Weltweit einziges Exklusivinterview mit verhafteter Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete

Von Axel Stöcker, Mo. 01. Jul 2019

Halb Europa diskutiert über das spektakuläre Anlegemanöver der deutschen Kapitänin Carola Rackete mit der Sea-Watch 3 im Hafen von Lampedusa. Seither steht Frau Rackete unter Hausarrest und darf sich gegenüber der Presse nicht äußern. JFB erhielt allerdings eine Sondergenehmigung der italienischen Staatsanwaltschaft für ein Exklusivinterview, das einzige weltweit. Axel Stöcker sprach mit unserer neuen „Heldin“.

Ich habe entschieden, dass Italien für die Migranten viel besser ist als Libyen

JFB: Frau Rackete, wie geht es Ihnen?

Kapitänin Carola Rackete(KCR): Danke, der Nachfrage, gut! Die freundliche Dame, bei der ich meinen Hausarrest verbringe, kocht sehr gute Spaghetti.

JFB: Wie kam es zu Ihrem Hausarrest?

KCR: Gute Frage! Es ist wirklich unfassbar, dass man mich als Kapitänin hier einbuchtet. Und das nur, weil ich Menschenleben gerettet habe.

JFB: Erzählen Sie, wie alles anfing.

KCR: Wir waren mit unserem Schiff, der Sea Watch 3, und mir als Kapitänin im Mittelmeer unterwegs und entdeckten ein vollbesetztes Schlauchboot, das in Seenot geraten war. Da haben wir sofort gehandelt und die Personen an Bord gebracht. Das war am 12. Juni.

JFB: Konten Sie alle retten?

KCR: Ja, alle 53.

JFB: Gott sei Dank. Und dann wurden sie verhaftet?

KCR: Nein, ich war ja noch auf hoher See. Und wir mussten erst die Geretteten versorgen.

JFB: Natürlich! Sie sind also zum nächstgelegenen Hafen gefahren, um die vermutlich angeschlagenen Personen möglichst schnell an Land zu bringen.

KCR: Nein, ich als Kapitänin habe entschieden, dass wir zur italienischen Insel Lampedusa aufbrechen.

JFB: War Lampedusa nicht viel weiter entfernt, als der nächste libysche Hafen?

KCR: Ja, ist aber für mich kein Problem, ich bin ja Kapitänin.

Libyen gefällt mir nun mal nicht

JFB: Das ZDF meldete am 13. Juni, sie hätten von Libyen einen dortigen Hafen für die Rettung zugewiesen bekommen.

KCR: Ja, aber Libyen, ich bitte Sie. Das war nach internationalem Recht kein sicherer Hafen.

JFB: Ist das nicht eine rechtliche Auslegungsfrage, was ein sicherer Hafen ist?

KCR: Ja, aber diese Auslegung kann ich als Kapitänin ja am besten vornehmen.

JFB: Sie haben sich also auf die Fahrt nach Italien begeben, weil sie wussten, dass Sie dort Hilfe bekommen?

KCR: Nein, ich wusste, dass der Hafen von Lampedusa für private Schiffe geschlossen ist. Das hatte der italienische Innenminister Salvini kurz vorher verfügt.

JFB: Moment, um das nochmal zu ordnen: Sie haben es abgelehnt einen nahe liegenden libyschen Hafen anzusteuern und sind mit 53 angeschlagenen Geretteten, darunter Frauen und Kinder, auf eine mehrtägige Seereise nach Lampedusa aufgebrochen, obwohl Sie wussten, dass sie dort nicht in den Hafen dürfen?

KCR: Klar, das habe ich als Kapitänin so entschieden.

JFB: Dann waren Sie sicher dankbar und erleichtert, dass sich Italien flexibel gezeigt hat, und trotz Ihrer Weigerung nach Libyen zu fahren, die Familien und Kranken von Ihrem Schiff aufgenommen hat.

KCR: Also, der Salvini soll sich mal schön hinten anstellen, das habe ich ja in der Pressekonferenz per Skype schon gesagt. Ich habe da Wichtigeres zu tun. Ich bin ja Kapitänin und hatte immer noch die Verantwortung für die 40 verbliebenen Migranten an Bord.

JFB: Sie wurden bei dieser Gelegenheit also nicht wegen des unerlaubten Befahrens italienischer Hoheitsgewässer verhaftet?

KCR: Was? Nein, natürlich nicht! Aber wir waren in einer schwierigen Situation, weil kein Land uns Hilfe angeboten hat. Auch das habe ich in der Pressekonferenz ja schon gesagt.

JFB: Sagten Sie nicht vorher, Libyen hätte Ihnen einen Rettungshafen zugewiesen?

KCR: Ja, schon. Aber ich als Kapitänin wollte eben nach Italien! Außerdem herrschte nach der langen Fahrt Verzweiflung und Frustration an Bord. Einige wollten über Bord springen.

JFB: Dann wäre Libyen vielleicht doch die bessere Wahl gew…

KCR: ICH WOLLTE ABER NACH ITALIEN!

Das italienische Polizeiboot hab ich einfach zur Seite geschoben, das war mir im Weg

JFB: Wie ging es dann weiter?

KCR: Dann bin ich eben nachts in den geschlossenen Hafen eingefahren und habe angelegt. Musste dafür noch so eine Nussschale der „Guardia di Finanza“ beiseite schrammen.

JFB: War das nicht gefährlich für die Beamten, die sich auf dem Boot befanden?

KCR: Schon, aber ich war ja Lebensretterin im Einsatz. Da muss man als Kapitänin eben auch mal zu unkonventionellen Mitteln greifen.

JFB: Und dann gingen sie von Bord und wurden verhaftet?

KCR: Genau! Und das alles nur, weil ich Menschen aus Seenot gerettet habe.

JFB: Unglaublich! Eine letzte Frage, Frau Rackete…

KCR: Kapitänin Rackete, bitte!

JFB: … Frau Kapitänin Rackete. Würden Sie Herrn Salvini aus Seenot retten?

KCR: (überlegt kurz) … Natürlich würde ich ihn retten. Er könnte dann auf der Sea Watch 3 das Deck schrubben.

JFB: Frau Kapitänin Rackete, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

KCR: Ich danke auch. Sie können wegtreten!

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Das Interview mit Carola Rackete führte Axel Stöcker.

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren und Satiren an.

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Titelbild: WELT-Screenshot von Carola Rackete

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