Die Singularität des Holocaust bestreiten inzwischen nicht nur Rechtsradikale

Von Thomas Schmid, So. 28. Feb 2021, Titelbild: Berthold Werner, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0&gt;, via Wikimedia Commons

Anhänger der Postcolonial Studies ziehen eine direkte Linie vom Massenmord an den Herero 1904 bis 1908 zum Holocaust. Wer im Holocaust ein singuläres Verbrechen sehe, erliege der eurozentrischen Borniertheit. Nicht zu verkennen ist dabei der Neid anderer Opfergruppen auf die Juden. Diese würden einen singulären Opferstatus für sich usurpieren. Der Holocaust aber war einzigartig, macht Thomas Schmid deutlich, weil es in ihm nicht um Unterdrückung und Ausbeutung, sondern um originäre Vernichtung ging. Der Erlösungsantisemitismus lieferte eine ganze Welterklärung. Und noch etwas arbeitet Thomas Schmid heraus: Im Kern verwerfen postkoloniale Denker die Moderne und den Universalismus. Die Barbarei kam aber nicht aus dem Universalismus, sondern aus dessen Missachtung.

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts – der blinde Fleck des deutschen Kolonialismus

Wer in der jungen Bundesrepublik aufwuchs, dem wurde ein niedlicher kleiner Kerl von schwarzer Hautfarbe ein steter Begleiter. Er trug eine rote Pluderhose und einen gewaltigen Turban, hatte große Kulleraugen, ein breites Lächeln war ihm ins Gesicht geschrieben: der Sarotti-Mohr. Auf einem Tablett trug er eine Tafel Schokolade, die er auf wundersame Weise aus einer fernen Gegend zu bringen schien, um sie uns zu schenken. Uns „unschuldigen“, ahnungslosen Alltagsrassisten. Zwar hatten wir eine vage Ahnung davon, dass es andere Welten – Afrika, Amerika, China – gibt. Sie waren für uns von exotischer Faszination. Was genau aber dort geschah, wo Kaffeebohnen, Bananen, Zimt, Safran, Kokos- und Paranüsse wuchsen, davon hatten wir keine Ahnung. Es ging uns nichts an.

Erst recht keine Ahnung hatte die deutsche Öffentlichkeit von dem, was mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor am 2. Oktober 1904 in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, geschah. In einer Proklamation an das Volk der Herero, später „Vernichtungsbefehl“ genannt, kündigte Generalleutnant Lothar von Trotha, der Gouverneur der deutschen Kolonie, die Verfolgung und Vertreibung der dort lebenden Menschen an. Im Laufe der nächsten drei Jahre wurden 40.000 bis 60.000 Herero durch das deutsche Militär ermordet oder bewusst dem Verdursten in der Wüste überlassen. Etwa zwei Drittel aller Herero kamen ums Leben. Es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. An deutschen Schulen und Universitäten war er bis vor wenigen Jahren kein Thema.

Der deutsche Kolonialismus währte nur etwa 30 Jahre, am Ende des Ersten Weltkriegs verlor Deutschland alle seine Kolonien. Das ist freilich nicht der einzige Grund dafür, dass die kolonialistische Phase im Bewusstsein der meisten Deutschen heute kaum präsent ist. Er wurde auch deswegen „übersehen“, weil er in weiter Ferne geschah. Und auch, weil seine Opfer Schwarze waren. Noch die Gedankenlosigkeit, mit der die Verantwortlichen des Berliner Humboldt-Forums anfangs mit den ethnologischen Sammlungen aus Afrika, Asien und den Amerikas umgingen, bewies nachdrücklich, dass der Kolonialismus noch immer ein blinder Fleck auf der großen Landkarte deutschen Gedenkens ist. Es gibt da viel, sehr viel nachzuholen.

Tatsächlich kein strukturell-essentieller, sondern nur ein gradueller Unterschied zwischen Holocaust und Kolonialismus?

