Minneapolis: Polizisten knien 9 Minuten auf Afroamerikaner, der kurz darauf stirbt

Von Jürgen Fritz, Sa. 30. Mai 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota sah gestern den vierten Tag in Folge Massenproteste. Immer wieder werden Feuer gelegt, Geschäfte geplündert. Seit gestern Abend ist eine Ausgangssperre verhängt, aber die Stadt kommt nicht mehr zu Ruhe. Inzwischen ist die Nationalgarde eingetroffen, doch die Proteste verbreiten sich längst übers ganze Land. Wie konnte es so weit kommen? Voraus ging dem wohl ein schreckliches Verbrechen begangen von weißen Polizisten an einem festgenommenen Afroamerikaner. Nun ist ein weiteres Video aufgetaucht, das einem den Atem verschlägt, zeigt es doch, dass das Ganze noch dramatischer war als bisher angenommen.

„I can’t breathe“

Am Montag wurde der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd wegen eines gefälschten 20-Dollar-Scheins von vier Polizisten festgenommen. Floyd soll angeblich versucht haben, einen 20-Dollar-Schein in einem Feinkostladen zu verwenden, den ein Angestellter als Fälschung identifizierte. Die Polizisten behaupten, Floyd habe sich „körperlich gewehrt“, nachdem ihm befohlen worden war, aus seinem Fahrzeug auszusteigen. Das Überwachungsmaterial aus einem nahe gelegenen Restaurant stützt diese Behauptung der Polizisten jedoch nicht, siehe das Video

Jedenfalls fällt Floyd mit Handschellen auf dem Rücken mit dem Gesicht nach unten auf die Straße, wird dort von mehreren Beamten fixiert. Einer von ihnen kniet mit seinem Körpergewicht auf Floyds Nacken bzw. seitlichem Hals. Dieser sagt immer wieder, dass er keine Luft mehr bekomme, „I can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen / Ich bekomme keine Luft), bittet von ihm runter zu gehen, ruft nach seiner Mutter. Aber die Beamten fixieren ihn immer weiter. Der Mann kann sich kaum bewegen. Menschen filmen den Vorfall mit ihren Handys. Das Ganze geht 8 Minuten und 46 Sekunden so, 526 Sekunden. Fast neun Minuten kniet der Polizist auf George Floyds Hals. Die letzten 2 Minuten und 53 Sekunden zeigt dieser gar keine Regung mehr. Kurze Zeit später verstirbt er. Bei seiner Ankunft im Krankenhaus wird er sofort für tot erklärt. 

Am Freitag kommt es zur ersten Verhaftung einer der vier Polizisten

Die vier Polizisten wurden zwar gleich aus dem Dienst entfernt, am Dienstag wurden sie entlassen, blieben jedoch vier Tage lang auf freiem Fuß. Keiner von ihnen wurde verhaftet. Keiner angeklagt. Am Dienstag kam es dann im Gebiet Minneapolis-Saint Paul bereits zu ersten Protesten, die zunächst noch friedlich verliefen. Doch schon im Verlaufe des Tages kam es zu ersten Unruhen. In einem Polizeirevier wurden Fenster eingeschlagen, zwei Geschäfte wurden in Brand gesteckt, viele weiere Geschäfte geplündert und beschädigt. Schließlich kam es zu ersten Scharmützeln mit der Polizei, die Tränengas und Gummigeschosse abfeuerte.

Eine vorläufige Autopsie habe keinen Hinweis darauf ergeben, dass Floyd an Strangulation oder traumatischem Sauerstoffmangel im Gehirn starb, sondern dass die kombinierten Auswirkungen der „Zurückhaltung“ durch die Polizisten, die zugrunde liegenden Gesundheitszustände, einschließlich der koronaren Herzkrankheit und der hypertensiven Herzkrankheit, sowie alle potenziellen Rauschmittel in seinem System wahrscheinlich zu seinem Tod beitrugen. Die Anwälte von Floyds Familie gaben bekannt, dass sie eine unabhängige Autopsie beantragen wollen.

Gestern am Freitag wurde dann der 44-jährige Derek Michael Chauvin, der sein Knie fast neun Minuten in Floyds Nacken stemmte, verhaftet und wegen Mordes dritten Grades (entspricht in Deutschland eher noch weniger als unser Totschlagdelikt) sowie Totschlags angeklagt. Chauvin war seit etwa 19 Jahren im Polizeidienst von Minneapolis, hatte bereits zuvor 18 Beschwerden in seiner offiziellen Akte, von denen zwei mit Disziplinarmaßnahmen der Abteilung endeten, einschließlich offizieller Verweisungsschreiben. Chauvin war in drei Polizeischiessereien verwickelt gewesen, von denen eine tödlich endete.

