Sein zum Tode und der Wunsch nach Unsterblichkeit

Von Jürgen Fritz, Di. 24. Nov 2020, Titelbild: Screenshot aus Der Stadtneurotiker

Der Tod sei gar kein Übel, meinte Epikur in seinem berühmten Argument. Doch stimmt das wirklich? Ist er nicht genau das eben doch? Der Tod gleicht letztlich einem gigantischen Raub. Wir werden unseres eigenen Daseins beraubt. Dieses wird uns früher oder später weggenommen. Und wir haben schon früh ein Bewusstsein davon, dass dies unvermeidlich ist. Wie damit leben?

Der Wunsch nach Untersterblichkeit ist nicht nur rational, er ist absolut nachvollziehbar

„Zwei uralte Damen sitzen in einem Hotel mit Vollpension. Sagt die eine zur andern: ‚Wissen Sie, ich finde das Essen hier einfach katastrophal.‘ Sagt die andere: ‚Ja, stimmt. Und diese winzigen Portionen!'“ 

Diesen Witz lässt Woody Allen in seinem Meisterwerk Annie Hall (Der Stadtneurotiker) von 1977, die vielleicht beste Liebesromanze seit und nach Casablanca seine Hauptfigur Alvy Singer gleich zu Beginn des Films in die Kamera erzählen. Und Alvy fährt fort: „Wenn Sie mich fragen, so sehe ich im Wesentlichen das Leben.“ Was für eine Metapher über unser Dasein! Es schmeckt irgendwie nicht so richtig, dennoch ist es viel zu kurz und wir können nie genug davon bekommen.

Daran lassen sich viele philosophische Fragen anschließen, insbesondere die Frage, ob Unsterblichkeit wirklich wünschenswert wäre und ob der Tod ein Übel für uns selbst darstellt. Philosophen versuchen oft, Unsterblichkeit als etwas gar nicht Wünschenswertes darzustellen oder wollen zeigen, dass der Tod gar kein Übel für uns wäre.

Das berühmte Epikur-Argument – solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr, können dann also nicht unter unserer Nicht-mehr-Existenz leiden – versucht, die zweite Frage zu verneinen. Allein es greift meines Erachtens zu kurz und ist nicht wirklich überzeugend. Das alles wirkt irgendwie wie aus der Verzweiflung geboren, der man mit Hilfskonstruktionen irgendwie zu entfliehen versucht, indem man das eigentliche Problem weg reden möchte. Dieses lässt sich aber nicht weg reden, auch nicht weg argumentieren. Der Wunsch nach Untersterblichkeit ist, wie ich meine, nicht nur rational, er ist absolut nachvollziehbar.

Der Tod stellt einen gigantischen Raub dar und wir haben ein Bewusstsein davon, dass uns dies früher oder später ereilen wird

Denn unser Tod stellt nichts Geringeres dar als einen gigantischen Raub. Wir werden unseres Lebens, unseres kompletten Daseins beraubt. Und wir haben ab einem bestimmten Zeitpunkt unserer geistigen Entwicklung ein Bewusstsein davon, dass dieser Raub unvermeidlich ist, dass er jeden von uns früher oder später ereilen wird. Dass es keine Möglichkeit gibt, dem zu entfliehen.

Wir können unseren Tod manchmal ein wenig hinauszögern, wir können ihn aus Trotz oder als Zeichen unserer Nichtunterwerfung und Freiheit vorzeitig herbeiführen, um so die Kontrolle über unser Ende selbst in der Hand zu haben, ihn vermeiden, ihm ausweichen können wir nicht. Was für eine Ungeheuerlichkeit! Wie soll man mit diesem Wissen um die eigene Endlichkeit leben? Deswegen ist es übrigens auch so schlimm, wenn Menschen schon in jungen Jahren oder gar als Kind sterben. Das erschüttert uns meist zutiefst. Weshalb? Weil sie dann quasi fast ihrer ganzen ohnehin schon sehr begrenzten Lebenszeit auch noch zum Großteil beraubt wurden.

