Medvedev und Thiem im vorweggenommenen Endspiel der US Open

Von Jürgen Fritz, Do. 10. Sep 2020, Titelbild: YouTube-Screenshots

Daniil Mevedev und Dominic Thiem, die Nr. 1 und die Nr. 2 der Welt bei den Herren U33, sind die beiden herausragenden Spieler der US Open 2020. Am Freitag treffen die beiden im Halbfinale, im Grunde dem vorweggenommenen Endspiel aufeinander. Von 128 Spielern im Herreneinzel sind vier übrig geblieben. Zeit für ein Zwischenresümee.

Medvedev surft ohne Satzverlust ins Halbfinale

Eines vorab: Dominic Thiem und Daniil Medvedev sind die beiden besten Spieler der Welt bei den Herren U33, also der Generation nach Federer (Jahrgang 1981), Nadal (Jg. 1986) und Djokovic (Jg. 1987). Medvedev gehört seit gut einem Jahr zur absoluten Weltspitze, stand schon letztes Jahr nach einer unglaublichen Siegesserie im Finale der US Open und unterlag dort nach einem Wahnsinns-Endspiel nur hauchdünn Rafael Nadal in fünf Sätzen. Bei den US Open 2020 marschierte der 24-jährige Russe als einziger der acht Viertelfinalisten ohne Satzverlust durch die ersten vier Runden, traf gestern Abend (MESZ) auf den bärenstarken Andrey Rublev. Der 22-Jährige, bisher die Nr. 14 der Welt, der nun an den Top-Ten anklopfen wird, hat sich 2019 und 2020 nochmals deutlich verbessert. Aber Medvedev schaltete seinen Landsmann, den er seit Kindertagen gut kennt, erneut ohne Satzverlust mit 7:6, 6:3, 7:6 aus.

Spielerisch war Rublev ganz nah an der Nr. 5 der Welt dran, aber mental ist Medvedev so unglaublich stark, dass er im Tiebreak des ersten Satzes einen 1:5 und 3:6-Rückstand drehen konnte und den Tiebreak doch noch mit 8:6 gewann. Hier zeigte Rublev klar Nerven und das machte den Unterschied aus. Nach nur 2:27 h stand der Sieger fest, der im gesamten Match keinen einzigen Breakball zuließ. Er selbst benötigte dann im zweiten Satz nur eine einzige Breakchance, die er sofort konsequent nutzt, um mit 4:2 und dann 5:2 davonzuziehen und den Satz mit 6:3 zu gewinnen. Im dritten Satz ging es erneut in den Tiebreak und wieder hatte der knapp zwei Jahre Ältere die Nase vorn, gewann auch diesen hauchdünn mit 7:5.

Der Vorjahrefinalist schlug im gesamten Match 97 mal auf, servierte 16 Asse und machte zu 89 Prozent den Punkt, wenn der erste Aufschlag im Feld war. Selbst mit seinem zweiten Service machte er 65 Prozent der Punkte. Das sind sensationell gute Werte. Insofern nutzte es Rublev nichts, dass er selbst seine Aufschlagspiele bis auf ein einziges ebenfalls ganz souverän durchbrachte und über weite Strecken sehr gut mithalten konnte. In den entscheidenden Momenten, war sein Landsmann, der nicht nur spielerisch, sondern auch nervlich unglaublich stark ist, der Bessere. Damit steht Medvedev tatsächlich ohne Satzverlust mit einer 15:0-Bilanz im Halbfinale, trifft dort auf den zweiten überragenden Spieler des Turniers, die Nr. 3 der Welt Dominic Thiem.

Thiem wirkt noch stärker als vor der Corona-Pause

Der Österreicher schlug in der Nacht (MESZ) noch klarer den vielleicht nicht ganz so starken Australier Alex De Minaur, die Nr. 28 der Welt, in nur 2:04 h mit 6:1, 6:2, 6:4, wobei das Ergebnis der Leistung des 21-Jährigen nicht ganz gerecht wird. Dieser spielte nämlich durchaus sehr gutes Tennis und zeigte bis zum Schluss massive Gegenwehr. Thiem war aber einfach stärker und ließ auch im dritten Satz, als De Minaur mit 4:3 in Führung ging, keine Spielwende zu, erhöhte seinerseits noch einmal das Tempo und den Druck auf seinen Gegner. Dominic ist genau wie Medvedev derzeit voll da, das wurde auch in diesem Match wieder deutlich.

