Gründe und Motive: innere Schönheit

Von Jürgen Fritz, Fr. 31. Jul 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

Wenn wir nach dem Guten fragen, müssen wir zwei grundlegend verschiedene Fragen unterscheiden: 1. Warum ist es gut, H zu tun, beziehungsweise warum ist die Handlung H moralisch? 2. Angenommen es kann aufgezeigt werden, warum es gut ist, H zu tun, so kann man fragen: Warum soll ich das Gute denn überhaupt wollen, sprich warum soll ich überhaupt moralisch sein? Die erste Frage ist die nach einem Rechtfertigungsgrund, die zweite die nach einem Motivationsgrund, also danach, welches Motiv ich haben sollte, das als gut Erkannte und als gut Gerechtfertigte denn auch zu tun.

Rechtfertigungs- und Motivationsgründe

Die Frage, warum ist es gut, H zu tun, ist die Frage nach der Eruierung des Guten und seiner Rechtfertigung. Sie gehört in den Bereich der Moralphilosophie, also der Ethik. Moralphilosophen begründen, warum manche Dinge gut, andere böse sind, zum Beispiel Menschen zu Tode foltern oder vierteilen, sie über den Tisch zu ziehen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, oder jemanden aus Spaß an der Demütigung vor anderen lächerlich zu machen.

Die zweite Frage, warum man das als gut Erkannte und Gerechtfertigte denn überhaupt wollen und tun soll, ist die Frage nach der Motivation, warum man überhaupt moralisch sein soll. Das ist keine rein ethische, sondern auch eine psychologische Frage.

Belohnung und Bestrafung

Das primitivste Motiv, das Eine zu tun, das Andere zu lassen, sei es nun a) gut oder b) böse oder c) weder noch, ist für das Eine eine Belohnung zu bekommen, für die andere Handlung bestraft zu werden, sprich angenehme oder unangenehme antizipierte Folgen der Handlung für den Handelnden selbst. Das ist völlig unabhängig von gut und böse.

A kann B eine Belohnung versprechen dafür, dass er a) einem schwer verletzten Menschen hilft und ihm das Leben rettet, b) dafür, dass er einen Mord begeht, der A nützlich ist, oder c) dafür, dass B ihm etwas besorgt, was weder illegal noch unmoralisch ist, zum Beispiel ein Medikament aus dem Ausland oder ein Haus oder ein Rendezvous mit einer Person, die er sehr interessant findet. Die Belohnung kann in allen drei Fällen so verlockend sein, dass B macht, was A möchte, um die Belohnung zu bekommen. Die Belohnung ist dann seine Motivation.

Eine andere Motivation kann die Sehnsucht nach Anerkennung bei anderen sein oder ein positives Selbstwertgefühl und dergleichen. Eine mögliche Motivation wäre natürlich auch, dass jemand ein reines Gewissen haben und seine Selbstachtung nicht verlieren will, indem er nicht das tat, was sein Gewissen ihm als das Gute und Richtige suggerierte.

Normative Ethik gibt Antworten auf die erste Frage

Belohnungen versprechen oder mit Strafen drohen, hat nichts mit Ethik (Moralphilosophie) zu tun. Philosophie untersucht natürlich auch Handlungen und entwickelt Handlungstheorien. Da spielen dann natürlich Motivationen als Konstitutiva von Handlungen mit rein, denn das Wesen einer Handlung ist im Gegensatz zum reinen Tun, dass sie auf ein Ziel hin ausgerichtet ist. Aber bei solchen rein theoretischen Analysen geht es nur darum zu verstehen, was eine Handlung überhaupt ausmacht, was ihre konstitutiven Merkmale sind und was da kognitiv abläuft im Handelnden, welchen schematischen Ablauf sie haben, was ihnen eigen ist und was ihr Wesen als Handlung ausmacht.

