Eine folgenreiche Umarmung oder: Wie die AfD Broder in Bedrängnis bringt

Von Jürgen Fritz, Fr. 1. Feb 2019

Und wieder hat die AfD alles verbockt. Wie schon im Falle Magnitz mit ihrer unsäglichen Pressemitteilung. Nun kommt einer der wichtigsten Publizisten zur AfD-Fraktion in den Deutschen Bundestag, hält eine tolle Rede, doch was macht die Alternative für Deutschland? Statt diese Rede in den Vordergrund zu stellen, nimmt sie ein mehr als peinliches Bild auf und – jetzt kommt das schier Unfassbare – verbreitet dieses auch noch selbst, noch bevor irgendein Mensch Henryk M. Broders Rede gelesen hat. Dieses Mal kommt die Aktion aber nicht von irgendeinem kleinen Landesverband, sondern direkt von der Parteispitze. Was soll man dazu noch sagen? Aber betrachten wir das Ganze genauer.

Null PR-Verständnis, kaum strategisches Denken und der Verlust von Glaubwürdigkeit

Als Erstes fällt auf, dass es sehr vielen AfD-lern und ihren Anhängern offensichtlich extrem schwer fällt, in strategischen Fragen auch nur ein wenig über den eigenen Tellerrand hinauszudenken. Dabei sollte eigentlich jedem, wenn er auch nur ein paar Sekunden nachdenkt, klar sein, dass es 1. nicht primär darum gehen kann, wie die 5 bis 10 Prozent Hardcore-AfD-ler (a) etwas empfinden, die ja diese Partei sowieso wählen werden. Sondern dass es geht um die Wechselwähler (b) geht, welche ihre Stimme der AfD schon mal gegeben haben, aber jederzeit auch wieder abspringen können. Und dass es um die Erschließung potentieller neuer Wählerschichten (c) geht, wenn die AfD in Bereiche vorstoßen will, in denen sie in die Position kommt, unsere Gesellschaft in eine andere Richtung zu lenken. Die Schlüsselfrage ist also immer: Wie wirkt etwas auf (b) und (c).

2. Die AfD kritisiert regelmäßig die enorme Nähe der Massenmedien zu den Altparteien – zu Recht! Ein großer Teil der Printmedien und insbesondere auch der TV-Sender schwimmen seit vielen Jahren ganz extrem auf der grünen Welle. Eine distanzierte, objektive Berichterstattung findet lange schon kaum noch statt. Bedingung für eine solche objektive Berichterstattung, die kritisch, also unterscheidend, die nicht völlig undifferenziert ist, ist eine gewisse Distanz, sprich der Verzicht auf zu große Nähe zu einer Seite hin. Das fordert die AfD, wie gesagt, völlig zu Recht. Daher ist es verheerend, wenn sie selbst – und das sogar von ihrer Fraktionsvorsitzenden! – gegen diesen Grundsatz, den sie von anderen fordert, verstößt. Damit geht enorm viel Glaubwürdigkeit verloren.

Kein Gespür für Adäquatheit und kein Denken in Konsequenzen

3. Hinzu kommt, dass Weidel nicht nur a) Broder um den Hals fiel, was vollkommen inadäquat und übergriffig war, auch hat diese Umarmung etwas Vereinanahmendes. Noch schlimmer aber, dass die AfD dieses b) auch noch selbst fotografierte und c) das Bild, das sie selbst und Broder kompromittiert, dann sogar noch in Umlauf brachte. Ansonsten wäre dieser Fauxpas wahrscheinlich gar nicht publik geworden.

Das aber zeigt, dass es vielen AfD-Politikern einfach an Weit- und Umsicht fehlt sowie an Gespür, a) was adäquat ist und b) wie sich Dinge in der Politik auswirken. Das stellte ihre gesamte Kompetenz von Grund auf in Frage, wenn sie solche Dinge überhaupt nicht einschätzen kann. Wie soll so eine Partei dann jemals Regierungsverantwortung tragen können, wenn sie schon bei solch einfachen Dingen völlig überfordert ist, die sie in ihrer Wirkung nicht überblicken kann? Man überlege mal, was das in der Außenpolitik bedeuten würde, wenn AfD-ler hier Verantwortung tragen würden!

Die AfD hat Broder mit der Verbreitung dieses Bildes sehr geschadet

4. Außerdem wurde durch diese Doppel- oder Dreifachaktion – Umarmung plus Fotografieren plus Bild verbreiten – Henryk M. Broder enorm geschadet, dem anschließend in der WELT-Redaktion vor der versammelten Mannschaft kräftig der Kopf gewaschen wurde, was wahrscheinlich schon einer Demütigung des 72-jährigen hochverdienten Mannes vor allen Kollegen gleichkam. Und das vor der versammelten Mannschaft. Sehen Sie sich bitte die Gesichter auf dem Bild oben an!

Ulf Poschardt, der Chefredakteur der WELT, bei welcher Broder seit 2011 als Kolumnist tätig ist, twitterte gestern:

„Henryk M Broder war heute in der Kommentar-Konferenz und wir haben uns ausgesprochen. Ist immer gut.“

Das Bild spricht Bände.

