Fest in jüdischer Hand

Ein Gastbeitrag von Archi W. Bechlenberg

Von Jogging- und Haushosen sowie ihren Trägern, von einem, der es wagte, Merkel öffentlich anzugreifen, das aber natürlich nur, weil er einen Arbeitgeber hat, der „fest in jüdischer Hand“ ist. Archi W. Bechlenberg mit seinem ganz eigenen Blick auf die vergangene Woche.

Von Jogging- und Haushosen sowie ihren Trägern

Ich muss etwas gestehen: Ich trage gerne Jogginghosen. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur im Haus oder höchstens mal im Garten. So wie auch kniefreie Hosen, schließlich bin ich ein erwachsener Mann. Jetzt zum Beispiel, da ich dies schreibe, habe ich eine superbequeme Hose aus dieser Kategorie an, sie hat einen stufenlos verstellbaren Bund, zwickt nicht im Schritt und ist aus hautsympathischer Baumwolle. Und schwarz, was ja optisch stets noch ein wenig schlanker macht. Da mich das ‚Jogging‘ im Gattungsbegriff stört – es impliziert einen Hang zu übermäßiger körperlicher Bewegung – nenne ich sie für mich auch lieber Haushose. Wie sie im Laden hieß, weiß ich nicht mehr, ich kaufe sie meist im Dutzend und habe dann für sehr lange Zeit Ruhe.

Dennoch, egal wie ich sie namentlich umschreibe, ist mir klar, sie ist letztlich das, was Karl Lagerfeld meinte, als er sagte: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Ich war dem spillerigen Zopf- und Ringträger aus Paris deswegen lange Zeit gram und verwies gerne darauf, dass jemand, der in seinem Alter noch Ringe aus dem Grufti- und Gothiczubehörshop trägt, sich mit Äußerungen zur Bekleidung anderer Leute ganz bedeckt halten solle.

Doch seit einer Woche ist alles anders. Wird es womöglich demnächst auf dem internationalen Jogginghosenmarkt eine neue, eine edle Marke geben? Campfield würde sie heißen, und vom ersten Tag an wäre sie ein sensationeller Erfolg. Nur nicht für den Mastermind dahinter, denn das wäre Karl Lagerfeld, über Nacht vor die Türe gesetzt von der haute volée, der er seit Jahrzehnten edle Tuche auf unvergleichliche Weise an die Leiber schneiderte und dem nun, zwecks Erhalt seines gewohnten Lebensstils, nichts anderes übrig bliebe als eben das Schneidern von Beinkleidern für Leute, von deren Existenz er bis dahin noch nicht einmal gewusst hatte.

GEWAGT. MERKEL. ANGREIFEN! Hilfe!

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte der Liebling aller Ästheten, ja sogar der Deutschen so ins Schlingern geraten? Nun, Sie werden es verfolgt haben. Er tat etwas, das so ungeheuerlich ist wie die Vorstellung eines joggenden Peter Altmaier. Knackig auf den Punkt brachte es RTL. Der in einer hauseigenen Doku noch als der einsame König gefeierte Modeschöpfer hat in einer Sendung im französischen Fernsehen, „gewagt“, so die seit meiner frühen Kindheit beim Sender tätige Ansagerin Frauke Ludowig, „Merkel anzugreifen“. GEWAGT. MERKEL. ANGREIFEN! Hilfe!

Empörung allenthalben. Wie ich hörte, will Bundestags-Vize Clowndia Roth nun doch nicht auf Chanel umsteigen, sondern ihre Garderobe weiterhin beim Sonne-Mond & Sterne-Zirkusbedarf in Auftrag geben. Und die französische Rundfunkaufsicht sei bereits in höchster Alarmbereitschaft und habe „Starmoderator Thierry Ardisson“  ins Visier genommen, in dessen Sendung KL es gewagt habe etc. etc. etc.. Sollte der Starmoderator bei Facebook sein, sehe ich für ihn auch ziemlich schwarz. Eine 30-tägige Sperrung dürfte das Mindeste sein. Und als sei das alles noch nicht genug, meldete sich zuverlässig wie stets in solchen Fällen ein Herr Todenhöfer zu Wort. Zu dem würde Lagerfeld allerdings wohl nur „Ich kenne den nicht und außerdem sollte er jemanden finden, der ihm bessere Hosen schneidert“, einfallen.

