Bolsonaro: der ultrarechte Corona-Verharmloser hat sich nun selbst infiziert

Von Jürgen Fritz, Mi. 08. Jul 2020, Titelbild: ARD-Screenshot

Außer den USA hat kein anderes Land so viele mit SARS-CoV-2 Infizierte zu verzeichnen wie Brasilien. Außer den USA hat kein Land der Erde so viele COVID-19-Tote zu beklagen. Doch einen hat all das bislang wenig gestört: den brasilianischen Staatspräsidenten Jair Messias Bolsonaro. Der frauenfeindliche, homophobe, rassistische, antiwissenschaftliche ehemalige Militär und christliche Fundamentalist äußerte wiederholt, die COVID-19-Pandemie sei eine Verschwörung, die „ihm und Donald Trump schaden“ solle. In Bezug auf das neuartige Coronavirus sprach er wiederholt von „Hysterie“ und „Fantasie“ sowie einer „kleinen Grippe“. Nun hat er sich selbst damit infiziert und – siehe da – begab sich sofort in ein Militärhospital.

Die Nähe zu evangelikalen fundamentalistischen Freikirchen

Für moderne, zivilisierte Menschen ist dieser Mann ein einziger Affront, für Neue Linke ein rotes Tuch und der personifizierte Irrsinn, für Neue Rechte bisweilen eine heilsame Antithese zu dem neulinken und linksextremistischen Irrsinn: Jair Messias Bolsonaro, der seit dem 1. Januar 2019 brasilianischer Staatspräsident ist.

Bolsonaros Vorfahren, wanderten vor zwei bis drei Generationen im späten 19. Jahrhundert hauptsächlich aus Italien nach Brasilien aus. Bolsonaro war zunächst römisch-katholischer Christ, besucht aber etwa seit 2008 regelmäßig den Gottesdienst in baptistischen (evangelischen) Kirchen, der auch seine Frau und Kinder angehören. In seinen gesellschaftspolitischen Positionen soll er den evangelikalen Freikirchen nahe stehen, von denen er auch starke Unterstützung erfährt. Evangelikale – nicht zu verwechseln mit evangelisch – stellen eine bestimmte Richtung innerhalb des Protestantismus dar. Sie gelten als besonders bibeltreu und sich deutlich von moderner liberaler Theologie und Säkularismus abgrenzend.

Der selbsternannte Bischof der Universalkirche des Reiches Gottes Edir Macedo

Seit Jahren ist Bolsonaro Anhänger und Unterstützer der Universalkirche des Reiches Gottes des Milliardärs Edir MacedoEdir Macedo, Jahrgang 1945, gründete 1977 in Rio de Janeiro eine eigenständige pfingstlerische, fundamentalistische Freikirche, die Igreja Universal do Reino de Deus. Macedo nennt sich selbst Bischof ist ein Meister im Eintreiben von Spenden. Die „Universalkirche“ ist mit rund acht Millionen Mitgliedern weltweit eine der größten Kirchen Brasiliens und drängt die katholische Kirche immer weiter zurück. In fünftausend Zentren werden Millionen Gläubige mit fragwürdigen Methoden indoktriniert.

Macedo ist immer wieder in Skandale verwickelt, gleichwohl blüht sein „Gottesreich“ prächtig. Bereits 2009 geriet er in eine Affäre wegen Spendenveruntreuung und wurde wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung von der brasilianischen Staatsanwaltschaft angeklagt. Dabei ging es um etwa 1,5 Milliarden Euro, die die „Universalkirche“ allein in den Jahren 2003 bis 2008 auf Umwegen in brasilianischen Unternehmen angelegt haben soll. Seither ermitteln auch die Staatsanwaltschaften in New York City und in São Paulo aufgrund unklarer Finanztransaktionen gemeinsam gegen die Universalkirche.

Edir Macedo

Edir Macedo, YouTube-Screenshot

Ein Wirtschaftsimperium aufgebaut aus Spendengeldern der „Universalkirche“?

Ende April 2010 sagten zwei Devisenhändler aus, zwischen 1995 und 2001 etwa 5 Millionen Real (2,2 Millionen Euro) monatlich illegal aus Brasilien in die USA geschleust zu haben. Insgesamt ging es um etwa 400 Millionen Real (180 Millionen Euro). Ein großer Teil des Vermögens stammt von Spenden: Die Universalkirche verlangt von ihren Gläubigen mindestens zehn Prozent des Einkommens, die aber nur für kirchliche Zwecke gebraucht werden dürften.

