Notwendige und kontingente Eigenschaften: Essentielles und Akzidentelles

Von Jürgen Fritz, Mi. 14. Aug 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Das Mögliche kann geschehen. Was also geschieht, muss möglich sein. Was nicht sein kann, was unmöglich ist, dessen Nicht-sein ist nicht nur der Fall, sondern ist notwendigerweise der Fall. Was weder mit Notwendigkeit ist noch mit Notwendigkeit nicht ist, ist kontingent. Alles, was ist, hat kontingente Eigenschaften. Es gibt aber Dinge, die haben nicht nur kontingente, sondern auch notwendige, essentielle Eigenschaften, die sie nicht verlieren können, ohne dass sie aufhören zu sein, was sie sind.

Essentielle (notwendige) und akzidentelle (kontingente) Eigenschaften

Es gibt Dinge, die können sowohl notwendige (essentielle) als auch kontingente (akzidentelle) Eigenschaften haben. Eine kontingente Eigenschaft k von A ist eine solche, die A auch nicht haben könnte und dennoch A bleiben würde.

Beispiel 1: Wenn man ein Auto von blau auf grün umlackiert, verändert sich seine Farbe (kontingente Eigenschaft), es bleibt aber dennoch ein Auto. Beispiel 2: Wenn man einem Menschen die Kopfhaare komplett abschneidet, verändert sich etwas an ihm (sein Erscheinungsbild, die Summe seiner Körperzellen, die Schutzfunktion vor Sonnenstrahlen und vor Kälte etc.), er bleibt aber dennoch ein Mensch.

Bei einer notwendigen oder essentiellen Eigenschaft e ist es dagegen nicht möglich, dass A die Eigenschaft e nicht hat. Das heißt, wenn A die Eigenschaft e verliert, bleibt A nicht das, was es ist, nämlich A. e ist dann eine notwendige, eine essentielle, eine konstitutive Eigenschaft für (die Existenz) von A.

Beispiel 1: Wenn einem Auto der Motor ausgebaut wird oder wenn es in einer Presse zu einem Metall-Klumpen zusammengedrückt wird, verändern sich nicht nur einzelne kontingente bzw. akzidentelle Eigenschaften des Autos, sondern die Eigenschaft des Auto-seins geht verloren (im letzten Fall sogar, obwohl alle Atome noch da sind). Beispiel 2: Wenn ein Mensch stirbt (wenn die Gehirnaktivitäten völlig zum Erlöschen kommen), dann verändern sich nicht nur einige kontingente Eigenschaften dieser Entität, dass sie zum Beispiel nicht mehr laufen kann, sondern sie hört auf, ein Mensch zu sein. (Das zeigt übrigens, dass das Gehirn des Menschen das Entscheidende ist und zwar nicht die Materie an sich, sondern die neuronalen Aktivitäten, die dort stattfinden und quasi den Geist bzw. die Seele als essentielle Eigenschaft des Menschen erzeugen).

Natürliche Arten als speziellste essentielle Eigenschaften

Die speziellsten notwendigen (essentiellen) Eigenschaften eines Gegenstandes A sind natürliche Arten n von A, zum Beispiel die Eigenschaft ein Mensch zu sein, oder die Eigenschaft ein spezieller Baum, meinetwegen eine Birke zu sein, oder die Eigenschaft ein Auto zu sein. Natürliche Arten n weisen drei Kennzeichen auf:

  1. A wäre nicht A, wenn es nicht die Eigenschaft n hätte.
  2. Es gibt keinen Teil von A, der die Eigenschaft n hat (zum Beispiel ist die Tür des Autos kein Auto, das Bein des Menschen kein Mensch, der Ast der Birke keine Birke).
  3. Es gibt kein B, dessen Teil A ist, das die Eigenschaft n hat (der Wald ist kein Baum, die Autoschlange im Stau ist kein Auto, die Menge im Fußballstadion ist kein Mensch).

Bei kontingenten (akzidentellen) Eigenschaften ist das oft anders: Mein Sofa ist schwarz (Eigenschaft s) und aus Leder (Eigenschaft l). Zerschneide ich es in Teile, so sind auch diese schwarz und aus Leder, haben also die Eigenschaften s und l. Wenn ich im Fußballstadion mit den anderen zusammen laut schreie, dann habe sowohl ich als auch die Menge die Eigenschaft laut zu sein.

Notwendige (essentielle) Eigenschaften, insbesondere natürliche Arten unterscheiden sich hier also fundamental von akzidentellen Eigenschaften. Meine und Ihre Körperteile haben wie ich beziehungsweise Sie die Eigenschaft aus Zellen zu bestehen, aber sie haben nicht die Eigenschaft m ein Mensch (natürliche Art) zu sein.

