Djokovic disqualifiziert: Es wird einen neuen US Open- und neuen Grand Slam-Sieger geben

Von Jürgen Fritz, Mo. 07. Sep 2020, Titelbild: euronews-Screenshot

Noch niemals hat ein nach 1988 geborener Spieler ein Grand Slam-Turnier gewinnen können. Das wird sich diese Woche ändern. Dies steht seit gestern Abend fest, als der dreimalige US Open-Champion und haushohe Favorit Novak Djokovic, die Nr. 1 der Welt, die dieses Jahr noch kein Match verloren hat, disqualifiziert wurde.

Alle bisherigen Grand Slam-Sieger sind ausgeschieden respektive nicht angetreten

Eines steht schon jetzt, sieben Tage vor Ende der Turniers fest: Es wird nicht nur einen neuen US Open-Sieger, sondern auch einen ganz neuen Grand Slam-Champion geben. Und es wird erstmals einer sein, der nach 1988 geboren ist. Dazu bedurfte es zweier Hüft-OPs (Murray), zweier Knie-OPs (Federer), einer Pandemie (Nadal, Wawrinka) und einer Disqualifikation (Djokovic). Und schon waren die fünf überragenden Spieler der letzten zwei Dekaden aus dem Turnier.

Der Turniersieger von 2004, 2005, 2006, 2007 und 2008, der 39-jährige Roger Federer, die Nr. 4 der Welt, konnte wegen zweier Knie-OPs nicht antreten, hat seine Saison schon vor Monaten beendet, um sich auszukurieren und dann 2021 neu angreifen zu können. Der Turniersieger von 2009, der fast 32-jährige Juan Martín del Potro wird seit zehn Jahren von etlichen Verletzungen geplagt, musste sich alleine am Handgelenk x-mal operieren lassen und hat seit Juni 2019 kein Match mehr bestreiten können. Der Turniersieger von 2010, 2013, 2017 und 2019, der 34-jährige Titelverteidiger Rafael Nadal, die Nr. 2 der Welt, hat die US Open ebenso wegen der Corona-Pandemie abgesagt wie der 35-jährige US Open-Champion von 2016 Stan Wawrinka.

Andy Murray, der 33-jährige Turniersieger von 2012, der 2016 am Jahresende die Nr. 1 der Welt war, wird seit 2017 von schweren Verletzungsproblemen geplagt, musste sich zwei Hüft-Operationen unterziehen und spielt inzwischen mit einem künstlichen Hüftgelenk. Er trat bei den US Open 2020 endlich wieder an, legte in der ersten Runde nach einem 0:2-Satzrückstand ein sensationelles Comeback hin, gewann das Match doch noch in fünf Sätzen, schied dann aber in der zweiten Runde gegen den großartig aufspielenden 20-jährigen Auger-Aliassime aus. Und der Sensationssieger von 2014 Marin Cilic, der am 28. September 32 Jahre alt wird, der bislang jüngste Grand Slam-Champion im Herrenzeinzel, der inzwischen nur noch die Nr. 38 der Welt ist, schied in der dritten Runde gegen den bärenstarken Dominic Thiem aus.

Damit lief eigentlich alles auf die amtierende Nr. 1 der Welt, den US Open Champion von 2011, 2015 und 2018, den 17-fachen Grand Slam-Sieger Novak Djokovic hinaus. Der 33-Jährige war nicht nur der Spieler des Jahrzehnts 2010 bis 2019, er hatte dieses Jahr noch kein einziges Match verloren, ging mit einer 26:0-Bilanz in sein gestriges Achtelfinale gegen den 29-jährigen Spanier Pablo Carreño Busta. Nicht nur für dieses Match, nein für das gesamte Turnier galt der Djoker als haushoher Favorit, zumal Nadal, Federer und Wawrinka in New York nicht am Start waren. Doch es sollte an diesem denkwürdigen Abend alles anders kommen.

