Was macht ein gutes Leben, was einen guten Menschen aus?

Von Jürgen Fritz, Mi. 27. Jun 2018

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben, meinte der römische Kaiser, Philosoph und Stoiker Marcus Aurelius (121-180). Bisweilen befällt uns die Furcht, unser Leben nicht richtig zu führen. Ein jeder sehnt sich nach dem guten Leben, doch was genau bedeutet „ein gutes Leben“?

Drei große Ansätze

Wenn wir von einem guten Leben“ sprechen, dann können wir zweierlei meinen: a) ein möglichst angenehmes, glückliches Leben, und b) ein Leben, in dem wir uns an dem moralisch Guten orientieren. Wer sich bemüht, ein gutes Leben zu führen (b), muss nicht zwangsläufig ein gutes, angenehmes Leben haben (a) und umgekehrt. Die Zufälle und Widrigkeiten des Lebens können hier stets ihren Teil zu dem Ganzen beifügen, unser Glücklich-sein fördern oder verhindern und dem sind wir immer ein Stück weit ausgesetzt respektive ausgeliefert. Diese Widrigkeiten des Lebens machen uns Angst, sie bedeuten Unsicherheit. Und diese Angst und Unsicherheit sind das stets offene Einfallstor für Religionen mit all ihren Verheißungen und Verführungen.

Wer sich bemüht, ein gutes Leben zu führen, bei dem sind wir geneigt, ihn einen guten Menschen zu nennen, bei dem, der ein gutes (angenehmes) Leben hat, vermuten wir, dass er dann auch glücklich ist, wobei das wohl nicht zwingend sein muss. Was macht nun aber den guten Menschen aus?

Will man diese Frage, was das in moralischer Hinsicht Gute, was das Schlechte oder Böse ist und was einen guten Menschen ausmacht, beantworten, so befindet man sich im Bereich der Ethik, der Moralphilosophie, und hier hat man verschiedene Möglichkeiten, sich der Beantwortung dieser Frage zu nähern. Grundsätzlich gibt es drei große ethische Ansätze:

  1. die Tugendethik,
  2. die deontologische und
  3. die teleologische Ethik.

Tugendethik

Die Tugendethik ist der früheste moralphilosophische Entwurf der westlichen Philosophie. Sie entsteht in der griechischen Antike und erstreckt sich ins Mittelalter, insbesondere bei dem alles überragenden Denker des hohen Mittelalters Thomas von Aquin (1224-1274).

Erstmals hervorragend ausgearbeitet finden wir sie bei Aristoteles (384-322 v. Chr.). Im Vordergrund steht bei der Tugendethik nicht die Handlung selbst, sondern das, was ihr zu Grunde liegt: ein Charakterideal, die innere (seelische) Verfasstheit, die Haltung, die Einstellungen, das innere Sein. Aus der guten Haltung, aus dem guten Charakter entspringt nach Aristoteles die gute Handlung, wobei das innere Sein sich wiederum durch gute Handlungen bildet.

Wie genau das abläuft, beschreibt er dabei ganz exzellent und wird durch modernste Hirn- und Lernforschung bestätigt. Vergleiche auch Peter Sloterdijks wunderbares Buch „Du mußt dein Leben ändern“, in welchem er den Selbstbildungsprozess detailliert beschreibt. Ganz kurz gefasst kann man sagen: Indem man immer wieder Gutes tut, wird man innerlich gut – man könnte auch von innerer Schönheit sprechen -, und umgekehrt: Wer immer wieder Schlechtes/Böses tut, der wird innerlich auch immer schlechter (respektive hässlicher). Insofern schadet sich der Unmoralische selbst (am meisten), denn wir formen unseres Inneres und damit unser Sein, den Menschen in uns durch unsere Handlungen selbst. Daher auch der sokratische Spruch, niemand tue wissentlich Unrecht, da dem Unrecht Tuenden nicht klar ist, was er damit sich selbst zufügt – in seinem inneren Sein.

Stärken und Schwächen dieses Ansatzes

Dieser Ansatz ist in gewisser Weise den anderen beiden noch immer überlegen, weil er tiefer geht. Daher wird er in der zeitgenössischen Philosophie des 20., 21. Jahrhunderts auch wieder zunehmend aufgegriffen, so von Philippa Foot, Alasdair MacIntyre, Rosalind Hursthouse oder Martha Nussbaum. Den Tugendethiker interessieren nicht primär gute Handlungen, sondern gute Menschen, was sie auszeichnet und wie man sie hierzu erziehen beziehungsweise wie man sich selbst dazu bilden kann. Daher kann Aristoteles auch sagen:

„Wir philosophieren nicht, um zu erfahren, was ethische Werthaftigkeit sei, sondern um wertvolle Menschen zu werden.“

Diesen Selbstbildungsprozess beschreibt wiederum Sloterdijk im oben genannten Buch sehr gut. Allerdings kann Aristoteles kein klares Kriterium für eine gute Handlung benennen. Er beschreibt die ethischen Grundprinzipien zwar ganz großartig, sehr tiefsinnig, entwickelt wunderbare Seelen- und Tugendmodelle, beleuchtet insbesondere den Gerechtigkeitsbegriff sehr genau, aber er gibt kein eindeutiges Kriterium an, an dem man im Einzelfall entscheiden könnte, was das Gute ist.

