Die sokratische Weisheit

Von Jürgen Fritz, Fr. 27. Dez 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot

„Ich weiß nichts von Göttern“, sagt der Weise, „weder dass es sie gibt noch dass es sie nicht gibt, wenngleich für jene Einschätzung wenig Überzeugendes vorgebracht wurde. Und wenn es sie tatsächlich gäbe, so wüsste ich nicht, wie sie sind. Ob sie klug oder dumm, gut oder bösartig, schön oder hässlich, prahlerisch oder bescheiden, ehrgeizig oder phlegmatisch, sexuell oder asexuell sind. Ob sie aus Materie bestehen oder reine Geistwesen sind, wobei mir Letzteres schwer vorstellbar scheint, wenn man es konsequent durchdenkt. Ob sie den Naturgesetzen unterstehen oder nicht, welche Eigenschaften sie genau haben, welche Attribute ihnen zukommen, all das weiß ich nicht, so ich annehmen möchte, dass es sie gäbe.“

Die Unmöglichkeit eines allmächtigen Wesens

„Was ich wirklich sicher weiß, ja wissen kann, erscheint mir also recht wenig“, sagt der Weise. „Höchstens vielleicht dies: Dass kein Wesen, keine der Göttinnen oder Götter, so es diese geben sollte, allmächtig sein kann, im Sinne von, dass für sie/ihn nichts unmöglich wäre. Denn gäbe es ein derart allmächtiges Wesen, dann müsste es ja eine Aufgabe erfinden können, die so schwer ist, dass niemand sie lösen kann. Könnte dieses Wesen selbst sie dann aber doch lösen, so könnte es offensichtlich keine solche unlösbare Aufgabe ersinnen. Und könnte es sie tatsächlich selbst auch nicht lösen, so wäre es damit weder allwissend noch allmächtig, da es ja von der Aufgabe überfordert wäre.

Das Wenige weiß sich also und selbst da könnte ich mich noch irren, wenngleich mir das sehr unwahrscheinlich scheint. Im Grund weiß ich also sehr wenig, ja fast nichts, zumindest aber kann ich mir fast nie ganz sicher sein, dass es sich bei meinem Wissen wirklich um ein solches handelt und nicht nur um eine Vorstellung, die in die Irre gehen kann, mithin eine Fehlvorstellung.“

Die sokratische Weisheit

Wenn nun einer käme und auf Grund dieser seiner Aussage sagen würde, er sei sehr weise, so würde der Weise ihm vielleicht folgendes antworten:

„Ich weiß nichts über Götter und ich weiß auch nichts über ein kontingentes Jenseits, also ein solches, dessen Existenz genauso möglich ist wie sein Nichtexistenz. Auch sonst weiß ich recht wenig und fühle mich insofern recht dumm, im Sinne von nicht-wissend. Wenn nun aber andere auch nichts wissen von Göttern und einem Jenseits, zugleich aber meinen, sie wüssten etwas darüber und könnten anderen darüber dezidiert Auskunft erteilen, ja sie belehren, dann würde ich wohl denken:

Keiner von uns beiden weiß etwas über diese Dinge. Dieser aber glaubt etwas zu wissen und weiß doch nichts. Ich aber, der ich ebenso wenig weiß, glaube das nicht. Daher scheine ich um ein weniges weiser zu sein als dieser, da ich nicht glaube zu wissen, was ich nicht weiß.‘

Wenn du mich deswegen, wegen dieses kleinen Wissens bezüglich meines Nichtwissens unbedingt als weise bezeichnen möchtest, so will ich dir, wenngleich mir das übertrieben scheint, dennoch nicht widersprechen.“

Ja, so in etwa würde ein Weiser wohl sprechen, wenn man ihn so bezeichnen würde.

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