Djokovic kann drei Satzbälle nicht nutzen, ist sauer und donnert den Ball zum ersten Mal an die Bande

Der Serbe war recht mühelos durch die ersten drei Runden des Turniers gekommen, gab bis dahin nur einen von zehn Sätzen ab. Auch gestern Abend im Achtelfinale begann alles zunächst recht normal. Djokovic schlug als erster auf, konnte also immer vorlegen und ging mit 1:0, 2:1, 3:2 und 4:3 in Führung. Nun bot sich endlich die erste Breakchance für ihn zum 5:3, aber der Spanier konnte diese abwehren und zum 4:4 ausgleichen.

Anschließend gewann Djokovic sein Service zu Null, ging 5:4 in Führung. Kurze Pause und Seitenwechsel. Bis dahin war also alles noch ganz normal. Nole schaffte es zwar noch nicht, seinen Gegner so richtig unter Kontrolle zu bringen, aber dafür war ja noch jede Menge Zeit. Doch was dann nach diesem Seitenwechsel geschah, sollte alles verändern, das Match, das Turnier, ja vielleicht sogar die Antwort auf die Frage, wer der nun der GOAT, The Greatest of All Time, werden wird, Federer, Nadal oder Djokovic.

Nach der kurzen Pause schlägt Carreno-Busta also beim Stand von 5:4 für Djokovic auf. Und nun liegt er nach 30 Minuten Spielzeit bei eigenem Service mit aus seiner Sicht 0:40 zurück. Drei Breakbälle für den Djoker, die zugleich Satzbälle sind. Noch immer scheint alles nach Plan zu laufen. Aber jetzt dreht sich innerhalb von Minuten alles!

Zunächst schlägt der Spanier bei 0:40 eine Vorhand longline entweder genau auf die Grundlinie oder minimal zu lang, knapp in Aus. Der Linienrichter ruft „out“. Damit hätte Djokovic den Satz gewonnen. Aber sein Gegner challenged, das heißt, er lässt die Entscheidung per Videobeweis überprüfen. Und siehe da: Der Ball hat zu vielleicht ein, zwei Millimeter die Linie noch gekratzt. Das reicht. Der Ball war gut, der erste Satzball somit abgewehrt, siehe im Bild oben links:

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Jetzt schlägt Carreno-Busta also bei 15:40 auf. Noch immer hat Nole zwei Break- und Satzbälle. Djokovic lockt seinen Gegner mit einem etwas zu lang geratenen Vorhand-Stoppball ans Netz, dieser antwortet mit einem Gegenstopp, an den Novak ebenfalls rankommt und den Ball übers Netz schiebt, Carreno Busta volliert und Djokovic ebenfalls, sein Volley bleibt aber gerade so an der Netzkante hängen. Zum zweiten Mal Pech für ihn. 30:40. Dritter Satzball.

Jetzt beim dritten Breakball spielt der Spanier großartig, treibt Djokovic zunächst mit einer Vorhand inside-out weit aus dem Feld, um dann einen exzellenten Vorhand-Stopp hinterher zu setzen. Null Chance für Nole an den Ball überhaupt ran zu kommen. 40:40. Alle drei Satzbälle nicht genutzt. Nun ist Novak das Lachen, das er nach dem 30:40 noch hatte, vergangen. Er ist sichtlich stinksauer über diesen Spielverlauf und donnert den Ball mit voller Wucht an die Seitenbande. Da steht niemand, den er treffen könnte. Zum Glück.

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Nole kassiert das erste Break zum 5:6, ist enttäuscht und schlägt den Ball wieder Richtung Bande

Nun steht es 5:4 für Djokovic, 40:40. Er ist nun zwei statt einem Punkt vom Satzgewinn entfernt. Aber auch seine nächste Vorhand geht an die Netzkante. Vorteil Carreno Busta, der auch den nächsten Punkt macht und damit fünf Punkte in Folge gewinnt, aus einem 0:40 einen Spielgewinn macht. 5:5. Jetzt schlägt Djokovic auf. Ärgerlicher Spielverlauf aus Noles Sicht, aber im Grunde ist ja noch alles offen. Er kann den ersten Satz immer noch mit 7:5 oder 7:6 gewinnen. Und selbst wenn er ihn verlieren sollte, stünde es ja nur 1:0 nach Sätzen für den Spanier, der aber drei Sätze gewinnen muss, um ins Viertelfinale einzuziehen. Auch ein 0:1-Satzrückstand wäre für die Nr. 1 kein ganz großes Problem.