Darf ich manchmal wissentlich und um den anderen zu täuschen die Unwahrheit sagen, sprich lügen, oder ist das immer falsch und verwerflich? Klar, man darf nicht zu einem von Grund auf verlogenen Menschen werden, aber gibt es Fälle, in denen ich zum Beispiel um eines höheren Gutes willen wissentlich die Unwahrheit sage, um den anderen hinters Licht zu führen? Was für eine höheres Gut könnte das sein und warum steht es über der Wahrhaftigkeit? Hierauf findet sich bei Aristoteles keine klare Antwort. Er bleibt bei aller – nahezu einzigartiger – Grandiosität in diesem zentralen Punkt zu ungenau.

Deontologische (Pflichten-)Ethik

Beim deontologischen Ansatz (griechisch: δέον (deon) das Erforderliche, das Gesollte, die Pflicht, daher auch Pflichtethik), herausragend ausgearbeitet bei Kant (1724-1804), sehen wir genau das Umgekehrte: höchste Genauigkeit, aber in gewisser Weise weniger Tiefgang. Bei Kant steht die Handlung selbst im Vordergrund. Er betrachtet weder die zu Grunde liegenden Haltungen, die seelische Verfasstheit des Handelnden oder die Motivation ausführlich noch die Folgen der Handlung, da diese seiner Ansicht nach ohnehin nie sicher abzuschätzen sind, vor allem langfristig. Dafür leitet er mit größter Präzision ein klares Kriterium für moralisch gute und schlechte Handlungen her, das wohl beste, welches es überhaupt gibt: den kategorischen Imperativ.

Kants moralphilosophischer Ansatz ist meines Erachtens mit der beste überhaupt, ist aber – nicht nur wegen seiner ungelenken Sprache, sondern auch inhaltlich – nicht leicht zu verstehen. Man muss hier ein beachtliches Denkvermögen mitbringen, vor allem um sein Prinzip der richtigen Maximenbestimmung hinzubekommen. Gelingt dies, ist dieser Ansatz aus meiner Sicht aber unschlagbar, vor allem in Verbindung mit der aristotelischen Tugendethik, die dem Ganzen dann noch mehr Tiefe verleiht. In Kohlbergs empirischem Sechs-Stufen-Modell der geistig-moralischen Entwicklung rangiert der kantische Ansatz auf der höchsten Stufe, die allerdings nicht einmal von fünf Prozent der Erwachsenen erreicht wird, von Kindern und Jugendlichen gar nicht.

Meine These: Gerade Grüne und Linke versuchen deontologisch zu denken, was im Grunde sehr, sehr löblich ist, aber es gelingt ihnen selten, die richtigen, verallgemeinerbaren Maximen zu formulieren. Es scheitert bei ihnen nicht am guten Willen, gut sein zu wollen, sondern schlicht am Intellekt.

Teleologische Ethik: Utilitarismus

Beim teleologischen Ansatz (altgriechisch τέλος télos, = Zweck, Ziel, Ende) wird das Hauptaugenmerk nicht auf die Motivation oder innere Verfasstheit des Handelnden (seine Seele) gelegt und auch nicht auf die Handlung selbst, sondern auf ihre Folgen, auf die Konsequenzen:

Gut ist, was gute Folgen nach sich zieht. Die Frage, was einen guten Menschen ausmacht und wie man dazu werden kann, interessiert den Utilitaristen zunächst mal gar nicht und wenn doch, würde er wohl antworten: Ein guter Mensch ist jemand, der möglichst oft so handelt, dass sein Tun möglichst wenig Schaden anrichtet beziehungsweise dass es möglichst viel Gutes bewirkt. Was aber sind gute Folgen?

Hier gibt es dann verschiedene Antwortmöglichkeiten, zum Beispiel:

a) der größtmögliche Nutzen für alle, die von der Handlung betroffen sind (Gesamtnutzenmaximierung). Dies nennt man eine utilitaristische Ethik (lat. utilitas = Nutzen, Vorteil), besonders gut herausgearbeitet durch Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873).

