Handelt es sich bei dem SUV-Fahrer in Berlin-Mitte wirklich um einen Marokkaner?

Von Jürgen Fritz, Mi. 11. Sep 2019, Titelbild: WELT-Screenshot

Der schreckliche Verkehrsunfall in Berlin-Mitte, bei dem ein Porsche SUV mit ungeheurer Geschwindigkeit auf den Gehweg raste und vier Menschen zu Tode fuhr, erschüttert viele. Nun kursiert im Netz das Gerücht, bei dem Fahrer würde es sich um einen Marokkaner handeln. Auch gibt es Mutmaßungen, es handle sich um einen gezielten Terroranschlag. Was ist von diesen Gerüchten zu halten?

Wie Gerüchte und Falschmeldungen in die Welt gesetzt werden

So schreibt beispielsweise eine Person auf Facebook bereits am Freitagabend, den 6. September, also nur wenige Stunden nach dem Unfall, der sich am Abend des Freitag um 19:08 Uhr ereignete:

„Terroranschlag? in Berlin: Marokkaner rast mit Porsche SUV u. hoher Geschwindigkeit in Menschenmenge. 4 Tote, darunter 1 Kleinkind“.

Jörgen Weckwerth-1

Woher die Information stammt, dass es sich um einen Marokkaner handelt, wird natürlich nicht angegeben. Im Internet, das wohl Fluch und Segen zugleich darstellt, ein nicht unübliches Verfahren: Irgendeiner erfindet einfach etwas, setzt es in die Welt und etliche Zeitgenossen, denen die Erfindung gefällt, weil sie ihre Weltanschauung stützt, übernehmen und verbreiten die Fake-News, ohne auf die Idee zu kommen, die Quelle zu überprüfen oder auch nur nach ihr zu fragen.

Wilde Spekulationen, Korrektur der ersten Falschmeldung und gleich darauf die nächste Spekulation – alles ohne seriöse Quellenangaben

Der Herr, der die Fake-News in die Welt setzte oder verbreitete, verweist weiter direkt unter seinem Posting auf eine Seite nex24.news. Dort wird aus dem toten Dreijährigen mal so eben ein „Baby“ gemacht (Kleinkind im ersten Lebensjahr, also weniger als zwölf Monate alt): „Berlin: Porsche rast in Menschenmenge: 4 Tote – darunter ein Baby“, was bis heute nicht korrigiert wurde.

Unter seinem Posting spekuliert er weiter:

»“Unfall“ ist doch wieder der blanke Hohn. Neben den 4 Toten gab es auch noch Verletzte. Der Fahrer, ein Marokkaner (sofern Fahrer= Fahrzeughalter, Quelle Wera Uchimmer) mittleren Alters, raste mit seinem dunklen SUV auf dem Gehweg! mit hoher Geschwindigkeit in die Menschen. So etwas ist doch wohl eher Vorsatz. Der Fahrer soll noch versucht haben zurückzusetzen und zu Fuß zu fliehen (Quelle Vera Uchimmer). Das spricht meines Erachtens für einen gezielten Terroranschlag.«

Zu der Quelle „Wera Uchimmer“ oder „Vera Uchimmer“ wird natürlich nicht verlinkt und wieder wird gleich ein „Terroranschlag“ ins Spiel gebracht. Der Vorfall spreche „für einen gezielten Terroranschlag“. Die gleiche Person scheint dann ihre erste Falschmeldung später wie folgt korrigiert zu haben:

»Berlin: Pole mit deutschem Pass rast mit Porsche SUV u. hoher Geschwindigkeit in Menschenmenge. 4 Tote, darunter 1 Kleinkind“.«

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„Natürlich war es ein geplanter Anschlag! Was denn sonst?“

Jetzt ist aus dem Marokkaner kurzerhand ein „Pole mit deutschem Pass“ geworden. Was bitteschön ist ein „Pole mit deutschem Pass“? Ich kenne Deutsche mit polnischer Herkunft, ich kenne Polen, die in Deutschland leben, ich kenne Personen, die eine doppelte Staatsbürgerschaft haben, aber was ist ein „Pole mit deutschem Pass“? Darunter kommentiert dann eine Dame:

»Natürlich war es ein geplanter Anschlag ! Was denn sonst? Das ist einfach nur noch unfassbar!«

Und auf die Nachfrage einer andere Dame: „hast Du eine Quelle dazu?“ erfolgt keinerlei Antwort. Von niemandem.

Susanne Kuhl

An Fakten und seriösen Berichten sind viele gar nicht mehr interessiert – sie wissen immer alles schon vorher

Die Deutsche Presse-Agentur dagegen berichtet, sie habe die Polizei Berlin kontaktiert. Ein Sprecher der Polizei habe gesagt, dass es sich bei dem 42-jährigen Unfallfahrer um einen Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit handelt. Er sei auch nicht marokkanischer Herkunft, sondern habe einen typischen deutschen Vornamen.

Unter einem anderen Post habe eine Frau kommentiert, sie finde es schade, dass der Fahrer nicht schwerer verletzt sei. Eine andere Frau soll geschrieben haben, sie selbst würde Familienangehörige des Fahrers töten, damit er den Verlust nachempfinden könne.

Was hier deutlich wird, ist zum einen der zunehmende Verlust der gesitteten Mitte in der Bevölkerung, die sich offensichtlich immer mehr aufspaltet in extreme Lager. Dass dies wiederum evoziert wird, durch eine oftmals unvollständige, teilweise sogar verschleiernde, auf jeden Fall aber höchst tendenziöse Berichterstattung seitens der Behören, die wiederum von Politikern ganz bestimmter Parteien, welche quasi alle Macht im Staate innehaben, dazu angehalten werden, muss wohl kaum eigens betont werden.

Zum zweiten wird deutlich, dass viele gar nicht mehr an Fakten und seriöser Berichterstattung interessiert sind, denn sie wissen ja immer alles schon vorher und nehmen nur noch solche Dinge auf, die ihr vorgefertigtes „Wissen“, genauer: ihr völlig einseitiges Weltbild bestätigen. Eine mehr als bedenkliche Entwicklung, denn jede Demokratie lebt von mündigen, urteilskompetenten Bürgern. Genau das aber, Mündigkeit und Urteilskompetenz, die Basis jeder liberalen Demokratie, gehen wohl mehr und mehr verloren.

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