Rechtsmedizinisches Gutachten im Falle Magnitz liegt vor

Von Jürgen Fritz, Do. 17. Jan 2019

Viel war spekuliert worden, ob nicht doch ein Schlaggegenstand im Spiel gewesen sei, als der AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz vor zehn Tagen von hinten brutal angegriffen und erheblich verletzt wurde, so dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Stellen, wo sich die Wunden befanden, sprachen eher für eine Sturzverletzung, die Beschaffenheit der Wunde an der Stirn dagegen eher für einen Schlag mit einem kantigen Gegenstand. Somit stellte sich die Frage: Sturz- oder Schlagverletzung? Nun liegt ein rechtsmedizinisches Gutachten vor, welches hierzu Stellung bezieht.

Drei fragwürdige Behauptungen der AfD Bremen

Ein Rechtsmediziner hat, nach Aussage des Sprechers der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade, gegenüber dem SPIEGEL, Frank Magnitz bereits am Montag, den 7. Januar, also am Tag des Angriffs, untersucht. Außerdem habe er sich den Tatort angesehen, das Video der Attacke analysiert und dann basierend auf all diesen Informationen ein Gutachten erstellt.

Die AfD Bremen hatte noch am selben Abend, am Montag, den 7. Januar, kurz nach 23 Uhr, also nur gut fünf Stunden nach dem Überfall, auf ihrer Facebookseite eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie die Tat wie folgt schilderte:

„Mit einem Kantholz schlugen sie ihn bewusstlos und traten weiter gegen seinen Kopf, als er bereits am Boden lag. Dem couragierten Eingriff eines Bauarbeiters ist es zu verdanken, dass die Angreifer ihr Vorhaben nicht vollenden konnten und Frank Magnitz mit dem Leben davongekommen ist.“

Alle drei Behauptungen der AfD Bremen – Kantholz, Tritte gegen den Kopf, couragiertes Eingreifen eines Bauarbeiters – wiesen sich recht schnell als zweifelhaft heraus und deckten sich nicht so richtig mit den Zeugenaussagen und Videoaufnahmen der Tat. Die Tritte gegen den Kopf hat es nach aktuellen Ermittlungs- und Kenntnisstand wohl gar nicht gegeben. Und die Täter flüchteten auch nicht auf Grund des „couragierten Eingreifens eines Bauarbeiters“. Dieser gab vielmehr in seiner polizeilichen Vernehmung an, die Tat selbst gar nicht gesehen zu haben. Als er sich umdrehte, lag Magnitz bereits am Boden und die Täter rannten schon weg. Einen Schlaggegenstand hat kein einziger Zeuge gesehen, auch die Handwerker nicht. So jedenfalls ihre Aussagen bei ihrer Vernehmung.

Und die AfD hat den Schlaggegenstand übrigens auch nicht aus der Polizeimeldung übernommen, wie vielfach behauptet wird, und dann aus dem „Gegenstand“ das Kantholz gemacht. Der „Gegenstand“ („Sie schlugen ihm mit einem unbekannten Gegenstand gegen den Kopf“) taucht erstmals in der Polizeimitteilung am Dienstag, den 8. Januar, auf. Die AfD-Pressemitteilung mit der Kantholz-Behauptung ging aber bereits am Abend des Montags, den 7. Januar, raus. In der Polizeimitteilung vom Montagabend hieß es nur: „Am 07.01.2019, gegen 17:20 Uhr, wurde im Bereich des Theaters am Goetheplatz der Bundestagsabgeordnete und Landesvorsitzende der AfD Bremen von mehreren Personen angegriffen und verletzt.“ – Selbst dieser Punkt wurde also nicht aus der Polizeimitteilung übernommen und abgeändert, sondern es war vermutlich umgekehrt. Die Polizei übernahm die Behauptung, Magnitz sei mit einem Gegenstand geschlagen worden, zunächst wohl von Magnitz selbst, der sich dabei wiederum auf die Handwerker berief, die das angeblich gesagt hätten. Als die Handwerker in ihrer Vernehmung aber sagten, dass sie weder ein Kantholz noch einen Schlaggegenstand noch die Tat selbst gesehen hätten und auch die Videoaufnahmen nichts derartiges zeigten, nahm die Polizei, die anfangs Magnitz Glauben schenkte, diese Behauptung wieder zurück.

