Der Mensch: das Wesen, das handeln kann

Von Jürgen Fritz, Do. 25. Jun 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

Aufgabe der Wissenschaften ist es, a) die Welt korrekt zu beschreiben und diese Deskriptionen zu systematisieren sowie b) Zustände und Ereignisse zu erklären, mithin Verbindungen zwischen den einzelnen Dingen herzustellen, kausale und sonstige Gesetzmäßigkeiten und Regularitäten zu erkennen, was uns wiederum hilft, uns in der Welt besser zurecht zu finden, je besser wir sie verstehen. Nun sind Menschen Wesen, die handeln können, die über mentale Repräsentationen verfügen und repräsentationale Zeichen produzieren, die also die Welt oder Teile von dieser in sich irgendwie abbilden, genauer: repräsentieren. Um Handlungen von Menschen zu erklären, gibt es drei Ansätze, doch nur einer davon erschließt das daran Spezifische.

I. Physikalische Erklärungen

Die erste Möglichkeit, Dinge zu erklären, besteht darin, die mit einem rein physikalischen Vokabular zu tun. Die Bewegung einer Person zur Tür eines Raumes wird dann genau so beschrieben wie die Bewegung einer Kugel, die in Richtung Tür abgefeuert wurde, also zum Beispiel rein kinematisch (Kinematik = physikalische Bewegungslehre). Mentale Zustände (Gedanken, Gefühle), innere Repräsentationen der Person spielen hier keine Rolle und es kommt keinerlei mentales Vokabular vor, also keine Ausdrücke wie „Ziel“, „Absicht“, „Wunsch“, „Vorstellung“, „Meinung“, „Auffassung“ etc.

Die Bewegungen und das Agieren einer Person so zu beschreiben, ist möglich, ist aber ungemein kompliziert. Denn dann müssen ja auch alle Vorgänge im Körper der Person exakt beschrieben werden, jede Bewegung jedes Atoms und jedes Elektrons, was sehr viel komplizierter ist als bei einer fliegenden Kugel, weil Wesen mit mentalen Repräsentationen über eine sehr viel höherer Komplexität verfügen als Kugeln oder Steine (genau das ist übrigens ein Maß für den Wert von Entitäten, insbesondere Lebewesen: der Grad ihrer Komplexität, der bei belebter Materie höher ist als bei unbelebter).

Der Aufwand bei solch einer Erklärung wäre gigantisch, weil das das Zusammenspiel sämtlicher Muskeln bis hinunter in die Zellebene genau beschrieben werden müsste, zudem die ganzen Nervenimpulse bis hoch ins Gehirn. Und auch dort sämtliche Vorgänge. Dieser Aufwand stünde in keinerlei Verhältnis zu dem, was man wissen möchte. Generell gilt: Eine Verringerung (Ökonomisierung) des Erklärungsaufwandes erzielen wir zweitens durch:

II. Funktionale Erklärungen

Diese sind anders als physikalische Erklärungen in der Zeitachse nicht ausschließlich nach hinten orientiert. Physikalische Erklärungen eines Ereignisses E1 greifen ausschließlich auf das zurück, was zeitlich vor E1 lag (E0, E-1, E-2 …), wodurch es kausal bewirkt wurde. Die Ursache liegt aber zeitlich immer vor der Wirkung. Bei funktionalen Erklärungen gehen wir dagegen anders vor und das eröffnet uns zugleich einen neuen Verständnishorizont. Wir nehmen hier bei der Erklärung hinzu, wofür etwas gut oder nützlich oder von Vorteil ist.

Beispiele: a) Die männliche Hirschkäferlarve bohrt an zwei Stellen ihres Gehäuses ein Loch, damit sie später als Hirschkäfer Platz für ihre Zangen hat. b) Das Herz bei Wirbeltieren schlägt, damit das Blut im Körper zirkuliert. c) Im Kessel ist ein Sicherheitsventil angebracht, damit er nicht platzt. d) Vögel haben hohle Knochen, damit sie leicht genug sind, um fliegen zu können. e) Die Hopi vollführen Regentänze, die den Zweck haben, die Bindung an den Stamm zu stärken.

Bei all diesen Erklärungen (a bis e) kommen keine mentalen Begriffe vor, aber es sind keine physikalischen Erklärungen mehr, die rein auf die Vergangenheit zurückgreifen und das Werden von Ereignissen oder Zuständen aus früheren Ereignissen und Zuständen kausal erklären. Vielmehr wird angegeben, welche Funktion ein bestimmtes Ereignis oder ein Zustand für andere Ereignisse oder Zustände hat, insbesondere in der Zukunft oder auch allgemein. Eine genauere Analyse zeigt:

Bei einer funktionalen Erklärung von E zeigen wir auf, dass E einen kausalen Effekt auf F hat und F eine notwendige Bedingung für ÜR ist. (ÜR steht hierbei, sofern es sich nicht um technische, sondern natürliche Funktionen handelt, für Überleben und Reproduktion.)