Einige Historiker und Anhänger der Postcolonial Studies wollen jedoch mehr. Sie ziehen eine direkte Linie vom Massenmord an den Herero zum Holocaust. „Von Windhuk nach Auschwitz?“ – so der Titel eines programmatischen Buches des Historikers Jürgen Zimmerer, der seit vielen Jahren bemüht ist, den deutschen Kolonialismus in unser Bewusstsein zu heben. Zwar ist der Titel mit einem Fragezeichen versehen, der Autor hätte es aber auch weglassen können. Denn er sagt ausdrücklich, es gebe keinen „strukturell-essentiellen“, sondern nur einen „graduellen“ Unterschied zwischen Holocaust und Kolonialismus.

Die Ermordung der Juden wäre wohl nicht möglich gewesen, „wenn der ultimative Tabubruch (…) nicht schon früher erfolgt wäre“. Der Autor lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Nur „aus einer bornierten eurozentrischen Perspektive“ heraus könne man verkennen, dass die NS-Politik nur die Radikalisierung dessen gewesen sei, „was man zuvor im Kolonialismus praktiziert hatte“. Damit sagt Zimmerer, Kolonialismus und Holocaust unterschieden sich im Prinzip nicht, seien wesensgleich.

Sein Unterton irritiert. Denn im Grunde behauptet er, dass der eurozentrischen Borniertheit erlegen ist, wer im Holocaust ein singuläres Verbrechen sieht. Wenn man das Argument nur ein wenig verlängert, kommt dabei eine strenge Ermahnung an jene inzwischen beträchtliche Zahl von Wissenschaftlern und Publizisten heraus, die sich der Erforschung des Holocaust und dem Gedenken an ihn widmen. Ihre Tätigkeit sei nicht hilfreich, weil sie mit ihrer Fokussierung auf den Mord an den Jüdinnen und Juden Europas andere Gewalterfahrungen, andere Genozide abwerteten oder gar vergessen machten. Es gibt offensichtlich ein diffuses oder gar nicht so diffuses Bedürfnis, den Holocaust wenn nicht verschwinden zu lassen, so ihm doch seine Sonderstellung zu nehmen.

Mit dem Argument, intensive Beschäftigung mit dem Holocaust habe etwas Anmaßendes, kommt man in bedenkliche Gewässer

Es ist zwar nicht einsichtig, warum ein Gedenken das andere erdrücken muss. Warum nicht gleichzeitig die Shoah, Hitlers Generalplan Ost, der Gulag, der Völkermord an den Armeniern, die kolonialistischen Genozide, die US-Sklavenherrschaft oder die Verbrechen des Pol-Pot- und des Mao-Regimes Gegenstand gedenkpolitischer Auseinandersetzungen sein können. Doch das Argument, die intensive Beschäftigung mit dem Holocaust habe etwas Anmaßendes, scheint tatsächlich zu ziehen. So aber kommt man in bedenkliche argumentative Gewässer. Das Ressentiment, man könne es mit dem Holocaust auch übertreiben, ist dann nicht mehr fern. Und es wäre die Arena eröffnet für eine Konkurrenz der Gedenkkulturen und der Opfergruppen um die angeblich knappen Ressourcen Aufmerksamkeit und Empathie. Für ein geistiges Hauen und Stechen. Das Leid der Schwarzen und das jüdische Leid würden gegeneinander ausgespielt.

Diese Gefahr ist dem amerikanischen, an der University of California in Los Angeles lehrenden Literaturwissenschaftler und Holocaust-Forscher Michael Rothberg früh aufgefallen. Er befürchtete, dass Erinnerungskonkurrenz dazu führen könne, dass unterschiedliche Opfergruppen untereinander „einen Kampf auf Leben und Tod austragen“, wie er in bezeichnender Übertreibung schrieb. Rothberg versuchte in einer umfangreichen, schon 2009 erschienen Studie, die soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, einen Weg aus diesem Dilemma zu weisen. Seiner Methode hat er den etwas umständlichen und unsinnlichen Namen „multidirektionale Erinnerung“ gegeben.

Michael Rothberg, YouTube-Screenshot

Rothbergs „multidirektionale Erinnerung“

Die zentrale Idee ist verlockend. Und einfach. Der bürgerschaftliche Gedenkraum sei groß genug, um jedes Gedenken in sich aufzunehmen. Konkurrenz sei nicht nötig. Und wie könnte sie verhindert werden? Indem man nicht mehr von Gedenkmonaden ausgeht, sondern die „produktive Interaktion disparater Gedenkakte“ anerkennt, indem man eine „Verschränkung von Geschichten und Erinnerungen“ fördert. Multidirektionale Erinnerung gehe, so der Autor in seiner leider durchgängig umständlichen Sprache, davon aus, „dass die Überschneidungen und Interferenzen unterschiedlicher Erinnerungen zur Konstituierung sowohl der Öffentlichkeit als auch der in ihr sich artikulierenden, verschiedenen individuellen und kollektiven Subjekte beitragen“.