Epikur übersieht das Wesentliche: Wir wollen nicht unseres Lebens beraubt werden

Die Antwort von Epikur, wenn wir tot sind, können wir ja unser Leben gar nicht mehr vermissen, weil wir nicht mehr existieren, und anderen hierauf ist keine befriedigende Antwort, weil sie das Wesentliche übersieht: Wir wissen ja schon vorher, was auf uns zukommt. Das Reh, der Fuchs, der Delphin, die Eidechse und das Eichhörnchen wissen nicht um ihre Vergänglichkeit. Sie können gedanklich in der Zeit nicht soweit vorausgehen, empfinden daher nicht schon Monate oder Jahre zuvor eine essentielle Furcht vor diesem Raub. Wir aber haben ein Bewusstsein davon und können weit über den Moment hinausdenken, auch bis zu unserem eigenen Nicht-mehr-sein.

Die meisten Menschen wollen aber nicht ihres Lebens beraubt werden. Nicht jetzt und auch nicht später. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit stellt eine ungeheure metaphysische Kränkung dar. Wie damit fertig werden?

Menschen wollen Hoffnung und Trost – das bekommen sie von den Religionen

Moderne Philosophen wissen anders als noch Platon (427 bis 347 v.u.Z.) mit seiner Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, welche das Christentum rezipierte und aufnahm, auf diese Kränkung keine wirklich tröstliche, noch viel weniger eine hoffnungsvolle Antwort zu geben. Platons fünf Beweise für die Unsterblichkeit der Seele sind alle fünf mehrfach widerlegt.

Schon Aristoteles (384 bis 322 v.u.Z.), der berühmte Schüler Platons und ihm vergleichbar wirkmächtige Denker, hatte an der Unsterblichkeit der Seele seine Zweifel und glaubte das im Grunde schon nicht mehr. Sein wohl realistischeres Seelenmodell sieht die menschliche Seele bereits als etwas Vergängliches. Heute wissen wir, dass alle fünf Unsterblichkeitsbeweise der Seele von Platon fehlerhaft sind und im Grunde kann die Philosophie hier nichts anbieten, was Menschen in ihrem diesbezüglichen Grundbedürfnis nach Dauerhaftigkeit der eigenen Existenz zufrieden stellen könnte.

Religionen (metaphysisch spekulative Weltanschauungen) können das. Sie haben hier etwas anzubieten. Deshalb sind sie der Philosophie in diesem Punkt überlegen und daher sind sie im Vergleich zu dieser, was die Breitenwirkung anbelangt, so viel erfolgreicher. Sie können den Menschen etwas geben, wonach diese mehr dürsten als nach wahrscheinlich allem anderen.

Denn Menschen wollen nicht des Lebens endgültig beraubt werden. Sie wollen Hoffnung und Trost. Für sich selbst und für andere. Für die, die sie lieben und nicht verlieren wollen oder schon verloren haben. Sie wollen hoffen dürfen, dass dieser Verlust kein endgültiger ist. Und sie wollen Hoffnung für sich selbst. Sie wollen leben – am liebsten mit dem Körper in seinen besten Jahren – und das nicht nur eine relativ eng begrenzte Dauer.

Letztlich wollen wir leben und nicht tot sein, die Philosophie aber hat hier nicht wirklich etwas anzubieten

Weil Philosophen hier nicht wirklich etwas anzubieten haben, neigen sie bisweilen dazu, ein Ideal zu entwerfen, wie man ein Sein zum Tode sinnvoll leben kann. Montaigne meinte sogar, Philosophieren hieße sterben lernen. Was aber bleibt, ist die durchaus rationale, nachvollziehbare Angst vor dem eigenen Nicht-mehr-sein, vor der Auslöschung der eigenen Existenz. Man kann vielleicht reifen und lernen, mit dieser Angst heldenhaft zu leben, auch heldenhaft zu sterben, sich quasi ins Unvermeidliche fügen und darin Größe zeigen. Zuvor kann man den eigenen Tod verdrängen, solange es geht. Das alles aber ist letztlich doch ein gewisser Selbstbetrug. Letztlich wollen wir leben und nicht tot sein.

