerseits zu bewerten. Ich sage dann also zum Beispiel: „Zur Zeit würden bei Bundestagswahlen ca. 37,6 Prozent die Union wählen“, ohne ein „Oh klasse!“ oder ein „Wie kann das denn nur sein?“ dran zu hängen. Man kann also die Bewertungen anderer rein deskriptiv beschreiben, da sie ja auch zum Sein der Welt gehören, ohne sie selbst zu bewerten.

Wenn nun allerdings jemand sagt, man soll generell immer nur beschreiben und nie bewerten, so nimmt er damit natürlich selbst eine Bewertung (Evaluation) vor, denn er sagt ja, bewerten ist schlecht (bewertet also das Bewerten negativ). Und er sagt, nicht bewerten sei gut (bewertet also das Nicht-Bewerten positiv). Damit verlässt er selbst also schon die Sphäre des rein Deskriptiven, welche offensichtlich nicht alles ist. Es gibt eine zweite Sphäre, in die wir irgendwie immer schon hineingetaucht sind, nämlich die des Bewertens und in dem Wort steckt schon ein anderes drin: die Sphäre der Werte. Das bedeutet, die Dinge sind (für uns oder sogar unabhängig von uns) nicht alle gleich wichtig und sie sind nicht alle belanglos.

B. Sollens-Aussagen: Werturteile

Präskriptionen oder normative Sätze formulieren anders als reine Deskriptionen Aussagen darüber, nicht nur was tatsächlich der Fall ist, sondern auch was der Fall sein sollte (Sollens-Aussagen = Werturteile). Und das, was wir als ein Sein-Sollendes kennzeichnen, dem messen wir offenbar einen hohen Wert zu, zum Beispiel der Liebe oder der Hoffnung, dem Trost oder der Güte, der Gerechtigkeit oder der Fürsorge, der Fairness oder dem Einfühlungsvermögen.

Dem liegt vor allem die schon von dem schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) betonte und herausgearbeitete Unterscheidung und Trennung von deskriptiv beschreibbaren Fakten (das Sein der Welt) und normativ zu beurteilenden Werten (das Sein-Sollen der Welt) zu Grunde. Die Begründungen, die hier im Bereich des Sein-Sollens gegeben werden, stellen andere Begründungen dar als die Erklärungen in deskriptiven Theorien.

Im Bereich des Sein-sollens geht es um Rechtfertigungen, also die Angabe von Gründen, warum etwas der Fall sein sollte, warum es gut und richtig ist. Rechtfertigungen bestehen darin, dass (logische, rationale) Argumente dargelegt werden, warum etwas der Fall sein sollte, dergestalt dass dieses Sollen S aus Fakten plus anderen Überzeugungen R, T, U … über das Sein-sollen der Welt logisch abgeleitet wird.

Beispiel: Es ist gut, wenn Menschen sich gegenseitig vertrauen können, denn ohne gegenseitiges Vertrauen könnten wir als Gemeinschaftswesen noch dazu in der modernen, hochkomplexen Welt ja gar nicht überleben. Durch Lügen, also bewusstes und gezieltes Täuschen des anderen, wodurch in ihm eine Fehlvorstellung über das Sein der Welt erzeugt werden soll, wird aber Vertauen langfristig zerstört. Daher ist Lügen nicht gut. Es zerstört nämlich die Basis des Zusammenlebens: das gegenseitige Vertauen. Und niemand will in einer Welt leben, in der er niemandem vertrauen kann.

Sie sehen, in dieser Begründung muss auf etwas anderes rekurriert werden, was als ein Sein-sollen R angesehen wird, denn es gilt, wie ebenfalls David Hume schon herausarbeitete: Aus einem Sein kann logisch kein Sollen gefolgert werden (Sein-Sollen-Fehlschluss, der übrigens etwas anderes ist als der naturalistische Fehlschluss, die beiden werden gerne verwechselt oder vermengt).

Das Lügen respektive das Wahrhaftig-sein S wird in dem Beispiel auf das Vertrauen R zurückgeführt, welches positiv ausgezeichnet wird. Und das Vertrauen wird wiederum auf das Überleben T zurückgeführt, was ebenfalls positiv gekennzeichnet wird. Wahrhaftig sein ist gut (lügen also schlecht), weil gegenseitiges Vertrauen etwas Gutes ist und lügen dieses zerstört. Und ohne gegenseitiges Vertrauen wäre gar kein Überleben möglich, Überleben aber ist gut, Aussterben schlecht.

Wenn also in der Begründung der Sollens-Aussage S nur Seins-Aussagen vorkommen, keine einzige andere Sollens-Aussage, so kann keine Rechtfertigung von S vorliegen, weil Sollens-Aussagen logisch so nicht schlüssig begründbar sind. Aus einem reinen Sein kann kein Sollen geschlossen werden (Sein-Sollen-Fehlschluss nach Hume). Es führt keine Brücke hinüber aus der Sphäre des Seins in die Sphäre des Sollens, aus dem Reich der Fakten ins Reich der Werte, aus dem sprachlichen Bereich der Feststellungen in den sprachlichen Bereich der Werturteile.

Wenn zum Beispiel die Person P1 aufzeigen kann, dass eine Handlung H dazu führe, dass dann alle sterben, wenn man die Handlung H vollzöge, und P2 dann sagt: „Ja und? Dann sterben eben alle. Wir müssen doch sowieso irgendwann alle sterben“, dann wird spätestens an der Stelle deutlich, dass P1 implizit davon ausging, dass klar wäre, dass es schlecht – also das Gegenteil von gut – sei, wenn alle sterben. Darauf, auf dieses Sein-sollen („Es sollen nicht alle sterben, das ist schlecht“) rekurrierte P1 in seiner Argumentation.

Sie merken, überzeugen können solche Begründungen, solche Rechtfertigungen einen anderen nur dann, wenn es an irgendeiner Stelle eine gemeinsame positive Einschätzung (Evaluation) gibt, irgendein Sein-sollen, das von beiden als solches angesehen und akzeptiert wird, mithin einen Wert, den beide als solchen erkennen oder einsehen oder erfassen (ethischer Realismus) oder den beide so empfinden. Wenn zum Beispiel P1 aufzeigen und logisch deduzieren kann, dass etwas ungerecht ist, P2 aber sagt, das findet er gerade gut, wenn etwas ungerecht ist, während P1 Ungerechtigkeit verurteilt, dann hat P1 natürlich keine Chance P2 zu überzeugen, selbst wenn seine Argumentation vollkommen schlüssig und fehlerfrei sein sollte.

Wenn wir also in der Sphäre des Sein-sollens, im Bereich des Normativen, im Reich der Werte argumentieren, wenn wir hier Gründe anführen und uns selbst, aber auch anderen Rechtfertigungen liefern, warum wir meinen, dass etwas gut sei, so tun wir das in dem Vertrauen darauf, dass es solche Gemeinsamkeiten in der Bewertung tatsächlich gibt. Ansonsten verlöre jedes Argumentieren und Begründen, jedes Rechtfertigen seinen Sinn.

Literaturempfehlung

Jürgen Fritz: Das Kartenhaus der Erkenntnis – Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen, AV Akademikerverlag, 2. Aufl. 2012, EUR 68,00

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