Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Von Jürgen Fritz, Mo. 21. Okt 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Mit diesem Satz beginnt, nach der Vorrede, der erste Abschnitt der 1785 erschienenen „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, Kants erster wichtigen Schrift rein zur Ethik, zur praktischen, zur Moralphilosophie. Was für ein guter Wille ist das aber, von dem Kant hier spricht? Was genau meint er damit?

Der gute Wille leitet zu einer Handlung an, nicht um einer Belohnung willen und nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht

Kant erläutert diesen Begriff des guten Willens wie folgt:

„Um aber den Begriff eines an sich selbst hochzuschätzenden und ohne weitere Absicht guten Willens … zu entwickeln: wollen wir den Begriff der Pflicht vor uns nehmen, der den eines guten Willens … enthält.“

Der gute Wille, der den moralischen Wert einer Handlung und, so könnte man tugendethisch ergänzen, damit auch den Wert des moralischen Subjekts, den Wert des Menschen selbst ausmacht, ist also derjenige, der das will, was die sittliche Pflicht gebietet. Was aber bedeutet hier Pflicht? Hören wir wieder, was Kant sagt:

„Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz.“

Welches Gesetz meint Kant hier? Natürlich nicht die juristischen Gesetze, die der jeweilige Gesetzgeber dem Volk gegeben hat, sondern das allgemeine Sittengesetz, welches davon unabhängig ist. Juristische Gesetze sollten sich also vielmehr am allgemeinen Sittengesetz orientieren und je besser sie dieses zur Geltung bringen, desto besser die Gesetze und desto eher werden sie von den Menschen auch eingehalten, weil zumindest die meisten spüren, dass es gerechte Gesetze sind. Wie nun aber das allgemeine Sittengesetz im allgemeinen und im einzelnen erkannt werden kann, dazu gleich mehr. Doch bleiben wir noch beim Handeln aus Pflicht, also aus Achtung vor dem allgemeinen Sittengesetz. Was genau bedeutet dieses „aus Pflicht“?

Einen moralischen Wert hat eine Handlung nur dann, wenn sie aus Pflicht, aus Achtung vor dem allgemeinen Sittengesetz geschieht

Handlungen können 1. pflichtwidrig sein, also genau das Gegenteil dessen darstellen, was das Richtige, das Sittliche wäre. So wenn jemand zum Beispiel lügt und betrügt, raubt, vergewaltigt oder mordet. Dass solche Handlungen keinen moralischen Wert haben, ist klar. Was aber, wenn jemand 2. zwar pflichtmäßig handelt, das aber nur aus indirekter Neigung, zum Beispiel aus Angst vor Strafe oder aus Eigennutz, weil er weiß, dass dies belohnt wird. Er tut also A, ohne einen guten Willen und ohne eine Neigung zu A zu haben, das aber nur, weil er weiß, dass er dadurch S vermeidet, was er fürchtet, oder B bekommt, wozu er eine Neigung hat, was er haben möchte, was er begehrt. Ohne diese Bestrafung oder Belohnung würde er aber völlig anders handeln. Sobald zum Beispiel die Polizei weg fällt, begeht er sofort Verbrechen. 

Auch dann hat die Handlung laut Kant (und ich ergänze: und das handelnde Subjekt, also der Mensch) keinerlei moralischen Wert. Die Handlung ist zwar richtig, aber sie ist modern formuliert extrinsisch motiviert, nicht intrinsisch. Sie ist nicht von dem eingangs erwähnten guten Willen, der Achtung vor dem allgemeinen Sittengesetz getragen. Dem Handelnden geht es gar nicht um A selbst, sondern er schielt auf das zu vermeidende S, die Strafe, oder das erhoffte B, die Belohnung. Ohne diese würde er A niemals tun.

Und Kant geht noch einen Schritt weiter. Selbst dann, wenn die Handlung 3. nicht extrinsisch motiviert ist, sondern intrinsisch, wenn sie um ihrer selbst willen vollzogen wird, das aber nicht aus Pflicht, sondern aus Neigung, weil es dem Handelnden Spaß macht, beispielsweise anderen zu helfen, selbst dann hat die Handlung nach Kant noch keinen moralischen Wert, denn der gute Wille bezieht sich auf die Pflicht, auf das Sittengesetz, nicht auf die persönlichen Neigungen, weil es Spaß macht, Gutes zu tun. Diesen besonderen Wert erhält die Handlung 4. erst dann, wenn sie aus Pflicht geschieht.

Erst wenn die Neigung mal weg fällt, zeigt sich, ob jemand wirklich ein guter Mensch ist

Das heißt nicht, dass keine Neigung, kein Spaß dabei sein darf. Aristoteles wollte die Kinder und Jugendlichen ja gerade dazu erziehen, dass sie selbst Freude daran haben, das Gute um seiner selbst willen zu tun, dass es ihnen leicht fällt, was durchaus sinnvoll erscheint. Aber die Neigung darf nicht das Entscheidende sein. Denn sonst würde die gute Handlung ja entfallen, sobald die Neigung weg fällt.

