Ethik: ein Überblick

Von Jürgen Fritz, Mo. 21. Jun 2021, Titelbild: PhiloGramm-Screenshot

Ethik oder Moralphilosophie könnte man umschreiben als die rationale, kritische Überprüfung der Legitimität von moralischen Geltungsansprüchen. Sie ist mithin die Wissenschaft, welche als Untersuchungsgegenstand die Moral hat, ähnlich wie die Rechtsphilosophie das Recht oder die Religionsphilosophie die Religion. Hier ein erster Überblick über die Bereiche der Ethik.

Von der Moral …

Im Titelbild sehen Sie einen ersten, nicht perfekten, aber hilfreichen Überblick, quasi eine Landkarte über das Gebiet der Ethik, der Moralphilosophie, der Wissenschaft, welche die Moral zum Untersuchungsgegenstand hat, also

  • die Vorstellungen und Lehren von gut und böse,
  • damit zusammenhängend von Tugenden (positive Haltungen und Charaktereigenschaften, wie Klugheit, Weisheit, Vernunft (Verstandestugenden) und Charaktertugenden, wie Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Hilfsbereitschaft, Sanftmut, Einfühlsamkeit, Gerechtigkeit ==> ein gerechter Mensch sein).
  • Ferner geht es in Moralen – es gibt viele solche, die russische Mafia hat eine andere Moral als buddhistische Mönche – um Wertvorstellungen, also darum, was als wertvoll angesehen wird, z.B. Freiheit oder Macht, Nachhaltigkeit oder Lust, Harmonie oder Durchsetzungskraft.
  • Und es geht in Moralen um die sich aus den jeweiligen Wertvorstellungen ergebenden Normen (Ge- und Verbote), z.B. „Du sollst keine Versprechen abgeben, in der Absicht, sie nicht zu halten“ (dahinter stehende Werte: Aufrichtigkeit und Vertrauen), „Du sollst anderen keine körperliche oder psychische Gewalt antun, um deinen Willen durchzusetzen und den anderen seelisch zu brechen“ (dahinter stehende Werte: Recht auf Selbstbestimmung, auf körperliche Unversehrtheit und Menschenwürde).

Die Grundfrage der Moral lautet: „Was soll ich tun, wenn ich das Gute tun will, wenn ich ein guter Mensch sein möchte?“

… zur Ethik …

Eine Grundfrage der normativen Ethik lautet: „Warum ist die Handlung H gut?“ Und: „Wie kann eine Moral, wie kann das Gute schlüssig begründet werden? Welche Moral ist richtig, weil schlüssig zu begründen, welche falsch, weil nicht zu rechtfertigen, zum Beispiel nicht verallgemeinerbar (so zum Beispiel die Mafia-Moral und generell gruppen-egoistische Moralen)?“ 

Die normative Ethik bleibt also nicht äußerlich, sondern geht thematisch-inhaltlich rein, urteilt, bezieht Stellung, akzeptiert und fundiert moralische Urteile oder verwirft Unhaltbares, zeigt auf, warum eine Moralvorstellung nicht haltbar, nicht gut ist, eine andere dagegen  sehr fundiert und argumentativ überzeugend, ihr Geltungsanspruch mithin legitim.

Moral-Ethik

In der angewandten Ethik finden Grundbegriffe, Prinzipien und Begründungen der normativen Ethik Anwendung in verschiedenen Bereichen, wie beispielsweise im Bereich der Medizin, der Technik, der Wirtschaft oder Umwelt.

Die sogenannte deskriptive Ethik“ ist eigentlich eher Teil der empirischen Wissenschaften als der Moralphilosophie, ist mithin im Grunde gar keine echte Ethik, sondern einfache eine Beschreibung der Wirklichkeit in Bezug auf moralische Vorstellungen von Personen und Gesellschaften, welche insbesondere Kulturwissenschaftler, Historiker und Soziologen untersuchen, wenngleich der Moralphilosoph natürlich die Forschungsergebnisse, die in diesen Disziplinen erarbeitet werden, kennen muss. Eine Grundfrage könnte hier lauten: Welche Moralen gibt es auf der Erde und wie haben sie sich entwickelt und im Laufe der Zeit gewandelt? Oder die Frage, wie sich Moralvorstellungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen allmählich entwickeln, was insbesondere Jean Piaget und Lawrence Kohlberg intensiv untersuchten mit sehr interessanten Erkenntnissen. Dies gehört gleichsam in das Gebiet der Entwicklungspsychologie.

In der sogenannten „deskriptiven Ethik“, genauer: den empirischen Wissenschaften, die sich mit dem in Zeit und Raum vorkommenden Phänomen moralischer Vorstellungen beschäftigen, werden Moralvorstellungen – anders als in der normativen, echten Ethik – nicht bewertet, nicht ihre Richtigkeit, Schlüssigkeit, Begründbarkeit kritisch geprüft, sondern einfach nur beschrieben, wie sie sind, und es wird erklärt, wie sie zustande gekommen sind. Dies sind gleichsam rein äußerliche Betrachtungen, die nicht urteilen, nicht selbst Stellung beziehen, nicht auf die inhaltliche Begründungsebene eingehen, die nicht die Rechtfertigungsebene berühren.

