Das Volk ist das Problem

Von Jürgen Fritz, Fr. 17. Aug 2018

Nach jedem schlimmen Verbrechen, die sich gefühlt mittlerweile ja im Monats-, wenn nicht sogar im Wochen- oder Tagesrhythmus ereignen, sind die gleichen empörten Rufe zu hören: Das Volk müsse jetzt endlich auf die Straße gehen. Solche Rufe sind von einer schon bemerkenswerten Naivität getragen. Dazu mein Kommentar, a) um mir selbst Luft zu verschaffen, b) um die tieferen Zusammenhänge zu verdeutlichen und c) um den einzigen Weg aufzuzeigen, der aus dem tiefen Dilemma, in dem wir stecken, herausführen kann.

Das Volk will alles genau so

Ich kann es nicht mehr hören: Das Volk müsse jetzt endlich auf die Straße gehen. Ich war mehrfach auf der Straße und habe darüber berichtet. Es fing gut an, war aber letzten Endes kläglich. Nach wenigen Monaten ist alles in sich zusammengebrochen. Die Gegenseite hat aus dem Stegreif vier- bis fünfmal so viele Leute mobilisiert, die fünfmal so agil waren wie wir. Die meisten Hamburger haben niemals mitbekommen, dass da überhaupt was war und die Mainstream- bzw. Lügenpresse hat ausschließlich negativ über uns berichtet.

Das Volk will zu über 80 Prozent alles genau so, wie es abläuft. Das Volk ist das Problem selbst. Wer immer alles nur auf die Herrschaftseliten zu schieben versucht, zeigt damit nur seine infantile seelische Struktur, seine Unfähigkeit, die Fehler bei sich zu suchen und dass er das Versagen immer auf die anderen, also von sich weg projizieren möchte. Ein naives, für einen erwachsenen, geistig reifen Menschen unwürdiges Schema.

Wir sind nicht das Volk, wir sind Außenseiter. Außenseiter, denen es zumeist an jeglicher Fähigkeit zu strategischem Denken mangelt. Außenseiter, die es zum Großteil nicht mal schaffen mitzuhelfen, die freien Medien weiter aufzubauen, um so eine wirkmächtige Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Außenseiter, von denen viele sich darauf spezialisiert haben, sich über Misststände zu empören. Ein berechtigtes Empören, aber eines, aus dem meist sonst nichts großartig folgt.

Das Volk in seiner Breite aber will Harmonie, will absolute Toleranz, will großzügig sein, will Frieden mit allen, auch mit denen, die selbst alles andere als Frieden wollen. „Das Volk“ will einen etwas höheren Lebensstandard, ohne mehr arbeiten zu müssen, will mehr Komfort, will mehr Bequemlichkeit, will ein besseres TV-Programm, ein noch neueres Handy, will lecker essen und schönen Urlaub machen und das Gefühl haben, lieb und anständig zu sein. Wohlgemerkt, es will nicht anständig sein, sondern das Gefühl dessen haben. Das ist ein Unterschied!

Was das Volk auf keinen Fall will

Was das Volk nicht will, ist geistige Anstrengung. Was das Volk nicht will, ist, sich selbst zu hinterfragen und umdenken. Was das Volk nicht will, ist Konfrontation, außer einer: mit den paar Leuten, die die Konfrontation mit denen, die Konfrontation lieben, nicht scheuen. Das Volk ist das Problem, welches genau die Leute nach oben bringt, die jetzt oben sind. Die Frage muss also lauten: Wie kann das Volk verändert werden? Wenn das gelänge, ergäbe sich alles andere wie von selbst. Das Volk zu ändern, ist aber Knochenarbeit, weil der Mensch unfassbar träge ist, im Geistigen noch mehr als im Körperlichen.

Und die meisten sind nicht fähig, ihr Welt- und Menschenbild allein durch Reflexion zu ändern, sondern nur über Schmerz. Nur wenn es richtig weh tut, entsteht bei einigen die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und sich zu ändern. Viele aber nicht mal dann. Das sind die Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben.

Der einzig gangbare Weg

Was wir schaffen müssen, wenn wir eine Chance haben wollen zu überleben, ist, einen Umdenkprozess einzuläuten. Dazu braucht es a) exzellente Vordenker, die das Ganze sauber analysieren und die Richtung herausarbeiten, in die es gehen kann, b) solche, die das in die Breite weitertragen, die es vermitteln können, und c) viele, die das überzeugt und die das mit ungeheurer Energie und Einsatz mittragen, die sich als ganze Person dafür einsetzen und die mit viel Ausdauer und Frustrationstoleranz jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen.

Das ist, wie gesagt, Knochenarbeit. Anders geht es aber nicht. Es gibt keinen bequemen oder schnellen Weg. Es gibt keine Pille, die schlagartig alles wieder gut machen könnte. Wir müssen andere überzeugen, dass aus den jetzt noch über 80 Prozent 60 werden und dann 40 und schließlich 20 und wir 80. Nur so geht es.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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