Wie Norbert Röttgen in die Bresche springt, um Merkels Ehre gegen Merz zu verteidigen

Von Axel Stöcker, Sa. 02. Nov 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot

Sprache ist ein Kommunikationsmittel, das bekanntlich auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert. Zunächst ist da die Ebene des korrekten Ausdrucks, die auch die wichtigste zu sein scheint. Doch erstaunlicherweise ist es möglich, auf dieser Ebene komplett zu versagen und seine Botschaft trotzdem klar zu kommunizieren. Eines der besten Beispiele hierfür ist die legendäre Rede des Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni: „Was erlaube‘ Strunz!?!“. Sie enthielt nicht einen korrekten Satz und doch wusste jeder, was gemeint ist. Auf dem anderen Extrem des sprachlichen Spektrums befindet sich die Politikersprache. Axel Stöcker hat sie für uns mal am Beispiel von Norbert Röttgen (CDU) unter die Lupe genommen, der sich berufen fühlt, Merkels Ehre gegen Merz zu verteidigen.

Wir schaffen das! = Euch schaffe ich mit links!

Wenn auch rhetorisch selten wirklich erquicklich, haben wir es beim Politsprech in aller Regel mit korrekten, komplexeren Sätzen zu tun. Der Informationsgehalt tendiert dabei aber meistens nicht nur gegen Null, sondern ist sogar negativ – jedenfalls dann, wenn man Politsprech naiverweise als Klartext missdeutet. So wusste schon Georg Schramm, dass „die Politiker sprechen, um nichts zu sagen. Das ist Gegenteil dessen, wofür die Sprache da ist“ und dass wir uns schon „lange davon verabschiedet haben, von Politikern die Wahrheit zu erfahren“.

Als gute Faustregel kann gelten, das ungefähre Gegenteil dessen anzunehmen, was Politiker inhaltlich aussagen. Damit ist man meistens nicht allzu weit von der Realität entfernt. Bekanntestes Beispiel dafür ist natürlich Merkels berühmter Satz „Wir schaffen das!“. Wie wir heute wissen, bedeutete er in Wirklichkeit „Ich schaffe euch!“ oder auch, wenn man es etwas hintergründiger mag, „Euch schaffe ich mit links!“.

Ist Merz völlig irre geworden? Du kannst als Politiker nicht einfach sagen, was ist!

Damit sind wir wieder in der Gegenwart angekommen, denn Merkel ist noch da, die ungeschützten Grenzen sind noch da und auch die Probleme mit dem Politsprech sind noch da. All das führte zum bekannten Ergebnis der Thüringer Wahl und dem darauf folgenden Erdbeben in der CDU. Friedrich Merz hat die Dinge – ganz unpolitisch – einfach mal beim Namen genannt und das ausgesprochen, was die Spatzen ohnehin von den Dächern pfeifen und was für jeden, der bis drei zählen kann, offensichtlich ist, dass die Regierung nämlich ein „grottenschlechtes Bild“ abgibt. Und damit hat er sich nicht nur auf Merkels Hosenanzüge bezogen.

Ein fataler Fehler natürlich, denn Merz hat damit ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen: Du kannst als Politiker nicht einfach sagen, was ist. Das hätte Merz, wäre er nicht ein Mann von gestern, wissen müssen, denn hey – „sagen, was ist“ -, das macht ja inzwischen nicht mal mehr der Spiegel! Merz war eben zu lange in der freien Wirtschaft und hat einfach so Geld verdient, ohne dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen. Da kommt nicht gut an in Berlin!

Röttgen springt in die Bresche, um Merkel zu retten

Da ist es kein Wunder, dass er sich jetzt von Leuten, die eines der, bekanntlich äußert knapp bemessenen, Bundestagsmandate ergattern konnten und wirklich arbeiten, mal die Leviten lesen lassen muss. Ja, die Rede ist von Norbert Röttgen, der nach einer vergeigten Wahl in NRW von Merkel kaltgestellt (sozusagen politisch entmannt) wurde und der nun für ebenjene Merkel in die Bresche springt (man kennt diese Verhaltensmuster ja aus Game Of Thrones).

Röttgen hat mit einigen anderen total prominenten Bundestagsabgeordneten eine Erklärung verfasst (hier und hier), um die CDU aus der Krise zu führen. Jawohl! Für Ottonormalbürger gibt es dabei nur leider ein Problem. Sie ahnen es: die Politikersprache. Doch keine Sorge! JFB liefert Ihnen Röttgens Erklärung komplett, inklusive Übersetzung ins Deutsche.

Erklärung von Norbert Röttgen und anderen Bundestagsabgeordenten (Politsprech) ins Deutsche übersetzt

NR: „Ohne jeden Zweifel muss die CDU ihren Kurs der inhaltlichen Erneuerung entschlossener und grundlegender angehen.“

Übersetzung: Ok, auch vier Jahr nach „Wir schaffen das!“ sind die Grenzen immer noch „offen wir ein Scheunentor“, aber wir können echt nichts tun, denn sonst müsste Angie ja zugeben, dass sie es verbockt hat.

NR: „In der Diskussion der letzten Tage hat es aber keinen einzigen substantiellen Beitrag zur Erneuerung der CDU gegeben.“

Übersetzung: „Merkel muss weg!“ – also das reicht echt nicht! Es braucht schon substantielle Vorschläge, so wie sie auch von Kanzlerin und Parteivorsitzender quasi täglich kommen!

NR: „Das Verhalten Einzelner war extrem schädlich für die CDU und selbstzerstörerisch.“

Übersetzung: Das Verhalten Merkels war extrem schädlich für die CDU und selbstzerstörerisch. Verzeihung: Das Verhalten MERZENS! Ohne ihn wäre die CDU nahe der absoluten Mehrheit!

NR: „Die Vorgebrachten Attacken waren ebenso politisch kopflos wie maßlos in Stil und Inhalt.“

Übersetzung: Was erlaube‘ Merz!?! Der soll sich mal schön 90 Minuten warmlaufen und dann darf er nicht aufs Feld. He, he…

NR: „Wir fordern als Bundestagsabgeordnete der CDU, die ihr Mandat verantwortungsvoll und durch konkrete Arbeit wahrnehmen, alle in der Partei auf, dieses Verhalten sofort einzustellen.“

Übersetzung: Wir als Sesselfurzer, die wir jeden noch so schwachsinnigen Antrag seitens der Regierung sofort abnicken, fordern alle Kritiker auf, unserem Beispiel zu folgen.

NR: „Substantielle Vorschläge, die eine christdemokratische Antwort auf die modernen Herausforderungen geben, sind von allen uneingeschränkt willkommen.“

Übersetzung: Alle Schlaumeier, die meinen, sie könnten Muttis Kurs kritisieren, können sich ihren sicheren Listenplatz bei der nächsten Wahl in die Haare schmieren.

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren und Satiren an.

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