Zu Macedo’s Kirche gehört auch der Fernsehsender Rede Record, mehrere Radiostationen und drei Tageszeitungen sowie ein Reiseunternehmen und eine Lufttaxi Fluggesellschaft. Ihr politischer Arm, die Republikanische Partei Brasiliens, ist im Parlament mit 35 Abgeordneten vertreten und unterstützte den ehemaligen Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Der Traum vom theokratischen Staat

Der Bischof und Geschäftsmann war schon im Gefängnis, weil er sich als Teufelsaustreiber, Wunderheiler und Scharlatan hervor tat. Der Bischof der „Universalkirche“ füllte das größte Fußballstadion von Rio mit Hunderttausenden Anhängern. Bei diesen Veranstaltungen peitscht er die Gläubigen emotional derart auf, dass es oft zu Massenhysterien kommt.  Tausende warfen bei den Gottesdiensten Brillen und Stöcke auf den Rasen, weil sie in ihrer Euphorie glaubten, sie seien geheilt worden. Auf seinen eigenen TV-Kanälen lässt der Bischof Gläubige auftreten, die behaupten, von Aids, Krebs und Lähmungen genesen zu sein.

Macedo lebt mit seiner Familie in New York City. Sein Vermögen wurde bereits 2013 auf auf 950 Millionen bis 1,2 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der Milliardär träumt davon, in Brasilien „einen theokratischen Staat zu errichten“ (Gottesstaat). Inzwischen unterstützt Macedo die Regierung von Jair Bolsonaro. Seine ersten Interviews nach seinem Wahlsieg 2018 gab Bolsonaro exklusiv in den Medien des Milliardärs.

M+B

Edir Macedo mit Jair Messias Bolsonaro, YouTube-Screenshot

Bolsonaro: im Oktober 2018 zum Staatspräsidenten gewählt

Jair Messias Bolsonaro, Jahrgang 1955, also zehn Jahre jünger als Macedo, ist ein ehemaliger Fallschirmjäger-Hauptmann. Seit 2007 ist er in dritter Ehe mit der 27 Jahre jüngeren Michelle de Paula Firmo Reinaldo Bolsonaro verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Aus den zwei Ehen zuvor hat er weitere vier Kinder.

Seine öffentliche politische Karriere startete er 1988 im Alter von 33 Jahren mit der Wahl zum Stadtrat in Rio de Janeiro. 2018 trat er bei der Präsidentschaftswahl an und erhielt in der ersten Runde 46,03 Prozent der gültigen Stimmen. In der Stichwahl Ende Oktober 2018 wurde er dann schließlich mit 55,1 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

„Die Verfassung, das bin ich“

Bolsonaro hatte einen extrem aggressiven Wahlkampf geführt, setzte dabei vor allem auf die Themenbereiche Korruption, Kriminalität und Wirtschaftskrise. Er befürwortete ein allgemeines Recht auf Waffenbesitz und ein Recht für die Polizei, Kriminelle zu foltern und ohne Gerichtsverfahren zu exekutierenBolsonaro wird als mindestens rechtspopulistisch, wenn nicht rechtsextremistisch eingestuft. Sein politischer Stil wird oft mit dem von Donald Trump verglichen. Der brasilianische Philosoph Vladimir Safatle bezeichnet Bolsonaro als „klassischen Faschisten“.

Der 65-Jährige befürwortet die Todesstrafe und einen radikalen Interventionismus durch das Militär in Brasilien, gefolgt von der Einsetzung einer Militärregierung. 1993, acht Jahre nach dem Ende der Militärherrschaft in Brasilien und der erneuten Demokratisierung, sagte er, dass eine erneute Militärherrschaft zu einem nachhaltigeren und wohlhabenderen Brasilien führen würde. Im Frühjahr 2020 ließ er wissen: „Die Verfassung, das bin ich“. Im Mai 2020 ließ sich Jair Bolsonaro von Fallschirmjägern mit dem Hitlergruß feiern.

