Fake Morality – Einwürfe in die politische Situation der Zeit

Von Till Kinzel, Do. 19. Sep 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Die Logorrhoe der Guten erschöpft sich nicht. Allein schon der Wunsch nach Klarheit in der Analyse ist heute der erste Schritt zur gesellschaftlichen Unerwünschtheit, macht einen heute schon zum Feind. Dabei ist die Ungenauigkeit der Zielbestimmung Programm. In einem »Wahrheitssystem« richten sich »Wahrheitsmedien« ein. Schon Nüchternheit wird zum Verrat. Zugleich wird ein rapide abnehmendes Differenzierungsvermögen wirkungsvoll etabliert. Das Machtmittel »Publizität« schädigt den inneren Frieden durch die längst zur gängigen Praxis gewordene Vermischung von Propaganda und Information. Hinter dem fanatischen Kampf gegen fake news steht allzu oft nicht das Interesse an Wahrheit, sondern eine fake morality, ein Simulakrum, wie Till Kinzel aufzeigt.

Die Logorrhoe der Guten erschöpft sich nicht

Über den Begriff des Politischen muß immer dann nachgedacht werden, wenn man sich über eine konkrete politische Lage klar zu werden sucht. Denn um diese auf den Begriff zu bringen, muß das Politische in einem gegebenen Moment so in den Blick genommen werden, daß seine Rahmenbedingungen sichtbar werden. Diese aber sind heute anders als gestern. Und es bedarf einer Antwort auf die Frage, wie sich Freundschaften und Feindschaften sortieren (lassen) und wer diese Sichtung zu welchen Zwecken vornimmt beziehungsweise vornehmen darf.

Allein schon der Wunsch nach Klarheit in der Analyse ist aber heute der erste Schritt zur gesellschaftlichen Unerwünschtheit, macht einen heute schon zum Feind. Von erklärten Diktaturen einmal abgesehen, war das bloße Sagen dessen, was ist, noch niemals so dicht mit Tabus bewehrt, die durch bannenden Gegenzauber intakt gehalten werden müssen: Hypermoral ist Trumpf. Es hat sich bisher noch stets als Irrtum herausgestellt, wenn man glaubte, die endgültige Überdrehung jener Schraube der Vermoralisierung des Daseins stehe unmittelbar bevor, und schlimmer könne es nicht kommen. Der schönen Worte sind genug gewechselt, könnte man meinen, aber die Logorrhoe der Guten erschöpft sich nicht.

Die Flucht vor dem Konkreten, das präziser Begriffe zu seiner Erkenntnis bedürfte, findet überall dort statt, wo sich dieses Konkrete nicht instrumentalisieren läßt für einen immer härter und eindringlicher und umfassender werdenden »Kampf gegen rechts«. Die Ungenauigkeit der Zielbestimmung ist Programm: Wer es konkret und operationalisierbar haben möchte, wer nachfragt, verrät sich selbst schon als Feind, denn Überprüfung und Kontrolle säen Mißtrauen, und wer Mißtrauen sät, »spaltet«, wer aber spaltet, ist des Teufels, wer aber des Teufels ist, gegen den hilft nur noch ein Exorzismus …

In einem »Wahrheitssystem« richten sich »Wahrheitsmedien« ein

Wenn eine Gesellschaft die als selbstverständlich proklamierte Freiheit und Sicherheit ihrer Bürger nicht mehr garantieren kann, werden die Ursachen dafür ins Unsagbare verschoben, da ihre Benennung die Lage zur Kenntlichkeit brächte. Pseudoerklärungen werden durch gespielte Betroffenheit flankiert, und Problemlösungen gibt es nur noch als mediale Simulation. Das Unbehagen vor allem vieler Deutscher vor unaufhebbaren Zielkonflikten, die als solche daher nicht diskutiert werden dürfen, gebiert innere, teilweise aber auch schon äußere (Ungarn, Italien, Polen …) Feinderklärungen, die zunehmend unversöhnlicher, jedenfalls aber arroganter und scheinheiliger werden: ein Klimawandel, der diesmal ohne Zweifel menschengemacht ist.

