Qualitätspresse: Zu jeder Trendwende bereite Bübchen haben die knorrigen, aber loyalen Patriarchen ersetzt

Ein Gastbeitrag von Michael Klonovsky, Di. 26. Jun 2018

Die knorrigen, aber loyalen Patriarchen sind heute durch alerte, glatte, pfiffige, „teamfähige“ (= aufs Schwarmverhalten dressierte), immer auf Witterung und „Lunte“ bedachte, zu jeder Trendwende und jedem Verrat bereite Bübchen, die niemals Männer werden, ersetzt und die Störenfriede aus der Qualitätspresse entfernt. Rückgrat sucht man in dieser Branche vergeblich. Jeder, der gegen eines der gerade geltenden Tabus verstößt, ja nur von deren Existenz kündet, wird niedergebrüllt und exkludiert, so Michael Klonovsky.

Der irakische Diktator statt vieler kleiner Diktatorinnen

Strukturwandel der Öffentlichkeit: In seinem Buch „White Rabbit“ plaudert Matthias Matussek aus der Schule des hiesigen Qualitätsjournalismus. Im Spiegel sollte – ich folge hier Matusseks Ausführungen, an denen zu zweifeln keinerlei Grund besteht –  im November 1997 seine Geschichte „Die vaterlose Gesellschaft“ als Titel erscheinen, in welcher er über die Ausgrenzung vieler Väter nach Scheidungen berichtete und

„mit den habgierigen und knallharten Tussen deftig ins Gericht ging, die sich einen neuen Kerl besorgt hatten und im Schutz einer linksgrün gefütterten Opferliturgie ihre Exmänner nicht nur zahlen ließen, sondern sie auch von ihren Kindern trennten und dabei völlig im Reinen mit sich selber waren“.

Nachdem Spiegel-Frauen gegen den Titel protestiert hatten und mit einer Unterschriftenliste beim Chefredakteur Stefan Aust erschienen waren, entschied der sich, stattdessen Saddam Hussein aufs Frontblatt zu setzen. Herausgeber Rudolf Augstein, der sich stets den aktuellen Titel zufaxen ließ, wunderte sich, statt des angekündigten Covers über die vielen kleinen Diktatorinnen den irakischen Diktator zu erblicken, ließ den bereits angedruckten Titel einstampfen und setzte Matusseks Geschichte wieder vorne drauf. Er rief den Autor an und sagte: „Tolle Geschichte, Matthias, übrigens, mich ham die Weiber auch immer so beschissen behandelt.“

Als die patriachalischen Zwangsstrukturen noch funktionierten

Ich habe etwas Ähnliches erlebt mit meiner Focus-Titelstory „Das priviligierte Geschlecht“ vom April 2003, als ebenfalls große Aufregung unter weiblichen Mitarbeitern ausbrach; die Mädels haben sich in der Hängematte ihrer angeblichen Benachteiligung ja so splendid eingerichtet, dass jeder, der sie mit Hinweisen auf die tatsächlichen Verhältnisse „im Außendienst“ – Männer sterben im Schnitt viel früher als Frauen, sie sterben zudem weit häufiger durch Kriege, Kriminalität, Folter oder Arbeitsunfälle, müssen mehr, härter und länger arbeiten, erledigen die dreckigeren und gefährlicheren Jobs, bevölkern die Gefängnisse und Obdachlosenheime, zahlen ohne Ende, haben das schlechtere standing vor Gericht usw. –, dass jeder, sage ich, der die Mädels mit dem Hinweis auf die tatsächlichen Verhältnisse aus ihrem Schlummer reißt, von ihnen als Bösewicht traktiert wird.

Damals beendete Helmut Markwort die Versuche, die Geschichte zu verhindern oder wenigstens vom Titel zu nehmen. Die patriarchalischen Zwangsstrukturen funktionierten noch.

Zu jeder Trendwende bereite Bübchen haben die knorrigen, aber loyalen Patriarchen ersetzt

Heute sind die knorrigen, aber loyalen Patriarchen durch alerte, glatte, pfiffige, „teamfähige“ (= aufs Schwarmverhalten dressierte), immer auf Witterung und „Lunte“ bedachte, zu jeder Trendwende und jedem Verrat bereite Bübchen, die niemals Männer werden, ersetzt und die Störenfriede aus der Qualitätspresse entfernt worden. Rückgrat sucht man in dieser Branche vergeblich. Jeder, der gegen eines der gerade geltenden Tabus verstößt, ja nur von deren Existenz kündet, wird niedergebrüllt und exkludiert – etwas, das antifaschistische, antisexistische, antirassistische Empörung auslöst, kann ja kein Totem sein!

Die Welt-Chefredaktion ist Matussek, sobald der sich erstmals einer roten Linie genähert hatte, umstandslos in den Rücken gefallen, bei der nächsten Gelegenheit ließen die ihrer Rente entgegenstrebenden Knäblein ihn wie die berühmte heiße Kartoffel fallen.

„Deine Haltung sehend, interessiert mich dein Ziel nicht.“ (Brecht, „Geschichten vom Herrn Keuner“)

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Dieser Text erschien zuerst auf dem sehr empfehlenswerten Blog von Michael Klonovsky, der nur so vor Gedanken, Ein- und Quersichten sprüht. Sollten Sie sich unbedingt öfters ansehen. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors und Blogbetreibers.

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Zum Autor: Michael Klonovsky, 1962 im Erzgebirge geboren, ist Romanautor und Publizist. Aufgewachsen in Ostberlin. Maurerlehre. Abitur. Seit 1990 Journalist. “Wächterpreis der Tagespresse” für die „Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen durch die DDR-Justiz und den Staatssicherheitsdienst“. 1992: Wechsel zum Focus, zunächst als Redakteur, später als Chef vom Dienst bzw. Textchef, Leiter des Debattenressorts, sodann als Autor. Am 31. Mai 2016 endete die Ehe mit Focus, die Partner hatten sich auseinandergelebt. Von Juni 2016 bis Anfang 2017 war er parteiloser Berater von Frauke Petry, von Juni bis November 2017 Sprecher der von Jörg Meuthen geführten Landtagsfraktion der AfD Baden-Württemberg. Michael Klonovsky ist Autor mehrerer Bücher.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Matthias Matussek

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