Um Muslime vor Stigmatisierung zu schützen: Vergewaltigung nicht angezeigt

Von Jürgen Fritz, Fr. 13. Mär 2026, Titelbild: WELT-Screenshot

In einem Jugendclub in Berlin kam es zu sexuellen Übergriffen auf eine 16-Jährige von bis zu acht Tätern. Das Mädchen soll sogar vergewaltigt worden sein. Die Vorwürfe waren Jugendclub und Jugendamt teils über Monate bekannt, ohne dass sie die Polizei informierten. Sie wollten nicht, dass die Täter als „typisch Muslime“ stigmatisiert werden.

16-Jährige wird im Januar von bis zu acht Tätern im Jugendclub sexuell belästigt

Das zuständige Jugendamt soll bereits seit Spätsommer 2025 darüber informiert worden sein, dass mehrere Mädchen sexuelle Übergriffe in dem Jugendzentrum in der Wutzkyallee in Berlin-Neukölln beklagt hatten. Das Bezirksamt zog daraus aber wohl keinerlei Konsequenzen.

Im Januar 2026 sollen dann acht Täter, im Alter von 15 bis 19 Jahre, ein türkisch-kurdisches Mädchen in einen hinteren Raum des Jugendklubs getragen haben. Dort hätten sie die 16-Jährige auf eine Couch geworfen und sich dann abwechselnd auf sie gelegt. Dabei sollen sie sexuell Bewegungen vollzogen und das Mädchen betatscht haben. Ein weiterer Junge habe dabei an der Tür Schmiere gestanden. Erst als eine Mitarbeiterin den Vorfall bemerkte, sollen die Täter von dem Mädchen abgelassen haben.

Im November soll sie im Jugendclub bereits vergewaltigt worden sein, anschließend wird sie auch von anderen bedrängt

Inzwischen ermittelt die Polizei gegen acht Jungen. Diese sollen bereits zuvor polizeibekannt gewesen sein, vor allem mit Jugendgruppengewalt. Später gab das Mädchen zu Protokoll, dass sie bereits im November 2025 abends im Garten des Jugendclubs vergewaltigt worden sei. Der mutmaßliche Täter soll zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt, also noch nicht volljährig gewesen sein. Er habe die Tat sogar gefilmt und der Schülerin sodann gedroht: „Ich will dich hier jeden Montag sehen, sonst schicke ich das deinen Eltern“, wie die BILD berichtet.

Anschließend habe der Täter anderen aus der Gruppe von der Vergewaltigung erzählt. Die anderen männlichen Jugendlichen sollen dann die 16-Jährige ebenfalls verfolgt haben. Es sei sogar von ihr verlangt worden, sie solle ihnen auch ihre 14-jährige Schwester zuführen. 

Jugendclub und Jugendamt wissen teils über Monate Bescheid, informieren aber nicht die Polizei, weil sie Muslime nicht stigmatisieren wollten

Nach Tagesspiegel-Recherchen „waren die Vorwürfe sowohl dem staatlich betriebenen Jugendclub als auch dem zuständigen Jugendamt des Bezirksamts teils über Monate bekannt. Selbst als die Einrichtung, das Jugendamt und sogar die Amtsleiterin Ende Januar vom Vorwurf der Vergewaltigung erfuhren, schalteten die Verantwortlichen die Polizei nicht ein und stellten keine Strafanzeige.“ Das Jugendamt habe sich Mitte Februar vielmehr aktiv dagegen entschieden, die Polizei einzuschalten. „Intern wurde das damit begründet, dass durch Ermittlungen die arabischstämmigen Jugendlichen stigmatisiert würden.“

Das Jugendamt hatte seit dem 28. Januar Kenntnis von den Vorwürfen, der Jugendclub noch früher. Kein einziger der Verantwortlichen informierte die Polizei. Man wolle „den Ball flach halten“, damit die mutmaßlichen Täter nicht pauschal mit der Aussage „typisch Muslime“ stigmatisiert würden. Auch sollte verhindert werden, dass bei einer Strafanzeige plötzlich alle Jungen aus dem Jugendclub pauschal von der Polizei verdächtigt würden. Stattdessen habe man sich dafür entschieden, die Tür des hinteren Raums auszuhängen und mit den Besucherinnen ein Safewort zu vereinbaren, das sie im Falle einer Bedrohung äußern könnten.