Der erste Punkt im elften Spiel geht aber auch wieder an Carreno Busta, der jetzt den sechsten Punkt in Folge macht. Wieder bleibt die Vorhand der Nr. 1 an der Netzkante hängen. 5:5, 0:15. Jetzt spielt der Spanier Djokovic gegen die Laufrichtung, dieser fällt hin und tut sich an der Schulter weh. Langsam zeichnet sich ab: das ist nicht sein Tag. Novak lässt sich an der Schulter behandeln. Dann kann das Match weitergehen. Aber jetzt bleibt sein Rückhandstoppball an der Netzkante hängen: 0:40. Drei Breakbälle nun für Carreno Busta. Den ersten wehrt Djokovic am Netz ab, aber schon hier sieht man, dass er sich die Nr. 1 der Welt nicht mehr gut bewegt. Nun kommt die entscheidende Szene.

Nole schlägt auf bei 5:5, 15:40. Wieder spielt er einen Stoppball, Carreno Busta erreicht diesen aber und schiebt den Ball großartig an Djokovic vorbei genau neben die Seitenlinie ins Feld. Damit steht es 6:5 für den Spanier. Was Novak zuvor bei drei Chancen nicht gelang, das gelingt nun seinem Gegner: er nimmt ihm seinen Aufschlag weg und kann nun zum 7:5 aufschlagen.

Wieder ist Djokovic wütend über den Spielverlauf und schlägt den Ball nach hinten, Richtung hintere Bande weg. Nicht mit voller Wucht wie einige Minuten zuvor, aber er trifft genau eine Linienrichterin, offensichtlich am Hals, womöglich genau auf den Kehlkopf. Die Frau fällt zu Boden, fasst sich an den Hals, ringt nach Luft. Djokovic sieht, was er natürlich völlig unbeabsichtigt, aber doch grob fahrlässig angestellt hat, hebt gleich entschuldigend den Arm …

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… und geht zu der vom Ball voll getroffenen Frau hin.

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Djokocvic wird zurecht disqualifiziert

Vermutlich hat er die Linienrichterin genau auf den Kehlkopf getroffen, auf jeden Fall direkt auf den Hals. Und die Frau hat Probleme, Luft zu bekommen.

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Alle kümmern sich um sie.

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Nach einigen Minuten geht es ihr zum Glück wieder besser und sie verlässt – immer noch sichtlich geschockt von diesem Vorfall – den Court.

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Doch was nun? Es beginnen minutenlange Diskussionen auf dem Platz zwischen Schiedsrichter, Oberschiedsrichter und Djokovic. Dieser lächelt teilweise noch.

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Dann fällt die Entscheidung, die nicht anders fallen kann, denn die Regularien sind eindeutig. Djokovic hat durch das verboten und grob fahrlässige Wegschießen des Balls aus Wut eine Person verletzt, ja gefährdet. Er muss disqualifiziert werden. Der Top-Favorit auf den Turniersieg, der dieses Jahr noch ungeschlagene Novak Djokovic ist damit aus dem Turnier ausgeschieden. Er packt seine Sachen …

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… und verlässt den Court.

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Wahrscheinlich bekommt Djokovic sämtliche Weltranglistenpunkte für dieses Turnier, auch für die bereits erzielten Siege in Runde 1 bis 3, aberkannt, muss sein gesamtes erspieltes Preisgeld von ca. einer viertel Million US Dollar für das Erreichen des Achtelfinals zurückzahlen und bekommt eventuell noch eine zusätzliche Strafe. Zur direkt anschließenden Pressekonferenz erscheint er nämlich nicht mehr, sondern reiste direkt vom Turnierort ab.

