Das europäische Paradox: Der Rückfall ins Gestrige zur Abwehr des Vorgestrigen

Ein Gastbeitrag von Rudolf Brandner

Fehldiagnosen führen zu Fehltherapien mit oft letalem Ausgang. So nicht nur in der Medizin, sondern auch in der politischen Diagnostik geschichtlicher Realitäten. Wo diese sich in falschen Selbstverständnissen festschreibt, erzeugt sie falsche Gegensätze und falsche Verhältnisse mit oftmals katastrophalen Folgen. Zuerst wurde den Europäern rein migrationsbedingt eine Auseinandersetzung mit dem Islam aufgenötigt, zu der sie eigentlich keinen Grund und noch viel weniger Lust verspürten; dann wurde ihnen zur Abgrenzung verkündet, ihre Identität sei eine «christliche». Eine falsche Identität aus einer falschen Gegensatzbildung – als stünde ein christliches Europa gegen eine islamische Welt.

Der Gegensatz Europa – muslimische Welt ist kein solcher verschiedener Religionen, sondern beruht auf Europas Abkehr von offenbarungstheologischen Wahrheitsansprüchen

Zweifellos gehört das Christentum zu Europa – es macht in zahlreichen Abwandlungen einen wesentlichen Teil seiner Bildungsgeschichte aus. Dennoch ist die europäische Welt schon lange keine christliche mehr, der Gegensatz zur muslimischen also auch kein religiöser von verschiedenen Religionen, der sich unter dem Verweis auf «Religionsfreiheit» abhaken ließe. Der Gegensatz ist ein geschichtlicher, der seinen Ursprung in der neuzeitlichen Abkehr von dem offenbarungs­theolo­gi­schen Wahrheitsanspruch der christlichen Religion hat und das menschliche Weltverhältnis wieder ganz der Autonomie des Erkennens unterstellt, wie es zum Teil schon in der Antike der Fall war.

Eben darin besteht das «Neue» der «Neuzeit», daß die Grundlage menschlichen Weltverhältnisses von der religiösen Offenbarungswahrheit an die Selbstgewißheit des Erkennens in Philosophie und Wissenschaften übergeht. Das Christentum ist nun eine Sache der Vergangenheit, die christliche Welt die des Mittelalters; und die mitunter vehement geführte Auseinan­dersetzung mit der christlichen Religion, ihrer Metaphysik und Theologie, gehört seit ca. 500 Jahren zur Identitätsbildung der modernen europäischen Kultur.

Christliches Europa?

Der Glaube an die unbefleckte Empfängnis, die Erlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi, das Jüngste Gericht und die Auferstehung zum seligen Leben oder ewiger Verdammnis, all das ist der modernen Erkenntniskultur nicht mehr zumutbar. Was als allgemeiner, philosophisch verdünnter Gottesglaube, oder als moralisches Empfinden sogenannter «christlicher Werte» übrig bleibt, ist sowenig ein spezifisch christliches Mono­pol, daß es vielmehr ein leeres Allgemeines ohne reale Bildungskraft bleibt, das sich dann auch in zahlreichen anderen kulturellen Überlie­fe­rungen auffinden läßt.

Angesichts dieser allgemein bekannten Tatsache, die in der geschichtlichen Diagnostik der Moderne mittlerweile ihren festen Ort am Begriff des «Nihilismus» gefunden hat, ist es durchaus paradox, wenn eine «christliche Identität» Europas beschworen und den muslimischen Immigranten entgegengehalten wird. Der Gegensatz der europäischen Erkenntniskultur zum Islam schließt den zum Christentum mit ein und ist selbst nur dessen entfernter Abklatsch. 

Aber im Verhältnis zum Christentum bezeichnet er ihre eigene Befreiungsgeschichte. Der Islam aber begegnet der europäischen Erkenntniskultur als Einwanderung just jener Vergangenheit in ihre Gegenwartswelt, von der sie sich befreit hat – und in die sie auch um keinen Preis zurück möchte. Woher die paradoxe Selbstverleugnung der Moderne, die sich gegen alle Evidenzen eine christliche Identität anlügt?

Die moderne Erkenntniskultur ist die Verwirklichung des Menschseins als freies Erkenntniswesen

Die Pathologie des Zeitgeistes ist, wie Fontane sagen würde, «ein weites Feld»; und jeder, der sich eingehender mit dem Scheitern der muslimischen Integration auf europäischen Territorien beschäftigt hat, wird eine gewisse Rat­losigkeit – wenn nicht gar ein Entsetzen – befallen angesichts der politischen und kulturellen Ohnmacht, mit den gesellschaftlichen Gegensätzen umzugehen.

