Lieber Hamed Abdel-Samad, erlauben Sie mir, Sie auf etwas hinzuweisen

Von Jürgen Fritz, Mi. 3. Okt 2018

Lieber Hamed Abdel-Samad, ich habe gestern zufällig die Sendung „Europas Muslime“ auf ARTE gesehen, in der die Journalistin Nazan Gökdemir sich mit Ihnen zusammen auf die Reise durch Europa begibt, um mit Muslimen zu sprechen. Zunächst einmal meinen größten Respekt für Ihren persönlichen Mut und Ihre Lebensleistung. Dass Sie nur noch von Personenschützern ständig umgeben leben können, sagt sehr viel aus über die Weltanschauung, die Sie kritisieren, und diejenigen, die diese in sich tragen. Dass Sie diese Kritik gleichwohl äußern und trotz der Gefahren, die dies für Sie ganz persönlich heraufbeschwört, nicht damit aufhören, Sie sich nicht einschüchtern lassen, sagt wiederum sehr viel aus über Sie. Solche Menschen bräuchte es viel mehr, sowohl bei uns wie in jeder Gesellschaft. Doch erlauben Sie mir, Sie und Nazan Gökdemir auf etwas hinzuweisen.

Es geht nicht darum, was äußerlich passiert

In der folgenden Szene fragen Sie, Nazan Gökdemir, einen Mann mit Bart, der in einem Wagen mit der Aufschrift „Schlüsseldienst“ arbeitet, zunächst, ob die islamische und die westliche Lebensordnung zusammenpassen würden. Daraufhin antwortet er, der Islam habe alles, was der Westen heute habe, schon vor 1.400 Jahren gehabt, vor allem Frieden für Frauen und Frieden für die Menschen. „Aha!“, ist man versucht zu sagen. Es ist erstaunlich, wie wenig Muslime über die gewaltsame Ausbreitung des Islam über Jahrhunderte, die brutale Unterwerfung aller anderen Kulturen um sich herum und über die mehr als 1.300 jährige Geschichte der islamischen Sklaverei wissen, die alles übertrifft, was die Menschheit jemals gesehen hat. Aber gut, zurück zu Ihrem Gespräch.

Sie, Hamed Abdel-Samad, haken dann ein, es gebe aber auch Unterschiede, so zum Beispiel, dass die Frauen im Westen anziehen dürfen, was sie wollen, dass sie lieben dürfen, wen sie wollen. Daraufhin unterbricht Sie der Muslim sofort, um Ihnen zu erklären, was es damit auf sich habe. Die Frau solle sich bedecken und sich nur ihrem Mann zeigen. Denn wenn jetzt zum Beispiel eine hübsche Frau unverschleiert herumlaufe, dann … Jetzt unterbrechen Sie ihn sofort und machen den Einwurf, es sei gerade eine hübsche Frau dagewesen und es sei nichts passiert. Auf diesen, Ihren Einwurf werde wir gleich zurückkommen, denn der ist sehr aufschlussreich bezüglich Ihrer Denke.

Der Muslim versucht Ihnen auch sofort zu erklären, dass es nicht darum geht, was (äußerlich) passiert, sondern es gehe um etwas ganz anderes. Er liefert sodann eine Begründung, die Sie beide wohl nicht wirklich verstanden haben und die Sie dann kleiner machten, als sie war, um dann gegen das kleinere Argument zu argumentieren, nicht aber gegen sein sehr viel stärkeres. Das ist ein beliebter Trick, wobei ich nicht annehme, dass Sie, Hamed Abdel-Samad und Nazan Gökdemir, tricksen wollten, sondern wahrscheinlich seine Denkweise und sein starkes Argument an der Stelle einfach nicht verstanden haben.

Schönheit führt unweigerlich zu Leid

Der Trick, den Sie wohl aus Versehen anwendeten, geht wie folgt. M führt Argument A1 ins Feld. Der Gesprächspartner H macht aus dem starken A1 ein viel schwächeres Argument A2, argumentiert dann gegen A2 und wenn er dieses widerlegen kann, meint er oder will suggerieren, er habe A1 und damit M widerlegt, was natürlich in Wahrheit nicht der Fall ist. Wie lautete nun das starke Argument A1 des Schlüsseldienstmannes? Erlauben Sie mir, dieses ausführlich darzustellen, ausführlicher als es der Schlüsselmann selbst getan hat, um es in seiner ganzen Stärke, die Ihnen beiden offensichtlich entgangen ist, zu verdeutlichen.