Alle zwölf im Turnier verbliebenen Spieler sind nach 1989 geboren

Damit steht fest: Es wird erstmals in der Geschichte des Tennissports ein Spieler, der nach 1988 geboren wurde, ein Grand Slam-Turnier gewinnen. Zum Zeitpunkt des Djokovic-Matches waren noch 15 Spieler im Wettbewerb. Das erste Achtelfinale gegen den Spanier Davidovich Fokina, die Nr. 99 der Welt, hatte der deutsche Alexander Zverev (7) bereits sehr souverän mit 6:2, 6:2, 6:1 gewonnen. Es folgten gestern noch zwei weitere Achtelfinale im Herreneinzel. Der Tsitsipas-Bezwinger Borna Coric (32) schlug ebenfalls glatt in drei Sätzen den Australier Thomson, die Nr. 63 der Welt. Und der starke junge Kanadier Denis Shapovalov bezwang die Nr. 10 der Welt, den Belgier David Goffin in vier Sätzen.

Damit sind heute noch zwölf Spieler im Wettbewerb und diese sind alle zwischen 1990 und 2000 geboren. Die Top-Favoriten auf den Turniersieg sind nun, nach der Disqualifikation und dem Ausscheiden Djokovics, der Russe Daniil Medvedev (5), der Österreicher Dominic Thiem (3) und Alexander Zverev, die Nr. 7 der Weltrangliste.

Die Wettquoten auf den Turniersieg im Herreneinzel:

  1. Daniil Medvedev (Jg. 1996): 28,2 %
  2. Dominic Thiem (Jg. 1993): 18 %
  3. Alexander Zverev (Jg. 1997): 16,2 %
  4. Denis Shapovalov (Jg. 1999): 7,4 %
  5. Felix Auger-Aliassime (Jg. 2000): 6,7 %
  6. Matteo Berrittini (Jg. 1996): 6,2 %
  7. Andrey Rublev (Jg. 1997): 4,3 %
  8. Borna Coric (Jg. 1996): 4,3 %
  9. Pablo Carreno Busta (Jg. 1991): 3,1 %
  10. Alex De Minaur (Jg. 1999): 2,8 %
  11. Vasek Pospisil (Jg. 1990): 1,9 %
  12. Frances Tiafoe (Jg. 1998): 0,8 %

Die Tür zum ersten Grand Slam-Sieg ist für die Spieler ab Jahrgang 1990 so weit offen wie niemals zuvor

Und so sieht das Tableau vor den vier letzten Achtelfinals aus. Die ersten vier Viertelfinalisten in der oberen Hälfte stehen bereits fest, die vier weiteren in der unteren Hälfte werden heute ermittelt:

  1. Pablo Carreno Busta gegen Denis Shapovalov
  2. Borna Coric gegen Alexander Zverev
  3. Matteo Berrittini oder Andrey Rublev gegen Frances Tiafoe oder Daniil Medvedev
  4. Vasek Pospisil oder Alex De Minaur gegen Felix Auger-Aliassime oder Dominic Thiem

Carreno Busta wird also im Viertelfinale auf Shapovalov treffen, Coric auf Zverev. Sollte der Deutsche weiter in dieser Form auftreten, hat er nach dem Ausscheiden von Djokovic gute Chancen, erstmals in seiner Karriere ins Endspiel eines Grand Slam-Turniers einzuziehen. In der unteren Hälfte werden vor allem der Vorfahresfinalist Medvedev (5) und der zweimalige French Open- und diesjährige Australian Open-Finalist Dominic Thiem, die Nr. 3 der Welt, favorisiert. Aber vielleicht gibt es ja noch mehr Überraschungen in diesem Turnier.

Fest steht aber: die Tür zum ersten Grand Slam-Sieg steht für alle Spieler der nächsten Generation, für die Jahrgänge ab 1990 so weit offen wie niemals zuvor, nachdem der 20-fache, der 19-fache und der dreifache Grand Slam-Sieger Federer, Nadal und Wawrinka in New York gar nicht an den Start gingen und der 17-fache Grand Slam-Champion Djokovic nun aus dem Rennen ist. Mal sehen, wer von diesen verbliebenen Zwölf durch diese offene Tür hindurchgehen wird.

Djokovic bei US Open disqualifiziert

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