Die Verzauberung der Welt durch den Mythos

Von Jürgen Fritz

Was bedeutete der Mythos für den Menschen der archaischen Gesellschaft? Antwort: alles. Der Mythos war für ihn die einzige gültige Offenbarung der Wirklichkeit. In ihm sah er den Ausdruck einer absoluten Wahrheit. Inwiefern? Weil der Mythos eine sakrale Geschichte erzählte, ein Ursprungsgeschehen, das am Anfang der Zeit eingetreten ist. Der Mythos ist der Bericht einer Schöpfung: man erzählt, wie etwas zu sein angefangen hat. Dies verlieh dem menschlichen Dasein Sinnhaftigkeit und Orientierung, womöglich genau das, was uns heute fehlt?

Nur der Mythos schafft wahres Sein und verleiht diesem Sakralität

Dabei spricht der Mythos nur von Wirklichem, von dem, was wirklich geschehen ist. Dass das Erzählte nicht wirklich stattgefunden hat, ist für den sich im mythischen Bewusstsein Seienden völlig außerhalb seiner Vorstellungswelt. Und es handelt sich um sakrale Wirklichkeiten. Für die archaische Gesellschaft ist nur das Sakrale das eigentlich Wirkliche. Alles, was zur Sphäre des Profanen gehört, hat nicht Teil am Sein, hat nicht den gleichen ontologischen Status. Warum nicht? Eben weil es nicht durch den Mythos begründet ist. Erst der Mythos schafft das wahre Sein und diesem kommt der Status des Heiligen zu.

Der Mythos offenbart also die Sakralität, denn er berichtet von der Schöpfung der göttlichen oder übernatürlichen Wesen. Dieser Einbruch des Sakralen ist es, der die Welt erst wirklich gründet. Dabei ist jede Schöpfung Ausfluss einer Fülle. Die Götter, die Demiurgen, die Ahnen erschaffen aus einer Überfülle an Macht, einem Übermaß an Energie. Die Schöpfung ist also Folge eines ontologischen Überflusses. Dadurch wird die ursprüngliche Schöpfung zum beispielhaften Muster aller menschlichen Tätigkeiten. „Wir müssen das tun, was die Götter am Anfang taten“, sagt ein indischer Text. Alles, was der Mensch macht, wiederholt irgendwie die eigentliche Tat, die archetypische Handlung des Schöpfergottes, die Erschaffung der Welt.

Der geheiligte Kosmos als heilige Ordnung

Und weil der Kosmos (aus altgriech: Welt-Ordnung, auch Schmuck, Glanz) ein göttliches Werk ist, ist er somit schon in seinem Aufbau geheiligt. Der Mensch befindet sich also von Grund auf in einer heiligen Ordnung, was der Welt einen Zauber verleiht. Für uns heutige Menschen ist kaum mehr möglich nachzuempfinden, welche ungeheure Bedeutung die Orientierung im Raum für den Primitiven hatte. Er schuf sich seine eigene Welt – das Gebiet, das er besetzte, sein Haus, sein Dorf – nach einem Idealbild, demjenigen der Götter in ihrem Schöpfungsakt. Indem er nachahmt, was diese erstmalig schufen, eine Ordnung, ordnet er auch seine Welt, da er nicht im Chaos, im völlig Unstrukturierten leben kann.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: ein Ritual der Achilpa-Australier, dem ein Ursprungsmythos zu Grunde liegt. Dieser Mythos besagt, dass am Anfang aller Zeiten ein göttliches Wesen, Numbakula, das Gebiet der späteren Achilpa kosmosiert hat. Er formte einen heiligen Pfahl, bestrich ihn mit Blut und kletterte dann an ihm hinauf in den Himmel, in welchem er verschwand.

Dieser Pfahl stellte fortan die kosmische Achse dar. Das Gebiet um ihn herum wurde bewohnbar, wurde dadurch erst zur Welt. Wenn die Achilpa weiterwanderten, nahmen sie den heiligen Pfahl immer mit. Das erlaubte es ihnen, trotz ihres ständigen Ortswechsels immer in „ihrer Welt“ zu sein. Zugleich standen sie so in Verbindung zum Himmel, in dem Numbakula verschwunden ist. Ein Zerbrechen des Pfahls käme einer Katastrophe gleich, einer Abtrennung vom Himmel und den Rückfall ins Chaos, das Ende der Welt.

Die Vertikalachse als Verbindung nach oben und Orientierungspunkt in der Welt

Eine Legende berichtet, dass wenn einem Stamm mal ihr heiliger Pfahl zerbrach, sie einige Zeit planlos umherirrten, sich schließlich auf die Erde niedersetzten und sich selbst dem Tod überließen. Sie hatten ihre Orientierung, sie hatte ihre Mitte, ihre Verbindung nach oben, sie hatten ihre Ordnung, sie hatten ihre Welt verloren. Ein Sinnbild für das Westeuropa des 21. Jahrhunderts?