Wie muss man sich das vorstellen? Rothberg geht den Weg der Lektüren. An Hannah Arendts großem Buch über Antisemitismus, Imperialismus und Totalitarismus etwa versucht er zu zeigen, dass die Philosophin zwar dem Zusammenhang zwischen verschiedenen Gewalterfahrungen auf der Spur gewesen war. Ihre letztlich eurozentrische Sichtweise habe sie aber daran gehindert, zur aktiven Verschränkung der Gedenken vorzustoßen.

Ähnlich führt Rothberg das ganz anders ausgerichtete Manifest „Über den Kolonialismus“ an, das der aus Martinique stammende Dichter und Politiker Aimée Césaire 1950 publizierte. Darin ist die Rede von weißen, christlichen Bürgern des 20. Jahrhunderts, in denen Hitler hause. Diesem könnten sie nicht verzeihen, dass er die Verbrechen, die bisher gewissermaßen für „die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas“ reserviert waren, nun am „weißen Menschen“ begangen habe. Auch hier: Zwei Gewalterfahrungen werden miteinander in Beziehung gesetzt – aber noch nicht im Sinne einer friedlichen Koexistenz der Gedenken, wie sie Rothberg vorschwebt.

Michael Rothberg ist der derzeitige Guru eines von NGOs und Linksliberalen getragenen Kulturmilieus

Eigentlich will Rothberg beweisen, dass jede vergegenwärtigte Gewalterfahrung andere dazu ermuntern und befähigen kann, ihre Opfererfahrung zu artikulieren und zugleich in einen größeren, gemeinschaftbildenden Zusammenhang zu stellen. Doch der Beweis gelingt ihm nicht. Erstens, weil alle diese Erfahrungen nur auf dem Papier, auf Gemälden und auf Filmrollen gemacht werden. Und zweitens, weil er das, was er einsichtig machen will, immer nur aufs Neue behauptet, aber nicht plausibel begründet. Es ist kein Zufall, dass alle Lektüren, die er ausbreitet, dem gleichen Prinzip folgen. Statt eine Geschichte zu erzählen und sie dann zu deuten, beginnt er jedes Kapitel mit einer seitenlangen Deutung und Konklusion, um dann erst auf die eigentliche Geschichte einzugehen.

Am Ende ist das Ergebnis trivial: Man soll auf Wechselwirkungen, Kopplungen und Verflechtungen achten, alle Leidenserfahrungen miteinander verknüpfen. Wie aber soll das vor sich gehen? Dazu schweigt Rothberg. Genauer: Er tut so, als der Appell zur Tat schon die Tat. Im Grunde läuft sein Ansatz auf die sozialarbeiterische Plattitüde zurück: Erzähl’ du mir deine Geschichte, ich erzähle dir meine, und dann werden wir uns vertragen. Das klingt komisch, ist es auch.

Und bleibt dennoch nicht ohne Bedeutung. Denn Rothberg ist nicht irgendwer, er ist kein entrückter Professor unter vielen. Sondern so etwas wie der derzeitige Guru eines von NGOs und Linksliberalen getragenen Kulturmilieus auch in Deutschland, das sich in der trügerischen Gewissheit wiegt, man könne alle Leidenserfahrungen der Welt miteinander verknüpfen und schon damit die Welt zu einem besseren Ort machen. Rothberg ist der Theoretiker, von dem man auch bei uns glaubt, er habe den multidirektionalen, den alle hässlichen Differenzen zwischen den verschiedenen Leidenserfahrungen und Gedenkkulturen versöhnenden Stein der Weisen gefunden.

