19. Grand Slam-Titel: Nadal ringt in New York Medvedev in fünf Sätzen nieder

Von Jürgen Fritz, Mo. 09. Sep 2019, Titelbild: US Open Tennis Championship-Screenshot

Was für eine Finale! Was für eine Tennisschlacht! Was für ein Krimi über fast fünf Stunden. Dabei sah nach zweieinviertel Stunden eigentlich alles ganz klar aus. Rafael Nadal führte im Finale der US Open 7:5, 6:3, 3:2, hatte sogar Break vor und schlug zum 4:2 auf. Seit 1949 hatte niemals ein Spieler nach einer 2:0-Satzführung das Endspiel noch verloren. Und nahezu jeder Kontrahent hätte nach so einem Rückstand gegen den vielleicht härtesten Spieler der Tour innerlich aufgesteckt. Nicht aber Daniil Medvedev. Was sich nun entwickelte, war nicht nur absolut hochklassig, sondern auch an Dramatik kaum zu toppen.

Rafa geht 7:5, 6:3, 3:2 in Führung, schlägt zum 4:2 auf

Es waren die beiden besten Spieler des Turniers und der gesamten Sommer-Hartplatzsaison, die sich heute Nacht im Endspiel der US Open, des vierten und letzten Grand Slam-Turniers des Jahres gegenüberstanden. Und das bestätigte sich von Anfang an, denn die Partie war gleich im ersten Satz auf höchstem Niveau. Nadal, der dreimalige US Open-Champion, kassierte zwar gleich zum 1:2 das erste Break, konnte aber sofort zum 2:2 zurückbreaken und legte dann jeweils mit 3:2, 4:3 usw. bis zum 6:5 vor. Dann gelang ihm nach über eine Stunde Spielzeit das entscheidende zweite Break zum 7:5 und damit zum verdienten Satzgewinn. Alles schien perfekt zu laufen für den Spanier, der neun Punkte mehr gemacht hatte als sein Gegner (45:36).

Auch im zweiten Satz spielten beide auf hohem Niveau weiter, hielten ihr Service jeweils bis zum 3:2 für Rafa. Dann gelang ihm das entscheidende Break zum 4:2, das er auf 5:2 und dann schließlich 6:3 ausbaute. Jetzt schien eigentlich eine Art Vorentscheidung gefallen. Einen 0:2-Satzrückstand gegen Nadal aufzuholen, erscheint nahezu unmöglich, zumal im Endspiel eines Grand Slam-Turniers für ein Debütanten. Als der Champion von 2010, 2013 und 2017 dann im dritten Satz sogar noch das Break zum 3:2 gelang, er zum 4:2 aufschlagen konnte, schied die Partie gelaufen. Wer hätte jetzt noch einen Dollar auf den fast zehn Jahre jüngeren Russen gesetzt? Doch es kam alles ganz anders.

Medvedev schafft das Rebreak, gewinnt die Sätze drei und vier

Medvedev schaffte sofort das Rebreak zum 3:3, ging mit 4:3 in Führung und konnte jetzt immer vorlegen bis zum 6:5. Und nun gelang ihm das entscheidende Break, als Nadal gegen den Satzverlust servieren musste, zum verdienten 7:5. Nach 2:53 Stunden ging es in den vierten Satz. In diesem wirkte Rafa bis zum 4:4 eigentlich ein wenig stärker, doch gelang ihm kein Break gegen den jungen Russen, der unglaublich cool blieb und jetzt seinen Aufschlag zu Null zum 5:4 durchbrachte. Nadal musste also wieder gegen den Satzverlust servieren und wieder verlor er sein Aufschlagspiel, nachdem er sogar Spielbälle zum 5:5 gehabt hatte. Stattdessen machte Medvedev das 6:4. Fünfter Satz.

Nun war klar, mental war Medvedev, der einen 0:2-Satzrückstand aufgeholt hatte, klar im Vorteil. Aber wie würde es physisch aussehen? Wie würde der junge Mann, der in den letzten sechs Wochen mehr Matches gespielt hat als jeder andere, diese Strapazen verkraften? Über vier Stunden Spielzeit gegen Rafa sind auf Grund der enormen Intensität seiner Schläge wie fünf oder sechs Stunden gegen andere Spieler.

Nadal geht im fünften Satz mit Doppelbreak in Führung, schlägt bei 5:2 zum Matchgewinn auf

Zu Beginn des fünften Satz spielte der schlacksige Russe großartig, wirkte stärker als der sichtlich verunsicherte und beeindruckte 18-fache Gand Slam-Champion, dessen Nerven nun teilweise blank zu liegen schienen. Die 19 vor Augen schien für ihn – ähnlich wie die 24 am Tag zuvor im Damenfinale für Serena Williams – zu viel. Er war so knapp davor, Geschichte zu schreiben, doch nun schien dieser 23-Jährige, der nicht nur großartiges Tennis spielte, sondern auch überhaupt keine Nervosität zu kennen scheint, alle seine Hoffnungen zu zerstören. Doch dann kam die nächste Spielwende.

