Echte und falsche Toleranz und Bescheidenheit

Von Jürgen Fritz, So. 29. Sep 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Toleranz oder Duldsamkeit bedeutet im allgemeinen, dass man Dinge, die man selbst nicht gut, vielleicht sogar falsch oder schlecht findet, erträgt, dass man Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten anderer bis zu einem gewissen Grade gelten lässt oder aushält. Toleranz ist dabei weniger als Akzeptanz, mit der ein Gutheißen einhergeht, kein Ertragen oder Aushalten. Eine maßvolle, aber nicht grenzenlose Toleranz könnte man dabei, wie auch die Bescheidenheit, also die freiwillige Selbstbeschränkung als Kontrapunkt zur Geltungssucht, als Tugend auffassen. Dabei gilt es jedoch eine wahre und eine falsche Toleranz und Bescheidenheit zu unterscheiden.

Tugendethiker, Deontologen und ethische Teleologen sind sich im Grundsätzlichen einig: es gibt objektive moralische Wahrheit

Tugendethiker, Deontologen (Pflichtethiker) und ethische Teleologen (Konsequentialisten) unterscheiden sich darin, wie sie objektive moralische Wahrheiten zu eruieren, zu rechtfertigen, zu begründen und herzuleiten versuchen. Sie unterscheiden sich in ihrem Schwerpunkt, den sie entweder, wie Sokrates, Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin (vlt. auch Buddha, Konfuzius, Jesus) mehr auf die Handlungsmotivation und das Innere des Handelnden legen, insbesondere auch seinen Charakter, seine Seele, die möglichst tugendhaft sein soll, so dass die guten Handlungen ganz wie von selbst daraus entspringen (Tugendethik).

Oder sie legen den Schwerpunkt der Betrachtung wie Immanuel Kant mehr auf die Handlung selbst und versuchen ein klares ethisches Prinzip zu formulieren, wie zum Beispiel die goldene Regel oder den kategorischen Imperativ, was eine gute und was eine böse Handlung im Kern ausmacht (Deontologie). 

Oder aber sie betrachten, wie beispielsweise die Gleichheits-Anbeter, die Utilitaristen (Bentham, Mill, Sidgwick) oder die „Klima- und Weltretter“, schwerpunktmäßig eher die Folgen, die Konsequenzen einer zur Debatte stehenden Handlung (ethische Teleologie, Telos = Ziel, Zweck).

Echte und falsche Toleranz und Bescheidenheit

All diese normativen Ethiker sind sich aber entgegen der Sophisten respektive Skeptizisten (Nonkognitivisten, Subjektivisten, Relativisten, Emotivisten, Präskriptivisten) im Grundsätzlichen, in der Basis, im Essentiellen einig. Alle drei, Tugendethiker, Deontologen und ethische Teleologen, gehen davon aus, dass es genau wie im Bereich des Seins auch im Bereich des Sollens objektive, hier nun moralische Wahrheit gibt und diese auch erkannt werden kann, wenngleich natürlich, wie auch im Bereich des Seins, nie vollständig und nie absolut irrtumsfrei. Dass es also auch hier echte Erkenntnis und Fehlvorstellungen gibt, die es zu korrigieren gilt und das natürlich nicht mit Gewalt, nicht durch Einschüchterung, nicht durch permanente Manipulation und Indoktrination, sondern durch Hinweise, durch Argumentation und Begründung, durch Aufzeigen und Überzeugen.

Prof. Dr. Dietmar Hübner macht hierbei auf etwas ganz Wesentliches aufmerksam, was bisher leider viel zu wenig verstanden, obschon absolut essentiell ist:

„Gelegentlich scheinen subjektivistische oder relativistische Bekenntnisse zudem einer falschen Vorstellung menschlichen Umgangs zu entspringen: Auf moralische Wahrheitsansprüche zu verzichten, gilt oftmals als Zeichen von Toleranz, d.h. als Ausdruck der Bescheidenheit hinsichtlich eigener Ansichten und als Form der Anerkennung gegenüber fremden Überzeugungen. Dies ist allerdings ein Fehler, der bei genauerer Betrachtung rasch zutage tritt. Echte Bescheidenheit besteht im Bewusstsein, sich irren zu können (was Wahrheit voraussetzt), nicht im Glauben, es gebe keine Wahrheit (womit sich niemand irren könnte). Echte Anerkennung meint die Bereitschaft, sich die Meinung des anderen anzuhören (weil er recht haben könnte), nicht die Auffassung, es könne ohnehin niemand recht haben (womit alle Meinungen gleichermaßen belanglos wären).“

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