Polen braucht ein eigenes Denkmal

Von Thomas Schmid, Sa. 25. Jul 2020, Titelbild: Warschau 1944, Ewa Faryaszewska (1920-1944) / Public domain

Sechs Millionen polnische Opfer waren 1945 das Ergebnis der deutschen Besatzungsherrschaft. Die Zerstörung Polens war von Anfang an ein eigenes Ziel. Polen, wie es war, sollte es nach dem Willen Hitlers nicht mehr geben. Wie dem gebührend gedenken? Der Vorschlag eines eigenständigen Polendenkmals hebt die Einzigartigkeit des polnischen Leidens hervor, sagt Thomas Schmid und spricht sich gegen den Vorschlag eines alle Opfergruppen umfassenden Sammeldenkmals aus. Denn dies, so macht er klar, lasse die Besonderheit Polens verschwinden – wieder einmal.

Die Zerstörung Polens war ein eigenes Ziel

Es ging von Anfang an um die Auslöschung des polnischen Staates. Zehn Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs definierte Hitler in einer Ansprache vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht das Kriegsziel so: „Vernichtung Polens = Beseitigung seiner lebendigen Kraft.“ Unmittelbar nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 begann dann die systematische Liquidierung der staatstragenden polnischen Elite: Generäle, Beamte, Richter, Lehrer, Professoren, Geistliche. Polen, wie es war, sollte es nicht mehr geben.

Als die Wehrmacht fünf Jahre später den Warschauer Aufstand niederschlug, formulierte Heinrich Himmler das Ziel dieser Mordaktion so:

„Dann aber ist Warschau, die Hauptstadt, der Kopf, die Intelligenz dieses ehemaligen 16-/17-Millionen-Volkes der Polen, ausgelöscht, dieses Volkes, das uns seit 700 Jahren den Osten blockiert und uns seit der ersten Schlacht bei Tannenberg immer wieder im Wege liegt.“

Polen: kein Staat, keine Nation, sondern ein bloßes Hindernis. Der Kampf der Nationalsozialisten gegen Polen war nicht Teil einer allgemeinen und schon vor dem Krieg festgelegten Ost-Strategie zur Vernichtung oder Unterwerfung aller „Slawen“ sowie zur Eroberung von Ressourcen und „Lebensraum“ für Deutschland und die Deutschen. Die Zerstörung Polens war ein eigenes Ziel.

Spätestens seit der Reichseinigung 1870/71 hatte man im preußisch-deutschen Reich auf Polen herabgesehen. Polen galt als Versagerstaat, die Polen beschimpfte man als unordentlich und unfähig zu disziplinierter Arbeit. Gustav Freytag malte in seinem damals viel gelesenen Roman „Soll und Haben“ dieses Zerrbild voller Stolz auf die deutsche Leistungsstärke aus. Viele Deutsche sprachen mit genüsslichem Schauder von der angeblich sprichwörtlichen „polnischen Wirtschaft“ – ein Schimpfwort, das noch die DDR-Führung kurz vor dem Ende ihrer Tage bemühte, um Solidarność zu verunglimpfen.

Eine nicht ethnisch, sondern universalistisch angelegte Adelsrepublik

Es ist in Deutschland weithin vergessen, dass die von 1569 bis 1795 bestehende polnisch-litauische Adelsrepublik Rzeczpospolita bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht an der Peripherie Europas lag. Sie bildete sogar dessen Zentrum. Während Brandenburg-Preußen noch ein wenig bedeutender Kleinstaat war, entstand in Polen eine (noch auf den Adel beschränkte) Republik, in der alle vor dem Gesetz gleich waren, gleiche politische Rechte besaßen und die „Goldene Freiheit“ genossen.

Diese Adelsnation war universalistisch, nicht ethnisch angelegt. Man konnte der polnischen Nation und zugleich dem litauischen, dem ruthenischen oder dem prußischen Volk angehören. Noch vor Frankreich gab sich die polnische Republik im Mai 1791 die erste Verfassung Europas. Sie war vielleicht die fortschrittlichste Nation Europas. Polen öffnete eine Tür, die ins konstitutionelle Zeitalter, in die Ära der republikanisch verfassten Freiheit führen sollte.

Dieser Staat war Ende des 18. Jahrhunderts eine Provokation und ein Hindernis für jene Anderen, die das Zeitalter der rücksichtslosen Großmachtpolitik einläuteten – also für das zaristische Russland, das machtgierige Preußen und das Habsburger Reich. Wo es nur noch um Expansion und Territorialgewinne ging, konnte die sperrige, auf das Recht gegründete Adelsrepublik nur stören.