Abbau von Armut und Ungleichheit

Eine andere Möglichkeit auf die Frage zu antworten, was denn gute Folgen sind, mithin ein anderer teleologischer Ansatz wäre: b) die Ausrichtung an der Verringerung von Armut (gut ist, was die Armut verringert) oder dem Abbau von Ungleichheit. Diese Ansätze führen aber schnell in moralische Dilemmata, Ungereimtheiten und sind wenig überzeugend. Wenn es primär um die Verringerung von Armut oder den Abbau von Ungleichheit ginge, könnten sich einige Arme zusammentun, einen Reichen erschlagen und sein Vermögen unter sich aufteilen. Dann wären Armut und Ungleichheit sogar deutlich verringert, viel mehr, als wenn er einen Teil abgibt.

Solche Gedanken finden sich zum Beispiel bei Jean Paul Sartre in seinem Vorwort zu dem Schlüsselwerk des Anti-Kolonialismus von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), wenn Sartre formuliert:

„Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrig bleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.“

Mit Moralphilosophie hat das wohl aber eher weniger zu tun, vermag argumentativ auf jeden Fall nicht ansatzweise zu überzeugen, wenngleich ganze Generationen von solchen ethisch in keiner Weise haltbaren Moralvorstellungen infiziert zu sein scheinen.

Präferenzen oder Glück

Doch zurück zum Utilitarismus, dem überzeugendsten teleologischen Ansatz. Gut ist, was der Gesamtheit den größtmöglichen Nutzen bringt (Gesamtnutzenmaximierung). Hier tauchen ebenfalls eine Reihe von Problemen auf, zum Beispiel die Frage: Wonach soll man sich hier orientieren an der Präferenz von A, von B, von C …, die alle aufsummiert werden, oder an dem empfundenen Glück von A, B, C …?

Denn dies ist durchaus nicht dasselbe. Mitunter haben Menschen Präferenzen für Dinge, die ihr Glücksgefühl sogar verringern, ja die sie regelrecht unglücklich machen oder ihnen schaden. Denken Sie nur an geistig oder psychisch Kranke (Zwangsneurosen, Sexsucht etc.) oder an Kinder (Eis essen bis sie Bauchweh haben, im Meer viel zu weit raus schwimmen). Dies finden wir aber nicht selten auch bei gesunden Erwachsenen, auch bei uns selbst. Wir wollen etwas unbedingt haben und wenn wir es denn haben, macht es uns gar nicht glücklich oder nur ganz kurz.

Auf diesem Prinzip, ständig neue Wünsche und Präferenzen zu erzeugen, die nicht lange oder gar nicht glücklich machen, beruht ein Großteil der Werbung und des Marketings. Es werden ständig neue Begehrlichkeiten geweckt. Das Ziel ist natürlich nicht, uns dauerhaft zufrieden zu machen, sondern uns das Geld aus der Tasche zu ziehen über die (künstliche) Weckung von Wünschen, Begehrlichkeiten, über die Einflussnahme auf unsere Präferenzen.

Offene Fragen

Woran also sollte sich eine utilitaristische Ethik orientieren, an der Summe der Präferenzen (was die Leute haben wollen, man denke hier zum Beispiel an Merkel, die im September 2015 den Deutschen gab, was diese mehrheitlich gerade wollten) oder an ihrem tatsächlichen Glück? Wenn Letzteres am kurzfristigen (für den Moment) oder am langfristigen? Und wie weit muss hier der Kreis der Personen gezogen werden, deren Präferenzen oder deren Glück berücksichtigt werden? Müssen auch empfindungsfähige, glücksfähige Tiere (und auch Pflanzen) berücksichtigt werden, so sie von der Handlung betroffen sind? Und wie summiert man Glücksgefühle von verschiedenen Personen auf? Wie soll man das Glücksgefühl von A bewerten, wenn es größer, intensiver ist als das von B, zählt es dann doppelt oder dreifach?

Eine zentrale Frage aber lautet: Sind die Präferenzen oder die tatsächlichen Glücksgefühle entscheidend? Was, wenn jemand etwas tut, was den Präferenzen der Mehrheit widerspricht, ihr langfristiges Glück aber nicht verringert, sondern mehrt respektive unter diesem Aspekt besser abschneidet als jede alternative Handlung? Hat er dann moralisch etwas Verwerfliches getan? Woran soll man sich also letztlich orientieren?

Und umgekehrt, was wenn jemand so handelt, dass er den Präferenzen der Masse nachgibt, obschon er erkennt, dass dies mittel- oder langfristig verheerende Folgen haben wird für sie? Handelt er dann verwerflich, wenn er es trotzdem tut, die Personen in ihren Präferenzen, in ihrem Willen also ganz ernst nimmt? Was ist aus utilitaristischer Sicht entscheidend, die momentanen Präferenzen oder das resultierende Glück respektive das sich tatsächlich einstellende Unglück?

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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