Totalitär ist die Ethik der Transparenz, wenn sie von Seiten der Herrschenden erzwungen werden soll. Selbstredend wird derjenige, der die eifersüchtig behüteten Verblendungszusammenhänge nicht aufgedeckt sehen will, ihre Identität mit »Demokratie« suggerieren. Daraus folgt alles weitere. In einem »Wahrheitssystem« richten sich »Wahrheitsmedien« ein, die konstitutionell unfähig sind, über die Grenzsetzungen ihrer zumeist doch ungeschriebenen Framing-Handbücher hinauszublicken.

Wenn Nüchternheit zum Verrat und ein rapide abnehmendes Differenzierungsvermögen wirkungsvoll etabliert wird

Der weit verbreiteten »praktikablen Unwissenheit« (Manés Sperber) entspricht der Unwille, ein anderes Wissen, das jene Unwissenheit abstellen könnte, überhaupt in sachlicher Neutralität zu Wort kommen zu lassen. Und der Horror davor, die fließende Realität durch scharfe Begriffe kenntlich zu machen, erklärt hinreichend die journalistische Servilität gegenüber einem Regierungschef, zu dessen Machtmitteln die grammatische und stilistische Wolkigkeit sowie das weite Feld der logischen Fehlschlüsse gehören. Aber Logik – zu allen Zeiten eine seltene Kernkompetenz – steht ohnehin weit oben auf der Liste der geistigen Opfer politischer Kultur. Und eben deshalb gilt heute: Nüchternheit ist Verrat.

Immer mehr erweist sich als Gerede, was nicht verhandelbar als »Offenheit« deklariert wird. Leer ist dieses Gerede aber gerade nicht, weil es der Camouflage sinistrer – wenn man so will: linker – Zwecke dient, nämlich der wirkungsvollen Etablierung eines rapide abnehmenden Differenzierungsvermögens, damit nach Herzenslust Schwarzweißmalerei betrieben werden kann: Islam ist Frieden, Massenmigration ist Bereicherung, Kritik der Regierung ist Haß und Hetze, statistisch plausibilisierte Allgemeinaussagen sind pauschale Unterstellungen. Dialogbereitschaft mit dem innerstaatlichen Feind ist schon mangelnde Wachsamkeit; wer differenzieren möchte, schadet dem »Zusammenhalt«, jenem Basisideologem einer formierten Gesellschaft. Seine Beschwörung versucht, noch die Ressourcen des Nationalen für dessen Auflösung dienstbar zu machen.

Das Machtmittel »Publizität« schädigt den inneren Frieden durch die längst zur gängigen Praxis gewordene Vermischung von Propaganda und Information

Der »herrschaftsfreie Diskurs« im Sinne Habermas’ ist zur gelebten Praxis geworden. Denn immer schon zielte diese wahrhaftige Dystopie unter der fröhlich flatternden Fahne der Heuchelei auf die Ausschaltung des ideologischen Gegners unter dem glänzendsten aller Vorwände: endlich die wahre Aufklärung zur Herrschaft zu bringen, indem den »Unaufgeklärten« die Eintrittskarte zum Diskurs verweigert wird. Dann nämlich kann man unter sich in aller Ruhe darüber parlieren, wie alle selbstdefinierten Geschlechter richtig anzusprechen sind, während Islamisierung und Parallelvergesellschaftung im Doppelpack ihre wahre Stoßkraft entfalten. Damit einher gehen gezielte, wenn auch keineswegs zentral gesteuerte Invisibilisierungen: Das Gegenläufige und Widerstrebende zur herrschenden Zivilreligion von »Demokratie« und genereller »Offenheit« und »Buntheit« (Willkommenskultur für alle Fremden) wird unsichtbar gemacht, notfalls gelöscht. Andernfalls würde man diesem Widerstrebenden ja »eine Bühne« bieten, was indes nicht Zweck einer quasi-staatlichen Medienkontrolle sein kann.