… und zur Metaethik

Eine Grundfrage der Metaethik (Teil der Moralphilosophie), die wiederum rein analytisch-beschreibend, nicht bewertend arbeitet, lautet: Sind moralische Urteile wahrheitsfähig oder handelt es sich hier zum Beispiel nur um Gefühlsäußerungen, um den Ausdruck emotionaler Einstellungen (metaethische Position des Emotivismus). Oder: Welche ethischen Systeme gibt es und wie unterscheiden sich diese? In der Metaethik wird also das Gebiet der Ethik systematisiert. Es wird zum Beispiel herausgearbeitet, dass es in der normativen Ethik im Grund drei große ethische Ansätze gibt:

  • Tugendethiken, bei denen die Seele des Handelnden im Vordergrund steht und Handlungen als Ausfluss des Seins der jeweiligen Seele, des jeweiligen Innenlebens angesehen werden, so z.B. bei Aristoteles (auch Jesus von Nazareth, wobei dieser wohl eher eine sittliche Morallehre propagierte und weniger einen ethischen, moralphilosophischen, wissenschaftlichen Ansatz).
  • Pflicht- bzw. deontologische Ethiken, die den Schwerpunkt der Betrachtung auf die Handlung selbst legen. Hier gehört insbesondere Immanuel Kants Moralphilosphie mit dem kategorischen Imperativ hin („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“), aber auch die goldene Regel: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“
  • Konsequentialistische oder teleologische Ethikansätze, bei denen der Schwerpunkt der Betrachtung nicht auf der Seele des Handelnden liegt und auch nicht auf der Handlung selbst, sondern deren Folgen (Konsequenzen).

Im Bild ist das nicht optimal getroffen. Die Tugendethiken fehlen und der Utilitarismus ist ein Spezialfall des Konsequentialismus, der teleologischen Ethik. Die Menschenrechte wiederum ergeben sich aus der deontologischen (Pflicht-)Ethik. Rechts müssten also stehen: Tugendethiken (Aristoteles) – (deontologische) Pflichtethiken (Kant) – teleologische Ethiken bzw. Konsequentialismus (Bentham, Mill, Sidgewick).

In der Metaethik wird aber nicht nur das Gebiet der normativen Ethik systematisiert, es werden auch ganz grundlegende Fragen gestellt, wie: „Was bedeutet überhaupt ‚gut‘?“ Hat dieses Wort verschiedene Bedeutungen, wenn ja: welche (semantische Begriffsanalyse) und inwiefern unterscheidet sich das „gut“ im moralischen Sinne (eine gute Handlung, ein guter Mensch) vom „gut“ in einem rein funktionalen, instrumentellen Sinne, z.B. ein gutes Messer oder ein guter Pass im Fußballspiel, eine gute Vorhand im Tennis? Und gibt es bei aller Verschiedenheit des funktionalen, instrumentellen und des moralischen „gut“ nicht doch etwas Gemeinsames, Verbindendes, was es wiederum rechtfertigt, dass für diese zwei unterschiedlichen Begriffe das gleiche Wort verwendet wird? In der Metaethik werden also Meta-Reflexionen über die Ethik angestellt, was etwas Ur-Philosophisches ist.

Fassen wir zusammen

Während Moralen Handlungen von handlungsfähigen Wesen zum Gegenstand haben („Das sollst du tun, dieses unterlassen, das ist wertvoll, das nicht“), hat die (normative) Ethik (als Teil der Philosophie) Moralen, also Systeme von moralischen Urteilen, Wert- und Normensysteme zum Gegenstand und untersucht diese moralischen Urteile, diese Wert- und Moralvorstellungen, inwieweit diese haltbar, inwieweit sie selbst gut sind. Und die Metaethik (ebenfalls als Teil der Philosophie) hat wiederum rein analytisch die Ethik zum Gegenstand ihrer Untersuchung und reflektiert, wie die Ethik arbeitet.

Literaturempfehlungen

Abitur-Wissen Philosophische Ethik von Gebauer, Kres, Moisel, Stark Verlag 2017, 212 Seiten, EUR 14,95 ==> sehr gut für den ersten Einstieg geeignet

Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik, 7. Aufl. 2017, UTB, 302 Seiten, EUR 19,99 ==> umfangreiche, klassische Einführung, erschien erstmals 1985 und wurde immer wieder aktualisiert

Dietmar Hübner, Einführung in die philosophische Ethik, Vandenhoeck & Ruprecht, 3. Aufl. 2021, 283 Seiten, EUR 21,00 ==> die beste Einführung auf Hochschulniveau, die ich kenne; Hübner ist ein brillant scharfsinniger Analytiker und Didaktiker, der auch exzellente Vorlesungen hält, die auf YouTube verfolgt werden können.

Michael Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, 6. Aufl. 2017, WBG, 191 Seiten, EUR 22,00 ==> sehr gute, aber anspruchsvolle Einführung mit einem Schwerpunkt auf der Metaethik

Dieter Birnbacher: Analytische Einführung in die Ethik, De Gruyter, 3. Aufl. 2013, 480 Seiten, EUR 24,95 ==> sehr umfangreiche und sehr gute, anspruchsvolle analytische Einführung

William K. Frankena: Ethik – Eine analytische Einführung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 6. Aufl. 2016, 124 Seiten, EUR 27,99 ==> ein absoluter moderner Klassiker der analytischen Philosophie zum Thema Ethik, inzwischen leider viel zu teuer für das kleine Büchlein (124 Seiten)

Texte zur Ethik, Herausgegeben von Dieter Birnbacher und Norbert Hoerster, dtv wissenschaft, 352 Seiten, leider nur noch gebraucht erhältlich ==> exzellente Textsammlung wichtiger Originaltexte, die von Birnbacher und Hoerster in jedem der 10 Kapitel jeweils sehr gut eingeleitet werden

    Einführung in die Ethik    Einführung in die philosophische Ethik - Hübner, Dietmar - Autoren

Einführung in die Allgemeine Ethik     Analytische Einführung in die Ethik als Buch (kartoniert)     

Texte Zur Ethik: Birnbacher, Dieter And Norbert Hoerster (eds.)

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