Hätten wir die freie Wahl, so würde kaum einer, so er nicht dauernd schreckliche Schmerzen zu erleiden hat oder vollkommen depressiv ist und sich total überfordert fühlt, den Tod wählen, sondern fast jeder das Leben und zwar dauerhaft. Unsterblichkeit ist offensichtlich ein erstrebenswertes Gut, ja ein Traum der Menschen seit Jahrtausenden. Vielleicht wurden genau aus diesem Bedürfnis heraus die metaphysisch spekulativen Weltanschauungen, die Religionen entwickelt. Vieles spricht dafür.

Diesen Wunsch nach ewigem Leben zu leugnen, weg zu reden oder den Tod schön zu reden, gleicht, wie gesagt, einem Selbstbetrug. Man versucht, sich mit dem Unvermeidlichen irgendwie zu arrangieren und dem irgendwie etwas Gutes abzugewinnen. Dabei stellt sich aber eine Frage: Wie wahrhaftig ist das? Denn eines sollte Philosophie nie tun: betrügen. Weder sich selbst noch andere. Philosophie sollte sich vielleicht ehrlich machen und zugeben, dass sie hier nicht sehr viel anzubieten hat, außer eben einem: Ehrlichkeit. Diese aber setzt ein anderes voraus: die Liebe zur Wahrheit.

Humor als Alternativangebot: Über sich selbst lachen schafft Distanz, löst uns so aus inneren Verstrickungen, hebt uns aus ihnen heraus

Was in dieser Grundtragödie des menschlichen Daseins helfen könnte, ist aber vielleicht ein anderes, zu dem der Mensch wie kein anderes bekanntes Wesen fähig ist und Zugang hat: Humor. Humor ist übrigens genau das, was Woody Allen in die moderne filmische Liebesromanze wie kein anderer einführte. Genau das macht insbesondere seinen Stadtneurotiker, aber auch andere Filme wie Manhattan (1979) so großartig. Allen, der bereits 1972 in Mach’s noch einmal, Sam eine wirklich witzige kommödiantische Hommage an Humphrey Bogart in Casablanca drehte, schuf in den 1970ern mit seinen Liebeskommödien etwas völlig Neues, was das moderne Kino revolutionierte.

Allen gab keinerlei Antworten, zeigte uns keinen wunderbaren Helden wie den von Humphrey Bogart großartig gespielten Barbesitzer Rick Blaine. Aber er machte etwas anderes: Er zeigte uns den Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit und seiner Sehnsucht nach Liebe und brachte uns dabei zum Lachen. Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann berührten uns in Casablanca (1942) zutiefst und brachten uns zum Weinen. Woody Allen und Diane Keaton bildeten ein ganz anderes wunderbares Liebespaar. Sie brachten uns zum Lachen. Über sich selbst lachen schafft Distanz, löst uns so aus inneren Verstrickungen, hebt uns aus ihnen heraus.

Eine mögliche Antwort auf die Tragödie des Lebens: ein kluges, weises, ehrliches Lachen, ohne Selbstbetrug

Woody Allen verstand es schon früh, das Tragische und Schwere mit dem Kommödiantischen und Leichten, mit Humor, bei ihm vor allem mit ungeheurem Wortwitz zu verbinden und ständig zwischen beidem zu wechseln. Hier die richtige Balance zu finden, auf keiner der beiden Seiten abzugleiten, ist eine große Kunst. Damit nahm er, ohne das Tragische zu leugnen, ohne es weg zu reden, ohne billig und banal zu werden, dem Ganzen die Schwere – und das ohne Selbstbetrug.

Was also könnte so etwas wie Trost und Entschwerung schenken, ohne zu betrügen oder zu banalisieren? Vielleicht der Humor, das Lachen. Im Idealfall ein kluges, weises, wissendes, ein ehrliches Lachen.

Literaturempfehlung

Christian Weidemann: „Es kann nicht sein, dass ich sterben muss. Das wäre zu schrecklich.“ – Das Übel des Todes und die Hoffnung auf ewiges Leben

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