Prophetin des Postfaktischen: Wie Jugendliche für politisch-industrielle Zwecke missbraucht werden

Von Claudia Simone Dorchain, Di. 17. Dez 2019, Titelbild: Global NEWS-Screenshot

Thunberg ist ein Eisberg. Jugendliches Genie ist faszinierend, wo es sich zeigt – Blaise Pascal entwickelte schon mit fünfzehn mathematische Theorien und eine exquisite Rechenmaschine, Edward Halley war mit siebzehn bereits ein As in Astronomie, ließ die Königliche Akademie der Wissenschaften staunen über seine exakten Berechnungen von Sternentransiten, und diese Reihe begabter junger Entdecker ließe sich weit fortsetzen. Die europäische Ideengeschichte verdankt Nachwuchs-Genies große Fortschritte und weitreichende Visionen, jugendlicher Entdeckergeist in der Wissenschaft leuchtet oft Jahrzehnte voran. Doch im Fall Greta Thunberg handelt es sich nicht um Genie. Nicht mal um Talent. Nichts könnte von wissenschaftlicher Akkuratesse, mit jugendlichem Feuereifer betrieben, ja von Wissenschaft überhaupt weiter entfernt sein als ihre blasierte Mitteilung, Fakten seien überflüssig.

Das Ende der Aufklärung

Die 16-Jährige schwedische Klima-Aktivistin mit der ikonografischen Zopffrisur vertritt beim UN-Klimagipfel öffentlich die Position, dass Tatsachen nicht zählten, wenn es um Klimarettung ginge, und daher Kleinigkeiten wie exakte wissenschaftliche Recherchen – oder wissenschaftliche Forschungen zur Lösung des Problems – vernachlässigbar seien. Diese kategorische Absage an Fakten, Forschung und wissenschaftliche Objektivität lässt auch bisher Unkritische jäh aufhorchen und irritiert fragen, was denn nach Meinung der Abschlusslosen statt der empirischen Basis zählen solle.

Monatelang hat die junge Aktivistin für Positiv-Schlagzeilen gesorgt und Sympathien erhalten, doch mehr und mehr werden in der Presse und auch in den Kommentarspalten zahlreicher Online-Medien nun kritische Stimmen laut, welche die skandinavische Jugendliche als inkompetent, naiv und überheblich bezeichnen. Diese Kritik kommt von klugen Köpfen, die sich nicht von einer Schulschwänzerin bevormunden lassen wollen, zumal nicht, wenn ihr jede Klima-Sachkunde nicht nur fehlt, sondern jene auch offen und kategorisch abgelehnt wird.

Der Unmut ist zwar verständlich, doch diese Kritik zeigt nur die Spitze des Eisbergs, denn dieser Fall ist gravierender als die Arroganz einer unbedarften Dauer-Entrüsteten, die offenbar psychische Probleme hat und möglicherweise in Behandlung, sicher in Unterrichtung gehört. Das Problem ist, philosophisch gesehen, ein Problem der sogenannten „postfaktischen“ Zeit, in der objektivierbare Tatsachen keine Rolle mehr spielen sollen und jegliche Debatte unterhalb der Wahrnehmungsschwelle von Fakten geführt werden kann. Das Postulat des Postfaktischen – denn es ist ein Postulat und eben keine Tatsache, da die Fakten als solche nach wie vor existieren und gerade nicht überholt sind – ist nicht nur das Ende einer jeden sachbasierten Diskussion über Chancen und Grenzen technischer Möglichkeiten, sondern auch das Ende der Aufklärung.

Denn Aufklärung bedeutet laut Immanuel Kants berühmter Definition von 1784 „der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, bei welcher der Eigengebrauch der Vernunft die Führung übernehmen solle. Überprüft werden sollte die Vernunft in der Selbstanwendung durch die sokratische Methode des Dialogs, allerdings nicht mehr nur zu zweit, sondern vervielfältigt durch den Raum der Gesellschaft als solcher, im Prozess der „öffentlichen Rechtfertigung“, dem Diskurs von Ideen, Gefahren und Lösungen.

Moderne Massenmedien könnten sich die edle Aufgabe zu Eigen machen, genau diesen Resonanzraum der öffentlichen Rechtfertigung zu bieten, welche unabdingbar ist für die Aufklärung. Denn die Aufklärung ist – nach Kant – noch keineswegs erreicht, sondern ein work in progress, an dem ständig mitgewirkt werden müsse. Leider tun Medien oft das genaue Gegenteil und propagieren Losungen statt Lösungen. Losungen bedürfen der Propheten, und auch das postfaktische Zeitalter, das nur eine scheinheilige andere Bezeichnung für die prozessuale Unterminierung der Aufklärung ist, bedarf seiner Propheten, oder Prophetinnen.

Und es stellt sich wie immer die Frage, wer davon profitiert. Denn das größere Wirkmuster ist das der gesellschaftlichen Suggestion und Massenpropaganda, welche gern mit großem Aufwand werbewirksame Ikonen aufbaut, um damit vor allem wirtschaftlich erwünschte Effekte zu erzeugen.

