Achille Mbembe: Afrozentrist & umgeklappter Rassist mit Ressentiments gegen die liberale Demokratie

Von Thomas Schmid, Mi. 09. Sep 2020, Titelbild: Duke Franklin Humanities Institute-Screenshot

Der afrikanische Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe wird von hochrangigen Repräsentanten aus Politik und Kultur emphatisch gewürdigt. Zurecht? Nein, sagt Thomas Schmid. Mbembe sei nichts weiter als ein Komplize und Profiteur eines umgeklappten Rassismus und platten Antikapitalismus. Wie konnten sich namhafte Politiker und Institutionen dafür hergeben, diesen Mann zu fördern und zu preisen?

Inverser Rassismus

Vor etwa 30 Jahren war im deutschen Fernsehen ein Sketch zu sehen, der sich den Rassismus des weißen deutschen Mannes vornahm. Darin spielte der begnadete Berliner Schauspieler Heinz Werner Kraehkamp einen afrikanischen Stammeshäuptling. Er ist dunkelbraun geschminkt und trägt eine Phantasietracht. Anlässlich seines Besuches in Deutschland wird ihm zu Ehren ein Dinner gegeben. Während des Essens wendet sich dem Häuptling dessen blondhaariger Tischnachbar zu. Ob ihm die Speisen und Getränke zusagten, will er wissen. Er fragt: „Hamham gut?“ und dann: „Gluckgluck gut?“ Der Häuptling, etwas überrascht, erwidert: „Hamham gut!“ und „Gluckgluck gut!“

Sodann wird er vom Veranstalter gebeten, ein paar Worte an die Runde zu richten. Der Häuptling erhebt sich und hält in ausgewähltem, akzentfreiem Deutsch eine kleine Tischrede, in der er darstellt, dass die gewährte Entwicklungshilfe gut verwendet werde und er sicher sei, dass sein Stamm in naher Zukunft wirtschaftlich florieren werde. Nachdem er sich wieder gesetzt hat, dreht sich der Häuptling seinem Tischnachbarn zu, der die Rede mehr konsterniert als beschämt verfolgt hatte, und fragt: „Blabla gut?“

Der Sketch war damals ein Erfolg. Heute liefe er ins Leere. Denn auf Dinner-Gesellschaften fände man kaum noch Teilnehmer wie den Blondhaarigen. Ein Afrikaner würde respektvoll behandelt. Man würde vielleicht fremdeln, Herablassung aber gehört sich nicht mehr. Ein Fortschritt. Es gibt aber auch eine andere, nicht offen rassistische Form der Herablassung: die freundliche. Dann bringt man einem Schwarzen Anerkennung entgegen, weil er ein Schwarzer ist. In wohlmeinenden Kreisen ist diese Haltung recht weit verbreitet. Man gibt einem schwarzen Autor Kredit und hält seine Ansichten für bemerkenswert, weil sie ein Schwarzer äußert. Und schaut geflissentlich nicht sonderlich aufmerksam und kritisch hin. Auch das ist – ins Positive gewendet – eine Form von Rassismus.

Ein Beispiel dafür ist die Art, wie in Deutschland mit dem Werk des in Kamerun geborenen und heute in Südafrika lebenden Historikers und politischen Philosophen Achille Mbembe umgegangen wird. Er ist weltweit vernetzt, häufiger und gern gesehener Konferenzgast, auch in Deutschland. Seine Bücher erscheinen im renommierten Suhrkamp Verlag. Mit drei reputierlichen Preisen ist er in den vergangenen Jahren ausgezeichnet worden: dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Gerda Henkel Preis sowie dem Ernst-Bloch-Preis. Hochrangige Repräsentanten aus Politik und Kultur haben ihn und sein Werk emphatisch gewürdigt. Schaut man indes genauer hin, stellt sich bald die Einsicht ein: Achille Mbembe ist zwar eloquent und wortmächtig, aber alles andere als ein seriöser Autor und Forscher. Warum wurde er zum Liebling der Stiftungen, der Kulturbürokratie, der Eventkultur und des kulturlinken Milieus?

Achille Mbembe kam in Deutschland zuletzt ins Gerede, weil ihm vorgeworfen wurde, er unterstütze die BDS-Bewegung und sei antisemitisch. Davon soll hier nur ganz am Rande die Rede sein. Es wird um die Stichhaltigkeit, Kohärenz und Überzeugungskraft von Mbembes Thesen und Argumenten gehen. Auf Einladung von Intendantin Stefanie Carp hätte Mbembe am 14. August in Bochum die diesjährige Ruhrtriennale mit einem Vortrag eröffnen sollen. Dieser entfiel, wie die gesamte Ruhrtriennale, wegen der Corona-Pandemie. Der Vortrag erschien jedoch, leicht bearbeitet, in der Süddeutschen Zeitung. Er ist aufschlussreich, weil der Autor sich hier situationsbedingt verbindlicher gibt als in seinen Büchern und weil man die Rede dennoch wie wie eine Einführung in sein Werk lesen kann.