Wenig überzeugende konstruierte Geschichte

Das schließt natürlich nicht aus, dass nicht doch ein Schlagwaffe zum Einsatz kam. Viele meinten sogar, diese im von der Polizei Bremen veröffentlichten Video sehen zu können. Der Haupttäter, der Magnitz von hinten heimtückisch ins Kreuz sprang und ihm mit dem rechten Ellbogen einen brutalen Schlag auf den Nacken oder Hinterkopf verpasste, sollte demnach in der linken Hand etwas gehalten haben, meinten viele sehen zu wollen, mit dem er dann quasi im Sprung dem schon fallenden Magnitz von der linken Seite auf die rechte Stirn geschlagen haben soll.

Nun war ich selbst über vier Jahre lang im Polizeidienst tätig, habe jahrelang Ju-Jutsu (eine Mischung aus Karate, Judo und Aikido) betrieben und geboxt und habe mir die Videoaufnahmen sehr genau angesehen. Ein Schlag sieht meines Erachtens völlig anders aus. Was auf dem Video zu sehen ist, sind ganz normale Ausgleichsbewegungen mit den Armen und Händen, um die Körperbalance zu halten. Und der „gesehene“ Gegenstand in der linken Hand, der dann angeblich an den zweiten Täter auf der linken Seite übergeben worden sein soll, ist wohl eher der Phantasie geschuldet, zumal die Hände des Täters vorher schon zu sehen sind, direkt vor dem Sprung ins Kreuz, also nur Bruchteile von Sekunden früher, und da nichts in der Hand zu erkennen ist.

Auch die Hypothese, dass die „Tatwaffe“ nur eine Sekunde nach dem Zuschlagen sofort an den Mittäter übergeben wird, erscheint doch einigermaßen abstrus. Die beiden sind anschließend etliche Meter zusammen weg gerannt, weit und breit war keine Polizei, die sie hätte festnehmen können. Wir wissen nicht einmal ob sie anschließend links und rechts auf verschiedenen Wegen geflüchtet sind. Eine so schnelle Übergabe der Tatwaffe mutet also ebenfalls ziemlich abenteuerlich an.

Hinzu kommt, dass ein Täter, der eine Schlagwaffe in der Hand hat und jemanden schwer verletzen möchte, normalerweise anders vorgeht. Er schlägt mit dieser von hinten oben auf den Kopf, zumal wenn er von hinten kommt und das Opfer ihn nicht sieht, mithin keine Abwehrmöglichkeit hat. Er macht nicht solch völlig unnatürliche, hochkomplizierte Schlagbewegungen – Stoß mit dem rechten Ellbogen in den Nacken und nur Bruchteile von Sekunden später ein schlag mit der Waffe in der linken Hand ins Gesicht, noch dazu das Ganze im Sprung.

Kurzum, diese ganze konstruierte Geschichte, die wohl deshalb ins Leben gerufen wurde, um die Aussagen der AfD irgendwie noch zu retten, hat extrem wenig Überzeugungskraft.

Gutachter: Magnitz‘ Verletzungen sind durch den Sturz zu erklären

Eine Frage blieb bisher allerdings: Wieso sieht Magnitz‘ Stirnverletzung so untypisch aus für eine Sturzverletzung? Die Stelle, wo die Verletzung sich befindet, passt sehr gut zu einem Sturz. JFB hatte frühzeitig darauf hingewiesen, dass sich die Wunde nicht oben auf dem Kopf, sondern vorn an der Stirn befindet, was bei mir die ersten Zweifel an der AfD-Darstellung aufkommen ließ. Aber die Form, vor allem der tiefe, längliche Einschnitt in der Mitte schien doch eher nicht für eine Sturzverletzung zu sprechen. Für einen Laien und vielleicht auch Fachmediziner auf jeden Fall nicht leicht nachvollziehbar. Nun stellte sich die Frage: Würde das Gutachten des Rechtsmediziners hierauf eine überzeugende Antwort geben können?

Dieser kommt in seinem Gutachten zu dem Ergebnis: Die Verletzungen des 66-Jährigen seien durch einen Sturz zu erklären. Demnach habe Magnitz bei dem Überfall eine Riss-Quetschwunde und Hautschürfungen entlang einer Linie am Kopf, die der Rechtsmediziner als Hutkrempe bezeichnet, erlitten. Siehe dazu meinen Artikel Magnitz‘ Wunde ist nicht oben am Kopf, sondern vorne auf der Stirn, wo das Ganze genau erläutert wird. Die Hutkrempe ist die Stelle des Kopfes, auf der man bei Stürzen typischerweise aufschlägt. Auch die flächigen Hautschürfungen sprechen dem Gutachten zufolge ebenfalls für eine Verletzung, die nicht durch einen Schlag, sondern eben den Sturz infolge des Schlages sprechen. Außerdem habe Magnitz ein sogenanntes Monokelhämatom. Ein Monokelhämatom ist eine Augenverletzung, die laut Gutachten bei dem Aufprall auf den Boden entstanden ist, weil die Brille auf das Auge drückte.

