Entwicklung des Lebens und natürliche Werte

Von Jürgen Fritz, Sa. 24. Aug 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Jenseits von Relativitätstheorie und Quantenmechanik wird das moderne Naturbild durch eine dritte große Theorie ergänzt: die Komplexitätstheorie als Fortsetzung der Chaostheorie. Diese konnte nachweisen, dass es in der Natur schon unterhalb der Ebene von Lebewesen zu spontaner Strukturbildung kommt. Das widerspricht in lokalen Bereichen jenseits linearer Gleichgewichte eigentlich dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, welcher besagt, dass die Natur langfristig den Wärmetod sterben wird, dass sie von sich aus über viele, viele Milliarden Jahre alle Energiedifferenzen abbaut und damit alle Differenzierung und Komplexität weitgehend zunichte gemacht wird – der gleichsam sozialistische Zug der Natur. Lebende Systeme aber laufen dem innerhalb dieser großen Entwicklung auf lokaler Ebene entgegen. Und dabei passiert etwas zutiefst Faszinierendes.

Natürliche Systeme: spontane Strukturbildung und die Fähigkeit zur Selbsterhaltung

Was hat es mit diese spontanen Strukturbildung auf sich? Wie kann man sich diese vorstellen? Spontane Strukturbildung besteht unter anderem darin, dass natürliche Gebilde ihre Komplexität (und damit ihren natürlichen Wert) entgegen dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht verringern, sondern steigern. Ab einem bestimmten Niveau passiert dann etwas zutiefst Faszinierendes: Die Gebilde nehmen plötzlich neue Eigenschaften an, welche keinem ihrer Teile zukommen. Sie gewinnen gegenüber ihrer Umwelt einen Überschuss an Energie, welche sie für eigene Aktivitäten einsetzen können.

So entwickeln sie beispielsweise die Eigenschaft der Verhaltensplastizität. Sie entwickeln innere kausale Mechanismen, die sie aktivieren können, um auch bei wechselnden äußeren Ursachen zumindest temporär ihre eigene Selbsterhaltung zu sichern. Solche Systeme kann man natürliche Systeme nennen. Das können Lebewesen, also lebende Systeme sein, aber auch eine Ebene darunter Ökosysteme oder selbstregulative Maschinen, wie Temperaturregler oder Autopiloten.

Natürliche Systeme N weisen folgende Eigenschaften auf:

  1. Zwischen den Elementen von N bestehen naturgesetzliche Beziehungen.
  2. N weist auf Grund seiner höheren Komplexität gegenüber seiner Umwelt eine Innen-außen-Grenze auf. Natürliche Systeme sind also von ihrer Umwelt abgegrenzt.
  3. N interagiert durch diese Innen-außen-Grenze mit seiner Umwelt.
  4. N bestimmt sein eigenes Verhalten durch seine inneren Zustände.
  5. N hat einen Normalzustand mit gewissen Toleranzbereichen. Jenseits dieser, wenn N also zu weit von seinem Normalzustand abweicht, bricht es zusammen.
  6. N enthält in sich einen Ausgleichsmechanismus für Abweichungen vom Normalzustand, das heißt N ist verhaltensplastisch, sprich selbsterhaltend, verfügt also über einen Selbsterhaltungsmechanismus.

Die Beziehungen der Elemente von N sind dabei zum Teil konstitutiv bzw. essentiell (wenn diese aufgehoben werden, hört N auf zu existieren), zum Teil kontingent (können wechseln, ohne dass sie die Existenz von N gefährden). N kann sich also in der Zeit verändern und seine Zustandsfolge kommt durch die Änderung seiner kontingenten inneren Beziehungen zustande. Damit können wir auch den Normalzustand des natürlichen Systems N präzisieren: Der Normalzustand ist ein solcher, der mit den konstitutiven Beziehungen der inneren Elemente von N vereinbar ist.

Ein destruktiver Systemzustand ist dagegen ein solcher, der die Disposition hat, das Erhalten des Normalzustandes von N zu verhindern. Ein natürliches System N ist selbstregulativ, wenn solche destruktiven Zustände im Allgemeinen einen Mechanismus auslösen, der zur Eliminierung der destruktiven Zustände führt, so zum Beispiel unser Immunsystem. Dies nennt man auch Autopoiese (griech. = Selbsterschaffung und -erhaltung). Ein autopoietisches System verfügt also über die Fähigkeit, sich selbst zu erschaffen und zu erhalten, insbesondere auch sich selbst zu reparieren.

Die Evolution lebender Systeme (Lebewesen)

Ein wichtiger Spezialfall natürlicher Systeme sind lebende Systeme, sprich Lebewesen. Diese weisen über all die erläuterten Eigenschaften hinaus noch weitere auf. Lebende Systeme L können sich selbst kopieren oder reproduzieren. Was heißt das?