Von welchem Staat und welcher Gesellschaft spricht Mbembe denn, wenn er seine Horrorszenarien an die Wand malt?

Mbembe beginnt mit der aktuellen Situation, mit Covid-19. Er sagt: Die Pandemie, der bald weitere Pandemien folgen würden, habe die alte Ahnung bestätigt, dass das Fundament, auf dem die menschliche Zivilisation beruht, fragil ist. Es gebe keine Sicherheit, der Menschheit sei es nicht gelungen, jenes Gleichgewicht herzustellen, in dem alle Menschen, ja alle Lebewesen dieser Erde auskömmlich und in Frieden miteinander leben könnten. Nach diesem globalen und etwas pastoralen Einstieg kommt Mbembe dann schnell zu seiner Sache. Im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, sagt er, setze sich fort, was seit dessen Frühzeit schon der Fall war. Der wirtschaftliche Aufschwung des Westens, seine neuen Genüsse vom Kaffee bis zum Zimt, die Verfeinerung der Sitten und die demokratische Gleichheit aller Bürger seien nur möglich geworden durch die dunkle Kehrseite all dessen: die Sklaverei, den Kolonialismus, die brutale Unterwerfung der „Anderen“, die Lager. Durch Gewalt.

Daran habe sich, so Mbembes These, bis heute nichts geändert. Als Beispiel führt er die Covid-Pandemie an. Im Namen einer gnadenlosen Effizienzlogik werde nun entschieden, wer überleben dürfe und wer nicht. „Was ist das für ein Staat“, fragt Mbembe rhetorisch, „der sich, statt die Gesellschaft zu verteidigen, gegen seine Bevölkerung wendet?“ Für den die Gesellschaft und der Mensch keine Autonomie an sich mehr haben, sondern „schlicht ein Appendix des Marktes“ geworden seien. Der die Wirtschaft wieder hochfährt, „koste es, was es wolle, notfalls auch zum Preis einiger Menschenleben“. Der sich das Recht herausnimmt zu entscheiden, „wer eliminiert werden kann, damit die Masse überlebt“. Der die wirtschaftlich Schwachen für „überflüssig“ hält und deswegen so skrupellos ist, „sie gleich sterben zu lassen“. Dessen Logik „sich in eine eliminatorische, eine Logik der Auslöschung verwandelt“. Immer wieder kommt Mbembe darauf zurück: Im Ernstfall zählen – weltweit – weder Menschenrechte noch Menschenleben, sondern allein ein mörderisches Effizienzprinzip und rücksichtslose Gewaltbereitschaft.

Man fragt sich, von welchem Staat und welcher Gesellschaft Mbembe da spricht. Ist von Europa, von Amerika, von Asien oder von Afrika die Rede? Der Leser wird es nicht herausfinden, denn Mbembe bleibt hier – wie in allen seinen Schriften – sehr vage. Fast immer fehlen Namen, Orte, Städte, Verantwortliche. Stets sind anonyme Kräfte am Werk. Mal hat man den Eindruck, er attackiere das alte Europa, mal meint man, er spreche von den post-kolonialen Gesellschaften Afrikas und Asiens. So kommt es, dass man Mbembe nie festlegen kann.

Haltlose Thesen, bösartiger Unsinn, bizarre Horrorszenarien und platter Antikapitalismus

Man könnte dem Autor mit Verweis darauf, wie in Europa – auch in Bergamo – mit dem Wert des einzelnen Menschenlebens umgegangen wurde, schnell die Haltlosigkeit seiner These vorhalten. Die Triage galt immer als Schrecken, und es war nach Ausbruch der Pandemie umgehend klar, dass alles nur Mögliche getan würde, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten, koste es, was es wolle. So gesehen, erzählt Mbembe schlicht bösartigen Unsinn. Der Autor würde darauf elastisch erwidern, für Europa möge das vielleicht gelten – aber in den armen und ärmsten Ländern würde Covid-19 viele Menschen ins Nichts stoßen. Denn sie stünden, sagte er in der Rede, vor einer furchtbaren Alternative: „Entweder sie befolgen die Anordnung, zu Hause zu bleiben, und verhungern oder sie pfeifen auf die Anordnungen und laufen Gefahr, sich anzustecken.“