So wäre es denn also um ein Haar dazu gekommen, dass es sich für KL auschanelt hätte und er fortan als Jogginghosenschneider … aber nein! Karl der Zopfige hatte natürlich mit voller Rückendeckung gegen die Mutter aller Schlachten seinen Angriff vollzogen, arbeitet er doch für eine Firma, die „fest in jüdischer Hand“ (RTL) ist, also konnte er sein pro-jüdisches Statement in der französischen TV Runde ohne Sorge um seinen Arbeitsplatz abgeben. Schließlich arbeitet er für die Familie Wertheimer, die mit fester, jüdischer Hand etc. etc.

Von Fuß bis Kopf genüßlich visuell abgetastet

Genug der Kanalisation aus der Modewelt; auch im Intellektuellenmillieu gab es vor wenigen Tagen einen, wenn auch nur kleinen Aufreger. Verona Pooth-Bohlen-Feldbusch, die sympathische Moderatorin („Peep!“),  Sängerin („La Ola“), Schauspielerin („Traue keinem, mit dem du schläfst!“), Werbe-Ikone („Wann macht er denn endlich ‚Blubb‘?“ ) und Synchronsprecherin („Susi Schnatter“), klagte in einer Talkshow über Sexismus im Berufsleben und wurde dabei von Fuß bis Kopf genüßlich visuell abgetastet . Der verantwortliche Kameramensch verkauft seit dem Abend wahrscheinlich Jogginghosen auf dem Polenmarkt.

Es war aber auch ein starkes Stück. Jeder weiß, dass Frau Pooth seinerzeit durch ihre Arbeit zu Rilkes Duineser Elegien  („Das Versmaß des Distichons sowie Blankverse in der Zusammenführung der traditionellen Formen von Hymne und Elegie“) dem anderen Lyriktitan des 20. Jahrhunderts – Dieter Bohlen – so auffiel, dass er sie auf der Stelle ehelichte.

Ja, sogar der Titantitan des intellektuellen Millieus in Deutschland, Harald Schmidt, lud Verona (damals noch Bohlen) in seine Show ein und sprach mit ihr ausführlich über die Krise der Harmonie in Wunsch und Wirklichkeit zum Ende des Jahrtausends, und wenn ihm dabei etwas nicht aus den Augen sprang, dann war es der Gedanke an sexuelle Belästigung. Und nun das! Verona als Sexobjekt für alle die, denen Anne Will ins abendliche Wohnzimmer strahlen darf. Vergleichen Sie selbst mit damals; die heutige Verwahrlosung im Kameramensch-Wesen könnte nicht krasser sein.

Zwei Musikalben fest in jüdischer Hand

Kommen wir zum kulturellen Teil des heutigen Antidepressivums. Fest in jüdischer Hand sind zwei schöne, neu erschienene Musikalben, die zu hören ich Ihnen ans Ohr legen möchte. KLEZTORY kommen aus Kanada; dort ist im Frühjahr 2017 bereits das fünfte Album erschienen, und es wurde Zeit, die Gruppe endlich auch in Europa einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Dafür sorgt lobenswerter Weise das Münchner Label GLM, das bereits mehrfach mit seinen Produktionen in meiner Kolumne vorgestellt wurde.

Die fünf Musiker haben eine eigenwillige Variante der Klezmermusik entwickelt, gebildet aus Einflüssen und Elementen von Klassik über Jazz und Folk bis zum Blues. So ensteht eine spannende und unterhaltsame Mischung aus Eigenkompositionen mit  Liedern aus dem reichen Klezmer-Repertoire Osteuropas, die sich harmonisch und Herz erfrischend zusammenfügen.