Welt

Zuvor hatte Poschardt schon getwittert:

„Wichtige Regel: Politiker und Journalisten sollten sich nie umarmen (lassen). Und auch sonst keine missbrauchbare Nähe suchen.“

Das war bereits der erste öffentliche Rüffel gewesen. Broder selbst wurde wohl dazu gedrängt, sich öffentlich zu entschuldigen respektive ihm wurde klar gemacht, dass dies notwendig sei, um weiteren Schaden von der WELT fernzuhalten.

Broders Reputation dürfte enorm gelitten haben, so ist zu befürchten. Diejenigen, die Broder schon lange sehr kritisch beäugen, haben nun etwas gegen ihn in der Hand, was vielleicht stärker ist als alles, was sie bisher hatten. Man wird nun versuchen, ihn abzustempeln als den AfD-Liebling, das Maskottchen oder den nützlichen Idioten, siehe Bild unten. Wenn das gelingt, wird die WELT womöglich versuchen, sich von ihm zu distanzieren, um nicht selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Der Druck auf Broder und sein Umfeld nimmt jetzt zu

Cigdem Toprak schreibt auf Twitter – und ihr Statement zeigt sehr schön, wie bereits Druck auf das Umfeld von Broder ausgeübt wird, sich von ihm zu distanzieren -:

„Freunde und Bekannte fragen mich, ob ich immer noch mit Broder befreundet bin. Ja, seit über 9 Jahren. Und verdammt stolz darauf. Tolle Rede vor der AfD-Fraktion. Super, dass er da war. Und das Foto mit Weidel. He seems not amused about it. Kann ich sehen.“ 

That’s it. Dass Broder zur AfD hin ging, war gut. Dass er eine Rede gehalten hat, war gut. Die Rede selbst war auch gut. Die übergriffige Umarmung, die schon etwas von einer Inbesitznahme hat, das war gar nichts. Und das zu fotografieren und dann auch noch das Bild zu verbreiten, war der nächste PR-Gau der AfD, nachdem schon die Pressemitteilung nach dem Magnitz-Anschlag so furchtbar in die Hose ging.

So wird nun über Broder öffentlich hergezogen:

Holger Stark, Mitglieder der Chefredaktion von DIE ZEIT schreibt auf Twitter:

„So sieht also die viel beklagte Nähe von Journalisten zu Politikern aus. Der Journalist als Stichwortgeber, Arm in Arm mit der Politik. Ich kann mich an kein Foto eines Journalisten erinnern, für das ich mich mehr geschämt hätte.

Selbstkritikunfähigkeit der AfD und Broders öffentliche Entschuldigung

All das hat Broder der AfD zu verdanken. So etwas darf einer Partei nicht passieren. Das Maß an mangelnder Professionalität ist unfassbar. Jeder andere, der etwas zu verlieren hat, wird sich zukünftig dreimal überlegen, ob er eine AfD-Einladung annehmen wird nach dieser AfD-Aktion.

Broder selbst betont inzwischen, es wäre richtig gewesen, sich der Umarmung zu entziehen. Es gebe freilich keinen Grund, aus dieser Umarmung weitergehende Schlüsse zu ziehen, so der Kopf von achgut, der öffentlich um Entschuldigung bat, dass er sich dieser Umarmung nicht entzogen hat.

Das Schlimmste aber von allem ist, dass die AfD – und noch mehr ihre Anhänger, denen es sichtlich schwer fällt, auch nur ansatzweise in solchen Zusammenhängen zu denken – kaum lernfähig sind. Die AfD begeht die gleichen oder ähnliche katastrophale Fehler immer und immer wieder und sie kann mit Kritik überhaupt nicht umgehen, was natürlich die mangelnde Lernfähigkeit gerade bedingt.

Die AfD hat inhaltlich die richtigen Positionen, kapiert aber offensichtlich die Regeln des Spiels nicht

Fazit: Wir sehen somit eine Partei, die in nahezu sämtlichen richtungsweisenden Fragen eigentlich die richtigen Positionen besetzt, die aber nicht ansatzweise fähig ist, das in die Bevölkerung zu transportieren. Die seit mehr als fünf Jahren meist mit sich selbst beschäftigt ist, die eigentlich längst bei 20 bis 30, wenn nicht bei 40 Prozent stehen müsste, angesichts der Lage, in der wir uns befinden, die aber nun wieder bei 13 Prozent herumdümpelt, quasi jedes Match mit 1:5, 1:6 oder 1:7 verliert, aber nicht fähig ist, sich auf die Gegner und deren Strategien einzustellen. Nun hat sie auch noch einem wichtigen Kommentator, der dem Mainstream mit mächtiger Stimme etwas entgegenzusetzen vermag, massiv geschadet.

Es kommt einem vor, wie wenn eine Bezirksliga-Mannschaft gegen Bundesliga-Clubs spielt, die noch dazu Schiedsrichter, Publikum und Berichterstatter auf ihrer Seite haben. Das ist schon schlimm genug. Aber offensichtlich sind die Amateure nicht fähig, eine wirksame Gegentaktik zu entwickeln und jedes Mal, wenn sie dann mal frei vorm Tor zum Schuss kommen, schießen sie im Überschwang ihrer Gefühle, die sie nicht in den Griff kriegen, den Ball zehn Meter übers Tor. Eine andere Partei ist aber leider nicht in Sicht, die aus dem Dilemma herausführen könnte. Dies ist gleichsam unser Dilemma auf der Metaebene.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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