Der 27-jährige musste in den ersten fünf Runden ebenfalls nur 15 Sätze spielen, Bilanz: 14:1. In der ersten Runde gab sein Gegner nach nur zwei Sätzen verletzungsbedingt auf und in der dritten Runde gab Thiem einen Satz gegen Cilic, den US Open-Champion von 2014, ab. Alle anderen Matches gewann auch er in 3:0-Sätzen. Sowohl Medvedev als auch Thiem haben also bisher wenig Energie gelassen und dürften einigermaßen frisch ins Halbfinale am Freitag gehen.

Zum Vergleich: Carreno Busta und Zverev, die gestern schon ins erste Halbfinale einzogen, haben in den ersten fünf Runden jeweils vier Sätze abgegeben, wobei es bei dem Spanier ja eigentlich nur vier Matches plus der eine Satz gegen Djokovic war, der nicht mehr ganz zu Ende gespielt wurde. Seine Satzbilanz beträgt 13:4, die von Zverev 15:4.

Medvedev – Thiem ist das vorweggenommene Endspiel, beide wären ein würdiger Grand Slam-Sieger

Carreno Busta und Zverev treffen morgen im ersten Halbfinale aufeinander. Hier dürfte der Deutsche sehr gute Chancen haben, ins erste Grand Slam-Finale seiner Karriere einzuziehen. Das wäre nach seiner Halbfinal-Teilnahme bei den Australian Open Ende Januar, Anfang Februar dieses Jahres ein riesiger Erfolg für den 23-Jährigen. Die Nr. 7 der Weltrangliste spielt aber, das muss man ganz klar konstatieren, derzeit nicht auf dem Niveau von Medvedev und Thiem.

Sollten diese gesund bleiben, könnte das zweite Halbfinale der Höhepunkt des Turniers werden und ist im Grunde ein bisschen das vorweggenommene Endspiel. Für mich sind Thiem und Medvedev die zwei derzeit besten Spieler der Welt U33 (unter 33 Jahre). Die Nr. 3 gegen die Nr. 5 der Weltrangliste wäre nach der Absage von Federer (4) und Nadal (2) sowie der Disqualifikation von Djokovic (1) auf jeden Fall auch ein würdiges Endspiel gewesen.

Sowohl Thiem, der schon drei Grand Slam-Endspiele erreichte und dreimal verlor (zweimal gegen Nadal bei den French Open 2018 und 2019, einmal gegen Djokovic bei den Australian Open 2020), als auch Medvedev, der letztes Jahr das US Open-Finale gegen Nadal ganz knapp verlor, wären jetzt beide dran. Sie spielen bei diesem Turnier überragend und wenn einer der beiden die US Open gewinnen sollte, wäre dieser Triumph trotz des Fehlens der Big Three mit kaum einem Makel versehen. Ich würde es beiden gönnen. Sie sind die beiden besten Spieler der Next Generation ab Jahrgang 1990.

Zwischenresümee der US Open 2020

128 Spieler waren im Herren- und auch im Dameneinzel letzte Woche Montag an den Start gegangen. Vier davon sind jeweils übrig geblieben. Zeit für ein erstes Zwischenfazit:

Erstens: Die Zuschauer fehlen, aber lieber Tennis ohne Zuschauer als gar kein Tennis.

Zweitens: Vor dem Turnier wirkte Novak Djokovic, der fünf der letzten sieben Grand-Slam Tournaments gewann und 2020 noch stärker spielte als in der zweiten Jahreshälfte 2018 und 2019, nahezu unbesiegbar. Fast alle dachten: Wenn dann kann der Djoker sich eigentlich nur selbst schlagen. Das tat er dann aber auch sehr souverän.

Drittens: Medvedev und Thiem spielen derzeit bärenstark, wären in dieser Form auch für die Big Three brandgefährlich. Und beide wären ein würdiger Grand Slam-Sieger. Schade, dass sie schon im Halbfinale und nicht erst im Endspiel aufeinander treffen. Bei den Buchmachern liegen die beiden auch klar vorn, wenn es um die Frage geht, wer Turniersieger wird. 75 Prozent tippen auf einen der beiden, wobei beide fast gleich stark eingeschätzt werden. Nur 25 Prozent tippen auf die beiden Spieler in der oberen Tableauhälfte:

  1. Daniil Medvedev: 38,5 % (bei 100 € Einsatz ==> 237 €)
  2. Dominic Thiem: 36,5 % (250 €)
  3. Alexander Zverev: 20,2 % (450 €)
  4. Pablo Carreno Busta: 4,8 % (1.900 €)

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