Frauenverachtung: „Sie verdient es nicht [vergewaltigt zu werden], weil sie sehr hässlich ist

Über die Abgeordnete Maria do Rosário sagte Bolsonaro im Februar 2015:

„Sie verdient es nicht [vergewaltigt zu werden], weil sie sehr hässlich ist. Sie ist nicht mein Typ. Ich würde sie nie vergewaltigen.“

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Maria do Rosário, Luis Macedo / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

Homophob und rassistisch

In der brasilianischen Fernsehsendung CQC antwortete Bolsonaro im März 2011 auf die Frage, was er tun würde, wenn sich sein Sohn als homosexuell outete, „dass dies nicht geschehen würde, da seine Kinder eine gute Erziehung genossen hätten“.

Fast die identische Antwort gab er auf die Frage, wie er reagieren würde, wenn sich einer seiner Söhne in eine afrobrasilianische Frau verliebte. Im Juni 2011 erklärte er, es sei ihm lieber, wenn sein Kind bei einem Unfall stürbe, als sich als homosexuell herauszustellen. Zuvor soll er sich bereits dahingehend geäußert haben, dass man einem Kind die Homosexualität mit einer ordentlichen Tracht Prügel austreiben könne.

Der frauenfeindlichste, abscheulichste Politiker der Welt?

Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald bezeichnete Bolsonaro als „den frauenfeindlichsten, hasserfülltesten gewählten Funktionär der demokratischen Welt“ (the most misogynistic, hateful elected official in the democratic world).

Die australische Nachrichtenplattform News.com.au fragte, ob Bolsonaro wohl der „abscheulichste Politiker der Welt“ sei (the world’s most repulsive politician).

Der Tages-Anzeiger schrieb, gegen Bolsonaro erscheine der US-Präsident Donald Trump „als Verkörperung von Weisheit, Ausgeglichenheit und Zurückhaltung“.

Covid-19 hielt Bolsonaro bislang für eine „kleine Grippe“

Die COVID-19-Pandemie hält Bolsonaro für eine Verschwörung, die „ihm und Donald Trump schaden“ solle. In Bezug auf das neuartige Coronavirus sprach er wiederholt von „Hysterie“ und „Fantasie“ sowie einer „kleinen Grippe“. Außerdem verbreitete er den Verschwörungsmythos, das Virus sei von fremden Staaten freigesetzt worden, um die Weltwirtschaft zu schwächen. Strenge Eindämmungsmaßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie in Brasilien lehnt er ab. Stattdessen startete er eine Kampagne „Brasilien darf nicht stillstehen“, bei der er der Bevölkerung gegen den Rat der Gesundheitsbehörden empfahl, gegen die Ausgangsbeschränkung zu verstoßen. Daraufhin urteilte ein Gericht, dass er die Kampagne einstellen müsse.

Zudem zwang das Gericht die Regierung, binnen 24 Stunden offiziell zu erklären, dass die Kampagne keinen wissenschaftlichen Kriterien genüge, und untersagte ihr, wissenschaftlich nicht fundierte Informationen zu verbreiten oder für agitative Zwecke einzusetzen. Twitter löschte zwei Tweets des Präsidenten, in denen er den Sinn von Isolationsmaßnahmen bezweifelt hatte, da sie den Aussagen der Gesundheitsbehörden widersprochen hätten und die Verbreitung des Virus fördern könnten. Ein weiteres Gericht erklärte ein von Bolsonaro erlassenes Dekret für unwirksam, das Kirchen trotz Ausgangsbeschränkung die Öffnung ermöglichte.

Encontro com o Senhor Donald Trump, Presidente dos Estados Unido

Bolsonaro mit Donald Trump, Palácio do Planalto / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Im eigenen Kabinett isoliert

Entgegen dem Rat seiner Ärzte und der Anordnung örtlicher Sicherheitsbehörden nahm Bolsonaro am 15. März 2020 an Großveranstaltungen seiner Anhänger teil, bei denen unter anderem das Militär zur Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung Brasiliens aufgerufen wurde. Nach einem Disput mit Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta Anfang April über Lockerungen der Ausgehbeschränkungen, bei dem sogar enge Verbündete sowie hohe Militärs Bolsonaro die Gefolgschaft verweigerten, gilt er gemäß The Japan Times als im Kabinett isoliert.

