So weit entfernt und irgendwie doch nah: Solipsist und Realist

Von Jürgen Fritz, So. 12. Mai 2019

„Die verhängnisvolle Neigung der Menschen, über etwas, was nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken, ist die Ursache der Hälfte aller Irrtümer.“ (John Stuart Mill) „Durch Zweifeln kommen wir nämlich zur Untersuchung; in der Untersuchung erfassen wir die Wahrheit.“ (Petrus Abaelardus) „Denn der radikalste Zweifel ist der Vater der Erkenntnis.“ (Max Weber) „Erst zweifeln, dann untersuchen, dann entdecken.“ (Henry Thomas Buckle) Denn ansonsten besteht folgende Gefahr: „Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch, denn Fanatismus ist nichts anderes als überkompensierter Zweifel.“ (Carl Gustav Jung) Ergo:„Zweifle nicht an dem, der dir sagt er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kenne keinen Zweifel.“ (Erich Fried)

Zwei völlig konträre Positionen

Der radikalste und konsequenteste Skeptiker untern den Denkern ist der Solipsist. Er stellt quasi die extremste Gegenposition zu mir dar als sowohl 1. metaphysischer Realist, der a) glaubt, dass es eine Außenwelt tatsächlich gibt und diese b) unabhängig ist von meinem Bewusstsein und meiner Existenz, als auch 2. erkenntnistheoretischer  (epistemologischer) Realist, der a) glaubt, dass die Wirklichkeit zu einem erheblichen Teil für uns zuverlässig erkennbar ist und dass b) die bestätigten und weithin akzeptierten Behauptungen über die Wirklichkeit eine zwar nie vollständige, aber eine wahre Beschreibung der Welt liefern, sowie 3. als ethischer Realist, der a) glaubt, dass es objektive moralische Wahrheit gibt und diese b) von uns nicht konstruiert ist, sondern von uns entdeckt (und natürlich auch verfehlt) werden kann, der also der tiefen Überzeugung ist, dass all diese Dinge real sind.

Der Solipsist als konträrer Gegenpart zu mir als philosophischer absoluter Optimist negiert also schon meinen ersten Glauben, dass es überhaupt eine Außenwelt tatsächlich gibt. Er bezweifelt all diese Dinge nicht nur, sondern er kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, alles verneinen zu müssen, außer eben: Mein Geist zweifelt, also existiert dieser. Für ihn gibt es nur sein Bewusstsein, seinen Geist, sonst nichts. Alles befindet sich ausschließlich in diesem, auch die anderen Personen und deren Geist.

Absolute Reinheit und Schönheit

Was mir an der Position des Solipsismus, die in sich vollkommen schlüssig ist, sehr gut gefällt, ist a) die Sensibilität und der Scharfsinn, mit dem all die Unsicherheiten aufgespürt und in aller Klarheit herausgearbeitet werden, sowie b) die absolute Reinheit des Gedankens, der frei ist von jeglicher Korruption durch das Gefühl. Ein solches Weltbild würde ja in den meisten von uns, wenn nicht in allen, ein Gefühl der vollkommenen Einsamkeit erzeugen, wenn es außer meinem Geist nichts gäbe, sich alles nur in diesem abspielen würde und nicht in einer Außenwelt, von der ich ein Teil bin.

Doch davon lässt sich der Solipsist nicht beeindrucken oder gar abschrecken. Er denkt den Zweifel konsequent zu Ende: Wenn ich nur glaube, was wirklich sicher ist und alles andere ablehne, wenn ich diesen Weg stringent zu Ende gehe, dann bleibt eben nur dies: nicht ich bin, denn schon mein Körper ist nicht wirklich gewiss, sondern mein Geist ist und auch mein Körper, genauer die Vorstellung, dass ich einen Körper habe, ist nur in diesem. Alles andere sowieso. Dieser Gedanke hat – und das macht ihn, finde ich, irgendwie interessant, ja erhaben – eine unglaubliche Reinheit und Schönheit.

Größtmöglicher Abstand und gerade dadurch wiederum Nähe

Auch wenn ich niemanden kenne, der das wirklich glaubt, so ist diese Position doch sehr interessant, weil sie aufzeigt, wie weit man im Skeptizismus, der durchaus seine Berechtigung hat, gehen kann, wo die Skala quasi endet. Der Solipsist steht an einem Ende in puncto Optimismus – Skeptizismus der möglichen Weltbilder, was diese Position hochinteressant macht. Ich als moderner Realist, der im Gegensatz zum naiven Realisten, all die Zweifel und die Argumente, die für diesen Zweifel sprechen, kennt und für sich quasi gewogen hat, der mithin durch den Zweifel hindurchgegangen ist, dann aber zu der Erkenntnis kam, dass eine andere Frage gestellt werden muss, nämlich nicht nur: Was ist absolut sicher?, denn dann, das ist dem modernen Realisten klar, muss die Antwort jedes Reflektierten lauten: fast nichts, der stattdessen also eher fragt: Was ist am glaubwürdigsten?, Was ist am plausibelsten?, Was entspricht am ehesten unserer Intuition und ist dabei in sich schlüssig?, stehe ganz am anderen Ende der Skala.

Eine größere Entfernung ist mithin nicht möglich. Zugleich schafft diese größtmögliche Entfernung zwischen dem Solipsisten, als dem extremsten Skeptiker und dem modernen metaphysischen, epistemologischen und ethischen Realisten als dem größtmöglichen Optimisten, dort absolutes Misstrauen, hier absolutes Zutrauen in unsere erkennenden Fähigkeiten, in unseren kognitiven Apparat, wiederum eine Nähe, weil beide Positionen eines aufweisen, was sie verbindet: höchstmögliche Konsequenz.

Literaturempfehlungen

Grundkurs Philosophie. Bd.2          Bildergebnis für Das Kartenhaus der Erkenntnis Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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