Dass die männliche Hirschkäferlarve an zwei Stellen ihres Gehäuses ein Loch bohrt (E) hat einen kausalen Effekt dafür, sie später als Hirschkäfer Platz für ihre Zangen hat (F), was wiederum eine notwendige Bedingung für ihr Überleben und damit für die weitere Reproduktion ist (ÜR). Dass das Herz bei Wirbeltieren schlägt (E), hat einen kausalen Effekt für die Zirkulation von Blut durch den Körper (F), was wiederum eine notwendige Bedingung für das Überleben ist (ÜR). Dass Vögel hohle Knochen haben (E), hat einen kausalen Effekt auf ihr Gewicht (F), was wiederum eine notwendige Bedingung für ihre Fähigkeit zu fliegen ist, was wiederum beim Überleben und der Reproduktion nützlich ist (ÜR).

Wenn wir jedoch das Beispiel (e) genauer betrachten, dann interessiert uns vielleicht nicht nur, welche Funktion die Regentänze tatsächlich haben, sondern auch was die einzelnen Hopi denken, welche Vorstellungen sie selbst haben, die sie dazu veranlassen, Regentänze zu vollführen. Damit kommen wir zu:

III. Intentionale Erklärungen

Intentionale Erklärungen werden speziell menschliche Handlungen oft noch einfacher und wir haben das Gefühl auch verständlicher. Denn bei Wesen mit gehaltvollen mentalen Zuständen (Gedanken, Gefühle) spielen offensichtlich genau diese mentalen Zustände eine zentrale Rolle bei ihrem Verhalten. Mit intentionalen Erklärungen eröffnen wir uns gleichsam wiederum einen neuen Verständnishorizont.

Insbesondere Menschen sind Wesen, die Ziele verfolgen, Absichten und Intentionen haben, die wiederum auf Vorstellungen (über das Sein der Welt) und Wertvorstellungen aufbauen. Das heißt, Menschen können sich nicht nur verhalten oder etwas tun, sie können handeln. Handlungen sind aber – anders als zum Beispiel rein reflexhaftes Verhalten oder passive Bewegungen (Patellarsehnenreflex, niesen, stolpern) – nichts anderes als Verhaltensweisen, die von einer Absicht (Intention) begleitet sind, die also ein bestimmtes Ziel in der Zukunft verfolgen respektive auf ein solches gerichtet sind. Weiß man das Ziel, die Absicht, die Intention, welche die Person P verfolgt, so versteht man meist auch deren Handlung und kann sich diese erklären.

Dies ist offensichtlich ein anderer Erklärungsbegriff als der naturwissenschaftliche, der Ereignisse aus strukturellen Ursachen und verursachenden Effekten rein kausal-logisch deduziert, also rein durch Rückgriff auf die Vergangenheit, aus der die Gegenwart abgeleitet wird. Bei Handlungserklärungen greifen wir dagegen a) auf das mentale Innenleben der handelnden Person zurück, auf deren Intention, also der Zielsetzung, sprich wozu sie etwas tut, also b) was sie in der Zukunft erreichen will. Wenn wir das verstehen, wenn wir die Gründe kennen, warum P so handelte, so verstehen wir die Handlung und können sie uns erklären, da das Innere von Menschen, ihre mentale Dimension offenbar rationalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

IV. Fazit

Das zeigt:

  1. dass Handlungen fast immer rational nachvollziehbar sind,
  2. dass wir uns damit nicht mehr im Reich der Natur, sondern im logischen Raum der Gründe, damit im Bereich des Geistes bewegen.
  3. Das Verstehen, was im Inneren eines anderen vor sich geht, ist wiederum genau die Methode der Geisteswissenschaften. Siehe dazu: Worin die methodologische Autonomie der Geisteswissenschaften gründet.

Handlungstheorie als Subdisziplin an der Schnittstelle zwischen theoretischer (erkennender) und praktischer Philosophie (auf das gute oder richtige Handeln bezogen) gehört also in den Bereich des Sozialen, das dritte große Reich neben der Natur und dem Geist, da Handlungen im sozialen Raum stattfinden.

Handlungstheorie gehört deshalb auch in den Bereich der Sozialwissenschaften (bzw. der Soziologie), der Erklärung des Sozialen, hat aber eine Nähe zu den Geisteswissenschaften, weil Handlungen als Handlungen nur verständlich werden über das, was im Geist des Handelnden vor sich geht, was wir wiederum nur verstehen können, wenn wir ein intentionales Vokabular (Ziele, Absichten, Vorstellungen, Wünsche, Gefühle, Emotionen, Intentionen …) zur Verfügung haben, auf welches wir zurückgreifen können.

Literaturempfehlungen

Grundkurs Philosophie. Bd.2     Grundkurs Philosophie / Philosophie des Geistes und der Sprache     Grundkurs Philosophie. Bd.5

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