Hier trifft Mbembe einen Punkt. Natürlich werden arme Länder mit einem schlechten Gesundheitssystem und einem schütteren oder gänzlich fehlenden Sozialstaat von der Pandemie viel härter getroffen als die entwickelte Industrie- und Sozialstaaten. Aber auch dort hat man – abgesehen vielleicht von Brasiliens Präsident Bolsonaro – nichts davon gehört, dass die Regierenden den Tod ihrer Bürger billigend in Kauf nehmen oder gar befördern. Mbembe entwirft ein hybrides Horrorszenario. Und deutet das tragische Dilemma, in das das Virus den Globus und besonders die ärmeren Staaten, geschleudert hat, im Sinne eines platten Antikapitalismus um.

Eher mehr als minder deutlich legt der nahe: Die Pandemie kommt dem entfesselten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts gerade gelegen, um sein Programm der Eliminierung der „Überflüssigen“, der „Trennung“, der „Auslöschung“, der „Vernichtung der und des Anderen“ und der Zementierung eines neuen, globalen Kolonialismus noch hemmungsloser voranzutreiben als bisher. Man kann es nicht anders sagen: Das sind exzentrische, verrückte Behauptungen, die die globale Covid-Wirklichkeit, wenn überhaupt, dann in vollkommen verzerrter Weise abbilden. Mbembe kann solchen Unsinn nur behaupten, weil er die Realität hochmütig nicht zur Kenntnis nimmt. Etwa die Tatsache, dass die Pandemie nicht nur die reichen, sondern auch die armen Länder zu einer erstaunlichen Entschlossenheit veranlasst hat, Menschen zu retten ohne auf die Kosten zu sehen.

Die ausweglose Hölle des Mbembe

Der Vortrag, mit dem Achille Mbembe die Ruhrtriennale eröffnen wollte, wandte sich an ein deutsches Publikum. Wohl deswegen hat er seine Grundthesen darin nicht in aller Konsequenz ausgebreitet. Um diese zu erkennen, lohnt ein Blick auf sein eigentliches Werk. Da er in all seinen Büchern die immer gleichen Thesen variiert, soll hier pars pro toto nur eines in Augenschein genommen werden: seine im Original 2016 erschienene Studie „Politik der Feindschaft“. Mbembe stellt sich in die Tradition von Autoren wie Aimé Césaire oder Frantz Fanon, die Afrika und seine koloniale Leidensgeschichte ins Licht der Weltöffentlichkeit befördern wollten. Wie diese geht er vom Skandal der Nichtbeachtung des „vergessenen Kontinents“ aus. Er schreibt: „Das Buch will von Afrika aus einen Beitrag zur Kritik unserer Zeit leisten.“

Aus diesem Blickwinkel fällt – zu Recht – kein gutes Licht auf die demokratischen Gesellschaften Europas und Amerikas. Die USA, so Mbembe, verkörperten von Anfang an einen Widerspruch, der ihren universalistischen Anspruch schwer beschädigte und noch immer beschädigt: Sie waren eine Demokratie und ein Sklavenhalterstaat. Bürgerfreiheit und brutale Unterdrückung gingen Hand in Hand. Und das gelte, so Mbembe, mehr oder minder für alle westlichen Gesellschaften. Freiheit, Demokratie, Luxus und die Verfeinerung der Sitten konnten sich, schreibt Mbeme, nur auf der Basis des Kolonialismus und seiner Gewalt entwickeln.

Niemand kann bestreiten, dass es diesen Zusammenhang zwischen europäisch-amerikanischem Wohlstand und dem Kolonialismus gab. Mbembe geht aber einen entscheidenden Schritt weiter. Er behauptet: „Als Sprössling der Demokratie bildete die koloniale Welt keine Antithese zur demokratischen Ordnung. Sie war von jeher deren Doppelgängerin oder deren Nachtseite.“ Und dann: „Es gibt keine Demokratie ohne ihre Doppelgängerin, ihre Kolonie.“ Und das, wiederholt er vielfach, sei im 18., im 19., im 20. Jahrhundert so gewesen – und gelte ungebrochen auch heute noch.