Moralphilosophie als normative Ethik – im Gegensatz zur rein empirischen, deskriptiv- beschreibenden Ethik und zur philosophischen Metaethik – beschäftigt sich hauptsächlich mit der erste Frage: Warum ist es gut, H zu tun, beziehungsweise warum ist die Handlung H moralisch, zum Beispiel anderen Menschen gegenüber ehrlich zu sein? Und die normative Ethik liefert Gründe dafür, warum es gut ist, ehrlich zu sein, oder sie liefert Gründe, das heißt Argumente, warum H nicht gut ist. Das ist das originär Philosophische: die Suche nach schlüssigen Gründen, genauer: nach Rechtfertigungsgründen, warum bestimmte Handlungen oder wenn wir tiefer gehen: warum bestimmte Prinzipien und Charaktereigenschaften, wie Ehrlichkeit, Loyalität, Gerechtigkeit, Güte, Mut gut sind, andere schlecht.

Mein Antwortversuch auf die zweite Frage: innere Schönheit

Meine persönliche Antwort auf die zweite Frage, die wie gesagt auch, vielleicht sogar eher eine psychologische solche ist, warum man das als gut Erkannte denn überhaupt tun soll, wäre die folgende: Wenn du ein guter, das heißt innerlich schöner Mensch respektive ein Mensch mit einem schönen Charakter sein willst, solltest du H tun, so du erkannt hast, dass H gut ist. Du kannst natürlich auch H als gut erkennen und es gleichwohl nicht tun.

Und wenn du gar kein guter Mensch sein willst, weiß ich nicht, was ich dir dann noch antworten soll, denn du hast dich ja längst für etwas ganz anderes entschieden. Wie sollte ich dir denn begründen können, warum du gut sein solltest? Was wäre denn geeignet dich zu überzeugen? Oder möchtest du letztlich von mir nur wissen, was deine Belohnung sein wird, welchen persönlichen Vorteil du haben wirst, wenn du das Gute tust?

Ich würde annehmen, dass jeder Mensch eine Neigung in sich findet, innerlich (charakterlich) schön sein zu wollen und nicht hässlich, aber wenn dies völlig verschüttet ist, wird es schwer den anderen zu erreichen. Damit Worte und Gründe auf fruchtbaren Boden fallen, muss ja schon ein gewisses Interesse an dem Gut-sein-wollen, eine Offenheit für Worte und Argumente vorhanden sein. Erzwingen kann man das nicht und in einen anderen einpflanzen kann man das auch nicht, wenn es nicht mehr da ist.

Wer kein Interesse hat am Gut-sein, für den ist die erste Frage, was denn das Gute im Einzelfall ist, natürlich uninteressant

Wenn also jemand sagt „Ich will überhaupt nicht innerlich schön sein, mir reicht es vollkommen, wenn ich mich wohl fühle und mir angenehme Gefühle verschaffen kann, wo immer es geht, mehr will ich gar nicht vom Leben“, so sind für ihn natürlich alle Überlegungen zur ersten Frage vollkommen uninteressant. Warum sollte er wissen wollen, welche Handlungen gut und welche schlecht sind, wenn er keinerlei Motivation hat, das Gute zu tun, ihn nur das für ihn persönlich Angenehme interessiert?

Für einen solchen Menschen, für den ausschließlich das für ihn persönlich Nützliche und Angenehme zählt und existiert, werden also also sämtliche ethische Erörterungen vollkommen uninteressant sein. Er wird dann zum Beispiel denken „Ach, davon kann man sich doch nichts kaufen“ und damit hat er Recht.

P.S.

„Der ideale Mensch fühlt Freude, wenn er anderen einen Dienst erweisen kann.“

Moralität und Gerechtigkeit aber sind Folgen der Bildung, die der Mensch nur in der bürgerlichen Gesellschaft erhält.“ –

Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), griechischer Philosoph, Schüler Platons, Lehrer Alexanders des Großen von Makedonien, Quelle: Aristoteles, Politik. 1253a (II, 2.)

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