Was sich unmittelbar nach der Tat tatsächlich abspielte

Nach derzeitigem Ermittlungsstand spielte sich das Ganze wie folgt ab. Magnitz fiel nach der brutalen, heimtückischen Attacke von hinten mit dem Gesicht auf den Betonboden, verletzte sich dabei schwer und blutete enorm stark. Die Handwerker haben die Tat selbst gar nicht gesehen. Sie hören Schreie, drehen sich um und sehen Magnitz am Boden liegen. Jetzt laufen sie zu ihm hin. Zu dem Zeitpunkt sind die drei Täter alle drei schon weg, auch der Dritte, der die Nachhut bildete und wahrscheinlich nach hinten absicherte.

Als die beiden Handwerker bei Magnitz ankommen, ist dieser bereits wieder ansprechbar. Auch auf dem Video ist zu sehen, dass er nicht völlig bewusstlos ist. Er bewegt sich schon direkt nach dem Angriff, als er noch auf dem Boden liegt. Dass er an diese ganze Situation selbst keine Erinnerung mehr hat, erscheint glaubwürdig. Er hat wohl die Täter überhaupt nicht wahrgenommen. Für ihn kam dieser Schlag von hinten quasi wie aus dem Nichts. Dann dürfte er kurz völlig weggewesen sein, kommt dann aber gleich wieder zu sich und findet sich blutend am Boden wieder, ohne überhaupt zu wissen, wie und was ihm geschah.

Laut dem SPIEGEL zeige ein bisher unveröffentlichtes Video, welches Magnitz und sein Anwalt sicherlich einsehen können, wie die beiden Handwerker nach der Tat zu Magnitz eilen. Sie bleiben stehen, einer wählt jetzt den Notruf. Der andere will zurück zum Lieferwagen, bleibt dann aber auf halber Strecke stehen und kehrt um. Magnitz nimmt sein Handy, entsperrt es und reicht es dem Handwerker. Der macht ein Foto von Magnitz, noch bevor der Rettungswagen ankommt.

Magnitz wollte, dass ich ihn sofort fotografiere

Der Mann soll der Polizei den Sachverhalt wie folgt geschildert haben. Magnitz habe ihn „sofort“ um ein Foto gebeten. Da der Handwerker sein Handy im Lieferwagen liegen hatte, wollte er zu diesem zurück, um es zu holen. Dann hat Magnitz dem Bauarbeiter wohl zugerufen, dass er sein Handy, also das von Magnitz, nehmen könne und hat sein eigenes Handy hervorgeholt, das er dem Handwerker gab, der dann ein Foto von Magnitz machte.

In einem parteiinternen Schreiben hatte der AfD-Politiker angegeben, mit der Veröffentlichung eines Fotos seiner Verletzungen „mediale Betroffenheit“ erzeugen zu wollen. „Mir war klar, dass eine entsprechende Aufmerksamkeit damit erzielt werden würde“, heißt es in dem Text.

Fazit

Fassen wir zusammen: Es hat eine Straftat und zwar eine gefährliche Körperverletzung, die brutal, heimtückisch und gemeinschaftlich ausgeführt wurde, auf einen AfD-Politiker stattgefunden und die Vermutung liegt nahe, dass dieser Angriff politisch motiviert war. Sicherlich handelte es sich nicht um einen Raubüberfall. Frank Magnitz erlitt bei diesem Anschlag schwere Verletzungen, insbesondere im Gesicht.

Die AfD versuchte sogleich diesen schändlichen Anschlag noch zusätzlich zu dramatisieren und dichtete Details dazu respektive schnappte diese irgendwo auf und übernahm sie ungeprüft. So verständlich das Motiv hierbei ist, die Gesellschaft endlich wachzurütteln, da die AfD seit Monaten und Jahren einer extremen Ausgrenzung und etlichen tätlichen Angriffen ausgesetzt ist, so kratzt dies doch auch an der Glaubwürdigkeit der Partei. Der Angriff war schlimm genug, er hätte nicht noch übertrieben dargestellt werden müssen.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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