Der Grund liegt aber in der Erosion geschichtlichen Bildungs­bewußtseins, das mit der falschen Diagnose falsche Therapien und verkehrte Verhältnisse schafft, also sich selbst und den Gegensatz religiös definiert und der «Religionsfreiheit» unterstellt, die alle Beliebigkeiten zuläßt.

Aber die moderne Erkenntniskultur ist keine «Religion», auch keine «Weltan­schau­ung» oder «Ideologie», die man annehmen könnte oder nicht. Sie ist die Verwirklichung des Menschseins als freies Erkenntniswesen und in ihrer Entfaltung zur wissenschaft­lich-technologischen Rationalität die Grundlage der weltgeschichtlich globalisierten Wirklichkeit der Moderne. Woher also ihre Schwäche, die sie in eine überkommene religiöse Identität regredieren läßt?

Die erheuchelte „christliche Identität“ ist selbst Ausdruck der modernen Orientierungslosigkeit entgrenzter Subjektivität

Die Gründe liegen auf der Hand: Die Entfaltung des Erkennens in der wissenschaftlich-technologischen Rationalität hat nach den geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts jedes Heilscharisma als Erlösungsprojekt, den Menschen von allem «Negativen» zu befreien, eingebüßt. Die geschichtliche Praxis moderner Rationalität entfaltet ihre eigene Negativität; in ihr bleibt das Erkennen unvermögend, den Menschen zu einer transzendierenden Wahrheit seines Seins zu befreien. Es ist das metaphysische Loch, durch das er seit Jahrhunderten beständig hindurchfällt und das ihn in religiöse, weltanschauliche und therapeutische Regressionen treibt.

Dazu gehört nun auch die erheuchelte «christliche Identität». Sie offenbart die orientierungslose «nihilistische» Wirklichkeit der Moderne gerade dadurch, daß sie diese zu übertünchen sucht. Sie ist selbst ein Ausdruck der modernen Orientierungslosig­keit entgrenzter Subjektivität.

Es ist das schlechte Gewissen ihrer Maßlosigkeit und Beliebigkeit, das sich am «Christlichen» ein Maß zurechtzulügen versucht. Das soll dann einen Halt bieten, um den Gegensatz zum Islam auszutragen.

Keine Religion, schon gar nicht eine erheuchelte, kann das metaphysische Loch der Moderne stopfen

Das Erkennen stuft sich selbst auf eine analoge «religiöse» Ebene herab und identifiziert sich rückwärtsgewandt mit dem, wovon es sich befreit hat. Der Rückzug auf die christliche Identität erweist sich als infantiles Regressions­ver­halten, das am «Christ­lichen» nur einen entsprechend primitiven, folkloristischen Inhalt auf dem Bodensatz emotionaler Bedürfnisse und ethischer Affekte artikuliert. Darin besiegelt sich das politische Unvermögen, mit der geschichtlichen Situation und ihren gesellschaftlichen Gegensätzen überhaupt noch umgehen zu können.

Aber keine Religion, und noch weniger eine erheuchelte und erlogene, kann das metaphysische Loch der Moderne stopfen. Es bleibt eine Aufgabe des philosophischen Denkens und Erkennens, die wissenschaftlich-technologische Rationalität in ein Selbst- und Weltverständnis des Menschen zu transzendieren, das ihn aus seinen modernen, wissenschaftsideologischen Verdinglichungen befreit und zum geistigen Umgang mit der Negativität des Seins ermächtigt.

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Literaturempfehlung: Rudolf Brandner, Untersuchungen zu Grundlegung und Ausbildung menschlichen Weltverhältnisses. Band I: Was ist Religion (Würzburg 2002).

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Zum Autor: Prof. Dr. Rudolf Brandner, geb. 1955, Studium der Philosophie, Psychologie und Indologie in Freiburg, Paris (Sorbonne) und Heidelberg, 1988 Promotion über Aristoteles (=> Bibl. 5, 1996), 1993 Habilitationsarbeit zum philosophischen Begriff der Geschichtlichkeit (=> Bibl. 4, 1994). 1985 – 1999 neben Lehr- und Vortragstätigkeit im deutschsprachigen Raum zahlreiche Gastprofessuren in Frankreich, Italien und Indien. 2000 – 2005 Rückzug in die philosophische Grundlagenforschung (Bibl. => 6 – 8, 2002/2004). Lebt als freier Philosoph in Freiburg i. Brsg. und Berlin. Arbeitsbereich: Philosophische Grundlagenforschung. Hier geht es zur Internetseite von Rudolf Brandner.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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13 Antworten auf „Das europäische Paradox: Der Rückfall ins Gestrige zur Abwehr des Vorgestrigen

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  2. Der Beurteiler

    „Keine Religion, schon gar nicht eine erheuchelte, kann das metaphysische Loch der Moderne stopfen“

    Für mich geht es um das Individuum, welches im täglichen Überlebenskampf entscheiden muss, was gut und schlecht ist, für sich selbst und andere! Wenn es im menschlichen Bewusstsein zu viele Defizite gibt, warum auch immer, können nur sinnvolle Aufgaben für sich oder andere, weiterhelfen! Denn Herausforderungen sind gut für den Menschen.