Die Angehörigen von George Floyd reagierten auf die Verhaftung erleichtert. „Es ist ein willkommener, wenngleich überfälliger Schritt“, schrieb ihr Anwalt Benjamin Crump, der auch schon andere Opfer von rassistischer Polizeigewalt vertreten hat. Mit der Anklage „Mord dritten Grades“, die beinhaltet, dass es keine vorsätzliche Tat war, will der Anwalt sich jedoch nicht zufriedengeben.

Die Polizisten knieten zu dritt auf George Floyd

Staatsanwalt Mike Freeman, der noch am Donnerstag erklärt hatte, dass er nicht genügend Beweise für eine Anklage habe, verkündete gestern dann plötzlich das Gegenteil. Unter anderem erwähnte er dabei das Handy-Video, das eine 17-jährige Passantin gedreht hatte. Der Staatsanwalt kündigte an, dass weitere Anklagen gegen den Polizisten möglich seien. Dass seine drei Kollegen weiterhin auf freiem Fuß sind, begründete Freeman damit, dass er sich zunächst auf den „gefährlichsten Täter“ konzentrieren wolle.

Inzwischen ist aber ein weiteres Video aufgetaucht, welches den Vorfall von der anderen Seite dokumentiert, was in dem ersten Video nicht sichtbar war, da durch das Fahrzeug verdeckt. Und hier sieht man nun: zwei Kollegen von Derek Michael Chauvin knieten ebenfalls auf George Floyd und fixierten so seinen gesamten Körper, so dass er sich überhaupt nicht mehr regen konnte. Der zweite Polizist kniete auf dem Rücken, der dritte auf den Beinen, der vierte stand dabei, sah sich alles mit an, ohne einzuschreiten. 

In Minnesota muss bereits die Nationalgarde eingesetzt werden, überall im Land entstehen Proteste gegen rassistische Polizeigewalt

In der Nacht von Freitag auf Samstag gingen viele Menschen in Minneapolis trotz Ausgangssperre die vierte Nacht in Folge auf die Strasse. Gouverneur Tim Walz sprach am Samstag von einer „unglaublich gefährlichen Situation„. Der Chef der Nationalgarde des Bundesstaates Minnesota, General Jon Jensen, kündigte nach einem Bericht des Fernsehsenders CBS an, noch am Samstag sollten in der Stadt 1.700 Soldaten einsatzbereit sein. Es handle sich um den grössten Einsatz der Einheit in ihrer 164-jährigen Geschichte, hieß es weiter. Auch in anderen Städten, darunter New York, Detroit, Washington, Louisville, Portland und Oakland war es in der Nacht zum Samstag zu teils heftigen Protesten gekommen.

Die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt haben sich wie ein Lauffeuer quer durch die USA ausgebreitet und wurden jeden Tag stärker. Tausende beteiligten sich, darunter junge und alte, Schwarz und Weiße, komplette Familien. Gemeinsam wurde eine Schweigeminute für George Floyd eingelegt. Dabei knieten die Teilnehmer in derselben Position nieder, die der American-Football-Spieler Colin Kaepernick an vielen Sonntagen auf dem Spielfeld während der Nationalhymne eingenommen hatte, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. US-Präsident Donald Trump hatte den Football-Star deswegen schon als „son of a bitch“ (einen Hurensohn) beschimpft.

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Die Polizisten knien zu dritt auf George Floyd, YouTube-Screenshot

Auch zahlreiche andere Prominente, wie Beyoncé und Barack Obama unterstützen die Proteste. Am Freitagabend trat nach 20 Uhr erstmals das nächtliche Ausgangsverbot in Kraft, welches der demokratische Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey für zwei Tage verhängt hat. Doch dies blieb ohne Wirkung. Erneut gingen Schaufenster zu Bruch.

Bei einer Großdemo in DesMoines in Iowa sagte am Freitag ein junger schwarzer Mann unter großem Jubel: „Dieses Mal dürfen wir uns nicht wieder zurücklehnen, wie wir es nach dem Tod von Mike Brown in Ferguson getan haben. Wir müssen auf der Straße sein. Jeden Tag“. In Louisville, Kentucky, wo am 13. März die 26-jährige Krankentechnikerin Breonna Taylor in ihrer eigenen Wohnung von Polizisten erschossen wurde, kam es am Donnerstagabend zu erbitterten Straßenschlachten.

Ehefrau des Polizisten reicht Scheidung ein

Die Ehefrau des seit gestern wegen Mord dritten Grades angeklagten Polizisten Derek Chauvin hat inzwischen die Scheidung eingereicht.

Hier ein Bericht von DW Deutsch über den Fall:

„In den USA wächst die Wut über den Tod von George Floyd und sie entlädt sich in gewaltsamen Ausschreitungen. In Kentucky wurden sieben Demonstranten durch Schüsse verletzt. In Minneapolis setzten Demonstranten eine Polizeiwache in Brand. In dieser Stadt war der 46 jährige Afroamerikaner nach einem brutalen Einsatz weißer Polizisten ums Leben gekommen. Sein Tod weckt böse Erinnerungen an andere Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA.“ 

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