Denn nun machte sich dann doch der Körper bemerkbar. Medvedev bekam nach über vier Stunden Spielzeit allmählich Probleme mit den Beinen, ließ sich auch den linken Oberschenkel massieren. Es fiel ihm im Verlaufe des fünften Satz immer schwerer, in die Knie zu gehen. Dies nutzte Nadal natürlich aus, der seinem 1,98 Meter großen Gegner nun immer öfter, tiefe Slicebälle auf dessen beidhändige Rückhand spielte, so dass dieser tief in die Knie gehen musste. Dadurch stieg Medvedevs Fehlerquote deutlich an und Rafa schaffte endlich das ersehnte Break zum 3:2. Anschließend brachte er sein eigenes Service souverän durch zum 4:2 und schaffte sogar noch ein zweites Break zum 5:2 im fünften Satz. Jetzt schien die Partie aber wirklich gelaufen. Nadal servierte zum Match- und Turniergewinn. Doch nun kam die nächste Spielwende.

Medvedev kommt nach dem 2:5 wieder zurück, hat Breakball zum 5:5

Der 23-Jährige gab und gab nicht auf, wehrte sich mit allen Kräften und Rafa ließ nun sein Service völlig im Stich. Kaum noch ein erster Aufschlag im Feld – ausgerechnet jetzt! Medvedev schaffte tatsächlich das Break zum 3:5. Jetzt schlug er selbst auf. Es sah so aus, als ob Nadal jetzt den Sack endlich zumachen könnte, aber sein Kontrahent zeigte einmal mehr, was für ein Ausnahmetalent er ist, nicht nur spielerisch, sondern vor allem auch nervlich und mental. Er wehrte zwei Machtbälle ab und kam auf 4:5 heran.

Wieder servierte Nadal zum Turniersieg und wieder ließ ihn sein Aufschlag weitgehend im Stich. Medvedev hatte tatsächlich Breakball zum 5:5 im fünften Satz. Doch Nadal, der nun zwar nicht mehr fähig war, sein bestens Tennis zu spielen, hielt gleichwohl nochmals dagegen, wehrte den Breakball ab und hatte kurz darauf seinen dritten Matchball. Und nun kam das zurück, was er so dringend brauchte: sein erster Aufschlag. Beim dritten Matchball war er endlich wieder da und Rafa schaffte nach 4:50 Stunden doch noch den insgesamt glücklichen, aber verdienten Sieg mit 7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4. Nadal machte von den insgesamt 341 ausgespielten 13 Punkte mehr, 177:164 (52:48 Prozent) und machte bei eigenem Aufschlag – obschon sein erster zu selten kam am diesem Sonntag – 67 Prozent der Punkte, Medvedev dagegen nur 61 Prozent.

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Nadal kann es kaum fassen, dass er es doch noch geschafft hat, ist überglücklich und zutiefst gerührt.

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Ein großer Champion und ein großartiger Verlierer

Eines war in dieser Nacht aber klar geworden: Mit Medvedev hat die Szene im Herrentennis wieder einen Spieler, der das Zeug hat, den großen Drei Paroli zu bieten und sie in nicht allzu großer Ferne vielleicht auch abzulösen. Dabei zeigte sich der Russe nach seiner Niederlage in seinem ersten Grand-Slam-Finale als sehr fairer Verlierer. „Was du für unseren Sport getan hast, ist unglaublich. 100 Millionen Kinder auf der Welt spielen wegen dir Tennis“, sagte er nach seiner Niederlage zu Nadal, einem der größten Tennisspieler und Sportler aller Zeiten. Und später in der Pressekonferenz sagte der Verlierer, der sich vom Buhmann zum Publikumsliebling gemausert hatte: „Die Atmosphäre war die beste meines Lebens. Daran werde ich ganz sicher auch noch mit 70 Jahren zurückdenken“.

Wie sehr Nadal von diesem jungen Spieler beeindruckt war, erkennt man an seinen Worten direkt nach dem Match: „Es war ein großartiges Finale. Das Erste, was ich sagen kann: Den Sommer, den Daniil hingelegt hat, ist einer der besten in der Geschichte des Sports. Er hat das Tempo verändert, er hat sich zurückgekämpft – es war einer der emotionalsten Abende in meiner Laufbahn“, so der nun viermalige US Open-Champion über seinen Kontrahenten, der im das Leben in diesem Finale so unglaublich schwer gemacht hatte.