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  3. Barabasch

    So geht LOGIK ! Ich habe – eben loghisch argumentierend – gerade einen Leserbrief für den Fränkischen Tag verfasst zur Kreuz-Diskussion und argumentiert, dass wenn „man“ die Kreuze nicht haben will, „man“ auch keine christlichen Feiertage mehr haben, beanspruchen, geniessen, verteidigen darf

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  4. Benjamin Goldstein

    Aber die moderne Erkenntniskultur ist keine «Religion», auch keine «Weltan­schau­ung» oder «Ideologie», die man annehmen könnte oder nicht. Sie ist die Verwirklichung des Menschseins als freies Erkenntniswesen und in ihrer Entfaltung zur wissenschaft­lich-technologischen Rationalität die Grundlage der weltgeschichtlich globalisierten Wirklichkeit der Moderne.

    So ein Geschwafel. Wahrscheinlich geht die heutige Linke zu guten Teilen aus diesen Selbstbeweihräucherungspsychosen der atheistischen Strömungen hervor, die sich seit der französischen Revolution manifestiert haben. Der blanke Narzissmus.

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  5. Werner Kaunzner

    Geschwafel –
    das ist das richtige Wort für das, was Herr Brandner schreibt. Die Hohlheit seines Denkens verpackt er in Schachtelsätze; Jürgen Fritz macht das auch sehr gern. Auch er ist ein Essayist. Wenn einem nichts Gescheites einfällt, schreibt man ein Essay. 🙂

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  7. Aufbruch

    Ein dem Zeitgeist geschuldetes Geschriebsel. Der Autor hat es auch leicht, da ihm die christlichen Kirchen genug Material für seine Thesen liefern. So ist es kain Wunder, dass man Benedikt XVI., einen der letzten großen Kirchenlehrer und Jesus-Interpreten, mundtot gemacht hat. Seine überzeugenden Werke wie „Einführung in das Chrsisentum“ und die Bände „Jesus von Nazareth“ oder seine Interviews mit Peter Seewald liefern bedeutende Erkenntnisse die nicht einfach weggewischt werden können. Er hat ganz klar dargelegt, dass Glaube an Gott kein leerer Wahn ist und dass Glaube und Verstand zusammen gehören. Auch die Philosophie kommt bei ihm nicht zu kurz. In „Gott des Glaubens und Gott der Philosophie“ hat er sich mit diesem Spannungsverhältnis ausenander gesetzt. Allerdings fühlen sich viele Philosophen Gott einfach überlegen und leugnen seine Existenz. Das mag ihr gutes Recht sein. Dann müssen sie aber auch das Recht derer anerkennen, die an Gott glauben.

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  8. Werner Kaunzner

    Diese so genannten Philosophen IVielolsoofen) haben einen einfachen Trick:
    Sie interpretieren die Bibeltexte so, wie sie es ihrer verkorksten Ideologie verstehen und widerlegen diesen mit einer Kunstsprache, die kein Mensch versteht – sie selbst meist auch nicht.
    Wenn sie ihren eigenen Unsinn nach Tagen oder Wochen erneut lesen, müssen sie erstmal grübeln: was wollte ich damals eigentlich sagen?

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  10. Realistischer

    Auch in den islamischen Herkunftsländern gibt es diesen Konflikt, zwischen konservativen Religiösen (die dort allerdings zum Teil noch sehr original sind) und dem eher säkularen Staat (der dort allerdings noch stark an allerlei Kinderkrankheiten leidet).
    Und hierzulande hat sich an Stelle der original Religiösen eine zwar Gott-lose aber in ihrem Verhalten doch vergleichbare Gemeinschaft breit gemacht, die Moral und Gesinnung über jede Erkenntnis stellt (insbesondere wenn diese „Angst“ oder „Hass“ ist).

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  11. Werner Kaunzner

    Als Katholik würde ich den höheren Klerus beider Kirchen „in den gleichen Sack“ stecken. Moral wird von diesen Herrschaften durch Gesinnung ersetzt.

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