Das Drama mit den Youngstars: Tsitsipas scheidet in Runde 3 der US Open aus, vergibt 6 Matchbälle

Von Jürgen Fritz, Sa. 05. Sep 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

Die jungen Spieler schaffen es einfach nicht, bei den Grand Slam-Turnieren zu reüssieren. Der ATP Finals-Sieger 2019 Stefanos Tsitsipas, die Nr. 6 der Welt und nach der Absage von Titelverteidiger Nadal (2) und Federer (4) einer der vier Top-Favoriten auf den Turniersieg, scheidet bereits in der 32er-Runde der US Open aus. Signifikant ist aber, wie er dies tat.

Tsitsipas führt schon 7:6, 4:6, 6:4, 5:1, 30:0

Ich hätte dem jungen Griechen auf jeden Fall mindestens das Halbfinale zugetraut, doch er unterlag dem ohne Frage sehr starken Kroaten Borna Coric (Nr. 32 der Weltrangliste) in fünf Sätzen. Dabei hatte Tsitsipas eine ganz klare Führung. Den ersten Satz hatte er nach 52 Minuten im Tiebreak mit 7:2 gewonnen, den zweiten zwar nach 1:38 h mit 4:6 verloren, den dritten aber nach 2:20 h mit dem gleichen Ergebnis gewonnen. Damit hatte der große Favorit eine 2:1-Satzführung. Im vierten Satz schaffte er sofort das Break zum 1:0, ging dann mit 2:0 und 3:1 in Führung. Dann gelang ihm sogar das Doppelbreak zum 4:1 und die Führung zum 5:1. Alles schien nach Plan zu laufen, doch dann kam alles ganz anders.

Coric schlägt auf bei 5:1 für seinen Gegner, liegt schon wieder 30:0 zurück, ist also nur noch zwei Punkte von der Niederlage entfernt. Aber dann gelingt es ihm doch noch sein Service zu halten und auf 5:2 zu verkürzen. Nun schlägt die Nr. 6 der Welt zum Matchgewinn auf. Doch Tsitsipas patzt, lässt Coric, der nicht aufgibt und großartig fightet, auf 5:3 rankommen. Bei Aufschlag Coric steht es nun 40:15 für Tsitpas: zwei Matchbälle. Diese kann der Grieche aber nicht nutzen, macht immer wieder vermeidbare Fehler, während die Nr. 32 der Welt direkte Punkte erzielen kann und so auf 5:4 verkürzt. Nun schlägt der Grieche wieder zum Match auf. Tsitsiapas macht drei Punkte in Folge: 40:0. Matchball Nr. drei, vier und fünf am Stück. Das muss doch jetzt aber wirklich reichen. Jetzt scheint die Sache endgültig gelaufen. Doch wieder spielt sich Coric zurück ins Match, kann alle drei Matchbälle nacheinander abwehren. Unglaublich! Aber es sollt noch unglaublicher werden.

7:6, 4:6, 6:4, 5:4, Einstand. Jetzt machte Tsitsipas den Punkt zum Vorteil. Sechster Matchball. Aber wieder wehrt Coric ab. Und es kommt noch härter für den Griechen. Er kassiert das zweite Break in Folge: 5:5. Nun erhöht Coric das Tempo, macht viel Druck, spielt großartig, während Tsitsipas immer wieder relativ leichte Fehler unterlaufen. Coric hält sein Service und geht mit 5:6 in Führung. Und dann gelingt ihm das Unfassbare: Nach 3:23 h macht er aus einem 5:1-Rückstand im vierten Satz ein 5:7, gewinnt sechs Games in Folge, kann also den Favoriten, der schon so weit vorne lag, dreimal nacheinander breaken. Die Nr. 6 der Welt, die Nr. 4 des Turniers verliert, den Sieg auf der Silberschale direkt vor sich liegend habend, sechs Spiele in Folge und damit den schon sicher geglaubten vierten Satz!

Der Grieche verliert doch noch in fünf Sätzen

Jetzt nahm Tsitsipas erst mal ein ganz lange Toilettenpause, um sich von diesem Schock zu erholten. Dann ging es in den fünften Satz. In diesem liegt er wieder Break vorne mit 3:2, schlägt zum 4:2 auf. Er liegt auch schon 30:0 und 40:30 vorne, hat Spielball zum 4:2, stürmt ans Netz, spielt dort aber einen schlechten Volley und wird von Coric wunderschön überlobt. Nun hat er Breakball gegen sich, stürmt wieder ans Netz, spielt wieder einen schlechten Volley und wird passiert. Rebreak zum 3:3. Alles wieder offen. Bei 4:4 hat der Grieche gleich mehrere Breakbälle, doch Coric kann sie alle abwehren. Ähnliches Bild beim 5:5: Wieder hat Tsitsipas Breakball und wieder wehrt Coric ab. Schließlich geht es nach 4:28 h in den Tiebreak. Jetzt muss die Entscheidung fallen.

Tsitsipas hat in den viereinhalb Stunden bis dahin nur einen einzigen Doppelfehler gemacht, war also bei seinem zweiten Aufschlag unglaublich sicher. Doch nun im Tiebreak des Entscheidungssatzes, als es drauf ankommt, machte er innerhalb weniger Minuten in einem Game gleich zwei Doppelfehler, die spielentscheidend sind. Er liegt mit 4:6 im Tiebreak zurück, als seine letzte Vorhand, die er nicht richtig trifft, nach 4:36 h weit ins Aus segelt. Tsitsipas verliert den Tiebreak mit 4:7 und damit das Match mit 7:6, 4:6, 6:4, 5:7, 6:7.