„Gegenläufige Gedächtnisse“ stehen untereinander in einer Verbindung, diese ist jedoch spannungsreich

Solange es den – irrealen – Weltfrieden nicht gibt, wird es jedoch kein die Menschheit umfassendes Weltbewusstsein geben können. Die Opfererfahrungen ähneln sich, werden aber nicht in ihrer Ähnlichkeit, sondern in ihrer Besonderheit wahrgenommen. Pädagogik und Gedenkpolitik kann das mindern, aber nicht abschaffen. Brachte man vor Jahrzehnten in der Auseinandersetzung mit deutschen Vertriebenen das Gespräch auf den Mord an den Juden, wurde einem regelmäßig mit großer Aggressivität das Vertriebenenleid als das größere entgegengeschleudert.

Und so oft Migrationsforscherinnen und Migrationsforscher auch das Gegenteil behaupten: Die große Mehrheit muslimischer Jugendlicher mit „migrantischem Hintergrund“ wird kaum Empathie für Juden entwickeln, wenn man ihnen nur Raum genug gibt, die eigene Erfahrung von Missachtung und Demütigung zu artikulieren.

Rothbergs schönes Ziel liegt in sehr weiter Ferne. Sein Ansatz mag zwar geeignet sein, für ein Programm der Arbeitsplatzbeschaffung im Milieu des Gedenkbetriebs zu sorgen. Rothberg läuft indes Gefahr, im Vergleichen und wechselseitigen Austausch die Unterschiede auszulöschen. Schon 1977 hatte der Holocaust-Überlebende Jean Améry mit bitterem Blick auf die Zukunft gesagt: „Alles wird untergehen in einem summarischen ‚Jahrhundert der Barbarei’.“

Das Gedenken unterschiedlicher Opfergruppen lässt sich nicht einfach addieren, kombinieren, miteinander verklammern. Dazu sind die Erfahrungen, die zugrunde liegen, viel zu unterschiedlich. Der Historiker Dan Diner hat für diese Unterschiede den Begriff „gegenläufige Gedächtnisse“ geprägt. Das heißt auch: Sie stehen untereinander in einer Verbindung, diese ist jedoch spannungsreich.

Der Neid in postkolonialen Kreisen auf die Juden

Rothberg ist keineswegs so unparteiisch, wie er sich gibt. Er warnt davor, zu sehr auf der Singularität des Holocaust zu bestehen, und folgt dabei recht willig einigen Autoren der Postcolonial Studies, denen er beträchtlichen Kredit einräumt. In postkolonialen Kreisen scheint es so etwas wie großen Neid auf die Juden (und Israel) zu geben. Man wirft ihnen vor, sich effektvoll als Opfernation zu inszenieren.

Frantz Fanon – Psychoanalytiker und Theoretiker der algerischen Revolution, der vor einem halben Jahrhundert auch von der deutschen Linken seiner unerbittlichen Radikalität wegen bewundert wurde – hat zu Anfang der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Juden so etwas wie eine im Grunde hinterhältige Schläue unterstellt: Sie hätten die Fähigkeit, ihren Verfolgern unerkannt zu bleiben. Denn ein Jude sei – anders als der schwarze Kolonisierte – „nicht voll und ganz das, was er ist. Er ist ein Weißer, und es kommt vor, dass er unbemerkt bleibt.“ Und dann folgt eine Passage, die oft für ironisch erklärt worden ist, in der Fanon aber wohl schon meint, was er sagt: „Natürlich werden Juden gehänselt, was sage ich, sie werden verfolgt, ausgerottet, vergast, doch das sind kleine Familiengeschichten.“

Mehr als Spuren dieser Überzeugung finden sich bei vielen postkolonialen Autoren, die in Juden gewissermaßen Erbschleicher sehen, die auf Kosten der Schwarzen und anderer Kolonisierter einen singulären Opferstatus für sich usurpierten. Kein Zweifel, die Postkolonialen haben zumindest nah am Antisemitismus gebaut. Und sie finden in der westlichen Welt bei vielen Anklang. An Universitäten in den USA kommt es vor, dass Aktivisten des Minderheitenschutzes den Holocaust so leichtfertig wie hartherzig als „white on white crime“ abtun.