Er meinte, wenn die hübsche Frau unverschleiert herumlaufe, dann sei es unvermeidlich, dass Männer, diese hübsche Frau sehen. Dieses Bild der schönen Frau ist nun aber in deren Kopf (genauer: in deren Geist, mithin in ihrer Seele). Derjenige, der nun aber selbst eine hässlichere Frau hat, was wird in dem vorgehen, wenn er nach Hause kommt und seine eigene Frau sieht, zugleich aber noch das Bild der besonders hübschen Frau im Kopf hat? Er wird unweigerlich Vergleiche anstellen. Bei diesem Vergleich wird seine eigene Frau nicht sehr gut abschneiden, was dann wiederum ein Unzufriedensheitsgefühl in dem Mann erzeugen wird. Seine eigene Frau wird ihm nun angesichts dieser so schönen Frau, die er gesehen hat, anders erscheinen als zuvor. Weshalb? Weil sein Maßstab sich verschoben hat, worunter er selbst und auch seine Frau beide leiden werden.

Und was ist mit den Männern, die gar keine Frau haben? Die werden noch mehr leiden, denn die bekommen jetzt das Bild der schönen Frau nicht mehr aus ihrem Kopf, welches Begierde in ihnen evoziert, die nie zur Erfüllung gelangt. Ständig unbefriedigte Begierde ist aber wie ein Schmerz, von dem man nie erlöst wird und der sogar mit der Zeit noch größer wird, weil die Begierde durch ständige Bilder von dem, was man nicht bekommen kann, immer noch mehr angestachelt wird. Mein Tipp: Schauen Sie sich den Film „Der Zauber von Malèna“ von Giuseppe Tornatore mit Monica Belucci an, der diese tiefe Problematik wunderbar entfaltet.

Frauen leiden unter dem permanenten Attraktivitätsdruck, der eine Grausamkeit der Natur darstellt, vor allem für die Verlierer

Das ist übrigens auch der Grund, warum Frauen oftmals so sehr andere Frauen beäugen und genau taxieren, zumal wenn sie selbst auch attraktiv sind: Weil sie Angst haben vor der Konkurrenz, weil sie um diese Zusammenhänge wissen und weil das alle Frauen permanent unter Druck setzt, mit anderen in puncto Attraktivität konkurrieren zu müssen. Wie würde sich eine Welt ohne Männer für Frauen darstellen? Sie könnten permanent Schokolade essen und müssten nie wieder Sport treiben, besagt ein tiefsinniger Frauenscherz.

Hinzu kommt, dass selbst die sehr schöne und attraktive Frau im Laufe der Jahre fast immer irgendwann an Schönheit und Attraktivität einbüßt, so dass jüngere Frauen eine permanente Bedrohung darstellen. Wie viele Beziehungen gehen daran kaputt, dass er sich irgendwann eine Jüngere nimmt, zumal wenn er selbst sehr attraktiv ist, wobei Männer den Vorteil haben, dass sie äußerliche, ästhetische Makel eher ausgleichen können durch andere Dinge, insbesondere durch Geld, Macht, Intelligenz, Witz, soziale Stellung oder besondere Talente, zum Beispiel Singen oder Tanzen. Die unterschiedliche Attraktivität aber ist, wenn Sie so wollen, eine der vielen Grausamkeiten der Natur.

Die Verschleierung ist auch eine Befreiung vom permanenten Druck des Vergleichs

Und gegen diese Grausamkeit der Natur geht das Verschleierungsgebot an. Dieses, das verstehen viele Westler nicht, dient auch dem Schutz der Frau und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens um weniger der Gefahr von männlichen Übergriffen ausgesetzt zu sein, weil die Männer, die nie gelernt haben, eine Impulskontrolle über sich zu entwickeln, dann viel weniger gereizt werden, die nicht gestillte Begierde dann nicht dauernd noch weiter anwächst. Zweitens um die Frau vor diesem permanenten Druck des Vergleichs mit anderen Frauen zu befreien. Das entlastet also nicht nur den Mann, sondern auch die Frau und ist der tiefere Grund, warum auch manche westlich sozialisierte Frauen zum Islam überlaufen und das als Befreiung empfinden. Es ist, wenn Sie so wollen, eine Befreiung vom Leistungs- und Konkurrenzfähig-sein-müssen-Druck, kommt also tatsächlich einer Befreiung gleich.