Am 16. April 2020 entließ Bolsonaro seinen Gesundheitsminister Mandetta auf Grund der massiven Meinungsunterschiede. Dabei lagen die Umfragewerte bei etwa 76 Prozent  Zustimmung für die Corona-Maßnahmen des Gesundheitsministers, diejenigen von Bolsonaro dagegen lediglich bei etwa 33 Prozent.

Sein neuer Gesundheitsminister weigert sich, die Anweisung Bolsonaros zu befolgen und tritt nach 27 Tagen ebenfalls zurück

Wenige Tage darauf nahm Bolsonaro an einer antidemokratischen Demonstration vor dem Armeehauptquartier teil, bei der das Eingreifen des Militärs in die brasilianische Politik, die Beendigung aller Isolationsmaßnahmen gegen das Virus und der Rücktritt von Parlamentspräsident Rodrigo Maia gefordert wurde. In der Bevölkerung sorgte der Auftritt für große Empörung. Maia warf ihm daraufhin „Putschrhetorik“ vor und auch führende Militärs zeigten sich irritiert über ihren Staatspräsidenten.

Mitte Mai trat dann der erst neu ernannte Gesundheitsminister nach nicht einmal vier Wochen im Amt zurück. Der Minister, der selbst Arzt ist, hatte sich zuvor geweigert, die Anweisung Bolsonaros zu befolgen, COVID-19-Infizierten das Malariamedikament Chloroquin zu verabreichen, welches für diesen Einsatz nicht getestet ist.

Im Juni 2020 ordnete ein Gericht an, dass der Maskengegner Bolsonaro in der Öffentlichkeit immer eine Gesichtsmaske tragen müsse, so wie in der Hauptstadt gesetzlich vorgeschrieben. Dagegen legte Bolsonaro Einspruch ein.

Bolsonaro infiziert sich mit SARS-CoV-2 und begibt sich in ein Militärhospital

Gestern kam nun die Meldung, Bolsonaro habe am Sonntag begonnen, sich unwohl zu fühlen. Am Montag hätten sich die Symptome verstärkt. Er habe unter „Müdigkeit, Unwohlsein und Fieber von 38 Grad gelitten“. Bei Bolsonaro wurden eine Reihe von Symptomen festgestellt. Daher habe er sich in einem Militärhospital in der Hauptstadt Brasília untersuchen lassen. Neben dem positiven Corona-Test wurde auch eine Röntgenaufnahme seiner Lunge gemacht. Die Ärzte hätten ihm Hydroxychloroquin und das Antibiotikum Azithromycin gegeben, „danach fühlte ich mich besser“.

Entgegen seiner Gewohnheit trug er bei seiner Rückkehr aus der Klinik eine Maske und riet einem Anhänger, sich ihm nicht zu nähern. Am Montag nahm er nicht an einer geplanten Veranstaltung im Präsidentenpalast teil und sagte einen Termin am Dienstagmorgen ab.

Nach einer Reise von Bolsonaro in die USA im März waren bereits mindestens 23 Mitglieder seiner Delegation positiv getestet worden. Und auch am letzten Wochenende war Bolsonaro wieder viel unter Menschen, teilweise ohne Maske. Am Samstag nahm er gemeinsam mit mehreren Ministern und einem seiner Söhne an einem Essen anlässlich des amerikanischen Unabhängigkeitstages in der US-Botschaft teil. Zudem flog er in den Bundesstaat Santa Catarina, um sich nach den schweren Unwettern ein Bild der Lage zu machen.

Inzwischen offiziell fast 67.000 Covid-19-Tote in Brasilien plus Dunkelziffer

Derweil sind in Brasilien offiziell inzwischen fast 67.000 Menschen an Covid-19 gestorben, mehr als in jedem anderen Land der Erde mit Ausnahme der USA. Experten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch deutlich höher liegen könnten, da in Brasilien nur wenig getestet wird.

Die Länder mit den meisten Covid-19-Todesfällen weltweit zum Stand 07.07.2020:

  1. USA: 133.972
  2. Brasilien: 66.868
  3. Großbritannien (UK): 44.391
  4. Italien: 34.899
  5. Mexiko: 31.119

Damit entfallen alleine auf die USA und Brasilien über 200.000 der ca. 545.000, mithin 36,8 Prozent, deutlich mehr als ein Drittel, aller weltweiten Covid-19-Todesfälle.

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