Vierter US Open-Titel für Rafa

Rafael Nadal ist somit mit seinen 12 French Open-Triumphen nicht nur der mit großem Abstand erfolgreichste Sandplatzspieler aller Zeiten, er gehört nun auch bei den auf Hartplatz gespielten US Open zu den Rekordsiegern in der Open Era, also der Zeit, seit die Grand Slam-Turniere im April 1968 auch für Profi-Spieler geöffnet wurden (die unterstrichenen Spieler sind noch aktiv):

  1. Pete Sampras: 5 Siege (1990, 1993, 1995, 1996, 2002) bei 8 Finalteilnahmen
  2. Jimmy Connors: 5 Siege (1974, 1976, 1978, 1982, 1983) bei 7 Finalteilnahmen
  3. Roger Federer: 5 Siege (2004, 2005, 2006, 2007, 2008) bei 7 Finalteilnahmen
  4. Rafael Nadal: 4 Siege (2010, 2013, 2017, 2019) bei 5 Finalteilnahmen
  5. John McEnore: 4 Siege (1979, 1980, 1981, 1984) bei 5 Finalteilnahmen
  6. Ivan Lendl: 3 Siege (1985, 1986, 1987) bei 8 Finalteilnahmen
  7. Novak Djokovic: 3 Siege (2011, 2015, 2018) bei 8 Finalteilnahmen

Mehr als fünfmal gewannen die US Open vor der Open Era, als Profis noch nicht spielberechtigt waren und der Modus teilweise noch ein anderer war nur drei Spieler:

  1. Bill Tilden: 7 Titel (1920 – 1929)
  2. William Learned: 7 Titel (1901 – 1911)*
  3. Richard Sears: 7 Titel (1881 – 1887)*

*Bis 1911 war zudem der Spielmodus ein völlig anderer, nicht mit heute vergleichbar. Der Titelverteidiger stand automatisch im Finale, brauchte also nur einen einzigen Sieg, um seinen Titel zu verteidigen, nicht wie heute sieben Siege in einem 128er-Feld.

Die Grand Slam-Sieger der letzten drei Jahre

Damit haben die großen Drei , die den Tennissport in den ersten zwei Dekaden des Jahrhunderts so sehr geprägt haben, in den letzten drei Jahren bei den vier A-Turnieren (Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open) erneut auf unglaubliche Weise triumphiert und dominiert und alle zwölf Titel unter sich aufgeteilt:

2017: Federer – Nadal – Federer – Nadal
2018: Federer – Nadal – Djokovic – Djokovic
2019: Djokovic – Nadal – Djokovic – Nadal

Und es bleibt dabei: Noch niemals hat ein Spieler, der nach 1988 geboren wurde, im Herreneinzel ein Grand Slam-Turnier gewinnen können. Unglaublich! Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich dies im nächsten Jahr ändern wird und Daniiel Medvedev dürfte hier bei den U30-Spielern einer der heißesten Anwärter sein.

Rekord-Grand Slam-Sieger aller Zeiten

Rafael Nadal hat mit seinem vierte US Open-Triumph nun seinen 19. A-Titel geholt und rückt damit bis auf einen an Roger Federer, den Größten aller Zeiten, heran:

  1. Roger Federer: 20
  2. Rafael Nadal: 19
  3. Novak Djokovic: 16
  4. Pete Sampras: 14
  5. Roy Emmerson: 12* (*alle 12 Titel aber in der Ära, als Profis, die stärker spielten als die Amateure, nicht zugelassen waren; sobald diese bei den Grand Slam-Turnieren zugelassen wurden, gewann Emmerson, der nun auch Profi wurde, nie wieder einen A-Titel)
  6. Björn Borg: 11
  7. Rod Laver: 11 (teilweise als Profis nicht zugelassen waren, also ohne die Konkurrenz durch die Top-Spieler, teilweise war er selbst als Profi nicht zugelassen; Laver war zunächst der beste Amateur der Welt, wechselte dann ins Lager der stärker spielenden Profis und war später dann selbst der beste Profi der Welt)
  8. Bill Tilden: 10

Battle for Player Number 1 in 2019

Vier Spieler haben sich damit bereits jetzt für die ATP Finals (B+) der acht Jahresbesten qualifiziert. Und eines scheint nunmehr klar zu sein: Es wird eine Battle um Platz 1 geben. Nadal und Djokovic werden die nächsten zwei Monate darum kämpfen, wer am Jahresende die Nr. 1, wer Spieler des Jahres 2019 sein wird – Djokovic zum sechsten oder Nadal zum fünften Mal.

Race To London 2019

Die Highlights der Begegnung

Es ist vollbracht

*

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