Extremistisches Hassgeschwafel

Damit sagt Mbembe: ohne Kolonialismus, ohne Gewalt, ohne eine permanente Politik der Trennung und Auslöschung (seine Begriffe sind häufig derart unscharf) kann es Demokratie nicht geben. So kommt er zu der Behauptung, dass „die Ähnlichkeiten zwischen Markt und Krieg niemals so deutlich waren wie heute“. Es gebe kaum eine liberale Demokratie, „die heute nicht an Kriegsbegeisterung appellierte“. Wir lebten, sagt er, „in einer Zeit großer Brutalität, in der alle Welt mit der Kettensäge mordet“. Das triebhafte Bedürfnis nach Feinden sei „nicht mehr bloß ein soziales Bedürfnis. Es ist gleichsam ein anales ontologisches Bedürfnis.“ Überall auf der Welt zielten „Gesetze, Erlasse, Hausdurchsuchungen, Kontrollen, Sondergerichte und andere Notstandsmaßnahmen darauf ab, eine Kategorie pauschal Verdächtiger zu produzieren“. Die Welt, wie Mbembe sie sieht, ist eine ausweglose Hölle.

Es gibt diese Gewalt, auch heute noch. Doch Mbembe totalisiert sie, sie ist immer und überall. Er wägt nicht ab, es gibt bei ihm keine Ambiguitäten, keine Nuancen, keine Fortschritte. Und abgesehen von der rauschhaften, vernebelnden Begrifflichkeit, derer er sich bedient – gänzlich falsch liegt er dort, wo er den liberalen Demokratien grundsätzlich die Fähigkeit abspricht, sich vom dunklen Erbe des Kolonialismus zu lösen. Es gibt, vielleicht mit Ausnahme Belgiens, kein europäisches Land, das sich heute seiner kolonialen Schuld nicht wenigstens ansatzweise bewusst und das nicht willens wäre, die Gesellschaften Afrikas als gleichberechtigt anzuerkennen.

Man mag dem deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) alles Mögliche vorwerfen – aber gewiss ist er von dem Auftrag durchdrungen, den afrikanischen Gesellschaften auf dem Weg in eine bessere Zukunft zu helfen. Mbembe schreibt: „Die westlichen Länder, die Eingeweide von allerlei Gasen gebläht, (stellen) den Rassismus in den Dienst aller möglichen mehr oder weniger verrückten und mehr oder weniger mörderischen Geschichten“. In einem wie Minister Müller einen solchen mörderischen Rassisten zu sehen: Das ist nicht nur völlig daneben und bizarr – es ist extremistisches Hassgeschwafel.

Afrozentrismus und Ressentiments gegenüber der liberalen Demokratie

Die liberale Demokratie ist, anders als Mbembe meint, keine Münze, deren eine Seite die westliche Freiheit ist und deren andere, dunkle Seite die strukturelle Gewalt. Demokratien können sich von ihren dunklen Traditionen lösen, tun das auch. Und sie können es tun, weil der demokratische Gedanke jenem Universalismus folgt, den Mbmebe gerne verspottet. Demokratien haben den Hang, sich selbst ernst zu nehmen. Deswegen merken sie über kurz, leider oft auch über sehr lang, wenn sie sich gegen die Ideen des Universalismus versündigen – etwa gegen die Idee, dass alle Menschen gleichwertig sind und gleiche Rechte haben. Die Kraft, das zu ändern, ist ihnen gewissermaßen eingebaut. Sie können sich von ihrem Bösen trennen.

Diese Bewegung setzte schon früh ein: Kaum waren die spanischen Konquistadoren in die Neue Welt eingedrungen, folgten ihnen Geistliche und Theologen – zum Beispiel Bartolomé de Las Casas – auf dem Fuß, die mit Verve auf der Gottesebenbildlichkeit auch der Indigenen bestanden. Weswegen sie als Menschen behandelt werden müssten. Und als gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Kaiserreich in seiner kurzen kolonialen Phase Massaker in Afrika beging, waren es Abgeordnete des Deutschen Reichstags – zum Beispiel Matthias Erzberger –, die diese Untaten auf die politische Agenda setzten.

Achille Mbembe wischt das nicht weg, er nimmt es gar nicht erst zur Kenntnis. Er kann oder will nicht hoffen, dass Afrika und Europa es lernen werden, von gleich zu gleich miteinander umzugehen. Und so setzt er dem alten Eurozentrismus eine Art Afrozentrismus entgegen, auch gestützt auf die ethnologische Erkenntnis, dass Afrika wohl die Wiege der Menschheit war. Afrika ist für ihn überall, Afrika überstrahlt alles.

Die eigentliche Wahrheit der modernen Welt ist für ihn dies: Plantagen, Erz- und Goldminen, Trennung, Zäune, Mauern, Ausrottungsphantasien, Konzentrationslager, Apartheidregime und die Vernichtung der europäischen Juden. Letztere leugnet er nicht. Sie ist für ihn aber nur ein besonderer Fall einer allgemeinen Geschichte moderner Auslöschung, ein Beispiel unter anderen. Damit behauptet er letztlich, dass der Holocaust ein Produkt der liberalen Demokratie war. Er bestreitet das spezifisch antisemitische Motiv, den Antijudaismus. In liberalen Demokratien, die ihre Prinzipien ernst nehmen, gibt es keine Pogrome und wenn doch, dann werden sie schnell erstickt. Dass Mbembe das bestreitet, zeigt, dass er kein Freund der Demokratie ist.

