Das Wesen des Vergleichens

Von Jürgen Fritz, Do. 24. Okt 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

„Überhaupt lobt man nichts in angemessener Weise ohne einen Vergleich.“ (Plinius der Jüngere, 61 – 113) Das könne man doch nicht miteinander vergleichen, so lautet eine typische Redewendung. Doch was bedeutet es überhaupt, Dinge miteinander zu vergleichen? Könnte es sein, dass dieser Begriff oftmals gar nicht richtig verstanden, das Wesen des Vergleichs mithin nicht erfasst wurde, wie diese Redewendung zeigt?

Vergleichen kann man alles

Der Ausdruck „etwas vergleichen“ gehört wohl tatsächlich wie andere auch, etwa „Menschenwürde“, zu denen, die oft gebraucht, deren Bedeutung (Begriffsinhalt, und -umfang) aber oftmals nicht so genau erfasst wird. Was bedeutet also etwas zu vergleichen? Der Vergleich (die Komparation) bezeichnet eine Methode, die zur Erkenntnis von Gemeinsamkeiten (Gleichheit) und Unterschieden bzw. Differenzen, (Ungleichheit) zwischen mehreren Objekten führen soll. Zwei Objekte vergleichen heißt also: sie aufmerksam, mit spezieller Hinsicht auf ihr gegenseitiges Verhältnis betrachten.

Vergleichen kann man also alles, zum Beispiel auch Elefanten und Ameisen (beides sind Lebewesen, sind aus Materie, genauer: aus Zellen aufgebaut, interagieren mit der Umwelt, pflanzen sich fort, sind soziale Wesen usw. usf.), die offensichtlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen, aber auch viele Unterschiede (Größe, Art der Fortpflanzung, Intellekt etc.). 

Das Vergleichen ist  ist inbesondere eine ganz zentrale Methode der Sozialwissenschaften. Für den französischen Mathematiker, Philosophen und Religionskritiker Auguste Comte (1798 – 1857), den Begründer des Positivismus und Mitbegründer der Soziologie, ist die Vergleichsmethode „das wichtigste wissenschaftliche Hilfsmittel der Soziologie“. Und für den Klassiker der Soziologie Émile Durkheim (1858 – 1917), der mit seiner Methodologie die Eigenständigkeit der Soziologie als Fachdisziplin begründete, ist die vergleichende Methode „die einzige, welche der Soziologie entspricht“.

Die vier Konstitutiva des Vergleichs

Die Durchführung eines Vergleichs setzt folgende vier Dinge (Konstitutiva) voraus:

1. Es muss eine Menge von mindestens zwei Objekten vorhanden sein (A und B, evtl. auch C, D, E …), denn ansonsten ist das Erkennen eines Verhältnisses, einer Relation, ja nicht möglich.

2. Es gibt ein Subjekt, das die Objekte A und B (und C, D, E …) vergleicht. Subjekt und Objekt sind dabei relative Begriffe, denn S kann A und B, zum Beispiel zwei Menschen, vergleichen, A kann aber auch S mit B oder mit C vergleichen. Dann wird S zum Objekt von Vergleich 2 und A zu dessen Subjekt. Vergleicht S A mit sich selbst, so ist S zugleich Subjekt des Vergleichs und eines der Objekte, die verglichen werden.  

3. Zwischen den Vergleichsobjekten besteht ein Verhältnis der Gleichheit oder Ungleichheit in Bezug auf eine oder mehrere Eigenschaften, die untersucht werden. Der Begründer der Phänomenologie, der österreichisch-deutsche Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl, einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts formulierte diesen Zusammenhang wie folgt. „Eine Vergleichung kann entweder das Ergebnis liefern, dass die betrachteten Inhalte gleich sind oder dass sie verschieden, das heißt nicht gleich sind.“

4. Die Vergleichsuntersuchung wird immer in einer gewissen Hinsicht durchgeführt, also in Bezug auf eine (oder mehrere) Eigenschaften oder Merkmale. Objekte werden „aufmerksam … mit spezieller Hinsicht“ verglichen, denn Gleichheit und Ungleichheit werden stets in einer bestimmten Hinsicht erkannt. Ich kann also Elefanten und Ameisen beispielsweise in Hinsicht auf ihren körperlichen Aufbau oder in Hinsicht auf ihre Fortpflanzungsart, in Hinsicht auf ihr Sozialverhalten oder im Hinblick auf ihren Grad an Bewusstheit vergleichen.