Jetzt merken Sie wahrscheinlich, lieber Hamed Abdel-Samad und liebe Nazan Gökdemir, wie stark das Argument dieses Mannes ist, der es natürlich nicht so ausführlich dargelegt hat, aber das steckte in seinem Argument drin. Sie haben nun aus diesem enorm mächtigen Argument A1 folgendes Miniargument A2 gemacht: Wenn die Frau sich nicht verschleiert, dann löst das im Mann Lustgefühle auf sie aus und weil er sich nicht beherrschen kann, fällt er dann über sie her oder muss zumindest permanent gegen diese Lustgefühle oder „unkeuschen Gedanken“ ankämpfen. Merken Sie, wie klein A2 im Vergleich zu A1 ist?

Sobald der Mann die schöne Frau gesehen hat, ist ihr Bild in ihm drin

Dagegen argumentierten Sie dann wie folgt. Sie Hamed Abdel-Samad seien schon seit Stunden mit Nazan Gökdemir unterwegs und hätten gar nicht solche Vorstellungen, solch „unkeusche Gedanken“ entwickelt. Kein Kompliment übrigens für Nazan Gökdemir. Frauen sind in sich sehr widersprüchlich, wollen nämlich einerseits durchaus immer begehrt werden, das aber auf eine ganz bestimmte Weise und primär von den „Richtigen“, wollen aber zugleich nicht, dass eine andere Frau mehr oder ähnlich gleich stark begehrt wird von diesen.

Später argumentieren Sie dann beide zusammen sinngemäß, die Männer müssen halt lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, wir seien ja schließlich keine wilden Tiere. Die Schutzfunktion 2 oben für die Frau blenden sie dabei beide vollkommen aus! Ebenso die Unzufriedenheit des Mannes, die entstehen kann, auch wenn er nicht über die attraktive Frau herfällt. Äußerlich mag nichts passieren, aber innerlich ist die Frau im Kopf, im Geist, mithin in der Seele des Mannes drin, sobald er sie gesehen hat.

Das Argument A1 ist ein enorm starkes, weil es sowohl für Mann als auch Frau durchaus gravierende Vorteile mit sich bringt

Natürlich ging es den Erfindern des Islams, der ja vollkommen auf die Perspektive des Mannes zugeschnitten ist, primär, vielleicht sogar ausschließlich darum, den Mann zu schützen, und nur in zweiter Linie, wenn überhaupt, die Frau. Gleichwohl sehen wir hier durchaus eine andere Tiefendimension, auch in Bezug auf den Mann und seine Psyche. So primitiv, wie Sie beide das darstellten, ist das Konstrukt nicht.

Und dieses Konstrukt kommt, ob so intendiert oder sich als Folge, quasi als nützliche Nebenwirkung ergebend, in gewisser Weise auch der Frau entgegen und zwar – und jetzt kommt die Verbindung zur sozialistischen Weltanschauung, daher die innere Nähe dieser beiden Weltanschauungen Islam und Sozialismus – vor allem den weniger schönen, weniger hübschen, weniger attraktiven Frauen. Für diese stellt die Verschleierung einer ungeheure Befreiung von diesem permanenten Vergleichsdruck dar, bei welchem sie ja regelmäßig gar nicht gut abschneiden. Was das in der Psyche bewirkt, immer oder so oft als Verliererin vom Platz zu gehen, kann sich wohl jeder leicht ausmalen. Es gehört sehr viel innere Reife dazu, damit fertig zu werden, zumal als junge Frau, wenn die äußere Attraktivität eine immense Rolle spielt auch für das Selbstwertgefühl und die Identitätsbildung.