Wie die essentialistische aristotelische Metaphysik Eingang gefunden hat in die tiefsten Schichten unserer Sprache

Jetzt verstehen wir auch, welche Unterscheidung unserer Grammatik in der Tiefenstruktur zu Grunde liegt: Es ist der aristotelische Essentialismus. Denn unsere Substantive bezeichnen ja nicht immer Einzeldinge, zum Beispiel Eigennamen von einzelnen Personen (Donald Trump) oder ganz bestimmte einzelne Gegenstände wie meine Wohnung, sondern oft auch Klassen von Gegenständen (allgemeine Dinge, Universalien), zum Beispiel die Menge aller Menschen in dem Substantiv „Mensch“ oder die Menge aller Autos in dem Substantiv „Autos“. Formallogisch werden diese essentiellen Eigenschaften, diese natürlichen Arten (ist ein Mensch, ist ein Baum) aber wie kontingente Eigenschaften (ist schwarz, ist aus Leder) durch Prädikatoren zum Ausdruck gebracht, nicht durch Nominatoren, die ja nur Einzeldinge bezeichnen.

Anders als bei anderen Klassen von Gegenständen, wie zum Beispiel bei der Menge aller roten Dinge, wird bei natürlichen Arten aber nicht auf kontingente (akzidentelle) Eigenschaften rekurriert, sondern auf notwendige (essentielle) Eigenschaften. Deshalb werden in unserer Grammatik Gruppen von Gegenständen einmal als Adjektive oder Verben ausgedrückt (bei akzidentellen Eigenschaften), ein anderes Mal wie bei Einzeldingen und bei natürlichen Arten, die gemeinsame essentielle Eigenschaften haben, die sie zu dem machen, was sie sind, als Substantive, wie bei Wasser, Birke oder Baum, Auto, Mensch.

Essentialisten und Anti-Essentialisten

Wenn nun also Anti-Essentialisten meinen, diese Eigenschaften und Modalitäten (möglich, notwendig, kontigent) kommen nicht den Sachen selbst zu, sie seien nicht in re, sondern nur de dicto (vom Gesagten), also nur in der Art und Weise, wie wir die Dinge beschreiben, wir bezögen uns mit solchen Unterscheidungen gar nicht auf die Fakten in der Welt, sondern dies seien nur wiederum kontingente Formen unserer Weltbeschreibung, so stellt sich die Frage, warum die Anti-Essentialisten dann nicht konsequenterweise völlig anders reden und auf Substantive, die auf essentielle Eigenschaften rekurrieren, gänzlich verzichten. Sie müssten dann zum Beispiel wie folgt reden: „Wo finde ich die unbelebten Gegenstände, die man dorthin stellen kann, wo man kocht und/oder isst und auf die man sich setzen kann, so dass man bequem vor den Gegenständen sitzen kann, auf die man das, was man essen möchte, gut abstellen kann?“ – „Sie meinen Stühle?“, würde dann die essentialistische Verkäuferin im Möbelhaus zurückfragen. „Ja, genau. Ich meine die Gegenstände, die stuhlartig sind.“

Für Essentialisten – und wohl nicht nur für diese – erscheint eine solche Redeweise einigermaßen absurd. Natürlich können Anti-Essentialisten eine schlüssige Begründung finden, warum wir gleichwohl anders reden, beispielsweise weil es einfach praktischer ist, was aber nichts mit der Welt an sich zu tun habe. Essentialisten dagegen sind der Auffassung, dass dies nicht einfach nur praktischer ist, anders zu sprechen, sondern dass dies eine tiefere Ursache in der Wirklichkeit selbst hat. Substantive, die sich zum Beispiel auf natürliche Arten beziehen, also auf Klassen von Mengen und nicht auf Einzeldinge, aber eben solche Klassen von Mengen, deren Elemente essentielle Eigenschaften gemeinsam haben, seien deshalb adäquat, weil diese notwendigen Eigenschaften in den Dingen, also in der Wirklichkeit selbst begründet sind, die durch eine solche Beschreibung daher genauer getroffen, genauer beschrieben wird. Diese Eigenschaften und Unterscheidung seien real. Insofern sind Essentialisten spezielle metaphysische (ontologische) Realisten.

Gnothi seauton – Erkenne dich selbst!

Dies ist also, so könnten wir sagen, gleichsam die Essenz, wie die aristotelische essentialistische Metaphysik Eingang gefunden hat in unsere Sprache. Und dies zeigt uns, welch enormes Weltwissen bereits in der Struktur unserer Sprache verborgen liegt, welches wir wie selbstverständlich erlernen und aufnehmen, welches unserem gesamten Denken zu Grunde liegt. In anderen Kulturkreisen, die nicht von der griechischen Philosophie, zum Beispiel der aristotelischen essentialistischen Metaphysik geprägt sind, kann das durchaus völlig anders sein, so dass sie in ihrem Innersten bisweilen völlig anders ticken.

Aufgabe der Philosophie, sei es der Sprachphilosophie, der Logik oder der allgemeinen Metaphysik, ist es, dieses tiefe verborgene, selbstverständliche, aber nicht explizite Wissen um die Welt, das schon in der Struktur unserer Sprache verborgen liegt, offen zu legen, zu explizieren, bewusst zu machen (denn sie wissen, was sie tun). Denn wie stand schon am Apollotempel von Delphi geschrieben: Gnothi seauton – Erkenne dich selbst!

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Literaturempfehlung: Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Band 2: Metaphysik und Naturphilosophie, Reclam, 3. Aufl. 2014, EUR 6,00

Grundkurs Philosophie. Bd.2

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