KLEZTORYs Album NIGUN, die jetzt auch in Europa veröffentlichte CD, nimmt den Hörer mit in die Tiefe des Klezmer, souverän und wie selbstverständlich klingend zwischen Tradition und Moderne. Elvira Misbakhova (Violine), Airat Ichmouratov (Klarinette, Bassklarinette, Duclar, Tambourin, Vocals), Dany Nicolas (Gitarre), Mark Peetsma (Kontrabass) und Mélanie Bergeron (Akkordeon) – Sie erkennen schon an den Namen, dass hier mehrere Kulturen zusammen spielen –  begeistern durch ihre Virtuosität und die Originalität ihrer Musik auch auf der Bühne, wovon Sie sich in zwei Videos hier und hier überzeugen können.

Ebenfalls bei GLM erschienen ist KLEZMEYERS neues Album „MORAVICA“, eine Weiterführung des vorigen Albums „Emilias Lächeln“. Auch Klezmeyers greifen traditionelle und weltmusikalische Einflüsse auf. Die vor 20 Jahren von Franziska Orso gegründeten Gruppe bleibt sich auch auf ihrem neuen Album treu: untreu zu sein gegenüber jeglicher musikalischer Konvention. Franziska Orso (Clarinet), Robert Keßler (Guitars, Mandolin, Percussion) und David Hagen (Double Bass) schöpfen ihre vom Klezmer geprägten Eigenkompositionen aus weiteren musikalischen Komponenten wie Jazz, Blues, Flamenco und Brasil.

Ein wahrlich breites Spektrum, das kompositorisch wie interpretatorisch von den Dreien überzeugend präsentiert wird. Zum Titel des Albums sagt die Gruppe: „Moravica – so heißt der Fluss, der im Geburtsort eines für die Band besonderen Menschen in Rumänien entspringt.“ Und weiter: „Moravica ist der Versuch, das Leben als eine Reise zu verstehen, zu Orten und zu Menschen. So erklären sich auch die vielfältigen musikalischen Komponenten. Eben noch an der Wolga versetzt uns das Album an den Zuckerhut, der Strom Moravica fließt plötzlich durch die Provence, ein Blues erklingt an seinem Ufer und das spanische Dorf Ronda scheint plötzlich versetzt an die grüne Küste Irlands.“

Meine Tipps

Lassen Sie sich von den drei Berliner Klezmeyers auf diese Reise mit Moravica mitnehmen. Herz und Ohren werden es Ihnen danken. Live können Sie die Gruppe im kommenden Jahr hier erleben:

  • 24.02.2018 Thalhaus, Wiesbaden
  • 25.05.2018 Salzgitter, Klezmerfestival
  • 21.07.2018 Rheingau Musikfestival
  • 22.07.2018 Rheingau Musikfestival

P.S. Zur festen jüdischen Hand hat Henryk M. Broder 2014 alles weitere gesagt.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf achgut.com.

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4 thoughts on “Fest in jüdischer Hand

  1. lynx

    Mantel des Schweigens über die ersten Absätze, aber zum Schluss wird es richtig gut: „der Versuch, das Leben als eine Reise zu verstehen, zu Orten und zu Menschen.“ Ja, ja. Erst noch am Ufer des Euphrat, dann in der Ägäis treibend, die Donau durchschwimmend, zu Besuch bei Freunden allüberall. Es kommt halt immer auf die Sichtweise, Kassenlage oder Gnade des richtigen Geburtsortes an.

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  2. Helma Braun

    Diese über- und durchtriebene pseudomoralische Entrüstung gipfelt noch darin, daß demnächst wieder Schilder vor den Kneipen und Restaurants angebracht werden, wie weiland in Amerika.
    Psychologiekurs, 1. Tag, 1. Stunde: Projektionsmechanismen,
    minderwertigkeitskomplexbedingt.

    Ich hör‘ es trapsen, jenes höhere Wesen, das wir verehren……

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  3. Pingback: Fest in jüdischer Hand – Leserbriefe

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