Gnothi seauton – Erkenne dich selbst!

Von Jürgen Fritz, Fr. 6. Jul 2018

Gnothi seauton, Erkenne dich selbst!, ist eine vielzitierte Inschrift am Apollotempel von Delphi, als deren Urheber Chilon von Sparta, einer der Sieben Weisen der griechischen Antike, angesehen wird. Der erste Beleg für diesen Gedanken findet sich in einem Fragment des Philosophen Heraklit von Ephesos (um 520 – 460 v. Chr.): „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ Doch wie steht es zweieinhalb Jahrtausende später um die menschliche Selbsterkenntnis? Wie weit sind wir seither gekommen?

Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken

Der Mensch, so sagt man, ist das Wesen, das denken kann – und zwar denken im engeren Sinne. Gemeint ist hier das eigentliche Denken, das Nachdenken; also nicht bloßes bildhaftes Assoziieren oder Erinnern, sondern der innere Vorgang, bei welchem der Geist sich selbst eine Frage stellt und diese zu beantworten versucht, indem er bereits bestehende Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffe zu Rate zieht, um so zu einer neuen Erkenntnis zu kommen. Das reine Sich-Erinnern zum Beispiel an den letzten Urlaub, das nicht auf eine neue Erkenntnis abzielt, bei dem einfach Bilder vor dem geistigen Auge vorbeiziehen, wäre in diesem Sinne also kein begriffliches Denken, kein Denken im engeren Sinne, kein Nachdenken, sondern eben ein bloßes Sich-erinnern, ein Assoziieren. Das eigentliche Denken zielt auf Erkenntnis, also auf Wissen, doch kann es bei diesem inneren Prozess zu Fehlern kommen, zu Denkfehlern, die dann zu falschen Antworten auf die Frage, die der Geist sich selbst vorlegt, führen.

Was versteht man eigentlich unter einem Denkfehler? Dazu ein Beispiel, um vom Konkreten zum Abstrakten, vom Einzelfall zum Allgemeinen zu gelangen. A hört von verschiedener Seite, dass B, wenn er betrunken ist, immer anfängt herumzuschreien. Da dies mehrere sehr glaubwürdige Personen unabhängig voneinander erzählen und er selbst es auch schon zwei-, dreimal erlebt hat, darf er diesem Urteil vertrauen, dass es wahr ist. Nun hört er wiederum von mehreren Personen, dass B gestern Abend wieder laut herum geschrien hätte. Sogar die Nachbarn drei Wohnungen weiter konnten es noch hören und er schließt daraus: B war schon wieder betrunken. Ist dieser Schluss richtig oder falsch? Kann aus dem Umstand, dass B wieder herumgeschrien hat, zwingend geschlossen werden, dass er betrunken war?

Denkfehler

Betrachten wir dazu jetzt allgemein die Aussage: „Immer wenn a, dann auch b“. Was bedeutet dieser Satz? Er bedeutet, bildhaft gesprochen, dass wer den Weg a einschlägt, zwangsläufig und ohne Ausnahme bei b landet, dass also a ausschließlich zu b führt und sonst nirgendwo anders hin. Zum Beispiel: Wenn es heftig regnet (a), dann wird die Straße nass (b). Bedeutet es auch, dass a der einzige Weg zu b ist? Dann könnte nicht nur von a auf b, sondern auch von b auf a geschlossen werden – und zwar nur dann! Wenn es nur einen einzigen Weg zu b gibt und P sich dort befindet, dann muss er offensichtlich über den Weg a zu b gelangt sein. Dann müsste die Aussage aber anders lauten: „Immer wenn a, dann auch b und b nur dann, wenn auch a“ oder „Dann und nur dann, wenn a, dann auch b“. Bemerken Sie den Unterschied?

