Monotheismus und die Sprache der Gewalt

Von Jürgen Fritz, Sa. 20. Jun 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot, Frau nach dem Nine-Eleven-Anschlag

Religiöse Gewalt, also eine solche, die sich auf metaphysische Spekulationen beruft, mit denen sie einen absoluten Wahrheitsanspruch verbindet, neben dem sie nichts anderes gelten lässt, gehört zu den großen Bedrohungen unserer Zivilisation. Doch woher kommt diese Gewalt? Ist sie so alt wie die Religion und das hieße wie die kultivierte Menschheit? Oder ist sie eine neuere Erscheinung, die erst mit dem Monotheismus aufkam? Der Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Jan Assmann, mehrfacher Honorarprofessor, zusammen mit seiner Frau Aleida Assmann Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, geht der Frage nach.

Ein außergewöhnlicher Wissenschaftler

Jan Assmann, Jahrgang 1938, studierte zunächst Ägyptologie, Klassische Archäologie und Gräzistik in München, Heidelberg, Paris und Göttingen. 1965, mit 27 Jahren, wurde er zum Dr. phil. promoviert. 1966/67 erhielt er ein Stipendium des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, arbeitete dort 1967 bis 1971 als freier Mitarbeiter und Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1971, mit 33, habilitierte er sich und folgte 1976, mit jetzt 38 Jahren, einem Ruf an die Universität Heidelberg auf den Lehrstuhl für Ägyptologie. In Heidelberg lehrte er 27 Jahre lang, bis zu seiner Emeritierung 2003. Es folgte ab 2005 eine Honorarprofessur für Allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie an der Universität Konstanz, die er noch lange Jahre ausübte.

Der außergewöhnliche Wissenschaftler wurde mit einer ganzen Reihe von Preisen und Auszeichnungen bedacht, unter anderem:

  • dem Max-Planck-Forschungspreis (1996)
  • dem Preis des Historischen Kollegs (1998)
  • der Ehrendoktorwürde Dr. theol. h.c. der Evangelischen Theoligischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (1998)
  • der Ehrendoktorwürde Doctor of Social Sciences honoris causa der Yale University, New Haven, USA (2004)
  • der Ehrendoktorwürde Dr. phil. h.c. der Hebräischen Universität Jerusalem (2005)
  • dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (2006)
  • dem Alfried-Krupp-Wissenschaftspreis (2006)
  • dem Prix européen de l’essai Charles Veillon (Europäischer Essay-Preis Charles Veillon) für sein Lebenswerk (2007)
  • dem Thomas-Mann-Preis (2011)
  • dem Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen (2016)
  • dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2016)
  • dem Karl-Jaspers-Preis (2017, gemeinsam mit seiner Ehefrau Aleida Assmann)
  • dem Balzan-Preis (2017, gemeinsam mit seiner Ehefrau Aleida Assmann)
  • dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2018, gemeinsam mit seiner Ehefrau Aleida Assmann)

Jan Assmann ist seit den frühen 1970er Jahren mit der Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann verheiratet. Die beiden haben fünf gemeinsame Kinder und gelten als das einflussreichste Intellektuellenpaar unserer Zeit.

Gewalt und Monotheismus

2003 legte Jan Assmann sein Buch Die Mosaische Unterscheidung: oder der Preis des Monotheismus vor, für jeden, der sich mit den abrahamischen Religionen und damit mit dem Monotheismus näher befassen will, ein Muss, wie manche meinen. In seinem Essay macht Assmann deutlich, ob Judentum, Christentum oder Islam – alle monotheistischen Weltreligionen sind Kinder einer Revolution. Die vielen Götter werden abgelöst durch den einen und einzigen Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet. Diese Umwälzung brachte für die Vorstellungswelt, für das Menschenbild und für die Moral fundamentale Veränderungen mit sich. Doch die monotheistischen Religionen, wurden zugleich eine Quelle von Intoleranz, Gewalt, Hass und Ausgrenzung, wie Assmann in diesem Werk aufzeigte, was seinen Essay zu einer explosiven Provokation machte.

Den Kontext von Gewalt und Monotheismus hat Assmann dann 2004 in einer Vorlesung über Monotheismus und die Sprache der Gewalt thematisiert. Die Buchpublikation dazu löste eine Debatte aus, welche als Assmann-Kontroverse bekannt wurde. Ist Gewalt als Handlungsoption im Monotheismus ideengeschichtlich und strukturell bereits angelegt? Für eine solche Annahme spricht, dass der Glaube nur an einen Gott nicht für religiösen Pluralismus steht und ein damit einhergehender Absolutheitsanspruch auch in Gewalthandlungen umschlagen kann.

Religion: das Dynamit des Volks oder Ansatzpunkt zu gemeinsamer Verständigung?