Der Holocaust war einzigartig, weil es in ihm nicht um Unterdrückung und Ausbeutung, sondern um originäre Vernichtung ging

Es gab große Kolonialverbrechen mit genozidalem Charakter. Dennoch war der Holocaust einzigartig. Im britischen, französischen, belgischen und deutschen Kolonialismus ging es darum, andere Völker zu unterdrücken, auszubeuten. Es ging darum, Profit aus den Kolonien zu zielen und deren Bevölkerung gefügig zu machen. Doch war der Kolonialismus nicht immer reine Repression, es kam vor, dass die Kolonisierten mit eigenen Rechten ausgestattet und – im Falle der Briten – als Bürger des Empire anerkannt wurden.

Wenn alles nichts half, folgte – wie bei den Herero und Nama, wie beim „Boxeraufstand“ 1900 – als Ultima Ratio der Massenmord. Das war beim Holocaust anders. Die Juden sollten nicht unterdrückt oder ausgebeutet werden, ihre Vernichtung war nicht Ultima Ratio, sondern alleiniger Zweck des Unternehmens. Und zwar aus einem Grund allein: Weil sie Juden waren. Das ist bis heute einmalig in der Geschichte. „Der Vernichtungstod ist im Kern ein grundloser Tod“, schreibt der Historiker Dan Diner in seinem 2007 erschienen Buch „Gegenläufige Gedächtnisse“.

Der Erlösungsantisemitismus lieferte eine ganze Welterklärung

Nicht koloniale Gewaltbereitschaft, sondern der Antisemitismus trieb die Täter des Holocaust an. Juden waren für sie der Quell allen Übels, der Antisemitismus war nicht bloße kolonialistische Verächtlichkeit und Feindschaft, er lieferte eine Welterklärung. Der Historiker Saul Friedländer hat dafür den treffenden Begriff „Erlösungsantisemitismus“ geprägt. Juden galten als die absoluten Verderber, die unerkannt in den gesunden deutschen „Volkskörper“ eingedrungen seien. Und zugleich als abstrakte Agenten einer Weltverschwörung von „raffendem“ Kapital und überzüchteten Intellektuellen. Auch darin als Verderber nicht umstandslos erkennbar.

Steffen Klävers hat in seiner gründlichen, umsichtigen und auf Polemik gänzlich verzichtenden Untersuchung „Decolonizing Auschwitz?“ in der Auseinandersetzung mit Rothberg und dem Postkolonialismus überzeugend sichtbar gemacht, in welche Untiefen postkoloniale Denker führen können. Da wird von der Allgegenwart der Lager in der Moderne gesprochen und zuweilen nicht einmal zwischen Vernichtungs- und Flüchtlingslager unterschieden.

Im Kern verwerfen postkoloniale Denker die Moderne und den Universalismus

Noch weiter geht etwa der indische Historiker Vinay Lal. Er setzt die Moderne nicht nur mit dem Kolonialismus, sondern auch mit dem Genozid gleich: Die europäische Moderne ist für ihn Genozid. Und ebenso die Ideen von Entwicklung und Fortschritt.

Hier dringt man zum bedrohlichen Kern im Denken etlicher postkolonialer Denker vor. Sie verwerfen die Moderne insgesamt, und zwar, weil sie europäischen Ursprungs ist. Sie habe nur Unheil über den Rest der Welt gebracht. Sie habe in grenzenloser Anmaßung versucht, die Welt nach sich selbst zu formen. Der Universalismus – etwa: Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte – sei eine europäische Waffe, um die Welt zu unterwerfen.

Wie einflussreich solch dunkles Denken ist, wird auch an Michael Rothberg deutlich. In seiner Auseinandersetzung mit Hannah Arendts kanzelt er deren in der Tat denkerische Widersprüchlichkeit, die doch dem Umgang mit einer vertrackten und kaum fassbaren Wirklichkeit entsprang, rüde als zwar in der Intention richtig, aber unzureichend ab. Er nimmt ihr Werk nicht als Inspirationsquelle, sondern zwingt es in sein multidirektionales Korsett. Wer einst auch nur ein wenig die Luft der antiautoritären Revolte eingeatmet und dann die beinharte Unerschütterlichkeit neu bekehrter Marxisten-Leninisten erlebt hat, spürt augenblicklich, dass hier ein denkerischer Autoritarismus am Werk ist.