Ende Februar erstattet eine erfahrene Polizeibeamtin endlich Strafanzeige

Die sexuell genötigte und mutmaßlich vergewaltigte 16-Jährige „schaffte es dann nur mit externer Hilfe, sich ihren Eltern zu offenbaren“. Am 23. Februar habe dann eine erfahrene Polizeibeamtin aus Neukölln, die häufig mit sexuellen Belästigungen unter Jugendlichen und Erpressung mit Handyvideos zu tun habe, endlich Strafanzeige von Amts wegen erstattet. Für das Mädchen wurde eine Videovernehmung beim Landeskriminalamt organisiert, so dass sie nicht mehrfach aussagen muss und nicht retraumatisiert wird. Das Handy des der Vergewaltigung Beschuldigten wurde von der Polizei beschlagnahmt. Laut BILD soll der Vater der Schülerin auch Strafanzeige gegen Verantwortliche im Jugendclub und des Bezirks gestellt haben.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte auf Nachfrage lediglich, dass die Behörde das Verfahren am 26. Februar übernommen habe. „Weitere Auskünfte können zum Schutz der Ermittlungen derzeit nicht erteilt werden“. Ein Sprecher des Neuköllner Bezirksamts wollte den von BILD erhobenen Vorwurf, der Jugendclub habe zu der mutmaßlichen Vergewaltigung aus Sorge vor pauschaler Stigmatisierung der jugendlichen, muslimischen Tatverdächtigen intern „den Ball flach halten“ wollen, auf Nachfrage nicht bestätigen, wie der Tagesspiegel schreibt. Er habe jedoch zugegeben, dass weder Mitarbeiter des Jugendclubs noch das Jugendamt trotz Kenntnis der Vorwürfe die Polizei informiert oder Anzeige erstattet hätten. „Das Jugendamt hat keine Anzeige gestellt, da dem Jugendamt weder vom Opfer noch vom Täter die Namen bekannt sind“, erklärte der Sprecher des Bezirksamts. „Tatsächlich hat das Mädchen bei der Polizei die Tatverdächtigen genau benannt“, so der Tagesspiegel.

Jugendstaatsekretär: „Es ist ein Unding, dass hier offensichtlich die muslimischen Täter geschützt werden, um sie nicht zu stigmatisieren, und das Opfer wird im Stich gelassen“

Der Bezirksamtssprecher habe behauptet, dass der Jugendclub das Jugendamt unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschuldigungen, also im Januar, bis hin zur Amtsleiterin informiert habe. Die zuständige Neuköllner Jugendstadträtin Sarah Nagel (Die Linke) sei aber erst am 2. März informiert worden, erklärte die Behörde. Dass das Jugendamt keine Strafanzeige gestellt habe, sei „nach dem heutigen Kenntnisstand“ ein Fehler, sagte die linke Jugendstadträtin Nagel. Sie habe nun selbst noch einmal Strafanzeige gegen unbekannt erstattet – pro forma. Das aber erst als die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Verdächtigen bereits aufgenommen hat. Nagel habe eine Untersuchung der Vorfälle und des Umgangs des Jugendamtes damit veranlasst. Das sei ihr „ein persönliches Anliegen“, meinte sie nun. Die Vorfälle seien „erschütternd“. Ziel sei „eine lückenlose Aufklärung und vor allem wirksame Maßnahmen zum Schutz der Neuköllner Jugendlichen“, so Nagel weiter. Die Aufklärung werde extern begleitet, die Schutzkonzepte des Jugendclubs überprüft. Gegen die mutmaßlichen Täter sei für den Jugendclub ein Hausverbot ausgesprochen worden.

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) bestätigte laut Tagesspiegel den Fall und forderte am Mittwoch Aufklärung: „Die Polizei hat sofort reagiert und das sofort an das Landeskriminalamt übermittelt. Die Zusammenarbeit von Polizei, LKA und Staatsanwaltschaft hat sehr gut funktioniert“, so Spranger. „Was nicht funktioniert hat, müssen das Bezirksamt, die zuständige Stadträtin und die zuständige Senatsverwaltung aufklären. Aufklärung in diesem Fall wäre sehr wichtig.“

Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) sagte dem Tagesspiegel: „Ich habe vom Bezirksamt Informationen zu dem Fall angefordert. Wir erwägen eine Fallkonferenz, um die Abläufe zu überprüfen. Wir werden auch prüfen müssen, ob wir aufsichtsrechtliche Maßnahmen einleiten.“ Liecke kündigte zudem an, mögliche strafrechtliche Konsequenzen im Hinblick auf Verstöße gegen den Kinderschutz zu prüfen. „Es ist ein Unding, dass hier offensichtlich die muslimischen Täter geschützt werden, um sie nicht zu stigmatisieren, und das Opfer wird im Stich gelassen. Diese Haltung ist ein völliges No-Go“, so Liecke. „Offensichtlich sollte dieser Fall politisch unter den Teppich gekehrt werden. Er wurde im Bezirksamt nicht auf die Tagesordnung gesetzt, obwohl dies hätte stattfinden müssen.“ Dass das Jugendamt keine Strafanzeige gestellt habe, sei ein Skandal und müsse Konsequenzen haben.

Quellen

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