Der tief sitzende Antipolonismus

Es gehört zu den meist übersehenen dunklen Seiten der europäischen Aufklärung, dass etliche ihrer Heroen – etwa der vielgerühmte Georg Forster – überhaupt keinen Sinn für den Wert der polnischen Freiheit hatten. Voltaire rechtfertigte sogar die Zerstörung des polnischen Staates. Europas große Monarchien, sagte er, hätten das Recht gehabt, der polnischen Adelsgesellschaft „die Segnungen einer geordneten Staatlichkeit, wenngleich durch Fremdherrschaft, zu bringen“. Die Großmächte nutzten eine innere Schwäche Polens, um den ganzen Staat zu zerstören. Polenpolitik war, so der Historiker Klaus Zernack, fast immer „negative Polenpolitik“.

Man nannte ihn bald höhnisch „Pufferstaat“ oder „Saisonstaat“ er – wurde zur Beutemasse der drei Großmächte. Dreimal wurde Polen geteilt, für mehr als 100 Jahren verschwand der Staat vollständig von der Landkarte. Die polnische Nationalbewegung, die mit Widerstand und Aufständen darauf antwortete, war und blieb eine Freiheitsbewegung – anders als die vergleichbare deutsche Nationalbewegung.

Diese unterstützte anfangs – zur Zeit des Hambacher Festes – zwar noch die polnischen Patrioten. Doch dann kam ihr Sündenfall, der zugleich ein großer Sündenfall des deutschen Liberalismus wurde: Mit 342 gegen 31 Stimmen setzte sich die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 über das eben noch beschworene Selbstbestimmungsrecht der Polen hinweg. Sie forderte die Aufnahme des Großherzogtums Posen in den Deutschen Bund.

Ein liberaler Abgeordneter schlug einen Ton an, der wie eine Vorwegnahme der NS-Großraumpolitik klingt: „Ein großes Volk braucht Raum, um seinen Weltberuf zu erfüllen.“ Und ein konservativer Abgeordneter gab dem Nationalegoismus, den die Nationalsozialisten später mörderisch wendeten, absoluten Vorrang vor der wechselseitigen Verständigung der Völker. In der Vergangenheit, sagte er, seien durch „falschen Kosmopolitismus kostbare altdeutsche Lande verlorengegangen“. Als einige Jahrzehnte später das Deutsche Reich gegründet wurde, hatte es von Anfang an einen aggressiven antipolnischen Drall. Und auch in der Weimarer Republik blieb es bei diesem tiefsitzenden Antipolonismus.

Hitler und Stalin haben den multiethnischen Charakter Polens gemeinsam zerstört

Lange bevor Deutschland westlich wurde, war Polen es schon. Wir blicken also gar nicht nach Osten, wenn wir auf Polen blicken. Sondern gewissermaßen nach Westen. Polen stellt einen einzigartigen Sonderfall dar. Deswegen ist ein eigenes Denkmal für die polnischen Opfer der NS-Besatzung zwingend nötig. Denn ein Denkmal für alle Toten, die von 1939 bis 1945 östlich der Oder ums Leben kamen, würde Polens Besonderheit tilgen und viele Unterschiede verwischen. Vor allem einen: Selbst, wenn man vom Gulag absieht, war die Sowjetunion vom September 1939 bis zum Angriff der Deutschen Wehrmacht im Juni 1941 kein Opfer-, sondern ein Täterstaat.

Der furchtbare Hitler-Stalin-Pakt von 1939 sah im Geheimen Zusatzprotokoll vor, dass sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion Polen friedlich-schiedlich untereinander aufteilen. Das taten sie dann auch. Polen wurden deshalb Opfer der Deutschen Wehrmacht, der Sondereinheiten, der SS und der Roten Armee und des NKWD. Hitler und Stalin haben gemeinsam dazu beigetragen, den multiethnischen Charakter Polens zu zerstören. Unter Historikern ist es strittig, ob Stalin mit diesem Teufelspakt nur Zeit gewinnen wollte, um die Rote Armee für den deutschen Angriff aufzurüsten. Für die Nachkommen der Opfer und für alle Polen dürfte das freilich ohne Bedeutung sein.

Ein Sammeldenkmal wäre eine fauler Kompromiss

Seit einiger Zeit liegen zwei Vorschläge für neue Gedenkorte in Berlin vor. Bei dem einen geht es um die die sechs Millionen polnischer Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft. Er nimmt eine Idee des Holocaust-Überlebenden und ehemaligen polnischen Außenministers Władysław Bartoszewski auf. Dem anderen zufolge soll der Opfer der nationalsozialistischen „Lebensraum“-Politik aus allen Staaten Osteuropas gedacht werden.