Selbst Chomsky muss dazulernen, was Propaganda angeht

Losungen zwecks Profiten sind Propaganda, und Propaganda besteht primär im Erzeugen von Zustimmungsbereitschaft, wobei Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays schon 1928 feststellte, dass es im Grund dieselben Techniken seien, welche die Zustimmung zu wirtschaftlichen und politischen Profiten erzeugen (siehe: Edward Bernays (1928): Propaganda – The Engineering of Consent).

In den 1970ern analysierte dann der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky in den „zehn Techniken zur Massenmanipulation“ genau, wie die Bevölkerung in einer Zustimmungsbereitschaft zu politisch-wirtschaftlichen Zielen gehalten würde. Die hauptsächlichen Suggestivtechniken bestünden laut Chomsky

  • in der Verschleierung der Information,
  • dem Ersatz von Reflexion durch Emotion und
  • dem Umwandeln von Widerstand in schlechtes Gewissen.

Die Kenntnis dieser Techniken ist heute noch für jeden essentiell, der begreifen will, was moderne Massenmedien eigentlich machen, wenn sie Nachrichten nach-richten und so Zustimmungsbereitschaft zu fragwürdigen Polit-Plänen erzeugen wollen.

Auch im Fall der zweifellos hochgradig desinformierenden, emotionalisierenden und mit der Schuldkeule wie mit Sandkastenschaufeln operierenden schwedischen Aktivistin scheinen offenbar alle Register von Chomskys Massenmanipulations-Techniken gezogen zu werden. Allerdings mit einer wesentlichen Ergänzung. Eine zentrale Technik zur Manipulation nannte der Kommunikationsforscher dereinst: „Sprich zur Masse wie zu kleinen Kindern“. Die Realität hat Chomsky jedoch schon längst überholt. Heute befolgen die Propagandisten vielmehr die Technik: „Sprich zur Masse durch kleine Kinder“.

Diese frappierende Technik ist jedoch nicht so neu, wie sie erscheint. Kinder und Frauen, oder in Kombination psychisch labile weibliche Jugendliche, haben schon lange Zeit eine große Rolle in politischer Propaganda gespielt. Im berühmten Kinderkreuzzug 1212 führten Kinder andere Kinder ins sogenannte Heilige Land – und in den sicheren Tod, aufgehetzt von der Propaganda erwachsener Lobby-Interessen. Jeanne D’Arc war erst dreizehn, als sie zum ersten Mal Visionen hatte, und fünfzehn, als sie sich zum Sammeln einer Armee gegen die Engländer berufen fühlte, berufen von der Madonna persönlich, und sehr zum Nutzen des militärisch-politischen Komplexes ihrer Zeit.

Die Reihe religiös-militärisch-politisch benutzter Kinder und Jugendlicher reißt auch in der nur vermeintlich aufgeklärten Postmoderne nicht ab. Die fünfzehnjährige Botschaftertochter Najirah Al-Sabah heulte 2001 hysterisch in die Kamera, die Soldateska von Saddam Hussein würden angeblich neugeborene Babys aus den Brutkästen reißen. Hierbei handelte es sich jedoch um einen vollumfänglich gestellten Film, welcher von der Werbeagentur Hill & Knowlton strategisch auf 700 TV-Sender verteilt wurde und zur Rechtfertigung des US-amerikanischen Truppeneinsatzes im Golf durch George Bush dienen durfte, der sich gleich in fünf flammenden Propagandareden darauf berief.

Jung, weiblich, naiv – Werbe-Marionetten des politisch-militärisch-industriellen Komplexes. Und diese unheilvolle propagandistische Reihe ließe sich mit nur wenig Fantasie noch weiter fortsetzen. Beliebige Greta-Klone sind denkbar, die das Erfolgskonzept politischer Propaganda aus Kindermund multiplizieren und auf neue Themen lenken, die den Massenmanipulatoren opportun erscheinen. Mainstream-Schlagzeilen der Zukunft könnten lauten:

  • „Rollgardina, fünfzehn, Gender-Aktivistin, führt Sprechchöre im Kindergarten für das persönliche Recht auf vorpubertäre Geschlechtsumwandlung an“.
  • „Pfefferminzia, dreizehn, Medien-Aktivistin, denunziert ihre Eltern beim Konsum staatskritischer Blogs – erhält den Orden für Zivilcourage des Jahres“.

Neues aus dem Taka-Tuka-Land. Und leider politisch nicht sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Eine jugendliche Werbeikone für den schmutzigen Profit mit dem reinen Gewissen

Warum funktioniert dieses durchschaubare Marionettentheater überhaupt? Warum lassen sich Erwachsene von Kindern anführen – wobei der Doppelsinn des Begriffs „anführen“ im Deutschen sowohl beherrschen, als auch belügen bedeutet? Das Werbekonzept funktioniert, weil es an einfache psychologische Muster anknüpft. Unbedarfte, fanatisierte weibliche Jugendliche sind ideale Sympathieträger für emotionalisierende Botschaften, die vom rationalen Kern der Politgeschehen, die stets auch massive Wirtschaftsinteressen bedienen, wirkungsvoll ablenken.