Nicht aus dem Universalismus, sondern aus dessen Missachtung kam die Barbarei

Rothberg geht noch einen Schritt weiter. Er wirft der Philosophin vor, sie habe sich als unfähig erwiesen, „den Diskursen des Menschlichen, des Fortschritts und des Universellen auszuweichen, denen eine Mitschuld an jener Gewalt zukommt, die sie erklären möchte“. Das ist nicht mehr extravagant, sondern zerstörerisch. Wir haben allen Grund am Universalismus in Kants Tradition festzuhalten. Nicht aus dem Universalismus, sondern aus dessen Missachtung kam die Barbarei. In den Kolonialverbrechen hat Europa nicht sein wahres Gesicht gezeigt, sondern sich selbst verraten.

Wer Aufklärung und Moderne in Bausch und Bogen verwirft, muss einen offensichtlichen Widerspruch erklären können. Wenn der Genozid das eigentliche Signum Europas ist, wie kommt es dann, dass ausgerechnet Deutschland, das Land mit der geringsten kolonialen Erfahrung, den Holocaust begangen hat? Und nicht Nationen wie Großbritannien oder Frankreich, die aufgrund ihrer langen und oft gewalttätigen Verwicklung in den Kolonialismus doch weit enthemmter hätten sein müssen.

Eine Antwort liegt auf der Hand: Sie waren durch ihre vergleichsweise gesicherte republikanische und zivilisierte Verfassung davor gefeit. Das aber – bizarr, es ausdrücklich sagen zu müssen – heißt im Umkehrschluss: Moderne und Fortschritt sind nicht gleich Barbarei. Dies müssten postkoloniale Denker, die satisfaktionsfähig sein wollen, akzeptieren. Wie umgekehrt weiße Europäer und US-Amerikaner einsehen müssten, dass der Kolonialismus auch eine blutige und mörderische Unternehmung war. Die Wunden, die er geschlagen hat, sind noch immer nicht verheilt.

Juden sind in diesem linken Milieu die Anderen, die nicht dazugehören – noch immer

Der britische Comedian und Autor David Baddiel, selbst Jude, hat kürzlich ein schmales Buch mit dem Titel „Jews Don’t Count“ veröffentlicht. Baddiel, ein Linker, bewegt sich seit Langem in einem Milieu, in dem sehr darauf geachtet wird, dass Schwule, Lesben, Transmenschen, Queere, Migranten nicht benachteiligt und diffamiert werden. Wann immer dies doch geschieht, erhebt dieses Milieu sofort laut protestierend die Stimme. Wie Baddiel Seite um Seite belegt, schweigt es dagegen regelmäßig und beharrlich, wenn Juden bei Ämter- und Rollenbesetzungen übergangen oder – wie etwa durch den ehemaligen Labour-Chef Jeremy Corbin – diffamiert werden.

Oder wenn zum Beispiel die #BlackLivesMatter-Aktivistin Alice Walker, eine gefeierte schwarze Schriftstellerin, ein Gedicht mit offen antisemitischem Zungenschlag veröffentlicht. Da bleibt der Shitstorm aus. Juden sind in diesem Milieu die Anderen, die nicht dazugehören. Noch immer. Auch das ist ein Grund, den Holocaust nicht zu vergessen oder ihn zu einem „normalen“ Verbrechen zu herunterzustufen.

Gegen Ende seines umfangreichen Buches schreibt Michael Rothberg, die unbehagliche Nähe widerstreitender und widersprüchlicher Erinnerungen sei zugleich jedoch „auch der Kessel, aus dem neue Visionen der Solidarität und Gerechtigkeit hervorgehen müssen“. Ja, er sagt tatsächlich: müssen, nicht können. Diesen Kessel Buntes sollten wir zurückweisen.

Literatur

Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung – Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, aus dem Englischen von Max Henninger, Berlin, Metropol Verlag, 404 S., 26 €

Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze der Holocaustforschung, Berlin, Verlag De Gruyter, 250 S., 82,95 €

David Baddiel: Jews Don’t Count, London, TLS Books, HarperCollins, 131 S., 9.97 €

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser, Zwischenüberschriften und Hervorhebungen durch JFB. Auffassungen von Gastautoren müssen nicht unbedingt derjenigen des Blogbetreibers entsprechen, sondern können auch aus anderen Gründen als wertvoll erachtet werden (Multi-Perspektivität).

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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