Aus der nassen Straße (b) kann nicht geschlossen werden, dass es heftig geregnet hat (a). Es könnte auch vor Wochen geschneit haben und der Schnee ist jetzt geschmolzen. Oder jemand hat die Straße nass gespritzt. Aus der Tatsache, dass B wieder herum geschrien hat, kann nicht geschlossen werden, dass er betrunken war. Das kann sein, muss aber nicht. Vielleicht war er vollkommen nüchtern, hat sich aber schrecklich über seinen Chef aufgeregt oder über das Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM. Ein Schluss von 1. „Wenn a, dann b“ und 2. „b ist der Fall“ auf 3. „Dann muss auch a der Fall sein“, ist ein typischer, naheliegender und verführerischer Denkfehler, der uns immer wieder unterläuft. Weshalb tut er das? Warum passieren uns solche Fehler immer wieder?

Fehlvorstellungen und Fehlerquellen

Weil wir a und b in unserem Geist miteinander koppeln. Offensichtlich hängen sie ja zusammen. Die Kopplung an sich ist ja auch richtig, da a und b tatsächlich etwas miteinander zu tun haben. Wir verkoppeln nur manchmal falsch. Es ist eben ein Unterschied, ob a ein Weg zu b ist oder der einzige. Wenn es nur ein Weg zu b ist, aber nicht der einzige, kann es noch etliche andere geben und von b kann nicht auf a geschlossen werden, sondern nur von a auf b. Doch was passiert hier eigentlich in unserem Geist?

Wenn uns Denkfehler unterlaufen, dann kommen Fehlvorstellungen in unseren Geist hinein, die wir aber für wahr halten. Fehlvorstellungen wovon? Von der Welt. Was dadurch fehlerhaft wird, ist unser Weltbild, das heißt, es repräsentiert die Wirklichkeit, die Realität nicht richtig. Es bildet sie nicht richtig ab. Und solche Fehler haben die unangenehme Eigenschaft sich fortzupflanzen, weil wir ja aus dem Falschen wiederum andere Schlüsse ziehen, die dann natürlich meist auch wieder falsch sind. Denkfehler sind aber nur eine mögliche Fehlerquelle, wie unser Weltbild die Wirklichkeit nicht richtig repräsentieren kann. Es gibt noch andere.

Die Basisfehlerquelle ist natürlich die Beobachtung der Wirklichkeit. Wird nicht genau genug beobachtet (wahrgenommen), kommen schon fehlerhafte Basisdaten in unseren Geist. Selbst wenn man dann immer richtig denken würde, einem niemals Denkfehler unterliefen, würde das nichts mehr nutzen. Denn aus den ungenauen oder fehlerhaften Beobachtungen, die zu falschen Basisdaten führen, werden auch durch korrekte logische Schlüsse meist wieder andere Fehlvorstellungen produziert. Wenn jemand eine Messung vornimmt und auf 18/32 kommt, dann korrekt kürzt auf 9/16, 18/32 aber schon ein falscher Wert war, dann stimmt natürlich auch 9/16 nicht, obwohl richtig gerechnet, richtig gekürzt wurde.

Beobachtungsgabe als erste und wichtigste Schlüssel- und Metakompetenz

Die erste entscheidende Stelle ist also die richtige Beobachtung. Dazu gehört auch das Lernen zu beobachten, wo die Beobachtung aufhört und wo sie bereits in Interpretation des Wahrgenommenen übergeht. Hier haben wir die Hauptfehlerquelle vieler religiösen Überzeugungen. Es wird kräftig interpretiert und das anhand dessen, was einem zuvor beigebracht wurde, ohne dass es demjenigen überhaupt bewusst wird, dass er nicht sauber beobachtet, sondern wild interpretiert. Auch hierfür kann man sich sensibilisieren und sich quasi beim Beobachten genau beobachten, um auch hier Fehlerquellen auszuschließen.

Daher sollte die Beobachtungsgabe so früh wie möglich geschult werden. Dies ist wäre zum Beispiel die wohl wichtigste Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Wenn sonst inhaltlich nicht sehr viel bleibt, eines sollte am Ende der Schulzeit jeder gelernt haben: so präzises Beobachten wie nur irgend möglich.

Hast du wirklich den Wind gesehen?

