Wie der Mensch auf die Idee eines Lebens nach dem Tode kam

Von Jürgen Fritz, Sa. 21. Jul 2018

Leben nach dem Tode, das sei wie süßes Salz, meinte die Aphoristikerin Waltraud Puzicha (1925 – 2013). Und der Dichter und Schriftsteller Erich Limpach (1899 – 1965) konstatierte: „Nichts hat das Leben so sehr entwertet wie der Gedanke an ein Weiterleben nach dem Tode“Was steckt in Wahrheit hinter der Vorstellung, es gäbe ein Jenseits, in welches unsere Seele, die nicht als vergänglich, sondern als unsterblich vorgestellt wird, bei unserem Tode hinübergehen und dort weiter existieren würde?

Die Schwierigkeit loslassen zu können

Hinter der Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode, einer unsterblichen Seele, für die Platon sogar fünf „Beweise“ anführte (alle fehlerhaft) und die sein berühmtester Schüler Aristoteles bereits negierte, hinter dieser Vorstellung  steckt vor allem eines: dass es uns so schwer fällt, los zu lassen. Das ganze Leben ließe sich interpretieren als eine Übung des Erlernens des Loslassens.

Wir verlieren Dinge, die uns besonders wichtig waren, wir verlieren Menschen, die uns innerlich besonders nahe stehen, wir verlieren unsere Jugend, wir verlieren sukzessive unsere Gesundheit, wir verlieren Freunde, wir verlieren unsere Ziele aus den Augen usw. usf. Und zuletzt verlieren wir das Leben selbst, was uns natürlich Angst macht. Der Mensch hat im Gegensatz zum Tier ein Bewusstsein seiner eigenen Vergänglichkeit, ein Bewusstsein des Todes, was nicht wenig belastend ist. Existenzphilosophen nennen das ein Existenzial (Heidegger) oder eine Grenzerfahrung (Karl Jaspers).

Das Ausnutzen dieser Schwäche durch die Religionen

Weil uns dieses Sein zum Tode (Heidegger) emotional überfordert, erfinden wir eine jenseitige Welt und malen uns diese so aus, dass sie uns zu trösten vermag, dass sie uns Halt und Orientierung gibt, dass sie Hoffnung in uns weckt und am Leben erhält, so dass wir die Welt und unser Sein in dieser, in welches wir ohne gefragt zu werden, hineingeworfen wurden (Geworfenheit).

Das heißt, wir belügen und betrügen uns selbst, dies aber mit einer gleichsam unendlich süßen Lüge, die wir zugleich in unserem tiefsten Innern jedoch nicht wirklich glauben, denn dann bräuchten wir ja keinerlei Angst mehr zu haben vor dem Tod, müssten uns sogar nach diesem sehnen, wenn doch das Leben im Jenseits so viel schöner. Und einen Mörder bräuchten wir dann ja gar nicht zu bestrafen, hilft er dem anderen doch nur, schneller dorthin zu kommen, wo es viel besser. Hinter dieser süßen Lüge verbirgt sich in Wahrheit also nur, dass es uns so schwer fällt, uns selbst los zu lassen, mithin Selbstsucht.

Auf dieser Unfähigkeit, los lassen zu können und dieser Selbstsucht, bauen die meisten Religionen auf, die diese Schwäche für sich ausnutzen und sie wie auch die Infantilität selbst sogar noch hegen und pflegen, was den Generälen und Offizieren der jeweiligen Religionsgemeinschaft zugleich Macht verleiht über ihre einfachen Soldaten, die innerlich wie äußerlich klein und damit in Abhängigkeit gehalten werden und in dieser auch gehalten werden sollen, denn ansonsten verlören die Offiziere und Generäle ja zumindest partiell ihre eigene herausgehobene Stellung und damit gleichsam ihre Macht.

Inneres, geistiges Wachstum statt Infantilität

Ein anderer, reiferer Umgang mit der Vergänglichkeit des Lebens wäre, sich im Loslassen zu üben, ohne dabei resignativ zu werden, sondern trotz der ganzen Vergänglichkeit und partiellen Schlechtigkeit der Welt hoffnungsvoll zu bleiben, nicht nur für sich, sondern auch für die Welt. Seine Spiritualität und eine innere Gelassenheit zu entwickeln, was das Unabänderliche anbelangt und den Sinn des Daseins nicht außerhalb dessen zu suchen, sondern in ihm selbst, so wie der Sinn eines guten Essens oder der Liebe nicht außerhalb dessen liegt, sondern in dem Essen, in der Liebe selbst, die kein Um-zu benötigen, die Zweck an sich selbst sind, so dass es keines süßen Salzes bedarf.

Zu solch einem reiferen Umgang mit der Vergänglichkeit des Lebens würde auch gehören, ehrlich zu sich selbst zu sein und ganz bei sich zu bleiben und doch zugleich über sich hinaus zu wachsen, aber nicht in eine etwas infantile Traumwelt, sondern in die Welt des Geistigen, in die Welt des Wahren, Schönen und Guten, an der wir – siehe Kant: der Mensch ist Bürger zweier Welten – teilhaben und die immer schon in uns ist.

*

Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Eine Antwort auf „Wie der Mensch auf die Idee eines Lebens nach dem Tode kam

  1. Pingback: Wie der Mensch auf die Idee eines Lebens nach dem Tode kam – Leserbriefe

Comments are closed