Tobias R.: rechtsextrem oder schizophren oder rechtsextrem wegen seiner Schizophrenie?

Von Jürgen Fritz, Fr. 21. Feb 2020, Update, Titelbild: WELT-Screenshot

Das sei weder rechter noch linker Terror, sondern die wahnhafte Tat eines Irren, meinte gestern nach dem schrecklichen Massenmord von Hanau, Prof. Dr. Jörg Meuthen, der erste Bundesvorsitzende der AfD. Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat sei daher ein zynischer Fehlgriff, so Meuthen. Nun, dass diese Tat vom politischen Gegner instrumentalisiert wird, davon dürfen wir sicherlich ausgehen. Aber stimmt Meuthens erste Behauptung, die von unzähligen AfD-Anhängern gestern gebetsmühlenartig wie zur Selbstberuhigung immer wieder formuliert wurde, tatsächlich, dass diese Tat nichts mit rechtsextremistischen Einstellungen und Denkmustern zu tun habe?

Ein Stift kann aus Holz und trotzdem rot sein (Kategorienfehler)

Vorab nochmals zwei von ca. fünfzehn typischen Merkmalen des Rechtsextremismus: 1. Sehr starke Betonung der ethnischen Zugehörigkeit ==> Huldigung der „Volksgemeinschaft“ (völkisches Denken), rekurrieren auf ein gemeinsames kulturelles oder biologisches Erbe und bisweilen die Behauptung einer Vormachtstellung der eigenen Rasse, der Volks- oder Religionsgemeinschaft. 2. Negierung der universalen Gleichberechtigung aller Menschen (zentrale Idee der Aufklärung und der Französischen Revolution, welche Rechtsextremisten meist völlig negieren). Dies kann soweit gehen, dass Sklaverei befürwortet wird (wird in der islamischen Weltanschauung bis heute in keiner einzigen maßgeblichen Fatwa geächtet) oder sogar die Ausrottung von anderen Ethnien, Rassen, Völkern gut geheißen wird. Genau diese beiden – und etliche weitere – kognitiven Muster fanden sich ganz offensichtlich bei Tobias R. Insofern liegt die Verbindung zu rechtsextremistischen Einstellungen und Denkmustern förmlich auf der Hand. Wie ist angesichts dessen die Aussage von Jörg Meuthen zu werten?

Sein Satz ist rein logisch in etwa vergleichbar mit dem Satz: „Das ist kein Rotstift, sondern ein Holzstift“. Es ist also insofern eine unsinnige Aussage, weil die Farbe und das Material unterschiedliche Kategorien (Kategorienfehler, category mistake) sind, die sich gegenseitig nicht ausschließen (mengentheoretisch: die nicht disjunkt sind).

Schizophrenie und (Rechts-)Extremismus bzw. rechte Terrorakte schließen sich gegenseitig nicht aus

Ebenso sind a) eine Psychose, Schizophrenie oder Geisteskrankeit und b) Rechtsextremismus keine sich ausschließenden Kategorien. Ganz im Gegenteil, die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Forensik Dr. med. Nahlah Saimeh hat es gestern im ZDF sehr gut erklärt (siehe auch hier und hier und hier und bereits 2019 auch hier).

Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, erklärt es wie folgt:

„Terroristen und Amoktäter sind gleichermaßen psychisch erkrankt. Ein Drittel der erwachsenen Täter ist wie gesagt psychisch krank im Sinne einer Schizophrenie. (…) Wenn ich ihnen sage, dass diese Täter von ihrer Ideologie her teilweise austauschbar sind, weil diese Tat-Motivation aus ihrer Persönlichkeit herrührt, dann haben wir mal einen rechtsextremistisch Handelnden oder mal einen Islamisten.“

Die jeweilige Ideologie setzt sich also auf die Persönlichkeitsstruktur oben drauf. Es geht aber auch ganz ohne Ideologie, dann wird der so Gestörte kein Terrorist, sondern schlicht ein Amoktäter. Prof. Bannenberg:

„Es gibt aber auch Amok-Täter, die mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge fahren und kein gerichtetes ideologisches Motiv haben. Das sind gestörte Menschen, die voller Hass auf andere sind und die mit dieser Tat eine negative Berühmtheit erlangen wollen und dafür teilweise auch bereit sind zu sterben.“

Ergo: Eine Psychose und politischer Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus (aber auch Islamismus etc.) schließen sich natürlich gegenseitig nicht aus.

Tobias R. litt offensichtlich an einer schizophrenen Psychose

Der Psychotherapeut und -analytiker Julian S. Bielicki diagnostizierte dagegen bereits 1993 in Der rechtsextreme Gewalttäter – Eine Psycho-Analyse:

„Nazis und Faschisten sind psychisch allesamt kleine Mädchen geblieben (als welche jeder in der ursprünglichen körperlichen und psychischen Symbiose mit der Mutter auf die Welt kommt), die von einem ‚starken‘ Mann überwältigt werden wollen und sich ihm hingeben möchten. […] Alle Nazis, früher und heute, sind unreif gebliebene, pathologisch kindliche Persönlichkeiten“ (S. 67).

Tobias R. litt auf jeden Fall wohl schon seit Jahren an einer chronifiziert schizophrenen Psychose mit schweren Wahnvorstellungen. Hinzu kam in seinem Fall offensichtlich noch ein ausgeprägter Narzissmus, eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung (Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und gesteigertes Verlangen nach Anerkennung).