Im folgenden sind wichtige Passagen aus dem Vortrag Monotheismus und die Sprache der Gewalt wiedergegeben. Marx sprach von der Religion als Opium für das Volk, doch stelle sich heute angesichts des islamistischen Terrors die Frage, ob man nicht eher vom Dynamit des Volkes sprechen müsse. Dabei sei die Verbindung von Religion und Gewalt durchaus nichts Neues und nichts spezifisch Islamisches. Gerade das Christentum habe eine ungeheure Gewaltgeschichte geschrieben. Doch woher kommt überhaupt die Gewalt unter Menschen, fragt Assmann und versucht dem systematisch nachzugehen.

Alle Menschen gehören zu einer Spezies, Homo sapiens sapiens, aber durch unterschiedliche Kulturen komme es zu einer Pseudospeziation, wie es der Psychologe Eric H. Erikson nannte, zu Unterschieden und Fremdheit. Doch gab es von Anfang an Techniken der Übersetzung, des Dolmetschens, die der Entstehung von Fremdheit und Feindschaft gegensteuerten, Kulturtechniken der Übersetzung, der Erzeugung gegenseitiger Transpartenz und Versändigung (zum Verstehensbegriff siehe: Worin die methodologische Autonomie der Geisteswissenschaften gründet).

Dabei bildete in polytheistischer Zeit gerade die Religion einen wichtigen Ansatzpunkt, um zu einer vertraglichen gesicherten Basis gemeinsamer Verständigung und kommunikativen Handelns und Handels zu kommen. Solange der andere an Götter glaubte, konnte man ihm vertrauen. 

Der Monotheismus

Mit dem Monotheismus (Ein-Gott-Glaube) kam aber eine ganz neue Form von Religion in die Welt. Diese beruhte auf der Unterscheidung zwischen einem wahren Gott und falschen Göttern („Götzen“), zwischen wahrem und falschem Glauben. Damit wurde der Übersetzbarkeit der heidnischen Götterwelten ein Ende bereitet. Die Religionen der anderen macht sie nun unwiederbringlich zu Fremden und Feinden, nämlich Gottesfeinden.

Religion wird nun zum wichtigsten Generator von Fremdheit und Feindschaft. Und die Unterscheidung zwischen Glauben und Unglauben bringt eine ganz neue Pseudospeziation in die Welt. Die neuen monotheistischen Religionen beruhen auf einem neuen Wahrheitsbegriff, der mit der Idee der Offenbarung zusammenhängt und die Übersetzbarkeit blockiert. Im Polytheismus waren alle Götter auf ihre Weise wahr, die eigenen genauso wie die der anderen, denn es gab ja keinen metaphysischen Exklusivitätsanspruch.

Dem setzten die neunen Offenbarungsreligionen ein Ende. Sie verstanden sich nun im Besitz einer metaphysischen Wahrheit, die alles andere automatisch in die Beziehung zur Unwahrheit setzt. Da gibt es keine Übersetzbarkeit mehr, sondern nur noch Konversion, die entweder wie im Islam mit Gewalt oder wie im Christentum mehr oder weniger kommunikativ erzwungen oder wie im Judentum dem endzeitlichen Auftreten des Messias anheim gestellt wird. Man kann das Fremde ins Eigene übersetzen, aber nicht das Falsche ins Wahre.

Ohne diese Unterscheidung und ohne den Begriff einer absoluten, universalen religiösen Wahrheit wären die Anschläge des 11. September 2001 nicht möglich gewesen. Das heißt natürlich nicht, dass diese Anschläge die unausweichlich historische Konsequenz der monotheistischen Idee des einzig wahren Gottes wären. Die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion muss nicht gewalttätig sein. Wo aber in Namen des wahren Gottes Gewalt ausgeübt wird, da liegt diese Unterscheidung mit Notwendigkeit zu Grunde, so Jan Assmann.

Wenn man die monotheistische Idee retten wolle, so müssen man sie ihrer inhärenten Gewalttätigkeit entkleiden. Mit Gewalt sei dabei physische Gewalt gemeint, nicht alles mögliche, zum Beispiel verbale Gewalt. Wer den Begriff so weit fasse, der verliere das eigentliche Problem, um das es gehe, vollkommen aus den Augen. Gewalt im Namen Gottes heiße: Töten, foltern, verstümmeln. Darum gehe es. 

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Lesen Sie in Teil 2, wie die religiöse Gewalt im Namen des eifersüchtigen Gottes als ganz neue Form zu den vier bis dahin vorhandenen Arten der Gewalt (1. rohe, affektive Gewalt, 2. Rechtsgewalt, 3. Staatsgewalt und 4. rituell-sakrifizielle oder rituell-initiatorische, 5. religiöse, eifernde Gewalt) durch den Monotheismus in die Welt kam.

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