Das tertium comparationis

Vergleichen kann man also alles, auch Dinge, die nur wenige oder sogar nur eine einzige Gemeinsamkeit aufweisen. Ein Vergleich setzt nur voraus, dass zwei Gegenstände zumindest eine Eigenschaft gemeinsam haben. Die gemeinsame Eigenschaft, auf der das Vergleichen beruht, wird als tertium comparationis bezeichnet.

Die zwei Töne C und D sind also vergleichbar, weil sie unter anderem das Merkmal oder  die Eigenschaft „Ton-sein“ und „Tonhöhe“ gemeinsam haben. Hinsichtlich der Merkmalsausprägung „Tonhöhe“ sind sie jedoch ungleich: C ist ungleich D. C und D haben also die gemeinsame Eigenschaft, ein Ton zu sein, aber sie haben nicht die gleiche Tonhöhe.

Identität und Gleichheit

Sind A und B in allen Eigenschaften gleich, dann sind A und B identisch: A = B, zum Beispiel: Morgenstern = Abendstern = Venus. Wenn A und B nicht identisch, sondern nur gleich sind, dann in einer bestimmten Hinsicht, in einem oder auch mehreren Merkmalen aber nicht in allen, denn wären sie in allen Eigenschaften gleich, dann wären sie identisch.

Bei der Gleichheit, die in der Vergleichsuntersuchung festgestellt wurde, muss also immer angegeben werden, in welcher Hinsicht A und B gleich sind. Eine Aussage wie „Alle Menschen sind gleich“ ist also eine unsinnige solche, weil die Angabe des tertium comparationis fehlt, weil nicht angegeben wird, in welcher Hinsicht die Gleichheit behauptet wird. Während also „ist identisch mit“ ein zweistelliger Relationsbegriff ist (für Logiker: ein zweistelliger Prädikator): A = B, so ist „sind gleich“ kein zweistelliger, sondern ein dreistelliger Relationsbegriff, so wie „liegt zwischen“, zum Beispiel: „3 liegt zwischen 2 und 4“.

Die Aussagen „3 liegt zwischen 2“ oder „Pinneberg liegt zwischen Hamburg“ ergeben gar keinen Sinn, sind mithin nicht wahrheitsfähig. „Pinnerberg liegt zwischen Hamburg und Elmshorn“ und „4 liegt zwischen 2 und 3“ sind dagegen sinnvolle Sätze, der erstere ein wahrer, der zweite ein falscher. Der Satz „Alle Menschen sind gleich“ ist dagegen weder wahr noch falsch, sondern ein unsinniger Satz, weil das dritte Glied der Aussage fehlt: „A und B sind gleich in Hinsicht auf X.“

Metaphern als Übertragungen und verkürzte Vergleiche

Eine Metapher, so könnte man sagen, ist ein Vergleich, bei dem das tertium comparationis nicht explizit angegeben wird, mithin ein „verkürzter Vergleich“. Beim Vergleich wird durch einen Vergleichspartikel („wie“, „als“) angegeben, was verglichen wird, zum Beispiel: „Deine Augen strahlen wie zwei Sterne“ oder „Er läuft so schnell wie ein Gepard“ oder „Sie ist noch schöner als Aphrodite selbst“.

Bei der Metapher fehlt dagegen das „wie“ oder „als“. Sie ist mithin ein impliziter Vergleich, ohne Vergleichsausdruck („wie“, „als“), bei dem ein Wort in einen andere Kontext übertragen wird. Beispiel: Statt „Herkules ist so stark wie ein Löwe“ verkürzt: „Herkules ist ein Löwe“. Hier wird die Stärke (das tertium comparationis) der großen Raumkatze „Löwe“ auf den Heros „Herkules“ übertragen.

Ansätze zu einer Theorie der Metapher finden sich bereits und zuerst bei Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) in dessen Poetik und Rhetorik.

„Es ist aber auch das Gleichnis eine Metapher; denn der Unterschied zwischen beiden ist nur gering. Wenn man nämlich (hinsichtlich des Achilleus) sagt: ‚Wie ein Löwe stürzte er auf ihn‘, so ist es ein Gleichnis; sagt man aber: ‚Ein Löwe stürzte auf ihn‘, dann ist es eine Metapher, weil beide nämlich tapfer sind, nannte man Achilleus in übertragenem Sinne einen Löwen.“

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