Dies dürfte dazu geführt haben, dass er trotz hoher Intelligenz und trotz hoher Bildung (abgeschlossene Banklehre plus abgeschlossenes BWL-Studium, fließende Englischkenntnisse etc.) nicht so richtig erfolgreich war im Leben und als Einzelgänger sehr isoliert, ohne jeden engeren Kontakt zum weiblichen Geschlecht lebte (Incel-Typus). Dies erzeugte in ihm mit Sicherheit eine enorme kognitive Dissonanz: „Ich bin doch intelligent und begabt, warum bekomme ich so wenig Anerkennung?“. Um diese enorme kognitive Dissonanz abzubauen, griff er dann womöglich zu (insbesondere rechtsextremistischen) Verschwörungsmythen und strickte sich sein eigenes Weltbild mit ziemlich abstrusen Erklärungsmustern, wobei die Reihenfolge natürlich auch umgekehrt gewesen sein kann.

Rechtsextremisten leiden an der Komplexität der Wirklichkeit und versuchen diese durch dämonisierendes Denken zu reduzieren

Genau das machen jedenfalls  Rechtsextremisten und überhaupt Radikale im Grunde fast immer, weil sie sich von der Komplexität der Wirklichkeit völlig überfordert fühlen. Alle Menschen überfordert die Wirklichkeit natürlich seelisch, aber manche eben mehr als andere und die Reaktionsweisen auf diese permanente Überforderung sind unterschiedlich. Jeder Mensch sucht nach einem inneren Gleichgewicht und Erklärungsmustern, die für ihn kognitiv fassbar sind, und wissenschaftliche Erklärungen sind eben meist ebenfalls recht diffizil. Rechtsextremisten (ähnlich Islamisten oder Linksextremisten) greifen daher, um die Komplexität der Wirklichkeit für sich zu reduzieren und die Welt für sich irgendwie greifbar zu machen, zu ganz simplen Welterklärungen, die vor allen Dingen wie jedes extremistische Weltbild auf dem sogenannten dämonisierenden Denken beruht.

Bei diesem dämonisierenden Denken wird ein Grundübel in der Welt oder auch ein metaphysisches postuliert (Teufel, Dämonen, „die bösen Juden“, „die bösen US-Amerikaner“, „die Bilderberger“, „die kapitalistischen Ausbeuter“, „die Eliten“ etc.). Dieses postulierte Grundübel wird dann für alles Negative in der Welt verantwortlich gemacht. Dadurch erlangt der Verschwörungsgläubige kognitive Macht über all das, was ihm und anderen ständig Schlimmes passiert. Denn er weiß nun, woran alles liegt: GÜ, das Grundübel, ist an allem schuld. Zugleich entlastet er sich selbst damit: „Nicht ich bin schuld an meinem Versagen, an meiner Erfolglosigkeit, sondern GÜ ist schuld.“ Im Falle von Tobias R. war GÜ ein imaginierter Geheimdienst, der alles steuert (klassischer Verschwörungsmythos zur Komplexitätsreduktion, um sich die Welt so für sich selbst möglichst einfach erklärbar zu machen).

Bei ca. 35 Prozent alleine agierender Attentäter liegt eine psychische Erkrankung vor

Jetzt kann der so Denkende sich als Wissender empfinden, was ihm ein Gefühl der Überlegenheit vermittelt, was im Falle von Tobias R. seinen Narzissmus wunderbar bedient haben dürfte. Und er kann es zugleich anderen erklären, so dass er in seiner Gruppe der Verschwörungsgläubigen, zum Beispiel in einer Internetgruppe, Anerkennung erhält. Da andere außerhalb der Gruppe ihn aber auslachen oder permanent komische Fragen stellen oder völlig andere Erklärungen liefern, koppelt sich der Verschwörungsgläubige oft von allen anderen ab („öffentlich-rechtlichen Rundfunk gucke und höre ich gar nicht mehr, große Tageszeitungen und Magazine lese ich nicht mehr“) und lebt ganz in seiner eigenen Welt, ohne ein grundsätzliches Korrektiv von außen (Blasenbildung, Echokammer-Effekt).

Dabei sind ca. 65 Prozent der alleine agierenden Attentäter nicht direkt geisteskrank, haben keine Psychose. Mehr als ein Drittel aber schon. Bei diesen können sich insbesondere wirre mythische Weltbilder auf ihre psychische Störung oben drauf setzen. Im Falle von Tobias R. kam wohl noch einer ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung dazu und seine Schizophrenie mit seinen akustischen und sonstigen Wahnvorstellungen (er hörte wohl zeitweise Stimmen) machte ihn eventuell gerade besonders anfällig für rechtsextremistische verschwörungsmythische Denkmuster.

Der Hang zu rechtsextremistischen Verschwörungsmythen muss nicht, aber kann gerade aus der Psychose und den Wahnideen resultieren

Kurzum: Geisteskrankheit und Rechtsextremismus sind keine einander ausschließenden (disjunkte) Kategorien, sondern treten ganz im Gegenteil durchaus nicht selten zusammen auf. Rund 35 Prozent der alleine agierenden Attentäter haben, wie gesagt, eine psychische Störung. Wobei der Hang zum Rechtsextremismus eben aus einer Schizophrenie resultieren kann, da die inneren Spannungen, die aus der geistigen Krankheit entstehen, über solche verschwörungsmythischen Weltbilder am leichtesten aufgehoben oder zumindest gelindert werden können.

Tobias R. war also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Schizophrener, der unter Wahnvorstellungen litt, und er neigte zugleich, womöglich sogar gerade mit deshalb zum Rechtsextremismus. Dies sollte man weder leugnen und in einem psychischen Abspaltungsprozess von sich weisen, um die eigene Weltanschauung rein zu halten, noch sollte man dies politisch plump instrumentalisieren. Beides wird weder der Wirklichkeit noch dem Ernst der Lage und der Verantwortung, die jeder mündige Bürger und erst recht jeder Politiker trägt, gerecht.

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