Wir kommen mithin zu dem Zwischenergebnis, dass das Argument A1 eine immens starkes ist, dass mithin die Verschleierung der Frau gar nicht so absurd ist, wie sie uns, die wir anderes aufgewachsen, anders sozialisiert wurden, erscheinen mag. Wie könnte man nun gegen A1 argumentieren? Sicherlich nicht so plump, indem man sagt, die Männer müssen halt lernen, ihre sexuellen Impulse zu kontrollieren, wir seien ja schließlich keine Tiere. Das ist zwar richtig, wird aber dem Argument des Muslims nicht annähernd gerecht.

Fundierte Kritik an dem islamischen Ansatz: Müssen sich dann nicht alle verschleiern und wollen wir wirklich in so einer Welt leben?

Meine Gegenfrage wäre eine ganz andere gewesen: Müssen sich dann nicht, wenn dem so ist, wie oben ausführlich beschrieben, auch die Männer verschleiern? Denn wenn nicht, dann sehen doch auch die Frauen Männer, die schöner und/oder attraktiver sind als ihre eigenen. Wenn dies aber geschieht, dann ist doch auch hier das Bild dieses schöneren/attraktiveren Mann im Kopf, Geist und in der Seele der Frau. Womöglich denkst sie dann sogar, während sie mit ihrem eigenen Mann sexuell verkehrt, an den anderen. Müssen wir hier nicht auch den Mann vor dieser Konkurrenz und dem Konkurrenzdruck schützen und die Frau vor solchen Bildern in ihrem Innern bewahren, die sie dann nicht mehr raus bekommt und die eine latente oder sogar manifeste Unzufriedenheit mit ihrem Partner und mit ihrem ganzen Leben evozieren kann?

Die nächste Frage könnte dann lauten: Wollen wir in so einer Welt leben, in der alle Menschen sich verschleiern müssen, weil es einige oder viele psychisch überfordert, schöne, attraktive Menschen zu sehen, mit denen sie selbst sich in diesem Punkt nicht messen können? Muss der Reiche dann nicht auch seinen Reichtum verstecken, der Kluge seine Klugheit, der gute Tänzer sein tänzerisches Talent, der gute Sänger seine schöne Stimme, weil ansonsten die anderen, die in dem jeweiligen Punkt von Natur oder von Allah aus sehr viel schlechter weggekommen sind, darunter leiden könnten?

Warum hat denn der Verschleierungsanordner überhaupt erst so eine ungerechte Verteilung der Attraktivität vorgenommen?

Und die dritte Frage könnte lauten: Warum ist denn Herr Allah so ungerecht, so grausam, dass er die Talente und die Schönheit so ungleich verteilt? Wenn Sie ihre Kinder selbst formen könnten, wie sie wollen, wenn sie allmächtig wären, würden sie dann einige arm, krank und hässlich, andere aber bildhübsch, klug und gesund machen? Wie grausam, ja pervers muss jemand sein, der das absichtlich so kreiert, obschon er die Macht hätte, es ganz anders zu machen?

Wenn ich den Menschen dagegen als Produkt der Evolution ansehe, die solche Maßstäbe nicht kennt, ist diese natürliche ungleiche Ausstattung der Menschen, die ja sehr ungerecht ist, sehr leicht zu erklären. Wie sollte aber ein Schöpfergott das erklären können, derart grausam und ungerecht zu sein und das schon von Anfang an? Das spricht eindeutig gegen die Existenz eines solchen Wesens, zumal wenn es mit den Attributen allmächtig, gut und gerecht deklariert wird.

Wenn es ein solches Wesen aber gar nicht gibt, dies zumindest sehr stark bezweifelt werden muss, wir darum nicht wirklich wissen können, welche Rechtfertigung können dann uralte Regeln noch haben, die über dieses kontingente Wesen gerechtfertigt werden, zumal es hunderte, wenn nicht tausende von Personen gibt, die sich alle auf solch kontingente Wesen berufen und die sich permanent gegenseitig widersprechen zugleich aber jeder für sich frech in Anspruch nimmt, er wüsste es am genauesten von allen? Müssen diese uralten Regeln nicht vielmehr einer unvoreingenommenen, vernünftigen Überprüfung ausgesetzt werden, ob sie den Menschen insgesamt schaden oder nutzen, vor allem, ob sie der Würde des Menschen, also seiner Selbstbestimmungsfähigkeit entsprechen, ob sie fair und gerecht sind?

ARTE: Europas Muslime

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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