Bei Grand Slam-Turnieren kam Tsitsipas nur einmal übers Achtelfinale hinaus

Wir sehen bei Tsitsipas das gleiche Phänomen, das wir bei bei fast allen jüngeren Spielern seit vielen Jahren sehen. Der Grieche ist inzwischen 22 Jahre alt. In dem Alter hatte Nadal bereits vier Grand-Slam-Titel gewonnen, stand kurz vor seinem fünften. Der 1,93 m große Blondschopf ist ein Riesentalent und spielt seit eineinhalb Jahren in der absoluten Weltspitze, konnte auch schon fünf Turniere gewinnen, darunter als absoluten Höhepunkt im November 2019 die ATP Finals (B+), das fünftwichtigste Turnier der Saison. Auch Anfang 2020, vor der fast 25-wöchigen Corona-Pause, konnte er schon ein Tournament gewinnen, das D-Turnier (250er Serie) in Marseille.

Bei den vier Grand Slam-Turnieren (A) aber, die in einem 128er-Feld über drei statt zwei Gewinnsätze gespielt werden (best of five), kam er in seiner gesamten Karriere nur ein einziges Mal über das Achtelfinale hinaus: Im Januar 2019 erreichte er bei den Australian Open das Halbfinale. Die letzten vier Grand Slams aber schied er nunmehr zweimal in der ersten (128er-Runde) und zweimal in der dritten Runde (32-er Runde) aus.

Coric kam bei A-Turnieren noch nie übers Achtelfinale, Zverev nur einmal übers Viertelfinale hinaus

Und Tsitsipas ist nicht die Ausnahme, sondern reiht sich ein in ein immer wiederkehrendes Muster. Auch Coric selbst gehört in diese Reihe. Der Kroate wird in zwei Monaten 24 Jahren alt. Mit 18 stieß er erstmals im Herreneinzel unter die Top-50 vor, war einer der besten Teenager der Welt und galt als Riesentalent. Mit 21 Jahren gelang ihm erstmals der Vorstoß in die Top-20 und sogar in die Top-15 der Welt. Bei den Majors kam er aber noch niemals über das Achtelfinale hinaus. Meist ist für ihn schon in den ersten drei Runden Schluss.

Nun steht er also zum dritten Mal in seiner Karriere im Achtelfinale eines Grand Slam-Tournaments. Dort trifft er morgen auf den Australier Jordan Thompson, die Nr. 63 der Welt. Das sollte für ihn eine mehr als machbare Aufgabe sein. Sollte Coric erstmals das Viertelfinale, die Runde der letzten Acht, bei einem A-Turnier erreichen, so könnte er dort, so diesem der Einzug gelingt, auf den fünf Monate jüngeren Deutschen Alexander Zverev (7) treffen, der gestern Abend seine Dritt-Runden-Partie gegen den Franzosen Mannarino (39) nach anfänglichen Schwierigkeiten dann doch noch souverän mit 6:7, 6:4, 6:2, 6:2 gewinnen konnte.

Das Gesagte gilt übrigens auch für den Deutschen. Alexander Zverev spielt seit Jahren in der absoluten Weltspitze, konnte schon elf Turniere gewinnen, darunter 2018 die ATP Finals (B+) sowie 2017 und 2018 drei Master 1000-Tournaments (B), also Turniere der zweithöchsten Kategorie. Bei den Grand Slam-Veranstaltungen kam aber auch er nur einmal über das Viertelfinale hinaus: Anfang des Jahres erreichte er bei den Australian Open erstmals ein Halbfinale eines A-Turniers, schied dort dann gegen Dominic Thiem aus. Für Zverev scheint nun nach dem Ausscheiden von Tsitsipas die Bahn frei bis ins Halbfinale. Dort träfe er aber, so ist zumindest zu befürchten, auf den dreifachen US Open-Champion Novak Djokovic. Das erscheint derzeit als fast unlösbare Aufgabe. Weshalb?

Noch nie hat ein Spieler, der nach 1988 geboren ist, ein Grand Slam-Turnier im Herreneinzel gewinnen können

Die jüngeren Spieler können bei kleineren Turnieren der D-, C-, manchmal auch der B-Kategorie teilweise mithalten, bisweilen sogar bei den ATP Finals (B+). Bei den Majors (A) aber nicht. Die letzten 13 Grand Slam Turniere gewannen alle 13 Djokovic (5), Nadal (5) und Federer (3), die inzwischen 33, 34 und 39 Jahre alt sind.

Alleine diese drei Spieler, die sogenannten Big Three, gewannen seit Juli 2003 (Wimbledon) 56 der letzten 67 Grand Slam-Turniere: Federer 20, Nadal 19, Djokovic 17. Außerdem Murray (33 Jahre) und Wawrinka (35 Jahre) je drei.

Bis heute hat niemals ein Spieler, der nach 1988 geboren ist, ein A-Turnier gewinnen können. Sollte das so weitergehen, werden Federer, Nadal und Djokovic auch mit 40 und 50 Jahren weiter die Grand Slams gewinnen.

Match-Highligts Tsitsipas – Coric

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