Würde ich noch in der Schule unterrichten, dann begänne ich die allererste Stunde im Physik- oder überhaupt im naturwissenschaftlichen Unterricht wie folgt. Ich würde eine Kerze vorne aufs Lehrerpult stellen. Dann ließe ich einen Schüler die Kerze anzünden, einen zweiten die Tür öffnen und einen dritten das Fenster und würde alle Schüler bitten, genau aufzuschreiben, a) wie der Aufbau des Experimentes war und b) was sie beobachtet haben. Dann nach einigen Minuten würde ich einige vorlesen lassen, was sie aufgeschrieben haben. Erfahrungsgemäß schreiben fast alle auf, sie hätten gesehen, wie der Wind die Kerze ausgeblasen habe. Dann, nach einigen Beschreibungen, würde ich fragen: „Hast du wirklich den Wind gesehen?“ Meistens sagt dann jemand zuerst mal: „Ja“. Wenn man dann immer wieder zurückfragt, ob wirklich der Wind gesehen wurde, dann sagt irgendwann jemand: „Nein, den Wind haben wir eigentlich nicht gesehen. Wir haben nur gesehen, dass die Kerze ausging.“

Dieses Experiment wird in der Regel nie wieder vergessen und daran kann man all die folgenden Jahre immer wieder anknüpfen, wenn jemand ungenau beobachtet, z.B. mit „Hast du wieder den Wind gesehen?“ So wird vielen deutlich, wo die Beobachtung aufhört und wo das Interpretieren beginnt, bei dem man dann irgendwann noch unterscheiden kann zwischen herauslesen und hineininterpretieren. Das genaue Beobachten kann übrigens auch in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr helfen, nicht nur beim Beobachten der Natur. Es stellt quasi eine Universalfähigkeit über sämtliche Bereiche hinweg dar.

Die Kunst des richtigen Denkens

Und die zweite Universalfähigkeit ist das Denkvermögen, die Fähigkeit, korrekte Schlüsse zu ziehen, Denkfehler zu erkennen und zu vermeiden. Die Lehre vom richtigen, vom folgerichtigen Denken nennt man Logik.

Die Logik ist neben der Ontologie (der Lehre vom Sein, der Frage, was es in der Welt überhaupt gibt, wie die Welt grundsätzlich aufgebaut ist), der Erkenntnistheorie (Epistemologie, der Frage: Was können wir wissen?) und der Ethik (der Frage nach dem moralisch Guten) eine der wichtigsten Teildisziplinen der Philosophie und bildet zugleich die Basis der Mathematik, aber im Grunde auch aller anderen Wissenschaften.

Insofern ist die Philosophie nicht nur die Mutter aller Wissenschaften und die Meta-Wissenschaft schlechthin, die als einzige alle Ergebnisse der Einzelwissenschaften in einem Gesamtbild der Welt zusammenzufassen kann, sofern das überhaupt eine Disziplin kann, sondern sie stellt auch die Basis für alle Einzelwissenschaften zur Verfügung. Sie ist also zugleich ganz unten und ganz oben.

Die Kunst der Reflexion

Als dritte universale Fähigkeit nach der Beobachtungsgabe und dem korrekten Denken könnte man dann anführen, die Fähigkeit zur Reflexion. Das heißt, unsere Geist hat nicht nur die Fähigkeit, Sinnesdaten über die Welt draußen und über uns selbst – unseren Körperzustand, unsere Stimmungen etc. – aufzunehmen, abzuspeichern und durch Denkprozesse Verknüpfungen mit anderen solchen Daten herzustellen, um so Zusammenhänge zu erkennen, er hat darüber hinaus auch noch die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten, wie er arbeitet.

Genau das habe ich in diesem Text eben getan. Unser Inneres, unsere Seele, unser Geist kann sich also selbst zum Thema machen. Er kann nicht nur von sich wegschauen, sondern auch auf sich selbst drauf, den Blick also auf sich selbst zurückwerfen (reflektieren). Genau das wiederum ist ein zentrales Anliegen der Philosophie, deren Motto, wenn man es in einem Satz formulieren wollte, man wie folgt angeben könnte: Erkenne dich selbst!

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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