Kevin Kühnert: ein Karrierist, der den Rebellen mimt?

Von Thomas Schmid, Mi. 05. Aug 2020, Titelbild: Handelsblatt-Screenshot

Die Jungsozialisten, denen er seinen Aufstieg verdankt, sind Kevin Kühnert zu klein geworden. Der nur 1,70 Meter große Sozi hat einiges vor, das kann man regelrecht spüren. Schon mit 16 war er in die SPD eingetreten. Diese ist quasi sein Beruf, einen anderen hat er nicht. Im Dezember 2019 wurde der damals 30-Jährige bereits stellvertretender SPD-Vorsitzender. Esken und Walter-Borjans haben ihre Wahl zum Bundesvorsitz vor allem auch ihm zu verdanken. Eigentlich war Kühnert noch bis November 2021 als Juso-Vorsitzender gewählt. Doch die Jusos braucht er nun nicht mehr. Daher will er dieses Amt schon dieses Jahr abgeben und 2021 Bundestagsabgeordneter werden. Ob aus ihm mal ein Großer werden kann? Dazu eine Einschätzung von Thomas Schmid.

Das Bedürfnis nach Erlösung und neuen „Hoffnungsträgern“

Demokratische Parteien sind Machtmaschinen. Entsprechend nüchtern-bürokratisch fällt ihre Ausstrahlung aus. Das heißt jedoch nicht, dass sie immun wären gegenüber den Verlockungen des Wahn- oder zumindest Unsinns. Die raketenhaft in den Himmel steigende Begeisterung für Karl-Theodor von und zu Guttenberg (CSU) war vor geraumer Zeit ein hübsches Beispiel dafür. Ein anderes die geradezu messianische Gefolgschaftsbereitschaft, die vor weniger langer Zeit der kurzzeitige SPD-Vorsitzende Martin Schulz auslöste. In jedem Funktionär und in vielen Parteimitgliedern scheint ein Bedürfnis nach Erlösung zu schlummern, das ab und an den Wachzustand erreicht und sich dann ganz wild aufführt.

Wohl nur so – und nicht mit dem angeblichen Idealismus junger Bürgerinnen und Bürger sowie junger Parteimitglieder – muss man sich wohl auch erklären, dass der Noch-Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert zu dem werden konnte, was man mit einem unschönen Wort einen „Hoffnungsträger“ nennt. Sein erst medialer, dann auch innerparteilicher Erfolg hat durchaus etwas Rätselhaftes. Kühnert, seit sieben Monaten stellvertretender SPD-Vorsitzender, hat nämlich selbst genau das getan, was er Politikern gerne vorwirft: Er hat sein gesamtes, erwachsenes und doch unerwachsenes Leben ausschließlich in der Sphäre der Politik verbracht. In Gremien und Hinterzimmern, auf Kundgebungen, mit Strippenziehereien. Das Neue an ihm besteht darin, dass er zur ganz alten SPD zurückkehren will. Und dass er sich ungerührt traut, sogar ganz besonders abgestandene Phrasen mit dem Elan des jugendlichen Reformators vorzutragen.

Der erste Politiker, der sich als Rebell gibt und zugleich die Selbstzufriedenheit von Mutters gut versorgtem Sohn ausstrahlt

Bekannt im ganzen Land wurde er mit einem Nein. In der albernen Kampagnensprache: #NoGroKo. Er agierte ganz ohne jeden Respekt vor dem Dilemma seiner Partei: dass sie erfolgreich regiert, die Wählerschaft das aber nicht honoriert. Alle Versuche, auf Debattencamps eine erneuerte SPD aus der Asche aufsteigen zu lassen waren reine Selbstbeschäftigungen.

Kühnerts Erfolg beruht wohl auch darauf, dass er der erste Politiker ist, der sich als Rebell gibt und zugleich die Selbstzufriedenheit von Mutters gut versorgtem Sohn ausstrahlt, der immer sein Pausenbrot aufgegessen hat. Alles soll anders werden, und doch so bleiben wie es ist. Die Pausbäckchen: eine konstante Entwarnung. Viele können sich darauf einigen. Kühnerts Revolution wäre eine Subventionsrevolution.

Man darf KK nicht unterschätzen, ein Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder ist er indes nicht

Indes, man sollte Kevin Kühnerts durchaus realpolitischen Machtinstinkt nicht ganz unterschätzen. Als es gegen seinen Widerstand nach der Bundestagswahl 2017 doch wieder zur großen Koalition kam, wurde er ganz still, zahm und biegsam und dirigierte seine Protesttruppen wieder ins Winterlager zurück. Dass er jetzt den Juso-Vorsitz, den er nicht mehr nötig hat, aufgibt und für den Bundestag kandidiert, passt ins Bild. Er kalkuliert ohne Sentimentalitäten. Er wird einer der nicht wenigen SPD-Politiker werden, die als Radikale begannen und irgendwo in der Ministerialbürokratie oder auf einem Vorstandsposten endeten. Die Koordinaten eines Helmut Schmidt und die Nase wie der Mut Gerhard Schröders fehlen ihm nämlich.

Der sichtlich nervöse Kevin Kühnert kündigt seinen Rücktritt vom Juso-Vorsitz an

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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