Und noch etwas wird deutlich: Der Mensch kann nicht ohne eine vertikale Achse leben, welche die Verbindung zum Transzendenten herstellt und gleichzeitig das verleiht, ohne das wir nicht leben können: Orientierung.

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Literaturempfehlung: Die Schöpfungsmythen (Kosmologien der Ägypter, Sumerer, Akkader, Hethiter, Hurriter, Kanaaniter und Israeliten) von Mircea Eliade u.a.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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10 Antworten auf „Die Verzauberung der Welt durch den Mythos

  1. Tanzender Berg

    Bei diesem Artikel frage ich mich, woher Sie das alles so genau wissen. Oft ist es schon schwer zu verstehen, wie unsere Zeitgenossen ticken. Noch schwieriger wird es mit unseren Vorfahren, die vor mehreren Jahrhunderten gelebt habe. Und dann das?

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  3. Der Beurteiler

    Es geht hier wohl um ORIENTIERUNG, die ist in unserer Zeit kaum zu finden oder wenn, dann nur schwer nachzuvollziehen, weil aktuell zu viel falsch läuft. Das Gleichgewicht stimmt nicht mehr, man könnte auch fragen, wo die Gerechtigkeit bleibt?

    Viele Menschen, besonders Deutsche, sind in ihrem Gedankengut ENTARTET, würde hier eine vernünftige Balance herrschen, gäbe es kein Merkel-Regime!

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  6. RBPascal

    Hallo Herr Fritz, ein sehr guter Ansatz, unsere Situation zu beschreiben!
    Der Mythos ist jedoch kein Einbruch des Sakralen, sondern wir sind aus dem Sakralen, aus dem Zauber, ausgebrochen.
    Der Myhos begründet unsere Welt nicht nur historisch, sondern permanent in der Gegenwart.
    Wir bemerken es nur nicht mehr. Wenn wir gegen die in uns lebende Wahrheit handeln, ist es, als wenn wir planlos umherirrten, uns schließlich auf die Erde niedersetzten und uns selbst dem Tod überließen.
    Heimt als Ort ist das Symbol dieser mystischen Verbundenheit mit unserem Ursprung, die uns Leben spendet.
    Ihre Bedrohung ist damit eine Bedrohung auch unserer spirituellen Existenz. Nehmen kann man sie uns natürlich nicht – aber Bedrohungen wirken stärker als Fakten. Wer Schach spielt, weiß das das.

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  7. Werner Kaunzner

    Zitat Jürgen Fritz

    Eine Legende berichtet, dass wenn einem Stamm mal ihr heiliger Pfahl zerbrach, sie einige Zeit planlos umherirrten, sich schließlich auf die Erde niedersetzten und sich selbst dem Tod überließen. Sie hatten ihre Orientierung, sie hatte ihre Mitte, ihre Verbindung nach oben, sie hatten ihre Ordnung, sie hatten ihre Welt verloren. Ein Sinnbild für das Westeuropa des 21. Jahrhunderts?

    Und noch etwas wird deutlich: Der Mensch kann nicht ohne eine vertikale Achse leben, welche die Verbindung zum Transzendenten herstellt und gleichzeitig das verleiht, ohne das wir nicht leben können: Orientierung.
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    Die Aborigenes waren vermutlich klüger als moderne „Denker“. Diese Legende (dieser Mythos) ist eine Metapher für die aktuelle Situation der westlichen säkularen Gesellschaft – für den suizidalen Trieb.

    Man ist ratlos und wartet, bis der Islam eine neue Orientierung gibt. Denn der Islam hat Orientierung.

    Sie, Herr Fritz sind mit Ihren Pamphleten gegen Religion im Allgemeinen, gegen das Christentum und speziell gegen Jesus Teil der Problems. Sie beteiligen sich am Zerbrechen des heiligen Pfahls.

    Sie benörgeln, dass Jesus war kein Moralphilosoph war und begeben sich mit diesem Geschwafel auf die unterste geistige Ebene. Philosophen betreiben meistens per Wortakrobatik und Erfinden von Begriffen, die sie selbst nicht verstehen, geistige Onanie.

    Wem nichts gescheites einfällt, schreibt ein Essay.
    Sie haben eine Anhängerschaft, die jeden Unfug bejubeln, den Sie von sich geben.
    Ihr Blog boomt. Unter Blinden ist der Einäugige König

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    1. Der Beurteiler

      Ich kann nur für mich sprechen, ich hinterfrage jeden Artikel von Hr. Fritz, ich finde ihn und die meisten Kommentatoren hier sympathisch, das ist richtig. Es zwingt Sie keiner, sich hier aufzuhalten, Sie können jederzeit GEHEN.

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    2. RBPascal

      Herr Fritz hat zumindest den Anspruch,unsere Situation von einer (seiner) philosophischen Ebene aus zu analysieren. Allerdings ist das Echo in den Kommentaren meist nur politisch. Nehmen Sie doch den Ball hoch auf und bringen Sie eine konstruktive Meinung ein. Ansonsten empfehlen Sie uns eine Alternative. Wenn es keine gibt, sind wir allesamt am A.

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