Sie können ihre Eigenschaften auf ihre Nachfolger, auf ihre Kopien nach bestimmten Naturgesetzen übertragen. Auf diese Weise erzeugen lebende Systeme eine Geschichte von kausalen Reproduktionen, die so gestaltet ist, dass einige Eigenschaften stabil gehalten werden (konservativer Zug der Natur).

Solche Naturdinge bilden reproduktive FamilienDiese sind unterschiedlich erfolgreich. Manche reproduktive Familien wachsen an, andere sterben aus. So sind beispielsweise unzählige Tierarten ausgestorben. Was wir zu einem gegebenen Zeitpunkt sehen, sind also immer nur die Erfolgsmodelle. All die Modelle, die nicht erfolgreich waren, sind nicht mehr sichtbar.

Eine Evolution findet statt, wenn vier Bedingungen gegeben sind:

  1. Es gibt eine Population von Entitäten, deren Mitglieder über die Fähigkeit verfügen, weitere Entitäten der gleichen Art (Nachkommen) zu produzieren, also sich zu reproduzieren.
  2. Zwischen den Merkmalen (Eigenschaften) der einzelnen Mitglieder der Population gibt es Variation; progressiver Zug der Natur.
  3. Diese Merkmale sind in einem gewissen Grad erblich. Das heißt, die Nachkommen sind in Bezug auf diese Merkmale ihren Eltern ähnlicher als dem Durchschnitt der Population (Prinzip der Vererbung).
  4. Die verschiedenen Varianten weisen einen differentiellen reproduktiven Erfolg auf, haben also auf Grund ihrere je spezifischen Merkmale unterschiedlich viele Nachkommen.

Dabei gilt, dass verschiedene reproduktive Familien in Bezug auf die Eigenschaften, welche sie reproduzieren, in ihrem Milieu um die begrenzte Reproduktionsenergie konkurrieren (Wettbewerbscharakter der Natur). Dabei weisen sie einen unterschiedlichen Selektionswert auf. Einige werden einen Reproduktionsüberschuss gegenüber ihrer Zerfallsrate aufweisen und einige reproduktive Familien werden mehr Überschuss generieren als der durchschnittliche Überschuss. Dies ist dann gleichsam ihr Selektionswert.

All diese Prinzipien gelten bereits auf der Ebene von Molekülen, aber auch bei Genen, Individuen und Gruppen von Individuen. Wie kommt es nun aber zu dem differentiellen reproduktiven Erfolg? Charles Darwin nennt hierfür als Ursache den „Struggle for Existence“, das Prinzip der natürlichen Selektion.

Offenbar wirken in der Natur Selektionsmechanismen der Evolution, welche über ganze Generationen von reproduktiven Familien hinweg operieren. Dabei handelt es sich um evolutionäre Evaluations- also Bewertungsmechanismen. Diese führen zur Selektion derjenigen Oranismen, welche a) die größte Fitness und b) die größte Adaptivität (Anpassungsähigkeit) aufweisen.

Natürliche Werte und Achtung vor dem Leben

Fazit: Somit sehen wir, dass in der Natur selbst ein normativer, ein wertender, ein bewertender Faktor eingebaut ist, der das gesamte Leben bestimmt. Das Darwin’sche Prinzip „survival of the fittest“ bekommt so eine nicht triviale Fassung.

Und wir erkennen, dass es so etwas wie natürliche Werte gibt. Insbesondere bedeutet neben dem Selektionswert eine höhere Komplexität einen höheren Wert. Diese höhere Komplexität beginnt bereits auf der Stufe natürlicher Systeme, welche eine Innen-außen-Grenze errichten, wobei sie innerhalb dieser Abgrenzung nach außen dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik entgegenlaufen. Dies setzt sich bei lebenden Systemen fort, welche dann wiederum ab einem bestimmten Komplexitätsniveau Seele respektive Geist (Gefühle und Gedanken) entwickeln. Dieser höhere Wert des Komplexeren gegenüber dem weniger Komplexen (natürliche Systeme – Lebewesen – komplexere, höher entwickelte Lebewesen mit Gefühlen und zuletzt Bewusstsein sowie Bewusstsein ihres Bewusstseins) evoziert dann nicht selten, zumindest bei sensibleren (komplexeren) Naturen von uns, wiederum das Gefühl der Achtung vor dem Leben, dem auf Grund seiner Komplexität ein besonderer Wert zukommt, welcher mit der Komplexität wiederum wächst.

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Literaturempfehlung: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 2, Metaphysik und Naturphilosophie, Reclam, 3. Aufl. 2014, EUR 6,00

Grundkurs Philosophie. Bd.2

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