Man kennt den Effekt bereits aus der Werbung: weit aufgerissene runde Mädchenaugen und große Münder mit prallen Lippen, aus denen leider kein einziger logisch konkludenter Satz rinnt, fesseln unmittelbar die Aufmerksamkeit und bewegen unterbewusst zum Befolgen jeder noch so unsinnigen Botschaft. „Kindchenschema“ nennen Werbepsychologen die seit Jahrzehnten hinlänglich erforschte Tendenz erwachsener Betrachter, Personen mit kindlichen Gesichtszügen spontan als sympathisch und als glaubwürdig zu beurteilen, was gerade bei der Werbung ein unschätzbarer, da bares Geld werter, Vorteil ist.

Käme hierbei noch eine feine Spur lolitahafter Sex-Appeal hinzu, könnte die suggestive Wirkung der jugendlichen Werbeikonen sicherlich beträchtlich erhöht werden; doch auch wenn sie fehlt, wie bei einem blassen Kind mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen und grauer Wollmütze, erzeugt die fatale Kombination von Kindlichkeit und offensiv zur Schau gestellter Emotion den gewünschten Resonanzraum, und die warnende Stimme der Vernunft schweigt betroffen – bei so vielen.

Kritiker dieser Strategie könnten lediglich noch arglos fragen, wo die eigentlichen Politinteressen im Fall Thunberg seien, wenn es doch vorgeblich nur um Klimarettung geht. Doch die Antwort auf diese Frage liegt näher, als die glauben, die Europa noch für einen Hafen von Frieden und Demokratie halten: Energiepolitik ist längst zu einem Krieg aller gegen alle geworden, in dem der militärisch-industrielle Komplex der Marionettenspieler ist von den fabrizierten Propheten für den schmutzigen Profit mit dem reinen Gewissen. Während momentan aber zunehmend die realen Gewinninteressen publik werden, welche die Puppenspieler bewegen, bleiben drei philosophisch-ethische Probleme ungenannt.

Erstens, wo bleiben die Pädagogen mit ihrem Protest, wenn kindliche Naivität schamlos für Werbezwecke missbraucht wird? Die Gretas dieser Welt werden sich in zehn Jahren in echte – und nicht schlecht geschauspielerte – Wut hineinsteigern, wenn sie erkennen, wie sehr sie von manipulativen Erwachsenen instrumentalisiert wurden.

Zweitens, wo bleiben die Wissenschaftler mit ihrem Protest, wenn statt „Jugend forscht“, konträr der Forschung durch Teenager öffentlich die Daseinsberechtigung abgesprochen wird? Die Gretas dieser Welt geben als naive Prophetinnen des Postfaktischen ein schlechtes Beispiel ab für Jugendliche, die durch Forschung und Leistung statt durch Emotion Gehör erringen wollen – ihre Botschaft lautet, wage zu weinen, statt wage zu wissen.

Und drittens, wo bleiben die Feministinnen mit ihrem Protest, wenn blatanter Frauenhass in der Fabrikation jugendlich-weiblicher Werbemarionetten durch die Think Tanks der Industrie dringt? Die Gretas dieser Welt sind wieder mal emotionale Projektionsfläche männlicher Fantasien von Macht, scholastisch reduziert auf die alogisch-reaktive Kindfrau, und bloße Erfüllungsgehilfinnen männlichen Profits. Eiskalt kalkuliert.

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Zur Autorin: Claudia Simone Dorchain, Jg. 1976, Magister-Studium der Philosophie, Psychologie und Kunst, abgeschlossen mit dem akademischen Titel “Magistra artium” (M.A.). Studienbegleitend arbeitete sie als Model für internationale Firmen, als Journalistin und im Staatstheater Saarbrücken. Anschließend wissenschaftliche Forschung über Normen und Werte, unter anderem auch als Fellow für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Seit 2004 “Doktor der Philosophie” mit einer Dissertation über den Begriff des Seelengrundes und die Erkenntnis des Absoluten bei Meister Eckhart, welche 2005 vom Wissenschaftsverlag Königshausen & Neumann, Würzburg, in ihrer philosophischen Reihe “epistemata Philosophie” veröffentlicht und seitdem häufig rezensiert wurde. 2006 eröffnete Claudia Simone Dorchain ihre philosophische Beratungspraxis ACCURAT, eine der ersten philosophischen Praxen, von der sich u.a. das Justizministerium Luxemburg beraten ließ. Weitere Tätigkeiten: Lehrbeauftragte an Universitäten und als wissenschaftliche Assistenz für die Kulturabteilung der Ägyptischen Botschaft in Berlin. Schriftliche Arbeiten liegen vor über Meister Eckhart, Platon, Plotin, das Gilgamesch-Epos, die Upanishaden, die weibliche Mystik, Ninon de Lenclos, Albert Camus, William Butler Yeats, René Girard, Donatien de Sade, Gilles Deleuze, Georges Bataille und Giorgio Agamben.

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