Was ist nur aus der CDU geworden? – Der Ausverkauf einer Partei

Ein Gastbeitrag von Stefan Groß, Mo. 27. Aug 2018

Die CDU hat schon bessere Tage erlebt. Der Streit mit der Schwester hat dem Image geschadet und mit Daniel Günther werden inzwischen sogar Stimmen laut, die mit der Linkspartei eine Koalition anstreben. Was ist nur aus der CDU geworden? Statt christlicher Tugenden werden Multi-Kulti und Gender-Mainstreaming zum Religionsersatz. Mit Merkel geht der Ausverkauf der Partei weiter. Stefan Groß legt die Finger in die Wunden.

Mit Merkel hat das C endgültig Konkurs angemeldet

Die Ära der Kanzlerschaft von Angela Merkel prägt eine gepflegte Lethargie – zumindest wenn es um den Wert des Christlichen geht. Nirgends anecken, profillos regieren. Die ganze Regentschaft gleicht einem Zick-Zack-Kurs bequemer Anbiederung und Gleichmacherei und droht dabei zugleich ihren Markenkern auf dem Spielplatz der politischen Macht und Eitelkeiten wie ein beiläufiges Gut zu verschenken. Vom C ist unter der Physikerin Merkel nicht mehr viel zu spüren. Der einstige Glanz, der sich damit verband, ist zu einer Klarsichtfolie geworden, die nur dann aufgepustet wird, wenn die Flüchtlingspolitik als humanitärer Akt heraufbeschworen wird.

Mit Merkel hat das C endgültig Konkurs angemeldet. Ein zweckrationalisierter Wertekanon regiert, der in seiner Beliebigkeit immer mehr von dem preisgibt, was den einstigen Markenkern der CDU unter Konrad Adenauer und den Anfängen der Bundesrepublik bildete. Geblieben ist ein Werterelativismus, dem jeder konservative Tiefgang fehlt. Das christlich-liberale, das durch den Geist der Aufklärung hindurch, eine selbstkritische Korrektur vorgenommen hat, ist zur ergrauten Macht geworden, die als Beliebigkeitsformel zum leblosen Bodensatz globaler Inszenierungen vernutzt wird.

Eine „Diktatur des Relativismus“ regiert

Merkels CDU der Mitte, die allzu gern nach links schwenkt, die dem grünen Zeitgeist huldigt, der SPD die Inhalte klaut, hat das C entkernt und damit einer Säkularisierung Tor und Tür geöffnet, die gleichsam in einer – wie schon Papst Benedikt der XVI. kritisierte – „Diktatur des Relativismus“ kulminiert. Das Christliche wird so zum bunten Einer- oder Allerlei, verliert in Claudia Roth’schen Regenbogenfarben jegliche Kontur und wird – sobald es um Wählergunst und Wahlstimmen geht – beliebig verändert.

In Zeiten des Anything Goes, wo Gender-Mainstreaming und die Geschlechtsneutralität zu den neuen heiligen Kathedralen des Individualismus stilisiert werden, verkommt das hohe C eben zum hohlen C. Dabei war das C einst Erweckungszeichen einer ganzen Generation nach dem Krieg, verlieh unendliche Energien- und Beschleunigungskräfte. Doch die Abriebkräfte aus dem Vakuum der Mitte zerstören zusehends die sozialen Errungenschaften, die Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, die Freiheit des Einzelnen und die Eigenverantwortung. Was dagegen bleibt, ist ein sich arrangierender Multi-Kulti-Kurs, der zumindest dem Wunsch vieler Bundesbürger diametral entgegengesetzt ist.

Die Verleugnung des Eigenen

Im Unterschied zur CSU zeigt sich bei der CDU eine gewisse Ängstlichkeit zu regieren, Angst vor der Kritik ist eine permanent anwesende Größe, quasi eine Profilneurose. Und so bleibt die CDU unter Merkel eine in Sachen christlicher Religion ruhig gestellte Partei, ohne Wenn und Aber, ohne Entweder-Oder, die sich lieber der religiösen Pluralität öffnet, den Islam zum Teil Deutschlands erklärt und bei der Integration muslimischer Einwanderer ihr Goldenes Kalb entdeckt. Dieses Auf-Sich-Fahren und die eigene Unfähigkeit, sich klar zum konservativen Markenkern zu bekennen, wird so immer mehr zur Probe ihrer politischen Glaubwürdigkeit.

Auch 2018 ist Deutschland ein säkularisiertes und religionsfreies Land, an dessen Gottesferne die christlichen Parteien maßgeblich mitverantwortlich sind. Die eigene Religion wird kleingeredet, die anderen in den kulturell-politischen Fokus gerückt, aufgeblasen und inszeniert. Das Christliche verdunstet dabei buchstäblich in der Warenkette im Supermarkt, verdampft zum bloßen Lippenbekenntnis und erweist sich leidglich als altbackener Zopf, während fremde Kulturen hierzulande ein Wohlfühlbecken finden, das sie in aller Beliebigkeit ausfüllen können.

Zwar zeigt die Union damit, wie multikulturell und ethnisch offen sie ist, aber dem eigenen Bürger schmeckt dieser Cocktail einfach nicht. Im CDU-Grundsatzprogramm von 2007 heißt es: „Wir brauchen eine kontrollierte Zuwanderung von gut ausgebildeten, leistungsbereiten und integrationswilligen Menschen. (…) Integration bedeutet die Akzeptanz kultureller Verschiedenheit auf der Basis allgemein geteilter und gelebter Grundwerte. Integration bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für unser Land. (…) Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zur Integration. (…) Wer sich der Integration verweigert, muss mit Sanktionen rechnen.”