Beide Vorschläge schließen einander nicht aus. Sie lassen sich aber auch nicht kombinieren oder zusammenführen. Ein Sammeldenkmal für polnische und andere Opfer wäre nicht weit von der Mahnrhetorik der frühen Bundesrepublik entfernt, in deren Feierstunden es hieß, man gedenke aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Womit der Mantel der „Versöhnung“ auch über die Mörder gehüllt wurde.

In einem gemeinsamen, an die Abgeordneten des Bundestages und einige Regierungspolitiker gerichteten Brief plädieren das Deutsche Polen Institut in Darmstadt und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für einen Gedenkort, am dem das Gedenken an die polnischen Opfer und das Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft in Osteuropa „zusammengeführt“ werden. Im Zentrum Berlins soll eine künstlerische Installation geschaffen werden, die folgende Widmung tragen möge:

„Mit dem deutschen Überfall auf die Republik Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Wir gedenken der Opfer der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft und Vernichtungspolitik bis 1945.“

Ausdrücklich heißt es, dies wäre zugleich auch ein Gedenkort für „die Opfer in allen deutsch besetzten Ländern und Gebieten“. Das mutet wie eine kluge, salomonische Lösung an, ist aber ein schlechter, ein fauler Kompromiss.

Polen braucht ein eigenes Denkmal

Im Zweiten Weltkrieg starben 6,2 Millionen Soldaten der Roten Armee, mindestens 17 Millionen Bürger der Sowjetunion verloren ihr Leben. Selbstverständlich soll auf deutschem Boden dieser Opfer ebenso gedacht werden wie der Toten anderer Völker Osteuropas. Polen aber braucht ein eigenes Denkmal. Und da es damals um die Vernichtung der polnischen Nation ging, kann dieses Denkmal nur ein nationales sein.

Mit Nationalismus hat das nichts zu tun. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder gab zu bedenken: „Ich halte es für unklug, das Ganze zu nationalisieren.“ Dieses Argument geht aber an der polnischen Sache vorbei. Desgleichen ein Brief, den die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sowie die Historiker Martin Aust und Heinrich August Winkler im Mai dieses Jahres an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble geschrieben haben. Sie fordern darin einen „Ort der Dokumentation deutscher Besatzungsherrschaft in ganz Europa und des Gedenkens an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges insbesondere in Polen und der Sowjetunion“.

Hier wird alles mit allem vermengt. Die Autoren schreiben:

„Dieser Ort stellt keine Hierarchien zwischen den einzelnen Opfergruppen her, er spricht nicht in Superlativen und Singularitäten, sondern zeigt die jeweils spezifischen Erfahrungen von Polen, Belarusen (!), Ukrainern, Russen und anderen Nationalitäten der Sowjetunion und Europas auf. (…) Das Gesamtensemble ist einer vielstimmigen Erinnerung im Sinn des dialogischen Erinnerns verpflichtet. Die Erinnerungsdiskurse unserer Nachbarn in Europa sollen nicht auf einen Nenner gebracht, sondern hörbar gemacht werden. In dieser Vielstimmigkeit regt das Ensemble zu Nachdenklichkeit, Einfühlungsvermögen und zum Lernen aus der Geschichte an.“

Man kann mit guten Gründen bezweifeln, dass ein derart harmonisches „dialogisches Erinnern“ überhaupt möglich ist. Und man mag sich an dem etwas schwülen pastoralen und erlebnispädagogischen Sprachduktus stören.

Der Vorschlag eines alle Opfergruppen umfassenden Denkmals lässt die Besonderheit Polens verschwinden – wieder einmal

Spott ist nicht angebracht. Das Bemühen, unter Beachtung von Unterschieden aller Opfer zu gedenken, hat etwas spontan Überzeugendes. Einwände erscheinen dagegen auf den ersten Blick kleinlich oder spalterisch. Faktisch läuft der Vorschlag eines gesamt-osteuropäischen Gedenkortes aber darauf hinaus, ein „Polendenkmal“ zu verhindern.

Es ist zu hoffen, dass die Mehrheit der Abgeordneten des Deutschen Bundestages der Verführungskraft dieses Vorschlags, dem süßen Gift des Kompromisses um des lieben Friedens willen nicht erliegt. Nach dem, was die Großmächte – allen voran Deutschland und Russland – der polnischen Nation angetan haben, wäre es eine grobe Fehlentscheidung der deutschen Politik, wenn sie dem Gedenken an die polnischen Opfer, die auf das Schuldkonto Deutschlands gehen, keinen eigenen Ort schaffen würde. Der Vorschlag eines „Polendenkmals“ hebt die Einzigartigkeit des polnischen Leidens hervor. Der Vorschlag eines alle Opfergruppen umfassenden Denkmals aber lässt die Besonderheit Polens verschwinden. Wieder einmal.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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