Nach wie vor gilt Helmut Schelskys Diagnose auf der Basis eines empirischen Begriffs des Politischen: Das Machtmittel »Publizität« schädigt den inneren Frieden durch die längst zur gängigen Praxis gewordene Vermischung von Propaganda und Information. Die Manipulationsmedien haben es darin so weit gebracht, daß nicht mehr die Manipulation das Überraschende ist; auffällig ist vielmehr, wenn sie einmal wider Erwarten – und selten genug – ausbleibt.

Hinter dem fanatischen Kampf gegen fake news steht allzu oft nicht das Interesse an Wahrheit, sondern eine fake morality, ein Simulakrum

Das Deutschland der Gegenwart bietet dem wissenschaftlichen Beobachter viele Vorzüge. So läßt sich wie unter Laborbedingungen an unzähligen Beispielen zeigen, welche konkreten Formen die »Indoktrinierbarkeit« des Menschen (Konrad Lorenz) annehmen kann. Es finden sich zwar auch Ansätze immunisierender Resilienz, aber weitab der nötigen kritischen Masse, die aufs Ganze gesehen etwas austragen würde. Jede Zeit bringt ihre eigene Dürftigkeit hervor. Aber wer heute an ihr wie Hölderlin litte, fände kein Gehör oder müßte sich flugs vorwerfen lassen, er wolle die (innere wie äußere) Zerrissenheit noch verschärfen.

Hinter dem fanatischen Kampf gegen fake news steht allzu oft nicht das Interesse an Wahrheit oder wenigstens Richtigkeit, sondern eine fake morality, ein Simulakrum. Wer auch nur zaghaft auf diesen Umstand oder die dahinter stehenden Interessen hinweist, kann nur – wie weiland 1819 – ein Demagoge sein. »Demagogenverfolgungen« sind daher das probate Mittel zur moralischen Selbsterhöhung. Sie dienen aber auch als effizientes Schmiermittel einer endemisch gewordenen Heuchelei der »Mitte«. Und zwar in einem Ausmaß, daß sich ihre Existenz wahlweise abstreiten oder als unzweifelhafter Fortschritt propagieren läßt.

Nicht das GG ist das Problem, sondern seine poetische Lektüre als Sammlung »schöner Stellen« zur Erbauung der Normgläubigen

»Optimistisch-verharmlosend« (Gehlen) ist noch die Illusion der Konservativen, irgendetwas werde an irgendeiner Realität zerschellen, solange das mediale Realitätsmanagement intakt bleibt. Normgläubigkeit: Politische Bildung besteht heute darin, in unverbrüchlicher Treue daran zu glauben, daß die offiziell deklarierten »Werte und Normen« gälten. Aber nicht das GG ist das Problem, sondern seine poetische Lektüre als Sammlung »schöner Stellen« zur Erbauung der Normgläubigen. Die Schönheit dieses Gedichts läßt man sich nicht durch Verfassungsbeschwerden kaputtmachen, die von den falschen Leuten erhoben werden. Man darf die Dinge keinesfalls für sich selbst sprechen lassen: »Einordnung« ist Pflicht.

George Santayana bemerkte einmal, Fanatismus bestehe in der Verdopplung der Anstrengung, wenn das Ziel vergessen worden sei. Heute jedoch verdreifachen die Fanatiker ihre Anstrengungen zur Ummodelung der Gesellschaft, um zu verhindern, daß ihr Ziel in irgendeiner Weise in Frage gestellt wird. Vergessen ist es jedenfalls mitnichten.

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Diesen Artikel finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe (Herbst 2019) von TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung, die Sie hier bestellen können. Er erscheint auf JFB mit freundlicher Genehmigung des Autors und von TUMULT.

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Zum Autor: Till Kinzel, Jg. 1968, ist habilitierter Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er hat unter anderem Bücher zu Allan Bloom, Nicolás Gómez Dávila, Philip Roth und Michael Oakeshott sowie zu verschiedenen Autoren des 18. Jahrhunderts publiziert. Demnächst erscheint bei Karolinger ein Buch über Johann Georg Hamann.

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