Wo finden wir den Verstand der Welt, wo ihre Seele?

Von Jürgen Fritz

Die Wissenschaft sei der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele, meinte der russische Schriftsteller Maxim Gorki (1868-1936). Stimmt das?

Schönheit und Wahrheit

Gorkis Seelenbegriff ist natürlich zu eng. Der Verstand (Logos), der Geist ist ja gerade der höchste Teil der menschlichen Seele, der Teil, der den Menschen erst zum Menschen macht, der Seelenteil, der es uns ermöglicht, die Welt wenn auch nicht zur Gänze, so doch überhaupt irgendwie zu verstehen („verstehen“ = Verb, „Verstand“ = Substantiv). Mithin können wir sagen, dass die Welt im menschlichen Verstand, in seinem subjektiven Geist erst ganz zu sich selbst kommt, weil sie sich jetzt erst bewusst sehen und verstehen kann.

Gleichwohl ist Gorkis Aphorismus wunderschön und drückt eine tiefe Weisheit aus, die nicht leicht genauer gefasst werden kann, ohne an Schönheit zu verlieren. Und Merkmal der Kunst ist letztlich noch immer, auch wenn moderne Kunst das oft negiert, an der Meta-Idee der Schönheit orientiert zu sein, während die Meta-Idee der Wissenschaft die Wahrheit ist.

Der Seelenbegriff bei Aristoteles

Die Seele ist nach Aristoteles die Entität (das Seiende), die bewirkt, dass ein natürlicher Körper ein lebendiger solcher ist. Sie ist also der Hauch oder das Prinzip des Lebens und unterscheidet die belebte (Pflanze, Tier, Mensch) von der unbelebter Natur, zum Beispiel dem Stein.

Aristoteles hat also einen sehr weiten Seelenbegriff, sieht auch Pflanzen als beseelt an, da sie ja lebendig sind. Aber erst mit dem Tier wird aus der rein vitalen Seele – bei der wir bereits innere Strebungen sehen, einen Stoff- und Energiewechsel, Ernährung, Wachstum und Reproduktion – eine sensitive, eine fühlende solche, was auf der materiellen Ebene ein Nervensystem und ein Gehirn voraussetzt, das die Nervenimpulse empfängt.

Und erst im Menschen kommt zu der vitalen und der sensitiven Seele noch etwas hinzu, noch etwas oben drauf, was auf der materiellen Ebene ein Großhirn voraussetzt. Erst im Menschen sehen wir die geistige Seele, die zu begrifflichem Denken und zu Erkenntnis, zu Wissen fähig ist und die ihren Höhepunkt wo findet? In der Wissenschaft, in der Philosophie, in dem Streben nach Wahrheit.

dreigeteilte Seele (Aristoteles) (2)

Unbelebte Materie – Pflanzen – Tiere – Menschen

Materie-Seele (2)

Aufgabe der Kunst

Aufgabe der Kunst wäre es dann vielleicht, zunächst die Verbindung zwischen subjektiver Geistseele und sensitiver Seele herzustellen, indem sie Werke schafft, die etwas ansprechen, was tief in der sensitiven Seele fundiert ist, Werke die zugleich aber über dieses hinausweisen. Wohin hinausweisen? In die Sphäre des Geistigen und damit vielleicht auch hinaus über den Menschen und seinen subjektiven Geist.

Somit würde die Kunst die menschliche Seele quasi mitnehmen in eine andere Sphäre, würde sie an dieser teilhaben lassen, das aber mit ihrer eigenen Methode, nicht wie Wissenschaft und Philosophie über das begriffliche Denken, welches nicht allen gleichermaßen gegeben ist. Und sie würde damit noch etwas tun: Diese andere Sphäre zugleich in die menschliche Seele hineinholen und sie damit wiederum emporheben, sie veredeln, der inneren Verrohung entgegenwirken, mithin mehr Schönheit in sie hineinbringen.

*

Titebild: Pixabay, CC0 Creative Commons

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Eine Antwort auf „Wo finden wir den Verstand der Welt, wo ihre Seele?

  1. Pingback: Wo finden wir den Verstand der Welt, wo ihre Seele? – Leserbriefe

Comments are closed