Verschwimmende Grenzen – Wie Satire und Journalismus in Merkeldeutschland ineinanderfließen

Ein Gastbeitrag von Axel Stöcker, Do. 5. Jul 2018

Die SPD will keine „Haftlager“ – pardon – Transitzentren. Der Psychologe meint, es könne „jederzeit wieder krachen“ zwischen CDU und CSU. Der Politologe setzt dagegen, „die Koalition könne durchaus noch halten“. Merkel meint, „die Menschen“ müssten „den Eindruck“ bekommen, Recht und Ordnung würden durchgesetzt. Und die M- bzw. L-Medien berichten über diesen ganzen Schwachsinn weitgehend völlig unkritisch. Verschwimmen nicht nur die Staats- und Geschlechtergrenzen zunehmends, sondern auch die zwischen Journalismus und Satire, fragt Axel Stöcker.

Auch die Grenze zwischen Journalismus und Satire löst sich auf

Grenzen sind bekanntlich out, mega-out. Staatsgrenzen sowieso. Aber auch die Grenzen zwischen den Geschlechtern oder zwischen Regierung und Opposition. Alles Schnee von gestern, aus den spießigen Zeiten, als die Leute noch dachten die Erde sei rund. Mann oder Frau – das sind heutzutage nur zwei von etwa 60 Geschlechtern, aus denen man à la carte auswählt. Regierung und Opposition – braucht’s nicht! Heutzutage hat eine CDU-Kanzler/in ihren größten Rückhalt bei den Grünen.

Und es gibt noch eine weiter Grenze, die sich zusehends auflöst, nämlich die zwischen Journalismus und Satire. Ein Nachrichtenmagazin, das nach dem knappen Ausgang einer demokratischen Wahl in den USA auf der Titelseite das „Ende der Welt“ ankündigt – wie will man das noch parodieren? Andererseits läuft Die Anstalt in puncto investigativer Journalismus so manchem Qualitätsmedium den Rang ab. So ist es auch hier. Ist dieser Artikel, den Sie gerade lesen, eine Presseschau oder eine Satire? Ich bitte Sie! Spießen Sie nicht so rum.

Nehmen wir die ersten Schlagzeilen des Deutschlandfunks (Stand: 04.07.2018, 13.00 Uhr). Ganz oben: „Es kann nicht darum gehen, Haftlager zu errichten“ sagt Innenpolitiker Burkhard Lischka. Der Mann scheint Ahnung zu haben, obwohl er von der SPD ist, denn es sollte eigentlich seit drei Jahren darum gehen, wie man illegale Migration bekämpft. Die „Haftlager“ – pardon – Transitzentren sind ja der große Wurf der Kanzlerin für genau dieses Ziel.

Experte meint: Es kann abends jederzeit dunkel werden

Ihr durchgeknallter Innenminister hatte ursprünglich die Idee, an der Grenze (!) geltendes Recht durchzusetzen. Ein wahrlich „grenzwertiger“ Vorschlag. Gegen diesen Wahnsinn musste die Chefin natürlich vorgehen und hat sich mit ihrem besseren Konzept durchgesetzt: Geschlossene Lager auf deutschem Boden. Nur gut, dass der Vorschlag nicht von der AfD kam.

Nächste Schlagzeile zum Traumpaar Merkel/Seehofer: „Das kann jederzeit wieder krachen“ meint Psychologe Kliche aufgrund seines Expertenwissens prognostizieren zu können. Wow! Da hätte man auch einen Astronomen befragen und die Schlagzeile „Es kann abends jederzeit dunkel werden“ schalten können.

Direkt darunter mein persönlicher Favorit. Politologe Neugebauer meint: „Die Koalition kann durchaus noch halten“. Wenn das nach rund 100 Tagen Regierung mal keine gute Nachricht ist! Das ist in etwa so, wie wenn jemand einem Brautpaar in den Flitterwochen sagt. „Eure Ehe kann durchaus noch halten!“. Inzwischen normal in diesem Land, in dem wir gut und gerne leben.

Der übernächste Artikel trägt dann die Schlagzeile: „Über die CSU wird wieder gesprochen“. Gut, dass der Deutschlandfunk das heute an so zentraler Stelle bringt. Ich hatte das irgendwie gar nicht mitbekommen. War da irgendwas in den letzten zwei Wochen?

Merkel: Die Menschen sollen den Eindruck haben, Recht und Ordnung würden durchgesetzt

Aber natürlich ist es die Kanzlerin, von der die ganz großen Sätze kommen. Da kann der Deutschlandfunk einpacken. Zwei Highlights aus der heutigen Regierungserklärung:

„Es muss mehr Ordnung in alle Arten der Migration kommen, damit Menschen den Eindruck haben, Recht und Ordnung wird [sic!] durchgesetzt.“

Das sollte man sich unbedingt merkeln: Es geht nicht darum, Recht und Ordnung durchzusetzen, sondern nur darum, dass die „Menschen“ den „Eindruck haben“, es sei so. Ist der Redenschreiber erst kürzlich vom Kabarett ins Kanzleramt gewechselt, oder hat die Chefin die Parole der totalen Ehrlichkeit ausgegeben, weil die Journalisten sowieso nichts checken? Wir wissen es nicht.

Und schließlich der absolute Megasatz. Die Welt hatte ihn zuerst als Schlagzeile, aber dann hat man wohl selbst dort bemerkt, was er für eine Lachnummer ist und hat die Überschrift in „Zurzeit gerät etwas ins Wanken“ geändert (siehe hier und hier). Er lautet:

„Merkel zur Migration: ‚Recht und Ordnung müssen durchgesetzt werden.‘“

Der Metzger predigt vegane Kost und bekommt seine Schlagzeile in der Qualitätspresse. Da kann man eigentlich nur noch mit Alice Weidel antworten:

„Deutschland [ist] ein Narrenhaus und im Kanzleramt ist die Zentrale.“

Aber vielleicht ist dies seinerseits schon wieder Satire. Wer will das schon sagen in diesen schwülen Julitagen 2018. Denn die Grenzen, sie verschwimmen zusehends.

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jahrgang 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren an.

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Titelbild: YouTube-Screenshot der Satiresendung Die Anstalt

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