Hallo, mein Name ist Mila

Ein Gastbeitrag von Inge Steinmetz, Mi. 29. Aug 2018

Hallo, mein Name ist Mila, ich bin fünfzehn Jahre alt und Gymnasiastin aus K. in Rheinland-Pfalz. Unsere Schule wird durch einen Kodex geprägt, der besagt, dass ein respektvoller, offener und toleranter Umgang miteinander und das Engagement für Mitmenschen und Umwelt wichtig sind. Wir Jugendlichen haben den Anstoß für die Gründung einer AG geliefert und sind auch in allen Teilprojekten gemeinsam mit unseren „Patenkindern“ die treibende Kraft. Im Rahmen der Projektwoche „Egal woher du kommst – die Chance für ein neues Leben“ wurden wir aufgefordert, unsere eigenen Erfahrungen mit unserem Patenkind aufzuschreiben. Hier also mein Bericht.

Bevor die Flüchtlinge kamen war hier alles total boring, jetzt ist richtig Leben in der Bude

Mein Name ist Mila, ich bin fünfzehn Jahre alt. Meine Eltern sind beide berufstätig, Mutter als Grundschullehrerin, Vater als Pressereferent für die evangelische Kirche, Geschwister habe ich keine.

Seit einiger Zeit leben in unserem Ort Flüchtlinge. Noch vor 2 Jahren war hier nichts los, richtig boring, aber jetzt ist Leben in unsere Stadt gekommen. Die evangelische und katholische Kirche haben sofort ein Gemeinschaftsprojekt ins Leben gerufen, einen Ort der Zusammenführung der Kulturen. „Max und Moritz“ heißt der Treffpunkt, in dem wir Mädchen uns mit unseren Patenkindern treffen. So lernen wir soziales Engagement, entdecken neue Kulturen und erleben, wie einfach Hilfe sein kann.

Oft fehlt ihm die Kraft, morgens aufzustehen

Mein Patenkind heißt Abdul und kommt aus Syrien. Wenn ich sehe, welch sorgenfreies Leben wir in Deutschland haben, dann kommt mir Abduls Leben hart und ungerecht vor. Sein Vater und die Geschwister kamen bei einem Bombenanschlag ums Leben, die Mutter ist traumatisiert. Er und sie sind die beiden einzigen Überlebenden der Familie. Abdul ist 17 Jahre alt, wirkt aber viel reifer. Kein Wunder, bei dem was er schon durchgemacht hat. Außer seinen neuen Adidas-Schuhen und seiner Nike-Sportjacke konnte er nur noch sein Smart-Phone retten. Alles andere ging auf der Flucht verloren.

Ali – Abdul hat nicht nur einen Namen, sondern ganz viele, heißt fast jeden Tag anders, nicht so langweilig wie bei uns, wo jeder nur einen Namen hat; und das übrigens ganz legal, neulich ist seine Tasche vom Bett gefallen und da waren ganz viele Ausweise drin, alle auf verschiedene Namen ausgestellt, voll cool ey! -, Ali kann, wenn er möchte, zur Schule gehen. Dann sitzt er als mein Patenkind neben mir, was mir möglich macht, auch eine ganz persönliche Hilfe, zum Beispiel bei den Hausaufgaben, anzubieten. Es ist alles so schwer für ihn. Ihm fehlt oft schon die Kraft, morgens aufzustehen, sich hier an unsere Art zu leben zu gewöhnen. Alles ist neu für ihn! Zuhause haben sie zum Beispiel immer auf dem Boden gesessen und mit Gabel und Messer essen ist ihm gänzlich unbekannt.

Mit dem Messer klappt es schon richtig gut

Seinen Freunden stellt mich Ali als „seine Frau“ vor. Das klingt lustig, zeigt mir aber auch, wie sehr er sich nach seiner Familie zuhause sehnt, wie alleine er sich fühlt. Er hat jetzt einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt, möchte so schnell wie möglich seine Eltern und die fünf Geschwister nachkommen lassen. Außer dieser engsten Familie betrifft es auch noch seine zwei Cousinen, die er, um ihnen die Flucht aus Afghanistan zu erleichtern, geheiratet hat. Es ist schon rührend, wie sehr er sich sorgt, was er alles tut, damit es allen gut geht. Er freut sich jetzt schon, sie bald alle in die Arme schließen zu können.

Heute werden wir Schüler mit unserer Lehrerin noch für die Projektwoche Plakate malen: „Kampf gegen Rechts“, „Gib Nazis keine Chance“, „Die Welt ist bunt“ und „Stop Racism“. Das finde ich besonders gut. Und am Abend habe ich mich dann noch mit Ali verabredet. Ich muss ihm unbedingt noch genau erzählen, wie ich mich in Dennis verliebt habe, und er möchte mir endlich zeigen, welche Fortschritte er jetzt schon mit dem Besteck gemacht hat. Mit dem Messer, meint er, klappt es schon ganz gut.

*

Wie nah diese wunderbare Satire von Inge Steinmetz an der Realität dran ist und wie wunderbar sie diese persifliert, können Sie hier sehen: ZDFtivi, logo! – Jara hilft Flüchtlingen

**

Titelbild: ZDF-Screenshot

***

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Eine Antwort auf „Hallo, mein Name ist Mila

  1. Pingback: Hallo, mein Name ist Mila – Leserbriefe

Comments are closed