Ein Blick in die No-Go-Areas der Bundesrepublik, der Fall Sami A., die vielen Gewaltverbrechen belehren eines anderen. Grundsatzprogramm und Realität bleiben meilenweit voneinander entfernt.

Die neue Unübersichtlichkeit

Dabei wächst in Zeiten neuer Unübersichtlichkeiten, sei es durch die Globalisierung oder die Digitalisierung, auf Seiten der Wählerschaft gerade wieder der Wunsch nach Verbindlichkeiten und einem Werteprofil, nach einem verbindlichen Tugendkanon, der sich nicht dauernd im Ausnahmezustand befindet. Dagegen aber wird die abendländisch-christliche Leitkultur, die das traditionelle Bild vom Menschen als in Freiheit geschaffener Vernunft samt Lebensschutz zu ihrem Fundament erklärt, als konservatives und verhängnisvolles Klischeebild abgeschüttelt sowie das Konservative zugunsten pluraler Mehrheitsfähigkeit abgewählt.

Der Konservative wird mit Argusaugen betrachtet, in aller Beliebigkeit in die rechte Ecke verschoben, totgeschwiegen oder gemobbt. Dabei eignet seiner Wesensnatur keineswegs das bloß Reaktionäre, Persönlichkeiten wie Adenauer und Erhard zeigten dies deutlich, sondern Toleranz, Weltoffenheit, Besonnenheit, Kämpfertum und Gesunder Menschenverstand. Der Konservative beäugt den politischen Dirigismus kritisch, sieht in der neuen repressiven Toleranz eine Gefahr für die Freiheit und für das christliche Menschenbild. Ihm ist ein Drittes Geschlecht eben nicht Ausweis, sondern Verlust von Toleranz. Und im Gender-Mainstreaming sieht er letztendlich eine pure Ideologisierung am Werk, die auf Gleichmacherei und Geschlechtsleugnung hinausläuft. Mit einer derartigen Politisierung des Geschlechtlichen verleugnet die Union ihr einstiges Ideal eines sich frei entscheidenden Menschen, ohne zu erkennen, dass Gender ein Totalangriff auf eben diese Freiheit ist.

Wenn das konservative, wertstabilisierende Element fehlt, erobert sich die Neutralität einer falsch verstandenen politischen Aktion das Feld. Das Ergebnis sind austauschbare politische Gebilde und die Wahlprogramme. Die inhaltliche Leere politischer Reden bleibt Ausdruck von Standlosigkeit, die dann zur politischen Ortlosigkeit wird, da eine derartige Aktivität schnell in politisch blinden Aktionismus umschlägt, der nicht nur der Politik schadet, sondern der bereits der Kunst immer schon geschadet hat. Denn: Wie in der modernen Kunst auf die Ortlosigkeit die Wesenlosigkeit folgte, so auf den Aktionismus die Lähmung.

Wo das Konservative fehlt, wächst die Rechte

Wer dem konservativen Kern keinen Raum mehr gibt, diesen ideologisch als Sondermüll des Politischen deklassifiziert, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Wahlvolk sein heilsgeschichtliches Glück in der alternativlosen AfD zu finden glaubt. Ebenso erweisen sich politische Plänkelspiele mit der SED-Nachfolgepartei, DIE LINKE, wie sie der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, als reines Paradigma politischer Machterhaltung durchspielt und dabei sehr viel vom Innersten der CDU preisgibt, treibt immer mehr CDU-Wähler aus den eigenen Reihen.

Wie lose das Wertgefüge in der CDU wirklich ist, hatte die WerteUnion deutlich erkannt und forderte genau eine Besinnung auf die ehemaligen CDU-Tugenden. Doch schon dafür hagelte es aus der liberal-grünen Mitte der Partei mit harscher Kritik. Es bleibt dabei: Die Zukunft der CDU fällt mit ihrer Kanzlerin. Sollte Merkel immer mehr gen links treiben, hat sie das politische Erbe Adenauers verspielt und ihre eigene Partei inhaltlich ausverkauft. Merkel, der ideologiefreien Wissenschaftlerin, bleibt ihr Christentum ein bunter Legokasten, den sie mit x-beliebigen Teilen ersetzt und umbaut. Und damit erweist sie sich keineswegs als Repräsentantin liberaler, christlich-sozialer und konservativer Werte, sondern als Karrieristin, die letztendlich das Profil der CDU schlucken wird.

„Anpassungsintelligenz“, wie es Martin Lohmann einst formulierte, bleibt der Schicksalsbegriff der Stunde. Wer mal liberal, mal christlich sozial, mal konservativ sein will, „wer also an der Spitze meint, aus dem Und ein Oder machen zu können, verrät nicht nur etwas über die eigene Wandlungsfähigkeit im Umgang mit Teilprofilen, sondern offenbart auch machtvolle Defizite im Kern-Verständnis der eigenen Partei.“ Deutschlands Kanzlerin bleibt eine taktische Politikerin, die vom puren Willen zur Macht getrieben wird und bei Bedarf auch ihre politischen Grundsatzpositionen um 180 Grad dreht. Der Ausverkauf der Partei geht weiter.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf The EuropeanEr erscheint nun hier mit freundlicher Genehmigung des Autors Stefan Groß, der zugleich Chefredakteur des The European ist.

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Zum Autor: Dr. Dr. Stefan Groß studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Jena, München, Valladolid, Nizza und Madrid. Nach dem Studium wurde er in Jena und Madrid promoviert. Er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Stationen seines Lebens waren Cicero, die Friedrich-Schiller Universität, die TU München u.a. – Seit drei Jahren arbeitet Stefan Groß für die Weimer Media Group – zuerst als Chef vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur und nun als Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des The European. Er ist Autor mehrerer Bücher.

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Titelbild: By Bernd Zucker [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, from Wikimedia Commons

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