Ein Foucault für Arme im Geiste

Achille Mbembe ist ein intellektueller Verwirrer. Seinem überhitzten Werk fehlt der Ernst. Freihändig wirft er ständig mit absichtsvoll ungenauen, trennschwachen Begriffen aus der intellektuellen Küche der französischen dekonstruktivistischen Schule um sich – wie ein Foucault für Arme im Geiste. Sein schrilles Werk erregt Aufsehen, es fehlt ihm aber an Substanz und denkerischer Stringenz. Sein Geschäft ist die profitliche Publikumsbeschimpfung – insbesondere dann, wenn dieses Publikum aus westlichen Ländern stammt. Weiße Frauen und Männer haben angesichts der kolonialen Geschichte ihrer Länder oft ein schlechtes Gewissen. Dieses bewirtschaftet Achille Mbembe. Und je wüster und aggressiver seine Attacken ausfallen, umso mehr Beifall findet er.

Als Achille Mbembe vor zwei Jahren der Gerda Henkel Preis verliehen wurde, hielt Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik beim Bundesminister des Auswärtigen, die Laudatio. Sie sagte unter anderem: „Für mich und alle, die sich nicht scheuen, genauer hinzusehen, ist Achille Mbembe ein Lichtmacher aus Afrika. (…) Aus einem Ansprechpartner, einem streitbaren Gast, ist ein Freund im Geiste geworden.“

Und auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) fand in diesem Jahr ebenfalls lobende Worte für das Werk Mbembes. Sie sollten vielleicht nachlesen, was Mbembe über den Zustand der Welt schreibt, die westliche ausdrücklich eingeschlossen. Wir leben, meint er, im Zeitalter „eines schamlosen Nanorassismus“. Und dieses sei „in Wirklichkeit das eines schmutzigen Rassismus, dreckig und dem Spektakel von Schweinen ähnlich, die sich im Schlamm suhlen“. Zudem würden „der Wunsch nach Feinden, der Wunsch nach Apartheid und die Ausrottungsphantasie die demokratischen Regime allenthalben zwingen, aus dem Mund zu stinken und in ihrem hartnäckigen Delirium wie Betrunkene zu leben“.

Sollten Frau Müntefering und Frau Grütters tatsächlich der Meinung sein, der „Lichtmacher“ und „Freund im Geiste“ liefere damit eine zutreffende Charakteristik eines Staates wie der Bundesrepublik Deutschland, dann müssten sie, um ihre Integrität zu bewahren, augenblicklich den Dienst für diesen „Schweinestaat“ quittieren.

Umgeklappter Rassismus, Selbstverachtung und Heuchelei

Achille Mbembe ist der Komplize und Profiteur eines umgeklappten Rassismus. Er hilft nicht Afrika, wohl aber sich selbst. Wie konnten sich namhafte Politiker und Institutionen dafür hergeben, ihn zu fördern und zu preisen? Hat man in den Gremien nicht gelesen und gemerkt, wie wirr und eklektisch seine Schriften sind? Vermutlich hat man so genau nicht hingesehen. Man nahm ihn weder beim Wort noch ernst. Das ist ein Beispiel für eine allgemeinere Tendenz: Die Gesellschaften Europas wertschätzten sich und ihren unter Schmerzen errungenen Wertekanon nicht wirklich.

Von weit rechts her werden Humanismus und Universalismus als die Ersatzreligion der Schwachen schon immer verhöhnt. Aber auch von links, auch in den besseren kulturlinken Kreisen ist es längst üblich, über den Humanismus zu spotten. Und ihn für einen dünnen Zuckerguss zu halten, der die neoliberale Profitgier und den gnadenlosen Egoismus der bloß dem Wortlaut nach liberalen Demokratie nur notdürftig überdeckt.

Wer so denkt und empfindet, dem kommt der mit dem „postkolonialen“ Glorienschein ausgestattete Achille Mbembe gerade recht, das Lied von der Verkommenheit des Westens anzustimmen. Dazu passt erstaunlicherweise gut, dass diese sanften Flagellanten in der Regel keinesfalls bereit sind, auf die materiellen und symbolischen Vorteile der westlichen Versorgungs- und Eventgesellschaft zu verzichten. Da sind dann Fundamentalkritik und Nutznießerei tatsächlich zwei Seiten derselben Münze.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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