Erst dann zeigt sich im Grunde, ob jemand ein guter Mensch ist. Dann nämlich, wenn es ihm schwer fällt, das als richtig Erkannte zu tun. Zum Beispiel jemandem zu helfen, den man nicht leiden kann und der das später auch in keiner Weise anerkennen wird. Wenn man sich also überwinden muss, das Gute zu tun. Denn nun erbringt derjenige eine Leistung. Nun siegen, jetzt platonisch gesprochen, sein höherer Seelenteil, sein Logos (Denk- und Urteilsvermögen) und sein mittlerer, Thymos (Beherztheit, Stolz, Selbstachtung, Wunsch nach Anerkennung), über den niedrigen Seelenteil, den Eros (das Begehrungsvermögen). Jetzt zeigt sich, ob sein Pflichtgefühl vor dem allgemeinen Sittengesetz, sein guter Wille stärker ist als seine (egoistische) Neigung, stärker als sein Eros.

In Kants Worten:

„Wohltätig sein, wo man kann, ist Pflicht, und überdem gibt es manche so teilnehmend gestimmte Seelen, daß sie, auch ohne einen andern Bewegungsgrund der Eitelkeit, oder des Eigennutzes, ein inneres Vergnügen daran finden, Freude um sich zu verbreiten, und die sich an der Zufriedenheit anderer, so fern sie ihr Werk ist, ergötzen können. Aber ich behaupte, daß in solchem Falle dergleichen Handlung, so pflichtmäßig, so liebenswürdig sie auch ist, dennoch keinen wahren sittlichen Wert habe … mithin ehrenwert ist, Lob und Aufmunterung, aber nicht Hochschätzung verdient; denn der Maxime fehlt der sittliche Gehalt, nämlich solche Handlungen nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht zu tun.“

Der kategorische Imperativ

Aus Pflicht, hatten wir bereits festgestellt, bedeutet die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. Nun also zur Frage, worin besteht dieses allgemeine Sittengesetz? Dieses entwickelt Kant im zweiten Teil seiner Abhandlung in einem Gedankengang, der vielleicht alles übertrifft, was Menschen im Bereich der praktischen Philosophie je entwickelt haben und Kant darf hier ohne Zweifel als derjenige angesehen werden, der nach über zweitausend Jahren als erster die geistige Höhe von Platon und Aristoteles wieder erreicht.

Schließlich kommt er zu folgendem Ergebnis und dies ist gleichsam der Kern des allgemeinen Sittengesetzes: der kategorische Imperativ. Dieser Imperativ, dieser Befehl, den wir uns selbst geben, muss aber formaler Natur sein, wie Kant erläutert, keine simple Regel, sondern eine Metaregel, die so allgemein ist, dass sie alles umfasst:

„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Und damit haben wir das Verallgemeinerungs-, das Universalisierungsgebot, das sich dann in unserem allgemeinen Sprachgebrauch wiederfindet: „Was, wenn das, was du hier tust, jeder täte? Willst du in so einer Welt, in so einem Universum leben, in der alle Vernunftwesen so handeln?“

Was den guten Menschen auszeichnet ist, dass er von einem guten Willen, von der Achtung vor dem kategorischen Imperativ beseelt ist

Wenn diese Frage mit nein beantwortet wird, dann ist es keine pflichtmäßige, keine sittliche Handlung, sondern eine pflichtwidrige. Wenn es aber eine pflichtgemäße Handlung ist, die nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht, wegen der Notwendigkeit aus Achtung vor dem kategorischen Imperativ erfolgt, dann hat sie einen moralischen, einen sittlichen Wert. Und ich ergänze tugendethisch gedacht: und damit auch derjenige, der so handelt, denn jetzt ist der gute Wille das entscheidende Kriterium.

Was also, weiter tugendethisch gedacht, den guten Menschen auszeichnet, ist nicht, dass er ein bestimmtes Ziel verfolgt, zum Beispiel die Welt oder das Klima retten will, sondern dass er von einem guten Willen beseelt ist. Der guter Wille ist aber, jetzt ganz kantianisch gedacht, derjenige, der sich am kategorischen Imperativ orientiert, der fragt: „Willst du, dass jedes Vernunftwesen im Universum, deine Handlungsmaxime zu der seinen macht und stets so handelt? Nur wenn deine Maxime dieser Prüfung standhält, ist sie eine gute, eine sittliche Maxime und ist dein Handeln ein gutes.“

Soweit in aller Kürze Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von 1785. In der Kritik der praktischen Vernunft von 1788 wird Kant dann seine ethische Theorie in umfassender Weise darstellen und in Metaphysik der Sitten von 1797 widmet er sich schließlich verschiedenen moralischen Einzelfragen, bevor er 1804, zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag stirbt.

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